Roman

Wo sind sie hin, die Träume?

Entlaufen? – Entschwebt?

Haben sie uns vergessen, oder haben wir sie verpasst?

Hält uns der Spinne klebriges Netz gefangen?

Ketten uns die Ranken der Liane?

Sind es die tiefen Spuren im Asphalt auf der Strasse des Lebens?

Gründeln wir nach der Antwort, tief in uns drinnen;

– wir sind nicht allein.

 

 

 

Gefangen im dritten Drittel

 

Prolog

Margot Kässmann beschrieb auf lockere, doch ernste Art die Mitte des Lebens.

 

Wir, die wir uns im dritten Drittel bewegen, durften zwei Drittel unseres Lebens erleben, durchleben, durften glücklich sein, traurig sein, Erfolge verbuchen und Niederlagen hinnehmen.

Im letzten Drittel angekommen regieren Zweifel, Ängste, Fragen nach   „was wird sein“ und durchsetzen Positives mit einem Hefepilz der sich einschleicht, aufgeht, sich verbreitet, dem wir mit Optimismus und Beharrlichkeit „Stopp!“ gebieten, bis er uns irgendwann heimtückisch überwuchert.

Es wird der Tag kommen an dem wir uns wünschen gehen zu dürfen, unsere Kinder zu entlasten, den Kostenfaktor Altenpflege aufzuheben.

Der Weg im letzten Drittel ist holprig, hart und steil, oftmals zu mühsam für das bisschen Leben das noch in unseren Adern pulsiert.

„Herr schenke uns deine Güte und deine Weisheit, hilf, dass wir sterben können auf das wir klug werden“ oder so ähnlich predigt der Pfarrer von der Kanzel, wenn er sich noch hinaufbegibt, denn auch im Gottesdienst ist die Arbeitsteilung angekommen.

Wieviel Frühling, wieviel Sommer haben wir eingepfercht in den Alltag vertan, ohne zu bemerken Werte verschoben und uns irgendwann im Nebel verlaufen. 

Und heute auf der letzten Teilstrecke sehen unsere Augen die gleichen Bilder, ein wenig unscharf, dafür bewusster, intensiver und dankbarer. Unser Herz ist voll Liebe, unsere Haut sehnt sich nach Berührung. „Die Seele will tanzen“, so der israelische Klarinist Giora Feidman über seinen Auftrag an das Publikum.

Machen wir uns den Herbst mit seiner Vielfalt an Farben, seiner lichtdurchfluteten Schönheit, seiner reifen Würze, seiner geheimnisvollen Verzauberung zu eigen und wandeln auf laubbedeckten, raschelnden Wegen hin zu Raureif, hin in kürzere Tage und längere Nächte.

 

 

Kapitel  1

 

„Alles im Leben hat seine Zeit, ein jegliches hat seine Stunde“ (Bibelwort Prediger 3:1)

„Da streiten sich die Leut´ herum wohl um den Wert des Glücks. Der eine heißt den  andern dumm; am End´ weiß keiner nix …“

Kommt dir bekannt vor?

Ein alter Song des legendären Paul Hörbiger aus einem seiner vielen Filme. Oder sollte ich mich hier irren? Irren ist menschlich und besucht uns im letzten Drittel unseres Daseins auf Erden immer öfter.

„Das ist so und das lag hier!“, und dann ist es doch nicht so und lag doch nicht dort.

„Oh, war mir völlig entfallen.“

Mein Name ist Claudia Gruben, ich bin Ehefrau, Mutter und Großmutter und bewege mich auf dünnem Eis.

Und,

Hier sitz ich und strick ich, stricke Lebenshilfe für sie und ihn, dabei gehöre ich selbst auf die Pritsche.

Ich tauschte Haus und Hof, lebenslange Pension und sorgloses Shoppen gegen eine kleine bescheidene Zweiraumwohnung mit Schmalhans als Küchenmeister und Zehn-Stunden-Tag. Und wozu das alles?

Ich weiß es nicht!

Süßes Leben, ade!

Mein Terminkalender platzte aus allen Nähten. Die Klienten forderten mich, zogen mich runter, und ich konnte mich dem nicht erwehren!

Eigentlich sollten mich Alter und gelebtes Leben, Verstand und Logik davor schützen, berufliches das Privatleben überschatten zu lassen. Tat es aber nicht! Gewiefte Kollegen belächelten mich, packten mich in die Anfängerschublade, zerrissen sich hinter vorgehaltener Hand das Maul und warteten darauf, dass ich kapitulierte.

Dem warmen Nest entsprungen und kopfüber in ein neues Leben mit mittlerweile 60 Lenzen. Das bedurfte guter Nerven und eines gerüttelten Maßes Humor. Letzteren überließ ich dabei den anderen. Mir war nicht nach Scherzen, mir war nach Überleben.

Da gab es zum einen

Pit mit krankheitsbedingter Potenzstörung,

Emmy in der Anschlussheilbehandlung,

einen wild gewordenen Ehemann,

Edith, in den Fängen sogenannter Wechseljahre mit allen nur erdenklichen Begleiterscheinungen, auf panischer Flucht vor schmerzhaftem Sex,

Max, einen liebenswerten Spinner, mit 48 Jahren noch Jungfrau und total verliebt.

Da waren überdies Klara und Josef, ein Traumpaar bis ins hohe Alter,

Fritz, ein Trucker und Fall für den Psychiater,

Anne, eine Frau am Abgrund

und mein eigenes Leben, das man schmeichelhaft als Trümmerfeld bezeichnen durfte.

Fast täglich kam neues Klientel hinzu, und es war geboten, die Warteschleife für Neukunden möglichst kurz zu halten, die Gespräche hingegen waren an ein Mindest (-kosten) zeitkontingent gebunden.

Als nächste Anruferin erwartete ich Edith. Rasch überflog ich meine Notizen, um mich gedanklich auf die Klientin einzustimmen.

Hat sie einen Weg zum Dialog mit ihrem Körper gefunden? Was sagt ihr Schamgefühl heute? Womit können wir fortfahren? Müssen wir einen Schritt zurückgehen? Ich spürte, wie ich mich in Meditation verlor, mein Geist versuchte eine Brücke zu der Klientin herzustellen. Bilder tauchten in mir auf, führten mir unsere vorangegangenen Gespräche vor Augen, und ich sah eine Frau, die ich mir aufgrund von Informationsaustausch selbst zurechtgestrickt, der ich aber noch kein erkennbares Gesicht gegeben hatte.

Von der Stimme getragen, von Schwingungen geleitet und durch Worte geprägt fügte sich in mir ein Bild, das ich zu skizzieren versuchte. Auf dem Papier entstand ein Mensch, erschaffen nach Gefühl, bestückt mit all seinen Gliedern, mit Herz und Verstand, mit Wünschen und Ängsten. Ich gab ihm ein schemenhaftes Gesicht und versuchte im Laufe der Gespräche, den wie hinter einem Schleier verborgenen Augen Glanz zu verleihen, sie zu aktualisieren, in Kontakt mit ihnen zu treten. Mit der Zeit wurden das Puzzle, die Notizen, die ich mir machte, immer vollständiger, bis sie am Ende der Zusammenarbeit, am Ende der Therapie schließlich in den Reißwolf wanderten.

„Guten Tag! Sie sprechen mit Frau Ursula.“

“Hallo Ursula, hier ist Edith.“ Wie ein Schmetterling schwebte ihre Stimme an mein Ohr. Keine Spur von Ängstlichkeit oder Unsicherheit, ein wenig zu impulsiv, deutete ich, und dann purzelten die Worte aus ihr heraus wie kleine Kastanien aus der aufgeplatzten Schale.

“Ursula, ich habe mit meinem Mann geschlafen. Es war eine so verrückte Situation, ich war völlig unvorbereitet, und jetzt wird mir Angst und Bange, er könnte es wiederholen wollen.“

Ich ließ sie erst einmal Atem schöpfen. Dann versicherte ich ihr, dass das wunderbar sei und bot ihr an mit mir darüber zu reden, wenn sie es denn möchte.

An Sicherheit zugelegt, auch ein wenig stolz auf sich selbst, erfuhr ich, dass Edith ernsthaft an ihrer Hausaufgabe arbeitet, und zwar immer dann, wenn sie davon ausgehen konnte, alleine zu sein. Je öfter sie mit sich im Dialog war, umso sicherer wurde sie in der Übung und fand es spaßig. Es kribbelt, den Körper nach seinen Wünschen zu befragen.

Müdigkeit durch sportliche Verausgabung, durch körperliche Anstrengung, erholsame Frische nach einem ausgiebigen Bad beleben die Körpersprache, melden Wünsche nach Berührung an, erwecken Sehnsucht nach Zärtlichkeit.

“Gestern!“ Ihre Stimme bebte. „Ich glaubte mich allein, nein, ich war mir sicher, allein in der Wohnung zu sein, als ich verschwitzt vom Einkauf rasch unter die Dusche sprang. Triefend nass posierte ich vor dem Spiegel, meine Nacktheit wohlwollend betrachtend, erinnerte ich mich der Hausaufgaben. Muße empfindend, verlor ich mich in Zeit und Raum, in Dialogen mit meinem Körper und bemerkte nicht, dass mein Mann gekommen war, nach mir suchte und mich im Bad vorfand. Ich weiß nicht, wie lange er dastand, mir zusah, zuhörte.

Ein Flüstern drang zu mir: ‚Du bist wunderschön, und ich liebe dich noch immer!‘ Wir sahen uns an, mir wurde  warm, sehr warm, und komischerweise verspürte ich keine Scham. Ich stand nackt da, doch nahm meine Nacktheit nicht wahr. Ich sah nur seine Augen.

Er nahm das Badetuch und hüllte mich darin ein. So sanft und zärtlich nahm er mich in den Arm, und ich weiß nicht wie, aber wir standen plötzlich im Schlafzimmer und küssten uns unendlich zärtlich. Mein Badetuch fiel zu Boden, und seine Hände glitten über meine Haut. Es war angenehm, wunderschön!

Wir hatten traumhaften Sex, es tat nicht weh, wir waren glücklich, und jetzt habe ich eine schreckliche Angst vor dem Morgen, vor dem, was daraus entstehen könnte. Es war eine Ausnahmesituation, der Überraschungseffekt. Ich traue mich nicht mehr unter die Dusche, weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, und befürchte, beim nächsten Mal völlig zu verkrampften. Und dann diese Schmerzen!“

Eine erfreulichere Nachricht hätte mir Edith nicht überbringen können. Schade, dass sie mein Lächeln nicht sehen konnte, auch darüber, dass wir in unserem heutigen Gespräch an das von letzter Woche anknüpfen konnten. Die Tür war lediglich angelehnt, aber nicht mehr verschlossen.

Ich hieß Edith, die Augen zu schließen, auf gleichmäßige Atmung zu achten, sich zu entspannen und sich vorzustellen, ein besonderer Anlass stünde bevor, welcher eine ausgewählte Garderobe und perfektes Styling verlange. Gedanklich schickte ich sie in ihr Schlafzimmer, ließ ein Kleid von ihr auswählen, manövrierte sie ins Bad, entkleiden, duschen, abrubbeln und wies sie an, gedanklich ihre Pflegeserien zu durchstöbern.

Wir einigten uns auf eine ausgiebige Körperpflege mit Lotion und Rosenöl aller Hautpartien einschließlich der durch Hormonumstellung trockenen Schleimhaut im Genitalbereich. In der Intimregion ließ ich sie, wie schon in vorangegangenen Gesprächen erschlossen, ein herkömmliches, neutrales Öl verwenden. Teure, in der Werbung angepriesene Präparate schenkten wir uns, um allergische Reizungen auszuschließen. Allein schon durch unser Gespräch empfand Edith, wie sie mir gestand, kribbelnde Wärme und spürte, wie der Körper wohltuende Sekrete ausschied, worauf die Trockenheit schwand.

Olivenöle galten schon in der Antike sowohl als Nahrungsmittel wie auch als Medizin und Pflegemittel.

Cleopatra, so sagt man, gönnte sich den Luxus, in Eselsmilch und Olivenöl zu baden.

Liebe auf sich und den eigenen Körper bezogen ist erweiterungsfähig, übergreifend auf den Partner. Liebe ist geben und danken für das, was man zurückbekommt.

Schick gekleidet, dezent geschminkt und nett frisiert entließ ich Edith in den Tag und bevorstehenden Abend, nicht ohne ihr ans Herz gelegt zu haben, ihren Mann auf die erhöhte Telefonrechnung anzusprechen, ihm unsere Gespräche zu beichten und ihn wissen zu lassen, dass es sich bei den für sie so wichtigen Telefonaten um eine Art Seelsorge handelt, und ihm ihre Ängste zu gestehen auf mittlerweile umstrittene Hormonpräparate ausweichen zu müssen, die den Hormonhaushalt ausgleichen sollten.

Edith litt in besonderem Maße an den Folgen des Klimakteriums. Von jetzt auf gleich hatte ihr Körper die Hormonproduktion eingestellt. Die Trockenheit im Genitalbereich führte zu erheblichen Schmerzen beim Sex, ganz zu schweigen von den Vorsorgeuntersuchungen. Noch Tage danach verspürte sie Schmerzen. Auf  Hormone ausweichen, empfahl ihr ein Arzt, ein anderer riet davon ab, da es in ihrer Familie hormonabhängige Tumorerkrankungen gab. Also verzichtete sie lieber darauf. Und so zog sie sich immer mehr von ihrem Mann zurück und die Angst, ihn zu verlieren, ließ sie auf meiner Hotline anrufen.

Kapitel  2

Angetörnt durch das ausgiebige Telefonat mit Edith und aufgrund der Tatsache, dass ich dringend eine Ruhepause benötige, schaltete ich mein Telefon ab, legte eine CD ein, griff mir eine Flasche Sekt und gönnte mir ein verwöhn-dich-mal-Bad. Und wenn ich jetzt noch einen Kerl hätte, knackig und potent, auch wenn ich dafür zahlen müsste, blieben zumindest für heute keine Wünsche mehr offen.

Einsamkeit kann töten, zieht den Einsamen hinab, lässt ihn verzagen, leiden, sich im Selbstmitleid suhlen, giert wie eine Droge nach Abhängigkeit, und schon öffnet sich ein Teufelskreis, ein Polyp mit von Saugnäpfen bestickten Fangarmen, jederzeit bereit aus seinem Unterschlupf empor zukommen und den Einsamen in die Tiefe zu reißen und zu ersticken.

Wunderschön mit Farbe und Pinsel auf die Leinwand gebracht verdeutlichte das Gemälde eines unbekannten Malers die Macht der Einsamkeit über den labilen, aber auch starken Menschen. Anscheinend war der Effekt an Ausdruck und Farbe  für mich bedeutsam, denn das Gemälde blieb vorrangig in meinem Gedächtnis haften, nachdem wir es bei einem der Seminare ausgiebig besprochen hatten. Ich war so fasziniert, dass ich es heimlich fotografierte und mir einen vergrößerten Abzug davon rahmte.

Heute, hier und jetzt lauerte der Polyp und hatte mich im Visier. Ich war müde, überdreht, alleine, sehnte mich nach Geborgenheit und Wärme, nach einer Hand, die mich streichelt, nach Armen, die mich umfangen. Natürlich hatte ich Schicksal gespielt, mir angemaßt meine Ehe aufzulösen, meinen Gatten in die Wüste geschickt, das Alleinsein der Leere unserer Beziehung vorgezogen und war bereit den Preis zu zahlen. Ich hatte hart gearbeitet, mein Alter ignoriert, mich noch einmal auf die Schulbank gesetzt, gebüffelt, Tiefs sowie Selbstzweifel besiegt und es letztlich gemeistert.

Mit der Kleidung streifte ich auch die trüben Gedanken ab, ließ sie auf den Fußboden gleiten und stieg in die wohlige Wärme der Wanne.

Ich würde meinen Terminkalender überarbeiten und eine Woche Urlaub einplanen.

 

Kapitel   3

 

Der Gedanke an eine Woche Urlaub verfehlte seine Wirkung nicht. Beschwingt, beflügelt  betrat ich mein Büro in der Redaktion und klickte mich in den Wochenplaner ein. Die kommenden drei Wochen war ich ausgebucht, aber die vierte konnte ich schieben und sperrte sie prompt für neue Eintragungen.

Auf dem Weg ins Allerheiligste, um meinen Urlaub zu beantragen, kam mir die Sekretärin mit einem Strauß roter Rosen entgegen:

„Die sind für dich abgegeben worden, eine Karte liegt bei. Hast du einen heimlichen Verehrer?“ Ich war überrascht und sie spürbar neugierig.

Samt Rosen und ungeöffneter Karte ging ich mit in ihr Büro und ließ mich beim Chef anmelden. Das mit den Rosen hatte er wohl mitbekommen, und er würde sicher wissen wollen, wieso und weshalb mir jemand Rosen in die Redaktion schickt. Wer auch immer der Klient war, er festigte mit seinen Rosen meinen Arbeitsplatz, der ursprünglich mal ein Wackelpeter war. Konnte es eine bessere Basis für einen Urlaubsantrag geben? Ich denke nein und … bekam ihn – allerdings mit einer ordentlichen Prise Salz: Ich möge mir mal Gedanken machen, ob ich eine Kollegin oder einen Kollegen mit ins Boot nehmen möchte – was ich garantiert nicht wollte –, aber das musste er noch nicht wissen!

Die Rosen waren von Max. „Ursula, Du bist wunderbar. Ich umarme Dich, Max“ stand auf der Karte.

Mit Max, das kriege ich hin. Ich hatte ihn angetaut und würde ihn nun verzehrfertig machen. Ich würde aus ihm einen Liebhaber erster Klasse machen.

Klasse hin, Klasse her!

Zufriedenheit auf beiden Seiten ist mein Bestreben und zeichnet meine Arbeit aus.

Auf in den Kampf!

 

Kapitel  4

 

Auf Liebe folgend Hiebe.

Schneller als erwartet stürzte mein Hoch in sich zusammen. Es braute sich ein gehöriges Gewitter über  mir zusammen. Normalerweise war mein Telefon zu dieser frühen Stunde noch außer Diensten, lag abgeschaltet irgendwo zwischen Briefen, Notizen und Akten.

Unschöne Worte, davon war Strafanzeige noch eines der erfreulicheren, schallten mir aus dem Hörer entgegen, als ich ihn aufnahm. In solchen Situationen war es ratsam, diesen zunächst abzulegen und zu warten, bis der unsichtbare Gegner sein Pulver verschossen hatte und aus der Deckung kam, um anschließend auf einer sachlichen Ebene weiter diskutieren zu können.

Seiner Meinung nach war ich eine Abzocke, eine Betrügerin, möglicherweise ein Telefonsexmonster, das unschuldige Frauen und Männer in eine Kostenfalle lockte. Meine Telefonnummer fand er auf seiner Telefonrechnung bei den Verbindungsnachweisen, und da er nicht derjenige war, der diese Telefonnummer angewählt hatte, seine Kinder nicht mehr im Hause lebten, konnte es nur seine Ehefrau gewesen sein. Schließlich seien sie beide alte, in Ehren ergraute Leute, die solche Schweinereien nicht mehr nötig hätten.

Ich versetzte das Räderwerk meines Gehirn in ungewohnte morgendliche Aktivität und sah meine Skizzen durch. Wer konnte die Frau dieses Anrufers sein? Namen waren tabu, und Rufnummern ohne Zeitangabe zu recherchieren, mussten nicht sein.

Mit ruhiger Stimme und einem gewissen Nachdruck gelang es mir, ihm glaubhaft zu machen, dass ich nicht wisse, wer seine Frau sei und warum sie mich kontaktiert habe. Ich versicherte ihm, dass ich in seelsorgerischer Art tätig bin und aus diesem Grunde mit Decknamen arbeite. Schneller als erwartet hatte ich ihn in eine Position manövriert, in der ich die Fragen stellte, ließ mir aus seinem Alltag erzählen, der Zweisamkeit im Rentnerleben, tastete mich an seine Gefühle heran und merkte recht bald, dass er zufrieden ohne sonderliche Bedürfnisse vor sich hin lebt, in fester Überzeugung, dass seine Frau das alles genauso schön findet.

Doch sie sah es wohl nicht so! Sie wollte Leben spüren, Zärtlichkeit, sie suchte den Glanz in seinen Augen, sein Verlangen, sein Begehren. Was war sie für ihn? Nahm er sie überhaupt noch wahr?

Zweifel, quälende Gedanken, schlaflose Nächte, fragende Blicke in den Spiegel. Sie waren beide alt geworden. Knorrige Rinden umschlossen gealterte Organe, ihre Herzen und ihre Seelen, ließen keinen Lichtstrahl hindurch. Sie hatte sich ihre Wärme bewahrt, ihre Tür nicht verschlossen. Da waren Wünsche nach Sexualität Normalität. Und ich sagte ihm das.

