Die Kirchenmaus
„Ach, du grüne Neune! Quatsch, nicht du grüne Neune, du weiße Achte! Weiß! Überall ist es augenblendend weiß, und ich habe Hunger. Schneeberge, die mich um ein Hundertfaches überragen machen mir mein Zuhause streitig. Sie haben, ohne zu fragen sich vor meinem Eingang aufgetürmt. Es wird bereits dunkel und es schneit immer weiter, und ich kann mein Zuhause nicht finden. Mein Bettchen, das Kinderzimmer, die eingelagerten Vorräte, all das wartet auf mich. Doch wo bin ich? Wo ist mein Mauseloch?
Die Bäume stöhnen unter der weißen Last, Äste drohen abzubrechen und im Dorf haben die Häuser weiße Mützen auf.
Schweren Herzen beschließt die kleine Maus sich im Dorf nach einer Unterkunft umzusehen. Sicherlich findet sie bei den Menschen etwas Essbares. Ein Stückchen Käse, ein paar Krümel Brot, ein Rest Katzenfutter oder vom Hund einen abgenagten Knochen. Vielleicht eine warme Stube mit einer nicht verschlossenen Speisekammer und einem Mauseloch. Doch das sind Winterkälteträume einer heimatlosen Maus.
Je näher sie dem Dorf kommt, um so mehr wundert sie sich über die vielen lichterhellten Fenster. Von Ferne hört sie Kirchenglocken läuten.
– Es ist Weihnachten –
Die kleine Maus läuft den Kindern und den Erwachsenen hinterher und schlüpft zwischen riesengroßen Füssen in einen prächtigen Raum. „Das muss die Kirche sein!“ denkt die kleine Maus und beschließt sich morgen in Ruhe umzusehen. Sie verkriecht sich in eine Wandnische, wo sie sofort vor Erschöpfung einschläft. Sie träumt von Käse, Engelsgesang und Orgelmusik.
Am nächsten Morgen – das Mäuschen reibt sich den Schlaf aus den Augen und schaut sich um. Es ist mucksmäuschenstill. Keine Orgelmusik, keine Kinder und auch sonst ist niemand zu sehen oder zu hören. Vorsichtig tastet sich die Maus aus der harten Wandnische, läuft von links nach rechts und wieder nach links. „Das reinste Labyrinth“, denkt die kleine Maus und schnuppert nach allen Seiten: „Es riecht nach Heu und Stroh.“ Augenblicklich erwacht der Hunger und randaliert im Mausemagen.
Der Heugeruch führt das Mäuschen direkt auf ein mit Heu und Stroh ausgebettetes Holzgestellt. Flink läuft es an dem Holzgestell hoch und landet in einem weichen Strohbett direkt neben einer Puppe.
Was die Maus nicht weiß, es ist die Krippe mit dem Jesuskind, gebettet auf Heu und Stroh und Teil des Krippenspiels am gestrigen Heiligen Abend.
Und Mäuschen erinnert sich an die vielen Menschen, die Orgelmusik, die brennenden Kerzen und Engel mit goldenen Flügeln.
Zu Tränen gerührt, das Glück kaum fassend, knabbert die Maus am Heu, schaut sich verzückt die bunten Glasfenster an, die das Sonnenlicht aufnehmen und im Raum verteilen. – Gar zu gerne hätte sie gewusst was die vielen Bilder an den Wänden erzählen.
Vom Hunger allein können die Bauchschmerzen nicht sein die der Maus zu schaffen machen. Wie ein Blitz durchfährt sie die Gewissheit: „Ich bin schwanger und meine Kinder wollen geboren werden.“
Unaufhörlich schleppt die Maus Heu aus der Krippe in die Mauernische, um ein weiches Bett herzurichten. Auf dem Weg zwischen Mauernische und Krippe sammelt sie alle essbaren Krümel ein und bringt diese in das neue Nest. „Ein Glück, dass Kinder immer Hunger haben und immer krümeln“, freut sich die Maus.
Auch Weihnachtsplätzchenkrümel schmecken lecker und machen satt.
Völlig außer Atem betrachtet die Maus die ausgepolsterte Notunterkunft. „Noch zwei oder dreimal werde ich laufen müssen, dann könnte es ausreichend sein. Wenn nur die Bauchschmerzen nicht wären.“ Mühsam schleppt sich die Maus zur Krippe zurück – klettert am Holzgestell hoch und fällt erschöpft neben dem Jesuskind ins Stroh. Keine Minute zu früh. Schon ist das erste Mausekind geboren. Mit der nächsten Geburtswehe kommt das zweite Mäuslein und am Ende liegen sechs nackte Mausekinder neben dem Jesuskind im Stroh der Krippe.