Es schien plötzlich, als habe meinem spontanen Anrufer etwas die Sprache verschlagen. Ein nachdenklich gewordener Mann verabschiedete sich höflich von mir, und ich war mir bombensicher: „Der meldet sich wieder!“

Beim Anblick meiner Post war ich heilfroh, den Urlaubsschein in der Tasche zu haben. Zunächst aber brauchte ich eine Tasse Kaffee und dann eine ruhige Ecke, um mir einen Überblick zu verschaffen. Noch besser wäre es gewesen, jeden Brief, nachdem ich ihn geöffnet und gelesen hatte, direkt abzuarbeiten und den Rest gelistet und genehmigt mit nach Hause zu nehmen.

Wer hätte gedacht, dass mein persönliches Dilemma eine solche Lawine lostritt.

 

Kapitel  5

 

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ein dummer Spruch meines Vaters. Dabei erinnere ich mich süßer, roter Zuckeräpfel, die mir in meiner Kindheit im Herbst den Schulweg versüßten. Die Äpfel von einem Baum in Nachbars Garten, an leicht abschüssiger Stelle gewachsen, rollten uns Kindern über den Bürgersteig entgegen.

Vielleicht war auch ich so ein Zuckeräpfelchen auf Abwegen. Ein Spross aus seinem Stamm, zunächst ein Abklatsch meiner Erzeuger, doch dann vom Winde verweht.

Ein Zuckeräpfelchen, wurmfrei und süß, rotbackig, gehegt, gehütet und gelagert, bis einer kam, der es sich nahm und mit einem kräftigen Biss die schützende Schale schmerzhaft durchbrach, in das knackige, saftige Fleisch eindrang und es gegen alle Proteste verzehrte. Ein goldener Ring an den Finger gesteckt sollte alles entschuldigen, legitimieren und Wunden schließen.

Die kleinen Bisse meiner Kinder hingegen genoss ich, ihnen gab ich meine Süße, mein Fleisch und Blut, brachte sie auf den Weg, Eigenständigkeit zu entwickeln, kritisch zu denken und überlegt zu handeln. Mit Sicherheit sind mir bei der Erziehung meiner Kinder Fehler unterlaufen, die ich, sofern ich diese erkannte, korrigierte. Ich war weiß Gott nicht die allwissende Mutter. Den Vater, den ich Ihnen ausgesucht hatte, dem sie entstammten, ließ ich bei der Erziehung zunächst gewähren. Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, an dem ich erkannte: Bis hierher und nicht weiter. Parallelen zwischen meiner Mutter und mir, sie ein Kind ihrer Zeit, ich ein Kind meiner Zeit, reichten bis zu einem gewissen Punkt. Bei ihr dominierte der Gatte, bis dass der Tod euch scheidet, so wie es der Pfarrer gesagt und es ihre Eltern und deren Eltern gelebt hatten. Der Dissident in mir meldete sich zurück, als meine Kinder Flügel bekamen. Ruhig, aber bestimmt übernahm ich den Vorsitz im Vorstand der Familie, zwang meinen Mann indirekt einen Schritt zurückzutreten, nahm Auseinandersetzungen zwischen uns Eheleuten in Kauf und gewann zusehends an Stärke, wodurch ich möglicherweise eine schleichende Vernachlässigung unserer ehelichen Beziehung herbeiführte. Kein Mensch trägt alleine die Schuld, wenn eine Beziehung versandet, die Liebe abhandenkommt, weil der Alltag uns verschlingt, wenn der Einkommenskampf ausgekämpft und uns der Lebensabend statt Gemeinsamkeit ein Chaos beschert.

Natürlich lieben Kinder Mama und Papa. Unsere Jüngste klebt wie Pattex an ihrem Papa, und ich sehe mich in ihr, wie sehr ich meinen Vater liebte und nie verstehen konnte, dass er, der mich vergötterte, nicht sehen wollte oder konnte, dass ich ein eigenständiger Mensch bin, mit eigenen Wünschen, Gefühlen, Ansichten und einem Anrecht, Fehler zu machen, zu erkennen und zu korrigieren. Warum können Menschen, die sich lieben, den anderen nicht annehmen, wie er ist? Warum will man den, den man liebt, ändern, manipulieren? Meine verfrühte, überstürzte Heirat bescherte meinem Vater die Lösung aller Probleme und mir einen goldenen Käfig. Jetzt hatte ich einen Mann gefunden, dem er bereitwillig das Ruder übergab!

Eheleute wie Edith und ihr Mann, die ineinander verschlungen, ein Ring ohne Anfang und Ende sind, erwiesen sich bei meinen Recherchen als Ausnahme. Sie sind der Diamant unter den Edelsteinen, gestählt in den Jahren der Zweisamkeit. Jeder Blickkontakt, jede Berührung sagt: „Ich liebe dich“. Sie haben das irrsinnige Glück, den Traum leben zu dürfen, den alle jungen Mädchen und Burschen träumen.

In meine positiven Gedanken an Edith mischte sich die Sorge um Pit. Es ist schon sonderbar, da glaubt man widerspruchslos an Analysen und Hochrechnungen, die belegen, dass vorrangig Frauen das Leserpotenzial der Regenbogenpresse bilden und auf unseren Zug, sprich unsere neue Seite, aufspringen, und dann zeigt die Realität, Mann sitzt in der Klemme, gehemmt, verklemmt, verschüchtert und wagt es, anonym die Karten auf den Tisch zu legen. Kein Wunder, dass mir die Redaktion einen männlichen Kollegen an die Seite stellen will. Aber –  will das auch der Mann, der sich an mich wendet? Würde er den Mut aufbringen sich  zu offenbaren, wenn unsere Seite Mister XL als Berater anpriese? Ich dachte mir: “ Wir lassen das die Zukunft entscheiden“.

 

Kaptiel  6

 

“Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula“

“Ursula, ich grüße Sie, hier spricht Edith, und da ist noch jemand, der Ihnen hallo sagen möchte.“ “Ich will halt mal grüß Gott sagen, ich bin der Ehemann, der sich schon über die hohe Telefonrechnung gewundert hat. Aber jetzt weiß ich, wo das Geld geblieben ist. Nichts für ungut, ich gebe den Hörer an meine Frau zurück.“

Es war ihr Mann, und der klang froh, dass Edith sich ihm anvertraute und ihn mit einbezog. Edith entschuldigte sich noch einmal für den Überfall, wie sie es nannte, und begründete den außerplanmäßigen Anruf mit einer spontan gebuchten Reise, eine Woche Malta. Wir vereinbarten einen neuen Termin, und ich wünschte den beiden eine schöne Zeit unter südlicher Sonne, bei rotem Wein und kulinarischen Genüssen.

“Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula“

“Hallo Ursula. Ursula, ich liebe Dich!“ “Max. Der Rosenkavalier! Du bist und bleibst ein unverbesserlicher Kindskopf! Was veranlasst dich,heute bei mir anzurufen? Du wirfst meinen Zeitplan um, bringst aber Sonne in mein Herz und in meine Gedanken. Heute geht bei mir anscheinend alles schief.“

“Und jetzt erwartest du Trost von mir. Ich nehme Dich in die Arme und drücke dich an mein Herz!“

“Du Spinner, aber es tut sooo gut! Also, was gibt es?“

“Nichts, ich hatte Sehnsucht nach deiner Stimme.“

„Doch, es gibt etwas, ich bin verliebt, ich bin mutig, ich war geständig! Ich habe mich nicht geschämt, meine Jungfräulichkeit einzugestehen, und ich habe, dank deiner geduldigen, einfühlsamen Führung, beschlossen mich einfach fallen zu lassen, mich ihr anzuvertrauen, wenn es so weit ist, und ich hoffe und wünsche, dass es bald sein wird.“

“Ach, Max, das schaffst du schon!

Großer Max, wenn du davon ausgehst, dass im Bereich der Klitoris der Frau an die 800 Nerven beheimatet sind, werden deine zarten Hände und der kleine Max bei ihren Erkundungen mit Sicherheit ausreichend viele aufspüren, um ein mittelschweres Erdbeben auszulösen.

„Ich glaube an Dich, und jetzt schieße ich Dich aus der Leitung! Alles Liebe und Küsschen für euch beide.“

 

Kapitel  7

 

Weder Edith noch Max waren heute auf Termin. Ich erwartete Pit, doch der meldete sich nicht. Pit ist ein Dilemma, eine Katastrophe, ein Schicksalsschlag, eine Mure, die, wenn sie ausgelöst, alles unter sich begräbt, Tod und Verderben bringt. Durch Pit wurde alles in mir aufgewühlt, was ich mühevoll verarbeitet, sorgsam verpackt und verdrängt hatte.

“Gratuliere, Sie sind nun fünf Jahre tumorfrei, trotzdem rate ich Ihnen die Vorsorgen weiterhin zu nutzen, sich regelmäßig mir oder einem Kollegen vorzustellen und an dem Vorsorgeprogramm festzuhalten, nur dann sind wir auf der sicheren Seite.“

Wunderbare Worte meines Arztes, ein Gemisch aus Honig, Zitrone, Bittermandel, ein dunkler Fleck auf einem Sonnenstrahl. Angestaute Ängste entwichen aus dem Herzen und schlichen sich als blinde Passagiere durch die Hintertür wieder ein. Tausend und abertausend andere, betroffene Menschen gieren nach dieser wunderbaren Nachricht, werden hernach ebenso fühlen wie ich und gleichzeitig der Patienten gedenken, die diese Diagnose nicht erhielten, denen es nicht vergönnt ist, am Rande des Abgrundes auszuharren, weiterzuleben.

Ob Pit zu den anderen zählte? Ich wusste es nicht. Meine Gedanken waren bei ihm, und ich schloss ihn in meine Gebete ein.

Pit, gerade mal 59 Jahre, beruflich gesehen im besten Mannesalter, Wegbereiter von jungen Politikern seiner Fraktion, mischte seit Jahrzehnten innenpolitisch mit, sah sich seit der Diagnose, Tumor im Bereich der Lunge, aufgrund des fatalen Befunds, nicht operabel, in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit.

Eine Chemotherapie folgte auf die andere – in der Hoffnung, den Tumor zu verkleinern, ihn zumindest am Wachstum zu hindern. Medizinisch betrachtet waren die Ärzte mit ihrer Arbeit und dem Zustand des Patienten zufrieden, verfrachteten ihn zur Anschlussheilbehandlung in ein Rehabilitationszentrum und waren ihn erst einmal los.

Da saß er nun, der arme Wicht, begleitet von seiner Frau, die nach der Diagnose fast durchgedreht, man könnte auch sagen hysterisch war und sich selbst als Opfer sah.

Die Chemotherapie war angedacht den Tumor aufzufressen. Gierig und zerstörerisch verleibte sie sich alles ein, vergiftete, worüber sie durch ihre Zusammensetzung Macht erlangte. Alle Körperzellen auf ihrer Skala stellten ihre Funktionen ein. Manche starben für immer, andere wurden geschädigt und wieder andere erholten und regenerierten sich. Ein Heilungsprozess, der unzählige Narben an Körper, Seele und Geist hinterlässt, soll in der Anschlussheilbehandlung Stütze finden. Ärzte, Psychologen, Trainer, Seelsorger, ein Team mit Erfahrung, begleiteten die Kurgäste durch die nächsten  Wochen.

Ehefrau rechts, Therapeuten links, in der Mitte Versuchskaninchen und drum herum an die 120 Miturlauber, von jung und jünger bis älter und alt. Männer ohne, Damen mit lebensechtem Kunsthaar, alle Fröhlichkeit vortäuschend, neugierig die Neuankömmlinge musternd, gegenseitiges Abtasten, was hat sie, was hat er, das ich nicht habe?

Als erste Reaktion quartierte Pit seine ihn liebende, für ihn leidende Ehefrau in ein nahegelegenes Hotel ein, den Vormittag zur freien Verfügung, der späte Nachmittag galt der Zweisamkeit, bis beide merkten, die Lösung ist gut, aber besser wäre sie zu Hause aufgehoben und er in seinem Luxushotel an Tisch Nr. 4 bei kleinen Spaziergängen mit Mitpatienten und anschließend auf ein Bier in der Kneipe um die Ecke, infach abschalten, nicht grübeln und zu sich selber finden.

Pit war, um es ohne Umschweife zu sagen, dank der Chemotherapie auf Zeit oder für immer (?) impotent geworden. „Ein kleines Übel, eine Begleiterscheinung“, meinte sein Arzt, klopfte ihm auf die Schulter und lobte die guten Werte nach der Untersuchung.

Wenn nicht er – der Mediziner, wieso ich?

Pit flehte mich nach nach selischem Beistand an. Sein Wunsch nach Sex, die Angst, sich seiner Frau zu nähern, die Ungewissheit auf Stabilität generell füllte die Zeiträume zwischen den Kontrollgängen und Untersuchungen bis zum Überlaufen.

Ich war ratlos, wälzte meine Krankenakte und klickte mich durch das Internet. Was reine Zeitverschwendung war. Erstens konnte und durfte ich keine medizinische Meinung haben, und zweitens konnte ich ihn nicht potent machen. Ich konnte ihm zuhören, ihm ein Ruhepol sein und ihn ganz zaghaft auf spielerischen Körperkontakt vorbereiten. Spielen, wieder Kind sein, auf Entdeckungsreise gehen, verbotene Zonen berühren. Klingt spannend, kann auch spannend sein, wenn es ihm gelänge, seine Frau hierfür zu begeistern. Und wenn nicht? Sie würde abwägen müssen: „Kann ich das? Will ich das? Oder verzichte ich ganz auf Sex?

Und was, wenn ich es nicht kann, nicht will, mich nach Sexualität sehne, mein Körper rebelliert, mich launisch und unzufrieden macht? Schaffe ich es, meine Ehe, und damit meine ich meinen Mann, so zu ertragen? Drängen mich meine Gedanken nach Heimlichkeiten, aus der Ehe auszubrechen? Und was, wenn mir wer auf die Schliche kommt?“

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? (Volkslied über die Gedankenfreiheit)

Spielt sie mit, dann könnte ihre Ehe die Klippen umschiffen. Tut sie es nicht, droht die nächste Katastrophe.

Knapp 16 Jahre ist Pit in zweiter Ehe verheiratet, und der Altersunterschied zwischen den Eheleuten beträgt 12 Jahre, die er vor seiner Erkrankung locker wegsteckte. Seine erste Ehe basierte auf stürmischen, sexbezogenen drei Jahren, während der Studienzeit geschlossen, im Alltag  gescheitert.

Bis zu dem Schritt in eine neue Ehe durchlebte Pit einige heiße Affären. Kinder hatte er keine gezeugt, plante sie in sein Leben nicht ein. Eine gleichgesinnte Partnerin fand er in Karin, machte ihr einen unwiderstehlichen Heiratsantrag. Das war vor 16 Jahren.

War sein Leben perfekt? Die Karriere funktionierte und die Ehe war stabil. Ein flüchtiger Gedanke an ein Kind verflüchtigte sich so schnell, wie er gekommen war.

Auf einmal fühlte Pit sich schuldig, maßlos gelebt zu haben, plagte sich mit Zweifeln, grübelte über ungelegte Eier.

Potent zu sein, war ihm ein Leben lang der Schlüssel zum Glück, die Tür zu einer erfüllten Partnerschaft, einer stabilen Ehe.

Und nun saß er im Kerker und hatte nur noch den Wunsch, sich zu erschießen.

Ich glaubte, ihm das mit dem Erschießen ausreden zu können, dafür zog er mich mit anderen Dingen in die Tiefe, wühlte alles in mir auf, holte mich zurück in die Zeit der Diagnose Brustkrebs. Ich sah mich morgens um 7 Uhr 30 in den OP geschoben, gegen 12 Uhr in einen Verband eingeengt erwachend, durchlebte neun Tage in Hoffen und Bangen, quälte mich mit der Entscheidung zu einer verhassten Chemotherapie, endlosen Bestrahlungen und Abgabe an die Anschlussheilbehandlung. All das hatte  ich hinter mir gelassen, bis auf die Gedanken an ganz liebenswerte, leidgeprüfte Menschen, die ich während dieser Zeit kennenlernen durfte. Sie hatten mein Leben ungeheuer bereichert, mich teilhaben lassen an ihrem Schicksal, lehrten mich, mich zu integrieren. Und wenn ich heute in den Spiegel schaute, sah ich eine mir fremde Person. Mein Ich ist ein anderes geworden, ich mir fremd geworden in Mimik, Denken und Handeln.

Mein Gesichtsausdruck, der Spiegel meiner Seele, fremdelte mir entgegen, und ich ertappte mich bei der Frage: „Bin ich das?“

 

„Ursula“, winselte er, „lass uns ein Treffen arrangieren, einfach reden bei einem Glas Wein, wo immer du lebst, welche Stadt es auch sei, ich komme, wann und wohin du willst.“ Worte, die ich nur allzu oft vernahm, aber nicht erhörte. Job ist Job und Schnaps ist Schnaps!

Pit klammerte sich auf der Suche nach einem Rettungsanker an jeden Strohhalm. Geschwächt durch die verzehrenden Therapien. Die Ängste, möglicherweise verlassen und von der Presse ausgezogen zu werden, an Ruhm und Glanz einzubüßen, zerrten nicht minder an seinen Nerven.

Ich tat mein Bestes, ihn zu beruhigen, ließ ihn Hoffnung schöpfen, gab ihm das eine oder andere Versprechen und verlieh ihm so das Gefühl, nicht allein zu sein.

 

Kapitel  8

 

Vielfältigkeit der Charaktere, Bedürfnisse, Einfälle meines Leserklientels hielten meine Arbeit lebendig. Ich denke hier an Josef und Clara. Ihre Lebendigkeit legte sich wie ein sonnendurchfluteter Teppich auf die durch Pit hinterlassenen Schatten.

Josef und Clara, ein altes, Entschuldigung, ein älteres Ehepaar, schrieben mich als ratgebende Leser an, was ich wahnsinnig toll fand. Endlich einmal jemand, der seine Geschicke selbst in die Hand nahm, das ganze locker anging und andere von den eigenen Erfahrungen profitieren ließ.

Wem das Herz voll ist, geht der Mund über, und Claras Herz ist voll von überschäumender Lebensweisheit, Güte und Liebe, die wie bei einem Bumerang all das, was sie gab, zurückerhielt. Und was kleinen Kindern gut tut, schadet auch Erwachsenen nicht, so schrieb sie in ihren Briefen, und ich wünsche mir, dass unser Schriftwechsel noch eine Weile anhält.

Clara spiegelte in ihren Schreiben meine eigene Erfahrung in Bezug auf das Alltägliche wie Körperpflege und positive Entspannung. Ihre Hilfs- und Pflegeprodukte entnahm sie der Natur, genoss zum Beispiel die fettenden Substanzen eines Kleiebades, schenkte dem Partner Fürsorge und ließ sich anregend verwöhnen.

Und sie hatte keine Angst vor großen Tieren, sofern das in die Jahre gekommene, einstmals wilde Tier Josef zum Angriff überging.

Josef war ein Mann vorgerückten Alters. Seinem kleinen Tiger schien der Reißzahn zu wackeln, und er tat sich schwer Beute zu erlegen. Besuche beim Hausarzt und einem Urologen beförderten keine krankheitsbedingten Störungen zutage. Sorgen, welcher Art auch immer, waren nicht gewichtig genug, um eine seelische Blockade, der gerne alles zugeschoben wird, ausgelöst zu haben.

Was tun?

Clara wusste Rat! Sagen wir mal so: Sie brachte Gelesenes, in den Medien Veröffentlichtes an, wohl wissend, dass der Griff nach der blauen Blume, sprich Pille als letzte Möglichkeit blieb, die sie aber umgehen wollte, um ihrem Josef keinen gesundheitlichen Schaden zuzufügen. Und zudem war es ihr zu „geschäftlich“, wie sie schrieb.

Spontane Zärtlichkeit, intuitiv Liebe machen war bei ihnen in jungen Jahren die Ausgangsbasis lustvoller Sexspiele, und so sollte es nach Möglichkeit bleiben.

Einschränkungen, Abstriche sind naturbedingt, wenn die Siebzig überschritten, d. h. die Hormonproduktion heruntergefahren ist und die Durchblutung des alternden menschlichen Körpers zu wünschen übrig lässt.

Genau hier setzte sie den Hebel an! Sie erinnerte sich einer Fernsehreportage, die sie gesehen hatte. In der Sendung wurden eine auf die Durchblutung der Gefäße spezialisierte Klinik vorgestellt und Behandlungen aufgezeigt.

Ein Patient, so um die sechzig Lenze, dem der Sinn nach Sex stand, aber eben leider nur jener, weil sein ausführendes Werkzeug hierzu im Winterschlaf lag, wurde beschrieben. Dieser Patient litt laut Diagnose an Durchblutungsstörungen und wurde stationär mit Infusionen behandelt. Bereits nach vier Tagen Behandlungrührte sich sein kleiner Faulpelz wieder, und der Patient war guter Zuversicht und selbstbewusst genug, dieKlinik nach Beendigung der 10-tägigen Behandlung zu verlassen. Ob und inwieweit dem Patienten geholfenwurde, ließ die Sendung offen, aber die Zuschauer hoffen!

Wenn alle Stricke rissen, würde Clara hier fündig werden und nach der Klinik recherchieren. Noch aber hatte sie Hoffnung, selbst Hand anzulegen und das Ruder herumreißen zu können. Eine verbesserte Durchblutung könnte schließlich auch bei Josef der Schlüssel zum Erfolg sein.

Warum nicht den Tiger betütern, ihm einen warmen Kräuterwickel verpassen und durch eine liebevolle Massage die Durchblutung anregen? Schaden konnte es nicht!

Probieren geht über Studieren, und wenn kleine Hilfsmittel ihr zum Vorteil gereichen, warum nicht auch Josef? Sie sprachen darüber, fanden es spaßig, und kurzentschlossen packte Clara den Tiger in den Tank.

Mein Telefon riss mich aus den Träumen um Clara und Josef und holte mich in die Wirklichkeit zurück.

 

Kapitel  9

 

“Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula.“

“Und hier ist der Kurt.“

Kurt? Kurt? Der Name sagte mir nichts, aber die Stimme. Genau, der Schreihals von letzter Woche, der mir betrügerische Abzocke unterstellte und dann kleinlaut den Schwanz einzog, als ich ihn an seiner empfindlichen Stelle traf.

Seine Frau, wenn es die zu Depression neigende Dame sein sollte, an die ich dachte, bot anfänglich das Bild einer ratsuchenden, traurigen, zur Resignation neigenden und nach einem Ausweg suchenden, frustrierten Ehefrau. Ihr taten die Gespräche mit mir unbeschreiblich gut, sie weichten sie auf wie eine vertrocknete Semmel, die in warme Milch eingelegt wurde. Anscheinend hatte ihr despotischer Gatte all ihren Mut zunichte gemacht, denn nach seinem Anruf bei mir herrschte Funkstille. Sollte ich ihm gleich den Schneid abkaufen, ihm meine Meinung geigen und auflegen oder ihn erst mal zu Wort kommen lassen?

Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, warum Frauen im Mittelalter als Hexen verbrannt wurden. Eigentlich hätte man Männer, nachdem diese ihr Ziel erreicht, ihre Werbung eingestellt, die Maskerade beendet und den wahren Charakter entfaltet als Teufel zur Hölle fahren lassen sollen, bevor sie bei uns an die Schmerzgrenze gingen.

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Mein Gott im Himmel, verzeihe mir die Bösartigkeit meiner Gedanken. Tröpfelt die Trauer der verlorenen Liebe ihr Gift in meine Seele, pflanzt mir Balken in die Augen? Sehe ich nur die Fehler der anderen? Gott, du hast den Mann erschaffen und das Weib. Den Mann zu deinem Ebenbild und das Weib als seine Gefährtin. Kann es sein, dass du ihm ein bisschen zu wenig Herz und dafür mehr Muskeln gegeben hast? Bitte, lieber Gott, es ist keine Kritik, du bist auch nur ein Mann. Körperliche Überlegenheit, Tradition und Erziehung ließen sie zu Riesen werden, muskulös Eindruck schinden, triebhaft Fortpflanzung ausleben, ihr schrumpfendes Gehirn in Gewalttaten verstecken. List und Schönheit blieben den körperlich unterlegenen Ladys als einziger Ausweg, in das Machtgehabe einzugreifen, als Amazone gegen Goliath mutig den Bogen zu spannen.

Kurt schien ebenfalls so ein hirnloser Riese zu sein, keine Ahnung von Frauen und unfähig, Ordnung in seinen Alltag zu bringen. Aber mit der Bierflasche in der Hand Sprüche klopfen!

Ganz Dame, mit allem gewappnet, hieß ich ihn auf meiner Hotline willkommen. Soll er ruhig loslegen, ich werde ihm die Flügel schon stutzen; so in Fahrt wie ich war, kam er mir gerade recht!

Aus Kurt wurde ein stotterndes Kurtchen, nicht wissend, wie er sich mir mitteilen sollte, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass er dabei war, sich zu öffnen, aber nicht wusste, was er es mir wie sagen konnte.

Kurtchen, Kurtchen, du entschwandet und mit dir meine Aggression!

Hatte nicht jeder, also auch er, eine Chance verdient?

Ein ganz anderer Kurt als in meiner Erinnerung war in der Leitung. Heute stand er in einem anderen Licht, warf einen kleinen Schatten. Vielleicht war noch nicht alles bei ihm verloren. Ich wünschte es ihm für sich selbst. Käme er mit sich selbst zu Rande, so konnte er in der Partnerschaft ein Gefühl für Balance entwickeln.

Ich spürte, dass er in Not und gleichzeitig darauf bedacht war, sich nicht zu entblößen. Also Blinddarm-OP ohne Schnitt – typisch Mann!

Tradition, Oma, Mama, Papa: “Sind sie nicht ein schönes Paar, er der stattliche Platzhirsch, sie die zarte Gazelle im Brautschmuck vor dem Altar?”

Schinderhannes und Julchen, er ein Draufgänger, ein ganzer Kerl, Magier der weiblichen Seele, sie, die schmachtend in seinen Armen ruht, bis sie im Alltag erwacht, ihre Selbstständigkeit einfordert und ihn vom Thron stößt. Armer Hannes! Aus dem Raufbold soll ein liebender Gatte, Ernährer und Hausmann werden. Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt. Und nur wenige genügen diesem Dreigestirn, die Überzahl greift zur Bierflasche, zur heimlichen Geliebten oder neigt, der Gespräche müde, zu Gewalt. Stärke und Schwäche wechseln wie Ebbe und Flut.

Kurt war auf dem Wege der Erkenntnis und in Panik, nicht mehr die Kurve zu kriegen, in Angst, er könnte von seiner Frau verlassen werden, stünde als Verlierer da, was rein äußerlich betrachtet nicht zu seinem Ego passte. Tief in seiner Seele nagte der Gedanke an die mögliche Einsamkeit schmerzlich an ihm. „Was wäre, wenn?“ Daran mochte er gar nicht denken, das konnte und durfte einfach nicht sein.

Gedanken gingen mir durch den Kopf, ehrlicherweise gemeine. Ich war weder Richter, noch Seelenklempner und schon gar nicht der liebe Gott, agierte an der Oberfläche, rein fernmündlich, wusste nur das von meinem Gesprächspartner, was er mir aus freien Stücken anvertraute, und hatte mit diesen Informationen akkurat umzugehen. Ich durfte auf keinen Fall noch größeren Schaden anrichten.

Wir führten ein langes und intensives Gespräch. Zunächst ließ ich Kurt den Vortritt, hörte mir seine ganze Litanei an, ohne ihn zu unterbrechen. Und als ich das Gefühl hatte, dass er ruhiger wurde, versuchte ich ihm meinerseits Zuversicht zu vermitteln, ihn darin zu bestärken, sein Fehlverhalten selbst zu erkennen und das Gespräch mit seiner Frau zu suchen. Ein Unterfangen mit ungewissem Ausgang, aber ein Beginn, ein Aufbruch zu neuen Ufern vielleicht.

Auf meine Hilfe konnte er zählen, wenn ich mir auch nicht sicher war, dass diese ausreichen würde, und das sagte ich ihm so auch klipp und klar. Ein erster Schritt war getan, weitere würden folgen müssen, fraglich war die Richtung. Ich bat Kurt, seine Frau, von der ich nichts mehr gehört hatte, von seinem Anruf und unserem Gespräch in Kenntnis zu setzen, auch darüber, dass ich in Urlaub ging, und schlug uns eine Gesprächspause von vier Wochen vor. Nutzte er die Zeit, mit sich ins Gericht zu gehen sowie mit seiner Frau offen und ehrlich zu reden, könnte sich ein Silberstreif am Horizont auftun.

 

Kapital 10

 

Menschlein, Menschlein, du gehst einen dornigen Weg. Alt werden ist schön, alt sein beschwerlich.

 

„In Little Rock erschießt Oma (75) sexsüchtigen Opa (74)“ Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Presse und entlockte dem Leser mit Sicherheit ein Schmunzeln, regte an Witze zu reißen über einen alten zittrigen Liebhaber, der sich an einer runzlige Frau zu schaffen macht. Lustig für den Leser, aber war es auch lustig für die schießende Oma?

75 Jahre und noch vital zu sein ist wunderschön.

Dank moderner Lebensweise, Pflege, Kleidung, ärztlicher Versorgung sind wir mit 75 noch recht ansehnlich. Und unser Herz fühlt ebenso liebevoll und sehnsüchtig wie in jungen Jahren. Was an und in uns altert, ist die Hülle, die unsere Seele einbettet, sind die Organe, die uns am Leben erhalten. Liebe, Glück, Trauer, Sehnsucht, Schmerz empfinden wir ein Leben lang gleich stark oder gleich schwach, nur anders. Ruhiger und weiser der eine, grantiger und streitsüchtiger der andere – je nach Veranlagung.

Über Jahrzehnte verdrängte oder gekonnt überspielte Erbanlagen kommen im Alter ans Licht, brechen oft unvermittelt auf, so dass wir uns selbst oder unseren Partner oft nicht wiedererkennen.

Sex mit 75 kann ebenso schön, sogar intensiver sein als in jungen Jahren. Mit 75 ist Sex kein Leistungssport mehr, sondern Hingabe, Zärtlichkeit, Genuss.

Sex mit 75 genießt die Erwartung. Kleine Hilfsmittel, in das Vorspiel eingebracht, wirken anregend und erregend, werden zu einem festen und schönen Ritual.

So lustig, wie der Leser Little Rock für sich interpretiert, war es mit Sicherheit nicht.

Irreführend durch umsatzhebende Werbespots, ein Hoch auf das pillengesteifte Glied, das allenfalls als Gebrauchsgegenstand dient, verletzt es nicht nur die Seele, es verletzt auch den Körper der Frau.

Ein alternder weiblicher Körper mit eingeschränkter Hormonproduktion, mit Östrogenen unterversorgt, sich nicht mehr fortpflanzend, empfindet mitunter beim Sex mehr Frust als Lust, und nicht selten entstehen schmerzhafte Verletzungen.

Wissenschaftler fanden heraus, dass Frauen in Indien und Japan in der Menozeit weniger stark belastet sind, und führen das auf Hormon Joga zurück. Literatur über Joga zur Anregung der Hormone ist im Buchhandel erhältlich und topaktuell.

 

Kapitel 11

 

Himmel, Herrgott, da vergrub ich mich in anderer Leute Probleme und vergaß mein eigenes Kind! Ela, meine Kleine, mein Nesthäkchen, das Papakind mit Helfersyndrom, das glaubt, für den armen, verlassenen Papa sorgen zu müssen, schien in einen Zwiespalt geraten zu sein.

Ihr „Mami, kann ich zu dir kommen“ hörte sich nach einem Tiefschlag an. Liebeskummer, Schwangerschaft, Unifrust spukten mir durch den Kopf. Geldprobleme schloss ich aus, dafür saß Papas Geldbörse zu locker. An Krankheit weigerte ich mich zu denken! Und wir hatten erst letzte Woche telefoniert – obwohl, wenn ich darüber nachdenke, irgendwie klang ihre Stimme anders. Hatte meine Arbeit meinen Mutterinstinkt überlagert? Das wäre fatal! Karriere ja, aber nicht um diesen Preis!

In rasender Eile packte ich alles Material beiseite, schaltete mein Kontakttelefon ab, heizte den Backofen an und bereitete ihr Lieblingsgericht, überbackene Schinkennudeln, so weit vor, dass wir binnen kurzer Zeit essen konnten. Dazu gab es Kürbis süß-sauer und als Nachtisch Schokoladenpudding mit Vanille-Soße.

Kochen in einer kleinen Küche war Chaos pur. Nirgends bot sich eine freie Fläche, um etwas abzustellen, für eine Spülmaschine fehlte der Platz, schmutziges Geschirr türmte sich in der Spüle, ein Minitisch, ein Stuhl, ein Hocker waren alles andere als gastfreundlich. Etwas größer durfte meine Wohnung schon sein. Vielleicht sollte ich doch umziehen? Wenn ich nur nicht zu stolz gewesen wäre, Arthur um einen Zuschuss anzugehen.

Ob Arthur noch an mich dachte? Ob er mich zurückhaben möchte? Ob er sich meiner schämte? Unter der Schmach des Verlassenwordenseins litt? Schmach ist Quatsch, aber „verlassen worden sein“ ist in den Köpfen von uns Menschen gleich „Verlierer sein“. Und wer ist schon gerne Verlierer? Fühlte ich mich als Sieger? Sieger von was? Ich war kein Sieger, ich war nur gegangen, weil ich gehen musste, weil ich es nicht mehr ertrug, durchsichtig zu sein, ein Nichts, nur eine Ehefrau im Alltag dümpelnd, ohne begehrt, ohne beachtet zu werden – nicht entscheidungsberechtigt, sondern nur funktionstüchtig.

Ich wusste so gar nichts von ihm, und er wurde mir immer ferner, eine flache Ebene ohne Hügel. Würde ich ihn pflegen wollen bzw. müssen, wenn es anstünde? Noch waren wir verheiratet, er mein Ehemann, ich seine Ehefrau. Außer den Zusammenkünften anlässlich familiärer Festtage, die wir der Kinder wegen nicht verkomplizieren wollten, gab es keine Kontakte, keine Anrufe, kein zufälliges Über-den-Weg-Laufen. Fast vier Jahrzehnte verbrachten wir unter einem Dach, zeugten drei Kinder, gingen in Beruf und Berufung auf, bis wir uns im Labyrinth des Alltags verloren, und heute konnte ich mir ein Leben mit Arthur nicht mehr vorstellen. Warum konnten wir nicht über uns reden, eine Basis für das Miteinander finden?

O, Arthur, mir fehlt jegliche Empfindung für Verlustschmerz, Trauer um eine verlorene Liebe, wenn es denn Liebe war, wovon ich viele Jahre überzeugt war, bis ich Hunger nach mehr bekam, als du mir geben konntest. Ich sehnte mich so nach Zärtlichkeit, nach Leichtigkeit, das Leben zu spüren, wäre so gerne mal wieder tanzen gegangen. Die Kinder waren erwachsen und flügge geworden, während wir beide in unserm leeren Nest saßen und nicht im Stande waren, uns gegenseitig zu wärmen.

Da Ela aus eigener Entscheidung und gerne bei dir lebt, schließe ich daraus, dass du ihr außer Geld deine väterliche Zuneigung sowie deine Liebe schenkst und sie deinen väterlichen Stolz genießt.

 

„Puuh, Mam, ich hatte keinen Regenschirm bei mir.“ Klatschnass hielt ich sie kurz im Arm, schob sie sodann sanft ins Bad, gab ihr T-Shirt sowie Leggins von mir und nutzte die Zeit, die sie zum Umziehen brauchte, um das Essen anzurichten.

Es war schön mit ihr am Tisch zu sitzen, sie anzuschauen, gemeinsam zu essen und zu spüren, wie mit jedem Bissen Vertrautheit und Herzenswärme übersprangen. Magen und Herz quollen mir gleichermaßen über.

Ela schien mit dem Überquellen ein Problem zu haben. Entweder lag ich mit meiner Kochkunst daneben oder sie hatte Schluckbeschwerden. Ich hatte das Gefühl, sie kaute gesenkten Blickes auf Pergament.

O, weh, da zog ein Unwetter auf!

„Ela, du musst nicht aufessen, wenn es dir nicht schmeckt. Ich kann uns eine Pizza kommen lassen.

Möchtest du mir sagen, wo dich der Schuh drückt?“

„Papa hat eine Freundin.“

„Sag das noch einmal! Nicht Dein Vater! Nicht Arthur!“

„Doch Mami! O, Mami, es ist ganz schrecklich. Diese Person hantiert in unserer Küche, benutzt unser Bad, ihr Parfüm, ihr Deo, ihr Shampoo, ihre Zahlbürste stehen in unserem Bad. Das ganze Haus stinkt nach ihr, und mir wird kotzübel.

Sie schaltet den Fernseher ein, schaltet um, öffnet unsere Schränke ohne zu fragen und schläft am Wochenende in deinem Bett. Mami, tu was! Schmeiß sie raus! Es ist auch dein Haus, es ist unser Haus! Bitte, bitte, Mami komm wieder heim, bevor ich einen Mord begehe.“

Ihr flossen die Tränen, wie`s Bächlein auf der Wiesen. Eine junge Frau wurde in meinen Armen zu einem kleinen, schluchzenden Mädchen.

Und die Mutter blickte stumm auf dem ganzen Tisch herum. (H. Hoffmann)

Es kann nicht sein! Arthur, der mich über Jahre als Frau nicht mehr wahrgenommen hatte, sollte eine intime Beziehung eingegangen sein? Das gibt es nicht! Sein Dingsbums war längst außer Betrieb. Das konnte nicht sein, Ela musste sich irren.

Ela hatte sich nicht geirrt. Susen, unsere Älteste, stand einige Tage später in gleicher Mission bei mir vor der Tür, besser gesagt, wir saßen in der Küche zwischen Abwasch und Bügelwäsche, und es dauerte keine halbe Stunde, bis es abermals klingelte und ihr Bruder Richard als Verstärkung, kalkweiß und vollkommen aus der Fassung geraten, auftauchte und sich vergeblich nach einem zweiten Stuhl umsah.

Ich bat die Kinder ins Wohnzimmer, da gab es zumindest ein Sofa, einen Sessel und einen Schreibtischstuhl.

Ihr passiver, verkümmerter, ewig nörgelnder Vater hatte eine Freundin angeschleppt oder sich abschleppen lassen. Hop oder top, das Ergebnis war dasselbe, sie hatte sich in sein Leben (und unser Haus) geschlichen und war dabei, sich einzunisten. Und das war unseren Kindern zuwider.

Unsere Kinder waren inzwischen erwachsene, reife, mündige Menschen, denen umstandsbedingte Fragen auf der Seele brannten. Und diese Fragen sollte ich beantworten! Im Grunde erwarteten sie von mir, dass ich

  1. a) zurückkehrte und
  2. b) die Finanzen regelte.

Arthur konnte unter Einbringung des längst abgelaufenen Trennungsjahres auch gegen meinen Willen die Scheidung durchsetzen. „Er wird es nicht tun“, sagte mein Bauchgefühl, denn dann ginge es um Grundvermögen, Zugewinn und Unterhalt. Und Arthur, ein Geizkragen, würde mich eher vor sein Auto laufen lassen als mir Unterhalt zahlen. Sch***e.

„Was tun?“, sprach Zeus!

„Der Morgen ist schlauer als der Abend“, lautet eine chinesische Weisheit.

Fakt war, ich musste meine Kinder ruhigstellen, Zeit gewinnen und ein Gespräch mit Arthur herbeiführen.

War es eine Fügung Gottes, eine Vorsehung meines Schutzengels, dass ich übernächste Woche Urlaub hatte?

Es hätte so schön sein können, mit Ela faul am Strand liegen, unter Palmen schlemmen, vielleicht ein wenig flirten. Der Inhalt stand fest, nur der Rahmen zu dem Bild fehlte noch, denn wir konnten uns nicht so recht entscheiden. Die Planung war von Beginn an zu kurzfristig, denn die zeitlich passenden Angebote sagten entweder meiner Tochter nicht zu oder lagen nicht in meinem Leistungsbereich. Ela hatte einfach nie gelernt zu sparen, was sicherlich auch mein Verschulden war. Also, aus der Traum.

Karibik passé!

Arthur o.k.!

 

Kapitel 12

 

Tag und Nacht grübelte ich über meine Klienten, und immer wieder stellte sich mir die Frage: Hatte Arthurs Tusse womöglich bei mir angerufen, um mich zu testen, auszuhorchen? Wo und wann war ich mit der Situation einer Geliebten konfrontiert? Es gab Gespräche, in denen Frauen unglücklich in die Dunkelkammer verbannt auf einen Lichtstrahl hofften, der sie aus der Finsternis in die gleißende Sonne der anerkannten Liebe führte. Heimliche Liebe, so berauschend, so schön, wird – ohne das Ziel vor Augen zu haben – ausgezehrt, magersüchtig. Liebe füttert uns, Liebe lässt uns erbrechen – so dass nichts von all ihrer Süße in uns bleibt.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula.“

„Guten Tag, ich habe eine E-Mail von Ihnen, ich werde unter dem Namen Anne bei Ihnen geführt.“

„Hallo Anne, schön, dass Sie anrufen. Was kann ich für Sie tun? Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Helfen, ein Wort der Hoffnung, ein Anker, ein Traum. Und die Hölle, wenn Helfen, nur ein Wort aus sechs zusammengesetzten Buchstaben geformt, niedergeschrieben steht.

Frau Ursula, mir kann keiner helfen, und das macht mich wütend, macht mich traurig, lässt mich verzweifeln, wirft mich ins Nichts, und in diesem Nichts werde ich eines Tages aufwachen, werde nicht wissen, wo ich bin und wer ich bin. Mein Mann wird mir ein Fremder sein, und was schlimmer als schlimm sein wird, ich werde an meinen eigenen Kindern, den Menschen, die ich geboren habe, die ich über alles liebe, vorbeigehen, sie nicht erkennen, sie nicht wahrnehmen und ihnen das Herz brechen. Und Sie fragen mich, wie Sie mir helfen können.“ Mein Gott, sag was, rede! Diese Frau wartet auf ein Wort, ein Räuspern. Huste oder niese oder lass den Hörer fallen, aber tu was!

„Anne, Entschuldigung, mir ist gerade die Milch übergekocht. Ich hatte vergessen, den Herd auszuschalten.