Glücklich wärmt und kuschelt die Mausemama ihre nackten Winzlinge und alle Ängste und Anstrengungen sind verflogen. Es gibt nur sie und die Kinder in der Krippe vor dem Altar einer festlich geschmückten Kirche, während draußen ein Schneesturm tobt.
Pfarrer Friedhelm betritt die Kirche, reibt sich die Hände, um sie aufzuwärmen. „Ein Wetter ist da heute, da möchte man nicht aus dem Haus gehen“. Er kümmert sich um die Heizung und bereitet sich auf den Gottesdienst vor. Der Organist stimmt sich auf den Choral ein, und zwischen den kurzen Pausen glaubt Pfarrer Friedhelm leises fiebsen zu vernehmen. Doch was soll schon in einer Kirche fiebsen?
Dennoch ist ihm, als raschelt es im Stroh und sieht zur Krippe hin – schaut zweimal und dreimal hin, nimmt das Stroh ein wenig zur Seite und glaubt nicht, was er da sieht!
„Ach du grüne Neune – eine Maus!“
Nicht eine Maus, eine ganze Mausefamilie präsentiert sich Pfarrer Friedhelm im Stroh der Weihnachtskrippe. „O Herr, diese Überraschung ist dir gelungen“, betet Pfarrer Friedhelm zum lieben Gott.
„Und jetzt?“ Draußen liegt ein halber Meter Schnee, es stürmt und die Luft ist eisig kalt. „Soll ich Mutter Maus und ihre Kinder vor die Tür setzen oder als Festmahl meinem Kater Oskar servieren?“
Inzwischen kommen die ersten Kirchgänger, klopfen sich den Schnee von den Mänteln, husten und pusten und reiben die Kälte aus den Fingern und sind froh im geschützten und geheizten Raum zu sein. Die Orgel spielt leise eine Ouvertüre, der Kirchendiener hantiert mit Feuerzeug und Kerzen, richtet hier und zupft da, alles soll seine Ordnung haben.
„Nichts ist in Ordnung – oder doch?“ grübelt Pfarrer Friedhelm.
Es ist Weihnachten, Christ in geboren, sangen wir gestern Abend in der Christmette. Und heute finden wir im Gotteshaus eine Mausemama mit sechs winzigen, nackten Mausebabys, und es gilt sie vor Kälte, Hunger und Tod zu bewahren. Sind sie nicht ein Geschenk zum heiligen Fest?
Pfarrer Friedhelm legt seine vorbereitete Predigt zur Seite und erzählt der Gemeinde von dem Wunder der Heiligen Nacht, der Mausemama und den Mausekindern in der Krippe und wie es sich möglicherweise letzte Nacht in der Kirche zugetragen haben könnte.
Und während er spricht, schaut er immer wieder zur Krippe hin ob sich etwas regt oder bewegt. Doch die Mäuse schlafen ihren Mäuseschlaf.
Auch am nächsten und am übernächsten Tag geht der Pfarrer in die Kirche um nach der kleinen Asylantenfamilie zu sehen, bringt frisches Wasser, Käse und trocknes Brot Auch eine Maus muss essen und trinken.
Als Pfarrer Friedhelm am dritten Tag in die Kirche kommt, sind Mama Maus und Mausekinder verschwunden. Trotzdem stellt er frisches Wasser und ein wenig Katzenfutter an den üblichen Platz. So auch an den Tagen danach.
Er schaut immer mal rein – sieht, dass von dem Futter gegessen wurde, bringt neues, aber von der Mausemama und den Kindern ist nichts zu sehen.
Dann schlägt das Wetter um, die Sonne lacht vom Himmel, es taut mächtig und so beschließt Pfarrer Friedhelm die Kirchentür sperrangelweit zu öffnen – um, wie er sagt: „Frische Frühlingsluft hereinzulassen“.
Von da an blieb das Futter unangetastet und viel später, beim Hantieren in der Kirche findet der Kirchendiener in der Nische hinter dem heiligen Michael ein verlassenes Mausenest und vertrockneten Mäusekot.
Doris Lauck
www.senioren-allueren.de
Illustration Roswitha Diefenbach
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