Jetzt bin ich für Sie da.

Sie haben mich auch nicht schlecht erschreckt mit Ihrer Trübsal. Anne, mit Sicherheit hat Ihre Seele einen Schock erlitten, aber wollen wir nicht versuchen Ihrer Verzweiflung Schritt um Schritt Einhalt zu gebieten?

Erzählen Sie mir aus Ihrem Leben, von Ihrer Familie, Ihren Träumen, von glücklichen Stunden, von Trauer und Leid.

Darf ich davon ausgehen, dass Sie Ihre Brille hin und wieder verlegen oder Ihren Schlüssel suchen. Das passiert mir auch. Gerade eben konnten Sie mit anhören, dass mir die Milch den Herd eingesaut hat, weil ich sie völlig vergessen hatte.“

War es mir gelungen, erste Risse in die geschlossene Eisdecke zu projektieren? Lieber Gott, schicke mir kraftvolle Argumente, um die Risse zu vertiefen, kleine Eisbrüche, kleine Atemlöcher herbeizuführen.

„Frau Ursula, ich bin so verzweifelt! Was soll ich nur tun? Panik schnürt mir das Herz zu, und ich kann keinen klaren Gedanken fassen.“ „Genau das denke ich auch. Was auch immer der Auslöser Ihrer Angst war, Sie haben ihn mit Panik überdeckt und finden keinen Ausgang aus dem Labyrinth der wie ein Wassereinbruch herein peitschenden, sich überschlagenden, negativen Gedanken.

Anne, wir werden heute nicht über Ihre vielleicht begründeten, vielleicht auch unbegründeten dunklen Ahnungen sprechen. Wir werden versuchen diese zerstörerischen Ängste auszu- klammern. Dafür starten wir damit, uns schönen Dingen zu widmen.

Anne, ich möchte, dass wir beide die Hände falten, die Augen schließen und uns ganz dem Gebet hingeben, das ich für uns spreche:

Möge die göttliche, allmächtige Kraft durch uns fließen, uns reinigen, stärken und heilen, uns erfüllen mit Wärme, uns beschützen und führen auf unserem Weg. Danke, dass dies geschieht. Amen.“

Inbrünstig „Amen“ gehaucht, hervorgeholt aus dem tiefsten Winkel ihrer Seele, schloss sich Anne mir an. Und wenn ich dank des Gebets einen kleinen Zugang zu Ihrem Innersten gefunden hatte, so danke ich Gott und den Engeln, die uns beschützen, uns geleiten auf unserm oft dornigen, verstrüppten Weg.

Anne verordnete ich Selbsthilfe in Form von langen Spaziergängen in der Natur, insbesondere Waldspaziergänge, und sollte noch ein Fluss oder ein Bach Wegbegleiter sein, sei es Labsal für die Seele. Atemübungen, Tanzen und Singen sollten in unser Programm einfließen.

Ängste, Zweifel und trübe Gedanken waren bewusst auszusperren. Nur so konnte es zwischen uns gehen. Negatives bliebe so außen vor.

Wir plauderten noch eine Weile. Ich verriet ihr, dass ich mir meine Probleme gerne von der Seele tanzte. Dafür schaltete ich das Radio ein und bewegte mich im Rhythmus der Musik, mal flott, mal Schmusetango, summe die Melodie mit, wenn mir der Text fehlt und spürte Schritt für Schritt, wie mein Körper an Schwere verlor. Ich schwebte förmlich, von Glückshormonen getragen, um Tisch und Stuhl meiner kleinen Wohnung.

Mehr konnte ich im Augenblick nicht für Anne tun.

War ich wegen meiner eigenen Misere so angeschlagen, dass ich die Grenze zwischen Job und Gefühl überschritten hatte? Was nie passieren durfte!

Zum ersten Mal hegte ich Zweifel an meiner Arbeit. O weh, das ist kein gutes Zeichen, eher ein Zeichen dafür, überpowert zu sein!

Ich schob und schob und räumte Anne noch vor Urlaubsantritt einen Termin ein, versprach ihr gegen alle Vernunft, dass ich mich auch medizinisch, was ich eigentlich nicht durfte, kundig machen und ihr langfristig zu Seite stehen würde.

Mit Annes Auflegen schaltete sich mein eigenes Dilemma wieder ein! Ich musste an Arthur herantreten, musste meinen Kindern Rede und Antwort stehen.

Was hatten sich meine Kinder gedacht, als ich teils mit, teils ohne ihren Segen auszog?

Was hatte ich erwartet?

All meine Gedanken, mein Tun drehten sich seit meinem Auszug um mich selbst. An Arthur hatte ich keinen Gedanken verschwendet, und es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, dass er nach Sinnlichem streben, Bedürfnisse nach Nähe, Haut und Sex haben würde.

Auch ein Mann ist nur ein Mann, und dieser Mann im Mann war den Kindern und mir verborgen geblieben, trat plötzlich aus dem Nichts zutage und machte den Kindern Angst, während er bei mir Überraschung auslöste. Wären die Kinder nicht – was nicht heißen soll, ich hätte mir ein Leben ohne Kinder gewünscht, im Gegenteil, sie waren mein Ein und Alles – könnte ich die Veränderung von Arthur irgendwie wegstecken.

Dies alles wog verdammt schwer.

Zunächst musste ich den Kindern klar machen, dass ihr Vater ein Anrecht auf ein eigenes Leben hat. Der zweite Schritt war die Sicherung ihres Erbanspruchs, einfacher ausgedrückt: Geld – das Damoklesschwert, das über den Häuptern der Kinder schwebte, denn es könnte gemindert oder gar entfernt werden. Die – möglicherweise übertriebene – materielle Angst, unser Besitz, ihr Erbe könnte dahinfließen oder ins Hemdchen von Papas neuem Sterntalerkind fallen, war nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Sollte ich Arthur ohne Vorwarnung aufsuchen? Konnte, durfte ich von meinem Hausschlüssel Gebrauch machen? Was ist das für ein Gefühl, nach zwei Jahren den Schlüssel zu nehmen, das Miteigentum zu betreten: „Hallo ist wer da? Ich bin`s!“

Ich dachte mir, ich sollte lieber zum Telefon greifen und ein Treffen an einem neutralen Ort, in einem netten Lokal anstreben und alles tun, dass sich die Fronten im Vorfeld nicht verhärteten. Der Kinder wegen!

Morgen war auch noch ein Tag!

Arthur, ab in die Besenkammer!

Frau sollte nichts überstürzen!

Annes Dilemma überlagerte über mein eigenes, Arthur, deckte es zu, zumindest für heute. Litt Anne tatsächlich an Demenz? Wenn ja, wie weit war die Krankheit fortgeschritten? Ich war auf Sexprobleme im Alter ausgerichtet, und nun sah ich mich durch Anne mit dem Problem Identitätsverlust, sei es wegen erblicher Vorbelastung oder Überalterung unserer Gesellschaft, konfrontiert. Diese Horrorvorstellung hatte ich für mich in die hinterste Ecke meines Herzens und meines Kopfes verbannt. Allein die Vorstellung, mich selbst zu vergessen, trieb mir den Schweiß auf die Stirn, und als ich vor fünf Jahren an Krebs erkrankte, war mein erster Gedanke: Wenigstens ist es keine Demenzerkrankung. An Krebs zu erkranken sicherte mir das Mitleid aller Verwandten und Bekannten. An Demenz zu erkranken bedeutet Vertuschung, Scham, Verstecken, Verkriechen. Ist es wirklich so? Oder sind solche Gedanken ein Produkt unserer Vorzeigegesellschaft? Ist es ein Makel, nicht mehr funktionstüchtig zu sein?

„Und sie werden wie die Kinder“ ist an irgendeiner Stelle in der Bibel nachzulesen.

Alt und kindisch.

O, mein Gott, ich fühle mich so verlassen, so hilflos.

 

Kapitel 13

 

Die Mondlandung am 21. Juli 1969 war ein teurer Meilenstein für die Menschheit. Internet, Mikrochirurgie, der gläserne Mensch, Transparenz so weit das Auge reicht, immer höher, immer weiter, immer komplizierter. Irgendwann folgt ein Miniatur Implantat, und unser Denkapparat funktioniert auf Knopfdruck. Der Kopf bleibt gebrauchsfähig, kocht, wäscht, bügelt, das Herz wird zum Organ, zur Versorgungspumpe und die Liebe zu Atlantis, versunken im Meer der Vergangenheit. Aber bis dahin sagt uns die Wettervorhersage, ob es morgen regnen wird, aber nicht wo meine Brille geblieben ist, ob das Bügeleisen vom Strom genommen ist, ob ich meine Strickjacke links trage, die Klospülung betätigt habe, welchen Bus ich nehmen muss, ob Zucker oder Salz in der Schütte ist, wie ich zu einer Tasse Kaffee komme, ob es Morgen oder Abend ist, wo ist mein Geld ist, wo meine Zahnprothese …?

Es reicht!

Das große Schweigen nach der Diagnose.

Wenn schon, denn schon! Früherkennung, frühestmögliche Realisierung und Entgegenwirken mittels OP, Chemo, Bestrahlung, Medikamenten schafften möglicherweise einen Aufschub.

China betreibt intensive Forschung und Entwicklung zur Aktivierung der grauen Zellen, bietet die unterschiedlichsten Gedächtnistrainer an und beschwört den Erfolg. Mit aktiver Nutzung dieser kleinen Nintendos, so sagt man, könne sich das Gedächtnis um 20 bis 30 % verjüngen.

In Deutschland, genauer Göttingen, stützt sich die Forschung schwerpunktmäßig auf die Verbindungen der grauen Zellen. Was verursacht die Zerstörung der Verbindungen? Graue Zellen sind mehr als genug vorhanden, unsere Lernfähigkeit ist ohne Grenzen. Doch was tun – mit unendlich vielen Informationen, wenn die Verbindung gestört ist, wenn die Information nicht da ankommt, wo sie erwartet wird?

Inzwischen weiß man, dass Hören und Sehen im Alter nachlassen, dass über Hören und Sehen Informationen aufgenommen und weitertransportiert werden. Demenz blockiert den direkten Weg.

Gehörtes, Gesehenes kommt abgeschwächt, verspätet oder gar nicht an. Kein Problem, der Chirurg legt einen Bypass, einen Umweg wie bei einem Infarkt, ein Klick, ein Klack, und das Problem ist gelöst.

Wenn es so einfach wäre!

Was bringt ein Bypass, wenn Millionen Zellen betroffen sind?

Auf dem beschriebenen Prinzip der Umwege laufen Versuche in verschiedensten Institutionen, an Freiwilligen, an Patienten, in Altenheimen, mit intensiven Lernprogrammen, mit Tanzen, Spielen und Musizieren.

Bewegung, Anstrengung und Disziplin sind gefordert. Die einen verspüren Erfolg, den anderen macht es Spaß. Und ich habe keine Ahnung. Aber ich denke, schaden kann es nicht.

„Wehret den Anfängen“, schwirrte mir durch den Kopf und brachte mich auf die Idee, der Bibel mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Danke, lieber Gott, lieber Schutzengel, dass meine grauen Zellen der Chemo standhielten.

 

 

Kapitel 14

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula.“

Hallo Ursula, hier spricht Edith, von der Sonne gebräunt, von der Liebe verwöhnt, glücklich und wohlbehalten zurück aus Malta.

Ursula, ich möchte Ihnen für alles danken, für Ihr geduldiges Zuhören, für die einfühlsame Hilfe, die mir die Lebensfreude zurückgebracht hat. Auch mein Mann lässt Sie von ganzem Herzen grüßen. Endlich mal ‘ne Abzocke, die sich gelohnt hat, sagt er. Sie wissen schon, dass er das nicht abwertend meint.“

Edith erzählte von ihrem Neuanfang auf der sonnenverwöhnten, klimatisch begünstigten, malerischen Insel Malta. Von langen Spaziergängen am Strand, vom Faulenzen in der Sonne, dem Einkaufsbummel durch die romantischen Gassen und von der Zärtlichkeit, die sie endlich wieder zulassen könne. Beide hätten in langen Gesprächen begriffen, dass ihre Liebe im Alter besonderer Pflege und kleiner Hilfsmittel bedürfe. Ein bisschen Goethe, ein bisschen mogeln, ein paar feste Rituale, so könnte es funktionieren. Sie täten im Alter das, was sie in jungen, hektischen, von Zeitnot geprägten Jahren verkümmern ließen, sie duschten gemeinsam, betrieben gegenseitige Körperpflege, spürten die Wärme des anderen und genossen die Zweisamkeit.

Die Akte „Edith“ wanderte in den Reißwolf. Wenn doch alles so einfach wäre.

Arthur, mein bedrohlicher Schatten, geisterte gespenstisch durch meine Gedanken und raubte mir die Ruhe.

Ich musste es wagen, das Eis, es würde schon tragen, wer weiß?

„Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula.“

„Hallo Süße, hier spricht der wilde Willi. Ich bin das Deckelchen für Dein Töpfchen, ich küsse  deine Schenkelchen, schlecke Dein Bäuchlein, knete Deine …“

Puh, schon wieder so ein Spinner-A***loch!“

Da hilft nur schnelles Auflegen. Solche Durchgeknallten gibt es immer wieder. Es sind die unschönen Begleiterscheinungen meiner Tätigkeit, die ich einfach ignoriere. Nur gelegentlich drücken sie mich nieder, verursachen mir Hader und Selbstzweifel und lassen mich ans Aufgeben denken.

Aufgeben? Zurück als Möbelstück in Arthurs Welt?

 

Kapitel 15

 

Ein neuer Tag, das alte Leben. Neu verpackt.

Ob es ein guter Tag würde?

Er begann mit dem Streik im öffentlichen Nahverkehr. Die Gewerkschaft kämpfte für mehr Lohn, die Arbeitgeber für mehr Arbeit. Das Ergebnis sind Staumeldungen und ein vom Wetterbericht vorhergesagter Platzregen. Eigentlich ein Grund, um im Bett zu bleiben.

Allen Hindernissen zum Trotz musste ich in die Redaktion. Krisenstimmung war angesagt: Neues Management, Einsparungen, Umverteilung, jeder munkelte etwas, doch keiner wusste Genaues. Ausnahmsweise regte ich mich nicht auf, mein Fass war randvoll mit Arthur, den Kindern, den Spinnern, Klienten und dem Lichtblick Urlaub.

Unter dem Stapel Post sprang mir ein Kuvert ins Auge. Eigentlich war es mehr der Schriftzug, weil ich den ich schon einmal gesehen hatte, er erinnerte mich an einen Klienten. Der Brief konnte von Max sein. Max der Rosenkavalier, Max, der liebenswerte Chaot.

Bingo! Max lud mich zur Hochzeit ein. Ich würde schon wissen wollen, wie er aussieht. Schauen wir mal. Der Ort des Geschehens ist Mainz am Rhein mit der Trauung im Dom, und ich würde als harmlose Touristin zufällig vorbeiflanieren.

Wunderbar, so werden aus einer Woche Urlaub zwei Wochen und ich zum Schiebekünstler meiner Termine, könnte mit meiner angeschlagenen Tochter eine kombinierte Bahn-Schiffsreise buchen und so unserem Urlaub einen ganz anderen Aspekt verleihen. Zum Beispiel ab Köln rheinaufwärts mit dem Ziel Straßburg  –  Basel, durch das sagenumwobene Siebengebirge mit Stopps zur Burg Linz, durch die Drosselgasse in Rüdesheim schlendern und am 15. Juli im Dom zu Mainz der Trauung beiwohnen. Was sprach dagegen?

Angriff ist die beste Verteidigung. Also beantragte ich zu dem genehmigten Urlaub noch eine weitere Woche, ohne mich in Begründungen zu verzetteln, und bekam erstaunlicherweise auf Anhieb das Okay.

Saß ich womöglich auf einem Schleudersitz? Fiel ich der Umstrukturierung zum Opfer?

Sollen sie mich doch feuern, über mich hinweg entscheiden wie es mit mir weitergeht, mich zurück zu Arthur katapultieren, Arthurs Freundin vergraulen, den Kindern das Erbe sichern, und die liebe Seele hat ihre Ruh, die Pest und Pocken! Mehrere tausend Volt jagten durch meinen kampfbereiten Körper, gebündelt und auf Arthur ausgerichtet!

Mechanisch griff ich zum Hörer, tippte meine ehemalige Telefonnummer ein, sog Luft in meine Lungen, um sie hörbar herauszupressen, und ehe ich begriff, was meine Finger getan, meldete sich eine weibliche Stimme: „Hier bei Arthur Gruben.“ „Hier auch Gruben, ich hätte gerne meinen Mann gesprochen!“ Peng!

Es tut mir leid, Herr Gruben, ich meine Ihr Mann, ist nicht zu Hause, vielleicht versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt.“ „Vielen Dank“, schaffte ich gerade noch und legte auf.

So eine blöde Kuh!

Die noch blödere Kuh war ich! Warum konnte ich nicht sagen: „Ach, Sie sind sicher die Putzfrau“. Warum fallen mir K.O.-Argumente immer zu spät ein? Die erste Runde ging in die Hose, sollte mein Arbeitsplatz jetzt noch wackeln, gingen endgültig die Lichter aus.

Wenn doch nur einer käme und mich in die Arme nähme. Er müsste nicht hübsch sein, nur lieb, zärtlich, mich trösten und beschützen. Vielleicht sollte ich es mal mit Beten versuchen. Ich erinnerte mich nicht, wann ich das letzte Mal in der Kirche war.

Sch***e, der Friedhof! Wie mochte das Grab meiner Eltern aussehen?  –  Lief der Pflegeauftrag noch?  – Hatte ich die Grabpflege bezahlt?  –  Was war ich für eine Tochter? Was war ich für eine Mutter?  –   Und eine Ehefrau schon gar nicht!

 

Kapitel 16

 

„Redaktion, Claudia Gruben, guten Tag.“

Hallo Claudia, hier ist Arthur. Du hast angerufen?“

„Arthur, schön, dass du zurückrufst. Entschuldige, ich bin auf dem Weg in eine Konferenz (gelogen). Können wir uns kurzfristig sehen? Es wäre wichtig.“ Meinst du bei dir oder bei mir?“ „Ich dachte an ein nettes Lokal, mach mir einfach einen Vorschlag, wann und wo. Wenn  möglich, noch diese Woche. Ruf mich an. Danke und tschüß!“

Puh, ohne Anfang kein Ende, und der Anfang war gemacht. Auf in den Kampf! Meinen Kampf um die Urlaubsverlängerung hatte ich gewonnen, also kann ich den Hals recken, meine Fühler ausstrecken, es gibt immer einen Weg, mal mehr, mal weniger steinig oder holprig.

Holprig hin, holprig her, was machte das schon, wenn man über 60 und alleinstehend seinen Alltag fristet, selbst für den Lebensunterhalt verantwortlich.

Arthur holte mich pünktlich ab, und ganz Kavalier hielt er mir die Tür auf. Ich verkniff mir die Frage, wohin wir fuhren, auch als es stadtauswärts ging. Innerlich zum Zerreißen gespannt, nach außen ganz cool ergab ich mich in mein Schicksal, überließ Arthur das Ruder und erkannte mich selbst nicht wieder. Ich ohne Widerspruch? War ich so tief gesunken oder so weise geworden? Alter macht weise! O Gott, bin ich alt!

Als der Wagen nach mehreren Kilometern Fahrt nach links abbog, ahnte ich, dass er das Jagdschlösschen, unser Restaurant für besondere Anlässe ausgewählt hatte. Also hatte Arthur unsere Verabredung als besonderen Anlass eingestuft.

Was mochte sein Anlass sein? Mein Anlass war der Druck der Kinder. Arthur wählte Fasan auf Kartoffel-Pipapo, Apfelrotkohl, garniert mit Birne-Helene und Preiselbeeren. Dazu einen fruchtigen Rotwein.

Ich kaute, schluckte, trank, schluckte, bezwang mit äußerster Konzentration den überhöhten Adrenalin-Ausstoß in meinem durch die Adern jagenden Blut.

Hoffentlich fängt er bald an zu reden und gibt mir die Richtung vor.

Sollte ich ihn auf seine Tusse ansprechen, ihm sagen: „Lieber Arthur, deine Kinder befürchten, du könntest unser Hab und Gut mit deiner neuen Flamme durchbringen. Und genau aus diesem Grunde bin ich hier.“

Unmöglich! Ich musste ihn zum Reden bringen. Doch wie auf den Punkt kommen?

   „Darf ich fragen, was der Grund ist, dass du mich sprechen möchtest?“ Wo nahm dieser Mann, den ich wegen seiner im Alterungsprozess verbiesterten Charakterzüge verlassen hatte, seinen Gleichmut her?

Egal, ich war gefordert.

„Weißt Du Arthur, eigentlich geht mich dein Privatleben nichts an. Ich habe dich, wie es so schön heißt, böswillig verlassen, bin aber keinesfalls böswillig hier. Unsere Kinder, besonders Ela, sind irritiert, weil sie glauben, du hättest dich einer anderen Frau zugewandt.“

„Und wenn es so wäre? Unsere Kinder sind erwachsen, haben ihr eigenes Leben, wen kümmert es, wie und mit wem ich meine Tage verbringe? Sie akzeptieren und unterstützen deinen Freiheitsdrang, wieso sollten sie dann ausgerechnet bei mir in Sorge geraten?“

„Es sind nicht nur die Tage Arthur, Ela findet es peinlich und abstoßend, wenn sich eine fremde Person in unserem Bad breitmacht, in meinem Bett schläft, in der Küche hantiert und plötzlich überall präsent ist. Susen und Richard teilen die Meinung ihrer Schwester übrigens.“

Nun war es raus!

„Was soll ich deiner Meinung nach tun?“

Keine Verteidigung, kein Gegenargument, als sei es selbstverständlich, mich einfach auszutauschen. Kaum war ich weg, nahm eine andere meinen Platz ein. Aber warum war ich weg? Kaum ist zugegebenermaßen etwas untertrieben, eigentlich war ich schon eine ganze Weile weg. Kann ich einem verlassenen Ehemann verübeln, nach einem anderen Partner Ausschau zu halten, einem anderen Menschen seine Zuwendung zu schenken?

Er war mein Ehemann. Es war mein halbes Haus, meine halbe Küche, mein halbes Schlafzimmer, mein halbes Bad, mein halbes Kind, das mich und meine Anteile inmitten dieses Gefühlsirrsinns verteidigte, und ich schob aus Angst vor dem Feind dieses Kind und seine Geschwister vor, als sei ich nur ihr Bote, ihr Fürsprecher. Natürlich war ich auf Veranlassung und Bitten der Kinder hier, aber auch aus verletztem Stolz!

Ein ganz anderer Arthur saß mir gegenüber, und eine einfache Frage lag im Raum.

Sachlich, ruhig, man könnte sagen freundschaftlich, erfragte er meine Meinung. Dieser Arthur verwirrte mich. Menschen in unserem Alter änderten sich in der Regel nicht. Aber hatte ich mich nicht auch verändert? Für mich würde ich reklamieren, meine unter Schutt und Asche begrabenen Bedürfnisse ausgebuddelt und aktualisiert zu haben. Könnte es sein, dass auch Arthur während unserer Ehe Abstriche gemacht, seine Wünsche unterdrückt und eingefroren hatte? Und ist es die neue Frau an seiner Seite, die ihm endlich das Erträumte schenkte? Warum kann man seinem Gegenüber nicht hinter die Stirn gucken. Noch immer hatte ich seine Frage nicht beantwortet, ich war am Zug.

Tatsache war, ich hatte keinen Mann im Bett und wünsche mir nichts so sehr, wie in den Arm genommen zu werden, Küsse auf meiner Haut zu spüren, Sex zu haben, geliebt und begehrt zu sein. Ich war am Zug!

   „Weißt du Arthur, das ist mir alles ein wenig zu viel, zumindest für heute Abend. Ich kann so vieles nicht einordnen. Ich habe sehr viel aufgegeben durch mein Fortgang. Mein Zuhause ist klein und bescheiden geworden, meine Finanzen eher bedrückend als berauschend, und ich weiß nicht mal eine Antwort auf mein Leben. Was sollte ich dir auf deine Frage antworten? Gestatte mir bitte einen Aufschub. Genau so werde ich es auch den Kindern sagen.“

„Tu das! An mir soll es nicht liegen, wenn es darum geht, die Karre aus dem Dreck zu ziehen, lass uns gemeinsam mit den Kindern ein Gespräch führen. Letztlich sind unsere Kinder erwachsen und die beiden ältesten selbst Eltern. Was Ela angeht, die kriegt sich schon ein. Sie ist eine verwöhnte Prinzessin, aber eine Kämpferin, die ihren Weg geht.“

Arthur, der Philosoph, mir wurde schlecht und schlechter.

Wollte er Eindruck schinden und die Pantoffeln gegen Tanzschuhe tauschen? Ich wollte nur noch nach Hause!

„Lass uns ein andermal reden, ich muss morgen zeitig aufstehen.“ Las ich Triumpf in seinen Augen? Sollte er als Sieger hervorgehen? Ein Sieg für Arthur, aber worüber? Waren wir an einer Stelle angelangt, die nach Sieger und Verlierer verlangte? Ich wollte weder siegen noch verlieren! Ich wollte ein geordnetes, lebbares Leben! – Was heißt lebbar? – Mein derzeitiges Leben, mein Tagesablauf, meine Arbeit, die emotionale und finanzielle Entlohnung, die zufriedene Erschöpfung, wollte ich all das aufgeben?

Und wofür?

Für erwachsene Kinder?

Für Arthur?

So viel Liebe bringen 10 Arthurs nicht auf die Waage, um zum Gleichgewicht zu gereichen. Und doch fehlte mir der Schlüssel zur 13. Tür, die Schulter zum Anlehnen, strahlende Augen, Lippen, die mich begehren, Worte, die mich schwindlig machen, das Tüpfelchen auf dem i und ein klitzeklein bisschen Sex. Es war schon so unendlich lange her, und Radfahren konnte ich noch, ich hatte es probiert.

Claudia, Claudia, du gehst einen schweren Gang.

 

Kapitel 17

 

Holiday an Bord eines Hotelschiffs!

Mutter, Tochter und mit ihnen zwei unterschiedliche Charaktere begaben sich an Bord. Es war der 05. Juli, der erste Regentag nach drei Wochen Sonne pur. Es könne nur besser werden, versicherte ich meiner Tochter, in der Hoffnung, dass ihre Gesichtsmuskeln auf smile umsprängen. Lass sie einfach in Ruhe, wies ich mich selbst zurecht, nahm meine Kabine in Augenschein, packte meinen Koffer aus, sortierte T-Shirts, Unterwäsche und den sonstigen Kram in die Regale, verweilte zwischendurch immer wieder am Fenster und verspürte eine Faszination beim Anblick des Wassers, der gemächlich vorbeiziehenden Landschaft, der Schiffe, Boote, Lastenkähne, sah Menschen hantieren, Schifferkinder und nahm deren begrenzten Spielraum auf ihren schwimmenden Heimen wahr. Eine Welt mit vielen Gesichtern. Nach außen Romantik, in Wirklichkeit aber harte Arbeit und erbarmungsloser Konkurrenzkampf.

Dem Wetterbericht zufolge zog das Regengebiet Richtung Osten ab. Um die Launen meiner Tochter wissend hatte ich uns Kabinen gehobener Preisklasse gebucht und im Speisesaal einen Panoramatisch geordert.

Söhne sind zum Liebhaben,Töchter erproben uns im Kampf.

Drum auf in den Kampf!

„Frisch, fromm, fröhlich frei, ist die deutsche Turnerei.“ Frisch gestylt, fromm ein Stoßgebet gen Himmel geschickt, auf fröhlich programmiert und frei von Vorurteilen erkundete ich also das Schiff, die Fläche, die für die nächsten Tage unser Weidegebiet sein würde. Absolut ausbruchssicher! Also konnte meine Tochter nicht getürmt sein, auch wenn sie momentan nicht auffindbar war.

Irgendwann würde der Regen sich schon verziehen, wir die Sonne an Deck genießen, uns im Liegestuhl räkeln, dösen, lesen und schlemmen. Es würde schon werden und Ela ihre Antennen auf Empfang stellen. Hauptsache, mal raus aus den ollen Klamotten, sprich Anspannungen der letzten Tage, weg von den Sorgen und Nöten anderer, von Arthur, weg von dem Erwartungsdruck seitens Susen und Richard.

   Alles wird gut, hab ich gedacht, und Neptun lacht!

Früher als vorhergesagt wanderten die Regenwolken ab, die Sonne gab ein kurzes Stelldichein, wünschte uns guten Appetit zu dem kunstvoll angerichteten Buffet. Ela, sichtlich entspannt, ließ uns bereitwillig mit dem Begrüßungssekt, anmutig nach links und rechts nickend, auf ein paar schöne Tage anstoßen. Das Bordorchester stimmte sich ein, Tanzpartner für meine Tochter waren, der Vorsehung sei Dank, an Bord, und ich würde mich irgendwann diskret zurückziehen.

Rums! Da ging der Zauber los und die Schifffahrt in die Hos‘! Unser Hotelschiff mit 165 Passagieren an Bord kollidierte unter einem Mark und Bein erschütternden Stoß mit einer geisterhaften Kahnkolonne.

Würden wir sinken? Absaufen? Meine Schwimmkünste und die Strömung waren unvereinbare Faktoren.

Eine Schrecksekunde, Geschrei, Panik, die Besatzung kreidebleich und mit der Situation überfordert, versuchte Ruhe reinzubringen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals gehört oder gelesen zu haben, dass ein Rheindampfer mit einem Schubverband kollidierte.

Zauberkräfte und Schiffe versenken waren Machenschaften der Lorelei, um sich einen Liebhaber zu ködern, und jetzt versuchte Väterchen Rhein sich womöglich uns zu angeln.

Es vergingen endlose Minuten, ehe mehrere Boote der Wasserschutzpolizei in unsere Richtung brausten. Helfer kamen an Bord, der Maschinist meldete Maschinenausfall.

Unser Luxusliner tanzte, scheinbar unkontrolliert, mit den Wellen, und die Möglichkeit, ungewollt mit Wegefährten zu knutschen, war nicht ausgeschlossen, sogar wahrscheinlich.

Gab es Untiefen hier, wo wir tanzen? Hat ein Schiff eigentlich eine Bremse?

Da unser Schiff nach einer halben Stunde noch immer nicht gesunken war, kehrte allmählich Ruhe ein. Der erste Schreck war vorüber, das Knirschen, Krachen, Scheppern jedoch nicht; Diskussionen lösten die Angst ab, und ich dachte, Claudia, Vorsicht ist besser als Nachsicht, ab in die Kabine, nachsehen und packen!

Shit, wie konnte ich mich im Strudel der sensationellen Ereignisse mit Packen beschäftigen oder an die eigene Sicherheit denken,  wenn mir Action pur auf dem Silbertablett serviert wurde. Ich war deshalb Quereinsteigerin in den Medien, weil ich ein Spätzünder war, ein Zünder mit eigebauter Verzögerung.

Mit Kamera und Handy bahnte ich mir den Weg zurück zum Ort des Geschehens, knipste alles, was mir vor die Linse kam, schickte Handybilder in die Redaktion, telefonierte meinen Akku leer und sah schon die Schlagzeile vor: Schubverband rammt Hotelschiff, Fotos: Claudia Gruben!

Und wie geht es weiter? Wir trudelten in Seenot, eingekreist von Wasserschutzpolizei, aufgeregten Funkern, Megafonaufforderungen zum Ruhe Bewahren, Beschwichtigungen und Verharmlosungen.

Mein Kollege Eierkuchen, mit bürgerlichem Namen Carlo Friede, ein Kind der Freude, nichts und niemanden auslassend, ewig baggernd und rumeiernd, so zu seinem Spitznamen Eierkuchen gekommen, ließ alles stehen und liegen, schon unterwegs in Richtung Zusammenstoß auf dem Rhein.

Stuhl und Tisch meiner Kabine waren an Ort und Stelle geblieben. Also keine Schieflage. Die Steckdosen funktionierten, ich konnte mein Handy aufladen, und nirgendwo war ein Wassereinbruch zu verzeichnen.

   Schubverband bezeichnet eine lange Schlange zusammengekuppelter Lastenkähne, deren letzter von einem Drückermotorschlepper geschoben wird. Also eine Drückerkolonne mit von einem hinten antreibenden Boss, rheinabwärts schwimmend, darauf hoffend, die Spurrinne nicht zu verlieren und Sprit zu sparen. Das erinnert mich an Autofahrer, die auf einer Gefällstrecke den Motor ausschalten und sich ausgekuppelt auf die Bremse verlassen, um einen paar Deziliter Sprit zu sparen. Ob damit anderen ein Schaden zugefügt wird, wen interessiert’s?

Uns, die Gäste, mit einem Notprogramm zu unterhalten, von der Reling wegzulocken, erwies sich als aussichtsloses Unterfangen. Wann und wo erlebte man solche Action, ohne körperlichen Schaden zu nehmen?

Grelle Scheinwerfer, Kommandos, und Straßen-, Entschuldigung, Wasserrinnenfahr- sperren wurden eingerichtet. Nichts ging mehr. Die böse Schlange, gewillt uns zu überwältigen, wollte unser Schiff nicht akzeptieren. Die Fließkraft des Rheins tat ihr Übriges und drückte die motorlosen Bösewichte weiter gegen die Bordwand.

Inzwischen ging es auf Mitternacht zu. Die Reiseleitung forderte uns auf, die Kabinen aufzusuchen und wünschte uns eine gute Nacht.

Mit „Ich gehe morgen von Bord, Papa holt mich ab“ entschwand Ela meinen Blicken und knallte ihre Kabinentür zu.

Gleiches hatte ich nach diesem Dilemma für uns beide in Erwägung gezogen, jedoch ohne Arthur einzubeziehen.

Sachlich, ohne hätte, ob, wie und wann, packte ich meine Siebensachen zusammen und legte mich schlafen. Es blieben ohnedies nur noch wenige Stunden bis zum Morgen, und ewig konnten wir hier nicht festsitzen.

Der komplett gesperrte Rhein, die flussaufwärts und flussabwärts auflaufenden, zum Ankern gezwungenen Schiffe, nicht enden wollende Lichterketten, Scheinwerfer, Kommandos, besser hätte es kein Regisseur hinbekommen.

Dumpfe Schlaggeräusche, ruckartiges Schaukeln holte mich aus einem traumlosen Tiefschlaf. Mein Reisewecker zeigte 4 Uhr 26. Geschäftiges Hin und Her, Sprachparolen, grelle Scheinwerfer und wieder ein Rums.

Kein Sinken, nur Scheppern!

Warum sollte ich aufstehen?

164 durchgeknallte Passagiere sind ausreichend, da bleibe ich als Nr. 165 lieber im Bett, möge da kommen, was wolle. Eingekreist von Helferschleppern würden die uns schon nicht absaufen lassen.

5 Uhr 13 sagte meine Blase: „Mach mal Pipi!“ Als ich mit filmreif gespielten 1,8 Promille zur Toilette wankte, vermittelten mir meine Synapsen eine sich verstetigende Vorwärtsbewegung, allerdings in die falsche Richtung.

Tatsächlich! Wir bewegten uns ohne Motorengeräusch kontinuierlich in die falsche Fahrtrichtung.

Die um 4 Uhr 26 aufgeschreckten Hühner hatten sich verzogen. Ich stand allein an der Reling, gab mich dem neuen Tag, der Schönheit des fast Majestätischen zwischen Nacht und Morgen sowie der verschlafenen Uferlandschaft hin und erlebte ein lange vermisstes Glücksgefühl.

Meine Hände fanden zum Gebet, einem Danke dem lieben Gott, dass ich diesen Moment erleben durfte.

Dem vorgezogenen Frühstückbuffet folgte die Eröffnung, dass unsere Reise hier im Hafen von Koblenz, in den unser schwimmender Palast geschleppt worden war, endete. Eigens für die Passagiere georderte Reisebusse erwarteten uns, um uns zum Ausgangspunkt der Reise, sprich Köln, zurückzubringen. Für die buchstäblich ins Wasser gefallene Reise wurde uns Schadenersatz in Form voller Kostenerstattung oder Umbuchung zugesichert.

Tochter und Vater boten mir gnädigerweise an mich mitzunehmen, was ich dankend ablehnte. Wenn schon, dann lieber der schmierige Kollege Eierkuchen, der nicht schnell genug an meinen Kameraspeicher gelangen konnte, mir am liebsten die Kamera aus den Hand gerissen hätte und davongeeilt wäre. Bilder gab es aber nur in meiner Gegenwart, und ich wollte dabei sein, wenn er sie herunterlud.

Bereitwillig, entgegen seiner sonst so unkollegialen Art, brachte er mich bester Laune nach Hause, wünschte mir noch einen schönen Urlaub und war auch schon wieder weg.

Spätestens hier hätte ich stutzig werden müssen.

„Was tun?“, sprach Zeus. Ich hatte Urlaub, der Koffer war gepackt, der Kühlschrank leer, und es ging auf Mittag zu.

Berlin wäre eine Reise wert. Nach dem Mauerfall besuchten Arthur und ich die Stadt für einen Tag. Dabei bietet Berlin, Stadt, Land, Fluss, eine Fülle von Sehenswürdigkeiten, Kultur, Geschichte und Neuzeit.

Es war mir schon seltsam zumute, wenn ich an die vielen Reisen mit Arthur und den Kindern dachte. Wir haben so viel gesehen, Sonne und Meer genossen, Bergwanderungen, Hüttenabende, Flugreisen, Kurzreisen, Geschäftsreisen, Erlebnisse, abgespeichert unter: Urlaub, Erlebnis, Streit, Wohlstand. Warum nicht ein multikultureller Berlinurlaub?

Wollte ich reisen, um etwas zu erleben, mir neues Wissen aneignen, historische Stätten aufsuchen, meine Neugierde befriedigen? Oder um meine Seele baumeln zu lassen? Mein Herz und meine Sehnsucht flüsterten Sylt, Borkum, Amrum. Hier atmet meine Seele, mein Blick verliert sich in der Ferne, meine Füße werden nimmer müde, im Sand und im Wasser zu laufen, mich dem Wind entgegenzustemmen oder mit Rückenwind zu marschieren. Die Schreie der Möwen, ihre Frechheit, sich ohne Furcht den Menschen zu nähern, um Eis oder anderweitig Essbares zu stibitzen, Handy-Klingeltöne nachzuahmen, kein Erwartungs- druck, kein „Was machen wir morgen?“. Nur einatmen, ausatmen, Wind und Wellen genießen. Glücklich sein.

Mir blieb keine Zeit für Recherchen im Internet, Zimmernachweis, Preisvergleich – und das alles möglichst gestern. Mir verblieben noch 12 Tage Urlaub, die ich auf keinen Fall zu Hause, Arthur scheibchenweise zum Fraß vorgeworfen, den Kindern als Gerichtsvollzieher fungierend oder in der Redaktion verbringen wollte.

Hoffnungslos deprimiert suchte ich das nächstgelegene Reisebüro auf, leierte mein Anliegen runter, blickte gelangweilt mal hier hin mal dort hin und dann wieder zu dem freundlichen jungen Mann, der sich mit dem Computer abmühte, Ausdrucke entnahm und mir liebenswürdig – charmant eine Lösung präsentierte:

Also doch Berlin!

Urlaub wie gehabt: Besichtigungen und Massentourismus im Schleudergang. Durfte ich überhaupt unzufrieden sein?

Hatte ich mir meine finanzielle Lage nicht selbst zuzuschreiben?

Mit mehr Geld in der Tasche, Abstieg in einem Nobelhotel würde ich auf Sylt, Borkum oder sonstwo auf einer friesischen Insel willkommen sein.

Meine beschränkten Mittel gaben den Radius vor, und so blieb mir nur zuzugreifen oder zu Hause zu bleiben.

Es fügte sich, dass ich mich in Berlin einer Busreisegruppe anschließen konnte, zu einem Pauschalpreis, der meine morgige Anreise mit der Bahn, zweimaligen Umstieg, Hotelaufenthalt,  Teilnahme an den Rundfahrten, Besichtigungen etc. und Rückreise mit der Gruppe im Reisebus beinhaltete.

Machte es mir Freude? War ich enttäuscht? Mein Herz war leer, meine Seele schwieg. Mein Verstand reagierte gelassen. Also fuhr ich nach Berlin.

Sollte ich mich ärgern, weil mein Zug bereits zu Reisebeginn eine Verspätung von 8 Minuten hatte und dadurch die umsteigebedingten Anschlusszüge ohne mich abfahren würden?

Oder sollte ich mich lieber darüber ärgern, dass mir beim Kauf der Tageszeitung am Bahnhofkiosk einfiel, dass ich vergaß, die Bilder meiner Kamera auf meinem Computer zu sichern? Aus mir würde nie ein Profi!

Ich fühlte mich als Zwitter der heutigen Zeit, aufgewachsen in und geprägt durch die Nachkriegszeit, als Hausmütterchen überrollt von Forschung und Technik, Dingen, die sich schneller entwickelten, als mein Gehirn begreifen konnte.

Motzig über mich selbst, beleidigt schmollend verkroch ich mich wie ein geprügelter Hund auf meinem reservierten Fensterplatz und starrte, unfähig zu entspannen, nach draußen.

Frau könnte meinen: „Alles verkehrt gemacht!“

Mann, alias Arthur: „Ohne mich bist du ein Nichts!“

War ich wirklich ein Nichts? Würde ich von Reue geplagt und gehalten, meinem jetzigen Leben adieu zu sagen, es einzutauschen gegen das Dasein als hirnloses, finanziell abgesichertes Anhängsel?

Was war mit mir los?

Wieso überfiel mich plötzlich diese Schwermut?

Bei jedem Halt suchten meine Augen die Bahnhofsuhr. Es war nicht die Angst, den Anschlusszug zu verpassen, es war die Uhr selbst, die mir etwas sagen wollte.

Ein rundes Etwas, vier kräftige Balken, 16 kleine Balken und zwei Zeiger, auf 10 Uhr 10. Durch die Fensterspiegelung verriet sie mir: zehn vor zwei. Es wurde mir zum Zeitvertreib, an vorbeifahrenden Bahnhöfen einen Blick auf die Bahnhofsuhren zu werfen, die Zeit zu erhaschen und sie spiegelbildlich abzulesen.

Spiel, Spaß, Anne!

Eine simple Bahnhofsuhr brachte mich auf eine Idee. Anne, die mich in Panik vor Demenz verzweifelt um Hilfe anflehte, nach einem Weg suchte, der Krankheit Paroli zu bieten, und im Durcheinander ihrer Panik mehr zerstörte als gutmachte, hielt mir erbarmungslos den Spiegel des Alters vor.

Die Hoffnung auf Hilfe durch Stammzellentherapie hatte sich laut aktuellen Pressemeldungen zerschlagen und wurde als reines Luftschloss bezeichnet. Schon hing ich wieder im engmaschigen Arbeitsnetz, obwohl ich mich auf dem Weg in den Urlaub befand.

Ganz allmählich wich die Anspannung. Den ersten Anschlusszug hatte ich noch erreicht. Mittlerweile hatten wir nur noch 4 Minuten Verspätung, so dass ich den nächsten Umstieg in Göttingen problemlos schaffen könnte.

Und ich war mir auch nicht mehr so sicher, dass die Schiffsreise mit meiner Tochter harmonisch und erholsam verlaufen wäre. Eher neigte ich zu der Erkenntnis, einem weiteren Bruch zwischen Tochter und Mutter entgangen zu sein. Ela war Ela, bequem, verbraucherfreundlich, intelligent, nahm schmeichelnd den Vater aus und passte sich, welcher Situation auch immer, zu ihrem Vorteil gereichend an.

Mir verblieb noch eine knappe Stunde bis Berlin. Meine innere Ruhe machte Fortschritte. Der  Platz neben mir war leer geworden, so dass ich mich etwas ausbreiten konnte, um endlich einen Blick in die Tageszeitung, die noch knitterfrei in meiner Tasche lag, zu werfen.

In Riesenaufmachung auf Seite 3 las ich:

HAVARIE AUF DEM RHEIN – Schubverband rammt Hotelschiff und blockiert die Schifffahrt

 

Eine Bildergalerie, die der meinen glich wie ein Ei dem anderen, illustrierte das Ganze. Komisch, wer auch immer die Bilder geschossen hatte, musste meine Position eingenommen haben. Ein Fotoreporter unter den Gästen? Möglich, wir waren gerade mal einen Tag an Bord und hatten noch keinerlei Kontakt zueinander.

Trotzdem komisch, eine Fotoreportage ohne Quellenangabe?

Mit Sicherheit würde Kollege Eierkuchen versuchen, meine Fotos als die seinen unserer Redaktion vorzulegen. Sollte er! Ich hatte meine Arbeit und er seine, unter Kollegen war Zuschachern nicht unüblich, nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere. Die Beweismittel dokumentierte die Kamera hier in meiner Tasche.

 

 

Kapitel 18

 

Berlin ist eine Reise wert.

Nach dem Reinfall bei Assmannshausen, den trüben Gedanken und der Verzagtheit war das Flair des gebuchten Hotels in der Rosenthaler Straße, nahe der Hackesche Höfen, Balsam für meine Seele. Traumhaft, ein wenig abseits der von Touristen überschwemmten Straßen, erlebte ich ein Berlin, das meine Erwartungen bei Weitem übertraf. Und ich war, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, froh allein zu sein. Wenn ich augenblicklich etwas nicht ertragen konnte, dann schiefe Mundwinkel, Rumgemotze und unter dem Zwang stehen auszugleichen, Füße zu küssen, mich klein zu machen, ein Schatten meiner selbst zu sein.

Nein! Ich wollte leben, meine Seele fliegen lassen, meinen Herzschlag spüren, ein Lächeln einfangen, das Gefühl haben, nur Frau zu sein.

   „Ihre Reisegruppe erkundet heute Potsdam, Schloss Sanssouci, und wir erwarten die Gruppe gegen 18 Uhr zurück. Unser Page wird es übernehmen, Sie mit unserem

Haus vertraut zu machen.“

Für Schmeichelei empfänglich bedankte ich mich, nahm mein Zimmer in Besitz, packte den Koffer aus, duschte und stylte mich und ging auf Erkundungstour, indem ich durch die Straßen schlenderte. „Hoffentlich finde ich wieder nach Hause“, signalisierten mir meine, ein Leben lang nicht auf sich selbst gestellten, grauen Zellen.

„Dann verlaufe ich mich eben!“

Nicht im Mindesten auf eine solche Pracht vorbereitet tat sich mir beim Eintauchen in die Hackesche Höfe Tausendundeine Nacht auf. Farbenprächtige Klinkerfassaden, hohe Fenster in Jugendstil-Architektur, unglaublich schöne Stuckverzierungen; Wohnungen, Gewerbe und Bewirtungen mit optimaler Raumnutzung. Überwältigt und voll Tatendrang fand ich in einer Nische, zwar keinen freien Tisch, aber immerhin einen freien Platz zum niedersetzen und ließ zunächst einmal das Ganze auf mich wirken.

„Hallo?“, knurrte mein Magen. „Wo bleibt mein Mittagessen?“ Meine Geschmacksnerven verlangten trotz Verspätung nach Bulette mit Pommes, es durfte auch Pflaumenkuchen mit Sahne sein.

Ich entschied mich für Kaffee und Kuchen.

Die Höfe, meist mehrere hintereinander gelegen, boten Vielfältigkeit; Galerien, kleinen Läden, Restaurants allen erdenklichen Raum, waren eine Augenweide, besaßen Flair und Charme. War ich eigentlich in Deutschland oder irgendwo im Süden?

Hier war ich jedenfalls zum ersten aber nicht zum letzten Mal. Ein geschickter Makler könnte meine im Rausch befindliche, angeschlagene Seele verführen und ihr eine völlig überteuerte Wohnung andrehen, so sehr stand ich trotz meiner prekären Situation im Bann dieses Paradieses.

Irgendwann befand ich mich in der Sophienstraße und schlug mich einer Eingebung folgend durch bis Unter den Linden. Ob die Dreharbeiten hier stattfanden? In den 1960er Jahren strahlte die ARD oder das ZDF, die Auswahl der Anbieter war noch übersichtlich, einen Dreiteiler aus: „Wie einst im Mai“. Eine romantisch – kitschige, wunderschöne Geschichte, die meine Tränen reichlich fließen ließ. Ich war in den 60-zigern so bezaubernd jung, so unglücklich und aussichtlos verliebt, litt mit den sich trennenden Liebenden, erinnere mich noch heute an die im letzten Teil der Trilogie inzwischen zur Großmutter gealterten, einstmals Entsagende mit ihrer Enkeltochter und dessen Geliebten, dem Enkelsohn des nach Übersee gegangenen Schwarms ihrer Jugend.

Da produzierten die Medienanbieter so etwas Wunderschönes, und es verrottete in irgendeiner Schublade. Dafür wiederholten sie unaufhörlich immer den gleichen (meist) Schrott und diesen auch noch zeitgleich auf mehreren Kanälen.

Aber mich fragt ja keiner.

Zurück im Hotel begrüßte mich der Reiseleiter, stellte mich den Mitreisenden vor, bot mir zwei Plätze zur Auswahl an; an einem Tisch mit einem Paar und einer jüngeren Frau oder an dem Tisch gegenüber, mit einer jungen Frau und einem älteren Herrn, mit Sicherheit gehbehindert, da neben dem Tisch ein Rollstuhl platziert war. Ich tippte auf Vater und Tochter oder Pflegerin und nahm, zuvor um Erlaubnis fragend, an ihrem Tisch Platz.

Ehrlich gesagt, mir war mulmig. Würden wir zu einem Gespräch finden oder uns anöden? Da war: Frau, 60 Jahre, kein bisschen weise, hatte die halbe, sagen wir mal zumindest ein Viertel der Welt mit Eltern, Mann und Kindern bereist, zum ersten Mal allein auf sich gestellt, resigniert. Dabei lebte ich seit gut zwei Jahren getrennt, hatte meine Arbeit und nichts hinzugelernt, nichts verändert, keine neuen Freunde, die alten vergrault, nicht einmal einen Gefährten namens Freitag, wie ihn Robinson hatte.

Wie konnte ich nur auf diese Schnapsidee kommen, unvorbereitet und allein zu verreisen? Noch eben schwelgte ich in Träumen, überwältigt von der Anmut der Hackesche Höfe, träumte von Liebe Unter den Linden, und jetzt mochte ich nur davonlaufen. Am Ende würde Arthur gewinnen, meine Kinder mich – auf ihr Erbe schielend – zurückverfrachten.

Brav lächelte ich nach links, geradeaus und nach rechts. Ich versuchte meine Gedanken zu verbannen. Notfalls bliebe mir mein Zimmer als Zuflucht.

Doch es kam ganz anders.

„Sie schickt der Himmel“, strahlte mich die junge Frau an. „Ich bin Hannah Hagar, einfach Hannah, das ist mein Vater Herbert Hagar.“

„Angenehm, Claudia Gruben.“

Und ehe ich mich versah, plauderten wir drauf los, als seien wir alte Bekannte, hoch erfreut sich wiedergetroffen zu haben.

Diese Hannah, ein verrücktes, ein reizendes verrücktes Huhn schleifte mich auf die Tanzfläche, ermunterte mich, ließ keine Proteste zu, und als wir uns gegen Mitternacht anschickten, unsere Zimmer aufzusuchen, glaubte ich Tränen in ihren

Augen zu sehen. Aber ich wollte nicht nachdenken, ich wollte einfach nur schlafen.

 

 

Kapitel 19

 

Ausgeschlafen und neugierig freute ich mich auf den heutigen Tag: Besichtigung Reichstag und Regierungsviertel mit einer Zeitvorgabe von ca. 3 Stunden, der restliche Tag zur freien Verfügung. Und es war heiß, extrem heiß. Ich begab mich in Zeitlupe zum Frühstück. Jede Bewegung zu viel oder zu hastig, verursachte Rinnsale, überdeckte mein Deo bzw. Parfüm und provozierte Allergiker zu Niesanfällen.

Mit zwei bis drei Stunden in klimatisierter Umgebung ließ es sich leben und besichtigen. Morgen hingegen würden wir eine 2-Tage-Fahrt durch den Spreewald mit Übernachtung in Lübbe unternehmen. Ich deckte mich vorsichtshalber mit einem Vorrat an Autan ein. Wasser und Schnaken sind eine Kombination, die sich als Mensch- und Tierplage erweisen kann.

Das Reichstagsgebäude, ein Zusammenspiel von Neorenaissance und moderner Architektur. Seit den neunziger Jahren, dem Mauerfall wurde er …, aber das ist alles in einschlägiger Literatur nachzulesen. Es ist der Sitz des gesamtdeutschen Parlaments. Die Bundesregierung wurde nach Berlin verlegt, und die pendelnden Beamten versilberten sich die Kilometer.

Im Dachrestaurant des Bundestages war für uns Tischreservierung bestellt – top organisiert. Ich genoss die Aussicht auf der Plattform und war sehr beindruckt von der Glaskuppel, ich war hin und weg von den gegenläufigen Rampen – kurz: Ich war hin und weg, entrissen dem teils besch… Alltag, entrückt der Ära Arthur, dem Gemotze Elas, den erbgeilen beiden Großen, der Rivalität am Arbeitsplatz, und insbesondere Kollege Eierkuchen hatte ich vollständig aus meinem Gedächtnis verbannt.

Ich war so überwältigt und beeindruckt, dass ich nicht mitbekam, dass mit Herbert Hagar, meinem Tischnachbar, etwas geschehen sein musste. Zusammengesackt, nach Luft röchelnd saß er im Rollstuhl, Hannah bemühte sich um ihren Vater, brachte ihn zum Aufzug, wies herbeigeeilte Bedienstete zurück, ließ sich aber von mir zum Ausgang begleiten.

Draußen wieder der Hitze ausgesetzt suchten wir ein schattiges Plätzchen, Hannah verabreichte ihrem Vater eine kleine weiße Tablette die er unter der Zunge zergehen lassen sollte und die den Effekt der Entkrampfung haben würde.

„Ich habe ihn gesehen, er war da! Ja, er ist da!“ Kreidebleich, die Lippen zusammen- gekniffen, als sei er einem Gespenst begegnet, machte Herbert Hagar mir Angst. Wir kannten uns noch nicht einmal 24 Stunden, da konnte ich keine kompromittierenden Fragen stellen. Hannah bemühte sich, den Vater zu beruhigen und ihm klar zu machen, dass es eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft gibt, aber dass es keine Gegenwart und keine Zukunft gibt, wenn man nicht bereit sei Vergangenes hinter sich zu lassen.

Sollte ich mich zurückziehen? Reingehen mochte ich nicht mehr. Als läse sie meine Gedanken, bat sie mich, ich möge bleiben, orderte eine Taxe mit der Bitte, uns in ein schönes, schattiges an der Spree gelegenes Gartenrestaurant zu bringen.

Endlich! Gegen Abend zog sich der Himmel zu, um der Hitze, wenn auch nur vorübergehend, den Garaus zu machen. Mit voller Wucht entluden sich die Elemente, und die Blitzhexe wetteiferte mit dem dreinschlagenden Donner, der uns jedes Mal zusammenzucken ließen.

Luft und Kopf einer Katharsis unterzogen, befreit von drückender Last, brachten mir die Erkenntnis, dass ich voreilig und mit einem überzogenen Maß an Euphorie bei der Buchung dem vollen Programm an Unterhaltung, Abwechslung und Besichtigung zugestimmt hatte, um nun festzustellen, dass ich mich maßlos überschätzt, Raubbau an meiner Seele betrieben und mein Gehirn statt der ersehnten Erholung Stress produzierte, der sich im gleichen Zuge negativ auf mein körperliches Wohlbefinden auswirkte, mir nur Verspannung einbrachte und in nur noch tiefere Abgründe stieß.

Luft, Licht, Freiheit, Ruhe, Selbstfindung, nicht etwa Action – einfach daliegen, den Himmel anschauen, mit den Wolken ziehen ohne Ziel und Hast, danach lechzte meine Seele. Und darum sagte ich die morgige, sich über zwei Tage erstreckende Spreefahrt ab. Kurzerhand organisierte die Reiseleitung für Herbert, wir waren inzwischen beim Du angelangt, einen jungen Mann zur Unterstützung und gab Hannah so die Möglichkeit, meine Buchung zu übernehmen, den Vater dabei in Obhut zu wissen und sich zwei Tage zu entspannen, um mit jungen Leuten lachen, sich vergnügen zu können und ihrer Jugend Rechnung zu tragen.

Ich mochte Herbert, und ich mochte Hannah. Ehrlich gesagt, ein paar sündige Gedanken umschwirrten mich wie Motten das Licht. Aber ein Mann, zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen, passte so gar nicht in meine Vision vom Seitensprung besser gesagt Bettsprung.

Bis auf eine Hand voll Gäste war für die nächsten zwei Tage unser Hotel eine Insel der Ruhe und Beschaulichkeit, kein überfülltes Schwimmbecken, kein „Guten Morgen! Guten Morgen!“, keine Wartezeit bei Massage und Kosmetik, leere Leseecken und im wörtlichen Sinne „Ruhe“-zonen. Ich freute mich zudem auf gute Gespräche mit Herbert.

„Über allen Wipfeln ist Ruh“, schwärmte Johann Wolfgang von Goethe einst. In allen Hallen war Ruh`, ich pflanzte mich in eine Ecke und gab mich dem Nichtstun hin. Dabei arbeiten meine Gedanken selbstständig und flogen zu Anne und ihrer beginnenden bzw. wohl eher begonnenen Demenz, in meine Kindheit, riefen meine Cleverness, meinen Erfindungsreichtum beim Spielen und Spiele erfinden – mein mich Durchmogeln in brenzligen Situationen wach. Sie ließen mich auch grübeln, nach einer Möglichkeit suchen, einer heimtückischen, hinterhältigen Krankheit bzw. deren Fortschreiten einen Riegel vorzuschieben, sie auszubremsen, ihr einen Bergpass vorzusetzen und keine abschüssige Straße.

Lernen, Pauken, Fingerfertigkeit, Geschicklichkeit, Neues kreieren, weder rasten, noch rosten. Und wie ließ sich das umsetzen? Was ist Altersdemenz überhaupt? Eine Zeitverzögerung, Gesehenes und Gehörtes zu verarbeiten eine Verlängerung des Informationsweges, Hinterherhinken, gedrosselte Geschwindigkeit. Kommt Resignation hinzu, Sich-Verstecken, selbstquälerisches Grübeln und Verzweiflung, gewinnt die Unruhe den Kampf um die innere Ruhe und Gelassenheit, nimmt dem Betroffenen jede Möglichkeit, durch verändertes Verhalten einen Aufschub zu erlangen.

Stell‘ dir vor, du besteigst in Köln einen Zug und steigst in Hongkong wieder aus, dann hast du in etwa das Empfinden, welches ein an Demenz erkrankter Mensch zu bewältigen hat.“ So erklärte mir mein Hausarzt die Heimtücke der Krankheit.

Und Anne, die Anonyme, flehte mich um Hilfe an. Arme Anne!

Herbert hatte mich aufgespürt. Gestützt auf seinen Stock, ohne Rollstuhl, stolz den Weg auf eigenen Beinen bewältigt zu haben und mit drei Funken Hoffnung im Blick, irgendwann wieder normal laufen zu können, äußerte er die Bitte, sich zu mir setzen zu dürfen. Gerne gewährte ich ihm den Wunsch, selbst froh aus meiner Grübelei aufzutauchen und mit Herbert in einen, wie ich hoffte, anregenden Dialog zu treten.

Es war schön in Gesellschaft eines angenehmen Gegenüber zu verweilen, zu reden, zu schweigen, zu fühlen, dass eine Vertrautheit, ein Einanderverbundensein, sich Millimeter für Millimeter herauskristallisierte. Wir kannten uns kaum, und doch war es, als seien wir alte Freunde, oder auch mehr. Ich mochte nicht darüber nachdenken, nicht wissen, was der andere dachte und fühlte. Ich wollte einfach nur dasitzen, Nähe genießen, träumen und Prinzessin sein – fern der Großmutter Realität, fern der getrennt lebenden Ehefrau, fern der Mutter erwachsener Kinder, fern dem Erwartungsdruck.

Gerne ließ ich mich von Herbert für den Rest des Tages verplanen. Die Schwüle vom Vortag war einer annehmbaren Sommerhitze gewichen, und wir beschlossen raus zum Wannsee zu fahren.

„Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nischt wie raus zum Wannsee!“ Die kleine Conny, noch in unser aller Ohren.

Wannsee, Grunewald. „Und da saß ich mit der Emma auf der Banke, und die Orgel hat so wunderschön gespielt.“ Grete Weiser. Mein Gott, ist das lange her.

Wir saßen in einer Gartenlaube direkt am See und vergnügten uns beim Anblick der tobenden kleinen und großen Wasserratten, schlemmten mit Sekt getauftes Eis, scherzten, lachten, und ich wollte am liebsten die Zeit anhalten. Schlich sich ein Flirt bei uns ein? Grummel, grummel, in meinem Bauch erwachte der Teenager. Herbert spielte mit meinen Fingern und summte „Man müsste noch mal zwanzig sein und so verliebt wie damals“. Vielleicht war es aber auch nur die hinter dem Horizont versinkende Sonne und ihre gespeicherte Wärme des Tages, der Urlaub, die krumme Lanke, die dummen Gedanken, die unter dem Tisch versteckte Behinderung oder einfach der Wunsch, es noch einmal zu spüren, sich dem anderen und sich selbst hinzugeben.

Der Wirklichkeit entrückt, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, hatten wir von einem Tumult im Strandbad überhaupt nichts mitbekommen. Erst als der Ober äußert aufgeregt mit einem Handy in der Hand telefonierte, wild gestikulierte und wie ein aufgescheuchtes Huhn hin- und herlief, bemerkte Herbert: „Da wird doch nichts passiert sein?“

Bitte heute keine Katastrophen, die hatten wir gestern schon zur Genüge. Herbert zahlte und ließ eine Taxe kommen.

Ein schöner Tag, ein wunderschöner Abend ward uns beschert. Wie endlos lange hatte ich auf ein solches Gefühl gewartet? Tausend Glühwürmchen versprühten Funken und berieselten uns mit ihrem Leuchtfeuer, Schmetterlinge winkten uns mit ihren Flügeln. Die laue Sommernacht tat das Ihrige hinzu und tauchte unsere Herzen in einen Jungbrunnen.

Aber darf man glücklich sein, wenn wenige Meter weiter ein Kind stirbt? Der gestrige Menschenauflauf am Wannsee galt einem 12-jährigen Jungen, der nach ersten Presse- meldungen beim Spielen im Wasser einen Herzschlag erlitt und unbemerkt unterging. Bis Freunde ihn vermissten und nach ihm suchten, war wertvolle Zeit vergangen.

So nah beieinander liegen Freud und Leid.

Ein kleiner Kreis, der nicht an dem Spreeausflug teilgenommen hatte, und ein paar Übernachtungsgäste, mehr waren wir nicht im Frühstücksraum, als die 9-Uhr-Nachrichten den Badeunfall vom gestrigen Tag brachten. Zunächst verstand ich nur Bahnhof, nahm die Nachricht wahr, aber nicht an, dass wir dem Unglück beigewohnt hatten, stellte keinen Zusammenhang mit dem Tumult im Strandbad und dem ertrunkenen Kind her. Ganz anders, fast schuldig reagierte Herbert. Ihm war sofort klar: Wir waren unwissentlich Zeugen, als der Junge sein Leben verlor!

„Ein Kind von 12 Jahren, sein Licht verlosch, und ich konnte es nicht verhindern. Es war der Sohn seiner Eltern, der Bruder, der Freund, und ich konnte nichts tun. Gestern war es jener Junge. Damals war es mein Junge, und ich konnte nichts tun.“

Herbert weinte gespenstisch still in sich hinein. Die Tränen traten nach außen, aber der Schmerz kehrte sich ins Innere, verwundete sein Herz und spaltete seine Seele.

Ich bat den Helfer, uns nach oben zu bringen. Danach gab ich ihm bis zum Abend frei. Er konnte den Nachmittag für sich verwenden, ich würde bei Herbert bleiben.

Die Hotelleitung hatte Herbert ein schönes Appartement mit einer Verbindungstür zu Hannahs Zimmer zugeteilt.

Es brauchte seine Zeit, und Zeit hatten wir mehr als ausreichend, bis die Starre nach und nach aus Herbert Körper wich.

Er ließ es zu, dass ich ihn in den Arm nahm, streichelte, für ihn da war. Irgendwann würde er sprechen. Oder auch nicht. Seine Tränen würden versiegen – und er anschließend entweder darüber reden wollen oder zur Tagesordnung übergehen.

Ich würde weder nachfragen, noch bei Hannah das Gespräch auf den Zusammenbruch während der Besichtigung im Bundestag oder den Tod ihres Bruders bringen, von dem ich bis dato ja gar nichts wusste. Was wussten wir schon voneinander? Wir kannten uns kaum. Und mit Schicksalsschlägen war ich reichlich versorgt, meinen eigenen und denen meiner Klienten. Und eigentlich wollte ich ja eine Woche ausspannen.

 

 

Kapitel 20

 

Ich war linientreuer Manager, Therapeut und/oder Co-Trainer – je nach Sportart und Veranstaltung, die anstand – und sehr oft auf Reisen, auch außerhalb der damaligen DDR. Meine Familie lebte in der Nähe von Freiberg. Es ging uns gut. Meine Frau war Frisörin, hatte ihren Meisterbrief sowie eine Arbeitsstelle, und unser Sohn war tagsüber in der Krippe. Für Schulkinder gab es Mittagessen und Betreuung bis in die Abendstunden, sofern keine Großeltern greifbar waren. Es war für alles gesorgt, es war alles geregelt, ich war zufrieden und gleichzetig abgestumpft, tat meine Arbeit, ließ mich aber nicht politisch verwerten. Meine Frau war kritischer, aufsässig, bedrängte mich nach Möglichkeiten zu suchen, um in den Westen zu gelangen.

Als sich neun Jahre nach unserem Sohn endlich eine zweite Schwangerschaft einstellte und uns Hannah geschenkt wurde, war ich überglücklich und hoffte die Freude über die Geburt unserer Tochter brächte meine Frau von der Sehnsucht, in den Westen zu gehen, ab. Wie sollte das auch gehen? Ein offizieller Antrag bedeutete, lebendig begraben zu sein, berufliches Ende, finanzielle Einbußen, Gefahr für die Kinder, für uns, für Leib und Leben. Abhauen mit Kind und Kegel? Das war viel zu gefährlich, und ich wusste zu viel!

Ungefähr ein Jahr vor dem Mauerfall, Hannah war drei und Thomas zwölf, war ich sehr viel unterwegs, reiste bis nach Helsinki, um die Unterkünfte für die Elite im Skisport auf Qualität, wie sie es nannten, zu überprüfen. Aufkeimende Fragen wurden umgelenkt, und solange ich nichts wusste, konnte ich meine Familie in Sicherheit wähnen. Natürlich fühlte ich mich nicht wohl in meiner Haut, Thomas begann mich zu beobachten, zog sich von mir zurück, unsere Ehe bröckelte. Nur Hannah liebte mich bedingungslos. Ohne Vorbehalt strahlten mich ihre Kinderaugen an. Natürlich gab es hinter verschlossener Schlafzimmertür Auseinandersetzungen. Streit war an Stelle der Zärtlichkeit getreten, Sex Vergangenheit, Zukunft ein Traum und die Gegenwart ein Albtraum. Selbst wenn ich es gewollt hätte, es gab kein Entrinnen aus dem Teufelskreis.

Während ich in Helsinki war, es war an einem Mittwoch, wie ich später erfuhr, erschienen morgens um 7 Uhr zwei Beamte vom Sicherheitsdienst vor unserer Haustür und nahmen Thomas unter dem Vorwand mit, er könne einen wichtigen Beitrag zur Klärung eines Sachverhaltes leisten und sei für heute von der Schule befreit, aber am Nachmittag, spätestens gegen Abend zurück.

Meine Frau brachte Hannah in die Krippe, suchte ihren Vater auf, der im Widerstand agierte und mich nicht sonderlich mochte, und der versprach ihr, sich umzuhören.

Thomas sahen wir nie wieder. Doch, wir sahen ihn wieder. Als er tot war. Auf dem Toten- schein stand ‚Herzstillstand aufgrund eines angeborenen Herzfehlers‘.

Monate später ließ mir ein Kollege eine Info zukommen. Sie hatten außer Thomas noch zwei Buben, 13 und 14 Jahre alt, in Verwahrung genommen, ihnen republikfeindliche Parolen unterstellt, die Kinder gefoltert, um von ihnen belastende Aussagen über ihre Eltern zu erpressen. Das eigentliche Ziel war ich. Man wollte meine Rückkehr aus Helsinki abwarten und mir den Sohn, der angeblich in eine dumme Sache geschlittert war, mit einer Geste der Güte zurückgeben. Doch der Junge überlebte die Brutalität der Sadisten nicht. Und der federführende Genosse sitzt heute im Bundestag.“

Das also war das Geheimnis um den Zusammenbruch von Herbert vor zwei Tagen und dem Schock heute Morgen, als die Nachricht vom Tod des 12-jährigen Buben durch Herzschlag beim Baden gebracht wurde.

Ihm zuhören, ihn in den Arm nehmen, ihm das Gefühl geben, ge- und erhört sowie verstanden zu werden, ihm mit meinem Schweigen Verständnis signalisieren, mehr konnte ich in dem Augenblick nicht für ihn tun.

Eigenständige Gedanken aufgrund des Gehörten kamen zu anderen Schlüssen: Nüchtern besehen war Herbert Funktionär der DDR, ebenso wie der vermeintliche Verursacher.

– War er Funktionär, um beruflich Kariere zu machen? – War er Funktionär aus Überzeugung? – Befand er sich in gehobener, maßgebender Stellung? – Waren für ihn Dinge Alltag, die für andere unerreichbare Träume darstellten? – Wie reagierten die heranwachsenden Schulfreunde seines Sohnes? – Erpressten sie ihn womöglich? – Erschlichen sich Spitzel sein Vertrauen?

Fragen über Fragen. Und keine Antworten, nur Vermutungen.

– Und der eigene Sohn?

Auf der einen Seite spürte er mit Sicherheit die Spannungen innerhalb der Familie, bekam die Streitereien der Eltern mit.

– Zog er den Vater in Zweifel?

– Überkamen ihn Ängste, der Vater könnte ein eingeschworener, im Regiment eingebundener Teil der Staatsführung sein?

Bei allem Verständnis für den Schock, den die Begegnung mit dem Abgeordneten im Bundestag bei Herbert auslöste, Tatsache war, Herbert bekam nach der Wende und dem Umzug nach Iserlohn – bzw. später nach Köln – eine Anstellung im Staatsdienst und wurde verbeamtet.

Ich wollte nicht diskutieren, nicht nachdenken, ich hatte Urlaub und das Glück, eine nette, angenehme Reisebekanntschaft gemacht zu haben, die mich schon ein wenig bis etwas mehr antörnte. Eine Woche, und es würde kein bisschen mehr sein, nicht so wie  beim Fleischer um die Ecke!

Unsere Wege würden sich, mit Erinnerungen und neuen Handynummern im Gepäck, trennen. Emotionen kommen, Emotionen gehen, und mit der Rückkehr der Spreewaldbesucher kam wieder Leben in die Bude. Die Küche übertraf sich, im Salon stimmte sich eine Tanzkapelle ein, die angrenzende Bar animierte mit exotischen Drinks. Wer konnte da schon widerstehen?

Auf einen Tanzpartner werde ich als allein reisende, ältere Dame wohlweislich verzichten müssen. Ältere Herren waren in Begleitung und die jüngeren schielten nach jüngeren.

Herbert und ich zogen die Terrasse vor. Die Nacht war warm, durch die offenen Türen drang Musik nach draußen, gedämpft, der Unterhaltung nicht abträglich. Ungeniert flirtete dieser Mensch mit mir. Teils ging ich drauf ein, teils zog ich mich zurück, wechselte das Thema, erzählte von meiner Arbeit, von Arthur und den Kindern, wovon er geschickt ablenkte und über Musik und Theater eine Übereinstimmung suchte. Da auch ich Konzerte und Theater liebte, fast jede Möglichkeit nutzte, meistens mit Freikarte vom Verlag, konnten wir ohne Luft holen aus dem Nähkästchen plaudern.

Gegen Mitternacht kam Hannah, leicht beschwipst, und meinte, für Kinder und ältere Herrschaften sei es Zeit zu Bett zu gehen und erbot sich Papa nach oben zu bringen.

„Du darfst dich wieder verabschieden, ich schlafe heute Nacht bei Claudia.“

Och, dann viel Spaß!“ Mehr brachte Hannah nicht zustande und setzte sich leicht verwirrt in den freien Sessel.

Mir blieb die Luft weg. Sollte das ein Witz sein? Wo war die Pointe?

„Papa, alles klar bei dir, kann ich dich allein lassen, besser gesagt, Claudia überlassen?“

Wo blieb meine Schlagfertigkeit? Hoffentlich bekam ich keinen Tomatenkopf!

„Also, dann noch einen schönen Abend, wir sehen uns morgen beim Frühstück.“ Und weg war sie.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

„Ich möchte heute Nacht nicht allein sein. Ich mag dich, ich mag dich sogar sehr, und ich möchte dir nahe sein, dich fühlen, morgen mit dir erwachen. Ist das so schlimm?“ „Ich lebe seit zwei Jahren von meinem Mann getrennt, ich bin nicht mehr daran gewöhnt mein Zimmer zu teilen, und ich bis 62 Jahre.“

„Und ich bin 56, geschieden und habe mich ein bisschen verliebt.“

„Aber es ist sehr warm, und ich schlafe eigentlich nackt.“

Ich auch.“

Ich habe nur ein dünnes Laken als Decke, und es ist nicht immer da, wo es sein sollte.“

„Sei ohne Sorge, ich werde darauf achten, dass du richtig zugedeckt bist und sich keine Schnake an dir labt, die Fliegen verscheuchen und nicht aufhören, dich anzusehen.“

„Herbert, ich habe Angst.“

Wovor, Claudia, wovor? Wir werden uns in den Arm nehmen, kuscheln, vielleicht auch küssen, sei kein Angsthase, lass uns die Freude.“ „Was wird aus einem Frosch, der einen Hasen küsst?“

„Lass es uns herausfinden, Claudia.“

Die letzten Tage in Berlin waren geflutet von Sonnenstrahlen. Wohltuende Wärme von außen und prickelnde Wärme von innen hielten mich putzmunter, ließen meinen Adrenalin-Spiegel in schwindelerregende Höhen schießen und schenkten mir Vergessen.

 

Kapitel 21

 

Mit angenehmen Erinnerungen, Adressen und Mobilfunknummern im Gepäck, meine bescheidene Wohnung in kritischem Visier und mit Fragen über Fragen an mich selbst gerichtet blieben mir noch fünf Urlaubstage. Ich telefonierte mit meinen Kindern, traf mich mit Arthur, blieb gelassen und überließ den anderen den Kraftakt, in die Pedale zu treten.

Keine Ahnung, was mit oder aus Herbert werden würde. Fürs Erste stand bei ihm eine weitere Reha an, die sich bestimmt über mehrere Wochen hinziehen würde, die seiner Tochter den nötigen Freiraum schaffte, sich um die eigenen Belange zu kümmern, und die mir die notwendige Zeit ließ, mit mir selbst ins Reine zu kommen, meine Schubfächer aufzuräumen.

In spürbar guter Verfassung blickte ich meinem ersten Arbeitstag, dem Stapel Post, den Kolleginnen und Kollegen gelassen entgegen, so dass mir die Ironie in der Lokalredaktion über das laienhafte, fade Bildmaterial beim ersten Anlauf entging. Eine zweite, spitze Bemerkung brachte mich schließlich zum Nachdenken und nachhaken. Ich hatte für meine Begriffe erstklassige Fotos abgeliefert – brandaktuell, aus nächster Nähe geschossen. Was sollte also dieser Quatsch?

Dieser Quatsch war kein Quatsch, sondern eine Sauerei!

Carlo, alias Eierkuchen hatte mich gelinkt!

Und meine Beweise waren gelöscht!

Gab es noch mehr Überraschungen? Hatte jemand während meines Urlaubs an meinem Stuhl gesägt, würde ich meine Arbeit teilen müssen oder, noch schlimmer, drohte eine altersbedingte Abschiebung in den mit bunten Fahnen bestückten, wohlverdienten Vorruhestand?

Ich ging auf einen Kaffee in die Kantine und knöpfte mir Eierkuchens Verflossene vor. Renate war eine reizende, naive Kollegin, von Eierkuchen flachgelegt und betrogen, mit einem ordent- lichen Potenzial an Wut im Bauch weil sie innerlich nicht von ihm loskam. Renate hörte sich meine Story an. „Lass mich mal machen. Ich habe so meine Beziehungen.“

Jetzt nur nicht den Kopf verlieren. Ruhe bewahren war das oberste Gebot, sagte ich zu mir selbst, trank meinen Kaffee und stürzte mich in die Arbeit.

Keine Spur von Die wollen mich nicht mehr, alle Anzeichen signalisierten, Die brauchen mich, mehr denn je! Mein Ressort lief wie geschnitten Brot! Genau aus diesem Grund wurde ich wegen der Bilder angemacht, ich sollte einen Dämpfer bekommen. Das konnte bedeuten, Eierkuchen käme davon, sofern mir nichts dazu einfiele. Fiel mir wirklich nichts ein? Meine Fantasie, ein Zellenimperium ohne Horizont, sollte wohl in der Lage sein den schrägen Kollegen mal richtig schön scharf anzubraten, ihn in ungenießbaren Geruch zu versetzen.

„Kerlchen, dich packe ich!“

Keine zwei Stunden nach unserem Gespräch präsentierte mir Renate den Beweis, dass ihr Ex-Liebhaber, dem noch immer ihr Herz gehört meine Bilder gut honoriert an die Stadt- nachrichten verkauft hatte.

Ich konnte ihn vernichten! Aber, wollte ich das? Was brachte es mir? In einem Monat bin ich 63, ein Alter das jungen Kollegen ein nachsichtiges Lächeln entlockt und mir die Frage stellt: Wie lange noch?

Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ (Johann Wolfgang von Goethe) Also lud ich Carlo auf einen Kaffee ein, gab mein Wissen preis und ihm die Möglichkeit, die falschen Fotos aus der Welt zu schaffen. Er nahm den Strohhalm auf, faselte etwas von einer Verwechslung und ließ sich nach Island beordern. Hier am Eyjafjalla-Gletscher konnte er keinen Schaden anrichten – hier konnte er seinen Mut versilbern, seiner Karriere frönen mit Reportagen über Eruptionen, Lava und Ascheregen, über Feuer und Eis. Wunder, o Wunder! Was hatte mich so verändert? Ein paar Tage Urlaub? Die Panne auf dem Rhein? Hannah und Herbert – eine Zufallsbekanntschaft – oder doch mehr?

Ruhe und ein bisschen Frieden machten sich in meinem Herzen breit. Flink arbeitete ich meine Post ab, Problemfälle schob ich nach hinten, meinen Kindern ließ ich die Hoffnung auf eine baldige Klärung, und als Beweis für meinen guten Willen werde ich die Family, Arthur einbezogen, zu meinem Geburtstag einladen. Auf diese Weise verschaffe ich mir eine Pufferzone, die möglicherweise von selbst verpufft.

 

 

Kapitel 22

“Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula.“

“Und hier ist der Kurt.“

„Hallo Kurt! Ich freue mich, Sie zu hören. Darf ich fragen, wie es Ihnen und Ihrer Frau geht?“

„Ich bin sehr froh darüber, dass wir uns durch den Mut meiner Frau kennenlernen durften. Mein Frau und ich haben sehr viel miteinander geredet. Aber der Berg wird höher und und der Pfad steiler und ich habe große Angst meine Familie zu verlieren. Frau Ursula, ich weiß nicht weiter! So vieles würde ich gerne ungeschehen machen, die Zeit zurückdrehen, mich ändern. Meine Frau und die Kinder sind doch alles, was ich habe, und ich weiß mich ihnen nicht mitzuteilen. Mal bin ich der brüllende Löwe, mal ein wankender Turm.

Bitte helfen Sie mir.“ „Kurt, erzählen Sie mir ein wenig aus Ihrem Leben, als Sie Ihre Frau kennenlernten, was haben Sie beruflich gemacht, was war schön in Ihrem Leben? Welche Ereignisse verbinden Sie mit Ihren Kindern, Freunde, Hobbys, alles was Ihnen spontan so einfällt.“ Und Kurt fiel spontan eine Menge ein. Ich gab ihm 15 Minuten, dann machte ich ihm dezent klar, dass eine Paartherapie unumgänglich sei. All seine Federn sträubten sich, doch letztlich ging es nicht um verletzten Stolz, es ging um Sein oder Nichtsein. Zähne- knirschend fügte er sich in das Unabwendbare und versprach, gemeinsam mit seiner Frau den für ihn schweren Weg einer Therapie zu gehen.

“Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula.“

„Und hier ist Pit. Gott, bin ich froh, dass Sie wieder im Lande sind! Ursula, meine Seele schreit, mein Körper leidet. Chemo und immer wieder Chemo, und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Auf was soll ich hoffen? Hoffen, dass mir dank der Chemiekeulen Wochen, Monate, vielleicht ein, zwei Jahre – weiter zu denken schaffe ich nicht – bleiben, doch wozu?

Ich sollte dankbar sein, dass die Ärzte meine Schmerzen auf ein Minimum heruntergefahren haben, dankbar, dass ich meine Glieder, außer dem einen spüren, bewegen, belasten, schlicht und einfach gebrauchen kann, dass es mir möglich ist, ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen.

Die Natur wird zum Verbündeten, zum Therapeuten, meine Augen genießen die Blumenpracht der Parkanlagen, ich schaue älteren, einsamen Damen beim Füttern der Tauben, lausche dem Gresang der Vögel, das Raunen der Blätter wenn der Wind sich in den Ästen verfängt dringt in mein Herz.

Da ist Kinderlachen auf der Rutsche, stillende junge Mütter danebensitzend. Alles Dinge, für die ich nie ein Auge oder Ohr hatte. Ich kannte nur tagsüber Arbeit, abends Feste – meine einstige Losung. Nun erlebe ich krank an Leib und Seele Dinge, die mir ein Glücksgefühl vermitteln, ein Lächeln auf die Lippen zaubern – bis ich nach Hause komme. Sobald ich den Schlüssel umdrehe, meinen gepflegten Luxusschuppen betrete, meiner Frau gegenüberstehe, bricht alles Elend über mir herein, und ich möchte sterben.

Dabei sehne ich mich nach Liebe und Zärtlichkeit, nach Weinen und Getröstetwerden. Da ist keine Hand, die mich hält, und meine suchenden und gebenden Hände sind leer und fassen ins Leere.

Gott, sind wir höflich zueinander, fast majestätisch stolzieren wir umher, jeder bemüht, den anderen nicht zu berühren, verstecken uns hinter Floskeln der Höflichkeit, heucheln Fürsorge, sind perfekt in kleinen und großen Dingen. Und kein Rauchmelder warnt vor Tod durch Ersticken.

Ursula, was soll ich tun?“

Was sagt frau einem Mann in einer derart aussichtslosen Lage? Ich bin nicht Gott noch Mediziner. Konnte, durfte ich mir anmaßen, zu raten, womöglich eine schwerwiegende Veränderung herbeizuführen?

Pit litt seit Bekanntwerden der Diagnose Lungenkrebs inoperabel, seit den Chemotherapien, den Bestrahlungen mit ihren unheilvollen Folgen, wie körperliche Beeinträchtigung, Impotenz, die ihn völlig fertig machten und seine Ehe vor eine kaum zu bewältigende Aufgabe stellten. Für mich stand die Ehe vor dem Aus! Aber darf ich so zu ihm sprechen?

Vorsichtig nahm ich den Stier vom Eis, geleitete ihn auf eine saftige Wiese, sagte tausend schöne Dinge und stellte die Möglichkeit eines Besuchs bei einer vielleicht etwas älteren, kundigen Liebesdame in den Raum. Eine Frau mit Erfahrung, mit Herz, ohne Erwartungsdruck, reich an Einfühlung könnte hier wahre Wunder bewirken.

Es verstößt zwar gegen die Regel, aber wenn er mir seinen Wohnort kundtäte, so sagte ich ihm, sei ich bereit mich einmal diesbezüglich umzuhören.

Am Ende unseres Gespräches sagte er leise „Danke! Ich melde mich.“

“Guten Tag, Sie sprechen mit Frau Ursula.“

„Und hier spricht Anne. Hatten Sie einen schönen Urlaub?“

„Anne, meine Liebe, sagen wir mal: sehr abwechslungsreich. Und wie erging es Ihnen? Konnte Ihre Seele ein wenig Ruhe finden? Ich habe während meines Urlaubs kleine Recherchen angestellt, und gemeinsam sind wir stark, liebe Anne. Anne, gemeinsam heißt aber auch Schwierigkeitsgrad 5, Mann und Kinder einbeziehen.“

„Gerade das ist mein Problem, meine Angst, meine Panik. Sie werden mich überwachen, kontrollieren und letztlich lande ich in einem Heim. Ich werde ihnen peinlich sein. Schuldgefühle werden sie plagen. Liebe und Hass reichen einander die Hand.“

„Hoppla, jetzt komme ich! Ganz langsam mit jungen Pferden und alten Gäulen!  Erstens leben wir in einer aufgeklärten Gesellschaft, werden tagein tagaus mit Krankheiten, Überalterung der Gesellschaft sowie Pflegenotstand konfrontiert, und zweitens sind Sie noch jung und belastbar genug, der Krankheit die Stirn zu bieten. Kein Selbstmitleid! Keine Feigheit vor dem Feind. Und der Feind hat einen Namen: Vergesslichkeit! Vergesslichkeit zeigt sich in mannigfaltiger Weise, mal ist sie oberflächlich, flatterhaft untermauert, mal hervorgerufen durch Überintelligenz oder auch eine Folge von Alterung, und sie kann krankheitsbedingt – auch eine genetische Veranlagung sein.

Ich sollte Ihnen, liebe Anne, unbedingt zu einer medizinischen Diagnose raten, mit einem Ergebnis schwarz auf weiß. Doch bringt uns das weiter? Hochgejubelte Medikamente bleiben auf der Teststrecke liegen. Wir schlucken Pillen, kleben Pflaster, legen die Hände in den Schoß und warten auf ein Wunder. Und Wunder liegen nach neuester Forschung in noch unbekannter Ferne und erteilen dem gehegten Hoffnungsschimmer mit Namen Stammzellen eine traurige Absage. Vermutlich schwimmen Knochenmarkterkrankungen auf der Stammzellenwelle, und Stammzellen könnten bei Alzheimer Erkenntnisse für die Entwicklung von Medikamenten liefern. Doch wie und wann den Suchenden ein Treffer ins Netz geht, bleibt abzuwarten.

Anne, wollen Sie das? Wollen Sie untätig dasitzen, alle Hoffnung in die Arztpraxis tragen und Tag und Nacht an ihre begonnene Demenz, wenn es denn eine ist, denken?

Packen wir den Stier bei den Hörnern! Strampeln Sie sich frei, wie der Frosch in der Sahne, legen sie die Karten auf den Tisch! Mein Vorschlag, Sie laden Ihre Familie zum Sonntagskaffee ein, sprechen über Ihre Gefühle, die Ängste und gehen kämpferisch in die erste Runde.

Sagen Sie sich immer wieder:

– Mit mir nicht!

– Nicht mit mir!

Ich gebe Ihnen mein Versprechen, einen Arbeitsplan zu erstellen, der möglicherweise eine ganze Menge Veränderungen in Ihren Tagesablauf bringen wird, Ihre Partnerschaft entweder beflügelt oder belastet. Wie auch immer, es wird sich zeigen, es wird sich so oder so fügen, wenn Sie es zulassen, es wollen.“

Anne wollte es! Sie würde gegen den Zustand und sich selbst ankämpfen, und ich werde ihr mit Arbeitsmaterial zur Seite stehen. Möglicherweise konnte ich selbst davon profitieren. Zu sehr, zu intensiv kreisten meine Gedanken um Anne, nicht um die Person, die Klientin, sondern selbst in Panik vor drohender Altersdemenz, die uns durch höhere Lebenserwartung zu packen droht, in ihren Klauen hält, rüttelt und schüttelt, bis sich der Inhalt unseres Gehirns zu einer nicht mehr definierbaren Masse vermengt und uns der Würde beraubt.

Und Pit! – Sobald mir der Alltag Vergessenheit schenkt, reißt Pit mit seiner Verzweiflung alte Wunden in mir auf.

Irgendwie muss es mir gelingen, die Klienten nach Abschalten der Hotline in eine Schublade zu packen, den Schlüssel rumzudrehen und den Fall als Fall zu betrachten, sonst gehe ich über kurz oder lang nur noch buckelig auf den Brustwarzen einher.

Telefon aus! Kopf aus und raus aus den vier Wänden!

 

 

 

Kapitel 23

 

 

Mit Renate, meiner Verbündeten in Sachen Eierkuchen, saß ich beim Italiener und genoss die hervorragende Küche von Pierpaolo sowie den warmen Spätsommerabend und musste zu meiner Bestürzung feststellen, dass mir aus meinem langen Leben mit Arthur keine Freundin, keine Vertraute, kein Stock fürs Alter, in der Jugend geschnitzt, geblieben war. All unsere Freunde – über Jahrzehnte gefestigt in gemeinsam Erlebtem, gelebtem, die gefeierter Feste, Urlaube, geschäftliche Verpflichtungen – hatten sich mit meinem Auszug wortlos von mir verabschiedetet. Ohne Arthur an meiner Seite war ich unsichtbar.

Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. (Goethe) Renate missbrauchend, um mein Alleinsein zu betäuben, saß ich hier, besprach und handelte mit Pierpaolo mein Geburtstags Menue aus, brachte Arthur, die Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkind unter einen Hut, was mich bei 8 Personen locker 480 € bis 550 € kosten würde. Eine letzte Galgenfrist für uns alle, denn danach würde ich mich entscheiden: Ist es eine letzte Täuschung oder ist es ein neuer Anfang?

Meine Familie war für die nächsten vier Wochen ruhig gestellt. Ich stürzte mich in meine Arbeit und stellte mein persönliches Dilemma hinten an. Nur nicht grübeln, das Hirn verbiegen, alles kommt und vergeht, so wie sich Tag an Tag reiht, zur Neige geht und neu entsteht, geht mein Leben seinen Gang, setzt mir die Dornenkrone auf mein Haupt oder windet mir einen Kranz aus Eichenlaub und Lorbeer.

Ein gelegentliches Telefonat mit Herbert zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht und ich teilte seine Freude über die fortschreitende Genesung. Für die nächsten Wochen blieb er in den Fängen der Reha, und das war auch gut so. Auf die Distanz konnte er keinen Einfluss auf meine Entscheidung nehmen. Alles hätte ich derzeit ertragen, nur kein Druck, keine guten Ratschläge und keine Nähe. Meine Seele war zu einer Insel geworden, und der einzige Insulaner war ich. Ich war die kleine Prinzessin, allein auf einem fernen Planeten.

Arthur schwebte im Nebel, war so weit weg von mir wie nie zuvor.

Ich hatte mir einen Mann nach dem Bild meines Vaters genommen. Wie hätte es auch anders sein sollen. Ich liebte meinen Vater. Uns beide verband eine wahnsinnige Nähe. Wir waren eins und doch grundverschieden, und fetzten uns, wie es schlimmer nicht hätte sein können – wie die Kesselflicker! Warum kann man nicht lieben und den anderen annehmen, wie er ist? Lieben heißt doch nicht synchron leben.

Lieben ist achten, ehren, Dankbarkeit, höchstes Glück, aber auch tiefster Schmerz. Meine Mutter überspielte meine pubertierende Aufsässigkeit, indem sie bei jeder Gelegenheit protzte: „Ach, wir sind wie Freundinnen.“ Und mir wurde stets kotzübel bei dem Vergleich.

Hatte mir die Fürsorge meiner Eltern ausgereicht? Was hätte ich mir gewünscht? So wie sie wollte ich nie werden!

– Wie war ich geworden? – Was war ich für mich? – Für meine Kinder? – Für mein Umfeld? – Was war ich für Arthur?

Viel später, als ich selbst Ehefrau und Mutter war und die Luft zum Atmen knapp wurde, weil die Seele Defizite anmeldete, der Körper schwächelte, als ich mich in Träumen verlor, in meiner Not nach Gott suchte, lösten sich die Schuppen von meinen Augen, und ich wurde nach und nach sehend.

– Sah ich mich? – Und was sah ich in mir?

Ich sehe eine alternde Frau, die grauen Haare gefärbt, das Gesicht geprägt von Falten der Lebenserfahrung, Gänsehaut am Hals und abwärts und … weiter schweigt des Sängers Höflichkeit.

Wo waren sie geblieben, die Wünsche, die Sehnsüchte nach Kuscheln und Zärtlichkeit?

Wie sehr hoffte ich nach meinem verkorksten Frühling, dem vertrockneten Sommer auf einen entschädigenden Herbst meines Lebens mit Arthur. Ich war mir so sicher Arthur wachküssen zu können, ihn von dem Dornengestrüpp des Alltag zu befreien, nicht mehr denken zu müssen „Vorsicht, die Kinder!“, wenn uns gelüstete.

Aber nach dem heutigem Stand an Erfahrung in Sachen ehelicher Vereinigung stellte sich bereits in unseren jungen Ehejahren bei meinem Herzallerliebsten, bis dass der Tod uns scheidet, ein möglicherweise angeborenes Defizit an Lust ein.

Genau deklarieren kann ich es nicht, was ich mir von der Ehe in Bezug auf Sexualität vorgestellt hatte. Erfahrungen konnte ich nicht einbringen, und was mir Arthur entgegenbrachte, war Diät.

Das Ergebnis von 35 Jahren Ehe waren Entbehrung, Verzicht, Knechtschaft.

–  War es wirklich so krass? –  Kam bei mir nicht auch Frust um Verpasstes hinzu? –  Ehrlichkeit gegenüber sich und anderen sollte Ehrensache sein.

Ehre hin, Ehre her, ich konnte und wollte nicht ehren, ich wollte das Leben spüren!

Und damit nahm das Chaos seinen Lauf.

Aus einem nichtigen Anlass heraus, dem berühmten Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt mietete ich mir eine kleine Wohnung, packte meine persönlichen Sachen und ging auf Abstand. Was werden würde, ich wusste es nicht. Ich hatte meine Arbeit, zwar nur eine halbe Stelle, trotzdem reichte mein Gehalt für die Miete und meinen Lebensunterhalt. Ich machte mir auch keine allzu großen Gedanken, wir hatten ein schuldenfreies Haus, das uns gemeinsam gehörte, Aktien sowie Sparverträge und -guthaben. Arthur war ein gelernter Banker mit politischer Laufbahn, zwar im Ruhestand – doch mit wachem Auge was Wirtschaft, Wachstum oder Abschwung anging. Ankauf, Verkauf, Handel und Wandel waren sein Bonbon, verschafften ihm Befriedigung.

Unser Sohn kommentierte meinen Entschluss: „Hut ab, liebe Mutter!“

Susen, unsere Vorzeigetochter, selbst Ehefrau und Mutter beschied mir: „Wie konntest Du Papa so lange ertragen? Verstehe das bitte nicht falsch, ich liebe unseren Vater, mag ihn wirklich! Aber mit ihm leben? Das könnte ich nicht! Früher war er Ernährer von Beruf, heute ist Penionär seine Lebensaufgabe, und du tanzt um ihn herum wie eine Marionette “.

Ela, unsere Prinzessin reagierte ernst und still: „Mami, ich werde bei Papa bleiben.“

Eigentlich war mir die Reaktion unserer Prinzessin bei meinem Auszug schon klar. Meine kleine Wohnung bot, was ich nicht bedacht hatte, keinen Platz für sie. Ihr Zuhause war eine geräumige Villa in guter Lage.

Mit Ela im Gepäck konnte es auch keine Veränderung in meinem Leben geben. Bei dem Gedanken an sie wurde mir stets mulmig in der Magengegend – und auch im Herzen. Meldete sich mein Gewissen?

Ich schwamm in fremdem Gewässer Richtung unbekanntem Ufer. Und das mit 61,8 Jahren in Option auf noch 3,4 Jahre Berufsleben, gesichertem Einkommen und einem finanziellen Polster im Rücken.

Der/die Angestellte denkt, und der Unternehmer lenkt bzw. drängt! Unsere Unternehmensleitung lenkte und drängte mich in den Vorruhestand. Peng!

Von meinem Teilzeitgehalt konnte ich Wohnung, Fixkosten und Lebenserhalt bezahlen. Größere Ausgaben, sofern welche anstanden, würde ich aus unserem gemeinsamen Vermögen bestreiten. Das war die Ausgangssituation.

Gott, war ich naiv!

Als Teilzeitmutti mit Auszeiten und Wiedereinstieg kam ich durch eine vorgezogene Verrentung gerade mal auf 687,50 € Rente pro Monat, woraus sich für mich ein Defizit von 512,20  € pro Monat ergab. Bezüglich der Rente meines Mannes, von dem ich zwar getrennt lebe, aber nicht rechtlich geschieden bin und mit dem ich unsere Vermögenslage noch zu regeln hatte, gab ich mich nach seinem Rachefeldzug keinerlei Illusionen hin.

Freiwillig würde mir Arthur keinen Cent zahlen, und mit Rücksicht auf die Kinder wollte ich von einer Klage Abstand nehmen.

Da saß ich in einer kleinen, bescheidenen  Wohnung, die ich mir so sehr gewünscht hatte, für die ich 520,00 € Miete zahlte bei 687,50 € Rente.

Ohne Anwalt, der was kann halt, der mich aus meinem Ehedilemma zu ihm widerwilligen, an seiner Ehre kratzenden Bedingungen kopfschüttelnd und nur, weil ich es so wollte, murrend führen sollte, säße ich heute auf dem Flur der Agentur für Arbeit, unter einem bunten Gemisch arbeits- scheuer und -suchender Inländer und Ausländer, auf meinen Aufruf wartend, als ein Nichts vor einem jungen Angestellten, dem schon mein Alter gebot, den Stift erst gar nicht hochzunehmen oder gar die Tastatur des Computers zu betätigen.

Mit des Anwalts Hilfe zahlte mir mein Arbeitgeber eine Abfindung, und er, der Jurist, der mich seit Jahren kannte, bei dessen Vater ich einstmals in Lohn und Brot stand und der mich schätzte, meinem Arthur aber distanziert gegenüberstand, schleppte mich zur kirchlichen Seelsorge, für die ich zunächst unentgeltlich tätig war. Gleichzeitig schrieb ich mich auf sein Anraten an der Fachhochschule ein.

Zur Auffrischung meines vorehelich abgebrochenen Psychologie-Studiums verschlang ich stapelweise Fachliteratur, las halbe Nächte durch, fühlte mich oftmals total erschlagen, aber ich war glücklich. Ich konnte frei über meine Zeit verfügen, hatte keinen murrenden, nörgelnden, meckernden Ehe- mann, der in mir nur die Hausfrau sah, für den ich ohne jeglichen menschlichen Wert war, –  und ich konnte mich finanziell über Wasser halten.

 

Kapitel 24

 

 

Es gibt Zufälle, die sind so zufällig, dass sich einem der Gedanke aufdrängt, so zufällig können Zufälle nicht sein.

Ich schaffte den Anschluss, war mir aber gleichzeitig im Klaren, dass ich mehr als vier Semester vor mir hatte, um ein Diplom zu erlangen. Mit 23 Jahren fühlte ich mich zu unreif für diesen Studiengang und ließ mich nur zu gerne von Arthur manipulieren, mein Studium an den Nagel zu hängen und als ungelernte Kraft in der Kanzlei, in der er vor seinem Wirtschaftsstudium ein Praktikum absolviert hatte, auf seine Fürsprache hin zu arbeiten. Arthur fand es vernünftig, dass ich Geld verdiente, um mitzuhelfen, unsere gemeinsame Zukunft zu sichern.

Sein Denkmal stand auf hohem Sockel! Gerade mal 29 Jahre und schon Filialleiter unserer Hausbank, den Fuß in der Politik. Ein Bilderbuch-Schwiegersohn für Mama! Ein Überflieger für Papa! Was ist dagegen schon eine kleine Studentin der Psychologie mit der Ungewissheit überhaupt eine Anstellung zu bekommen?

Und heute?

Dass ein pensionierter Pfarrer sich einigen Semestern Psychologie hingibt, um seinem Ruhe- stand einen Inhalt zu geben, den Kontakt mit seinen Schäfchen zu wahren, kommt vor. Aber eine aus der Bahn geworfene Vorruheständlerin?

Vielleicht nahm ich einem jungen Menschen den Studienplatz, aber ich tat es nicht, um mich zu verwirklichen oder als Lückenfüllung für Langeweile, ich tat es, um zu überleben. All diese Gedanken schmiss ich einfach über Bord, ließ mich fallen und genoss das Gefühl, mit jungen Menschen jung zusammen zu sein, ignorierte meine sechzig Lenze, erlebte grenzenlose Freiheit. Meine jungen Kollegen waren mir in Bildung und Wissen voraus, ich hingegen verfügte über Lebenserfahrung. Wissenslücken stopfte ich mit Fleiß.

Mein Ehrgeiz und meine Pünktlichkeit zahlten sich aus, und diesem Umstand verdanke ich meinen heutigen Job.

An dem Tag, der mein Schicksal wenden sollte, war ich eine der Ersten, vielleicht war ich sogar die Erste, am Infobrett und las den Aushang der Redaktion eines nicht unbekannten Verlages. Eine Zeitschrift der Regenbogenpresse plante eine neue Sparte: Beratung mit dem Schwerpunkt „Sex und Alter“ und suchte eine(n) Mitarbeiter(in).

Flink wie ein Wiesel entfernte ich den Aushang, stecke ihn in meine Tasche und war am nächsten Tag vor Ort.

Ich kam, sah und siegte – aber nicht, weil ich so umwerfend jung und schön, sondern weil ich alt war, –  alt und nicht willig, alle Bedingungen widerstandslos hinzunehmen. Zu deutsch heißt das: ich arbeite zunächst für einem Hiwi-Lohn, und sollte das Ganze irgendwann stehen, würde man mir neue Bedingungen anbieten.

Ob ich bei der kirchlichen Seelsorge zum Nulltarif meine Zeit absaß oder schlecht bezahlt bei einer Agentur – blieb sich gleich. Man gab mir die Zeit, das Semester zu beenden, und dafür könne ich in meinem Alter dankbar sein, war die Bemerkung, mit der mein zukünftiger Chef die Unterredung beendete.

Mit mulmigem Gefühl im Bauch, dunklen Schatten auf der Seele, Zweifel im Herzen, Wut auf mein beschissenes Leben, unter Liebes- und Sexentzug leidend kippte ich mir vor dem Fernseher eine Flasche Wein in meinen leeren Magen, wankte gegen Mitternacht ins Bett und schlief wie ein Stein einem fraglichen Morgen entgegen.

Bei mir steigerte sich die Trauer um die verloren gegangene Zweisamkeit ins Unermessliche. Wenn ich schon nicht haben konnte, was ich begehre, nicht leben konnte, was mir Spaß macht, so wollte ich mit meiner neuen Tätigkeit wenigstens anderen älteren Menschen eine Stütze sein, ihre sexuellen Nöte ernstnehmen sowie ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Was also war verwerflich an meiner gewerbsmäßigen Tätigkeit?

–  Meine Kinder fanden es amüsant. –  Mein Ehemann stand nur kopfschüttelnd daneben. –  Meine Freunde von einst hatte der Nebel verschluckt.

Und ich kam aus dem Dunkel ins Licht!

Irgendwann und irgendwo, in meiner tiefsten Verzweiflung, die ich durch Lesen und Meditieren auszugleichen versuchte, las ich die Zeilen:

Lass Vergangenes nicht das Heute diktieren, aber lass es dir ein Ratgeber sein.

Vergangenes war nicht mehr zu ändern, das Heute erleben und für Zukünftiges gerüstet sein aus der Erfahrung von gestern.

Betrachten wir Sexualität unter Vermeidung der Begriffe „alt“ und „jung“. In der Zeit der Fortpflanzung zur Erhaltung der Art müssen wir mit der ersten einschneiden- den Diskrepanz fertig werden: Während der männliche Partner mit Anfang zwanzig, sexuell sehr stark inspiriert, nach Aktivität verlangt, erreicht der weibliche Körper zirka zehn Jahre später diese Phase, ist aber bereits schon in etwa fünfzehn Jahre zuvor fortpflanzungsfähig.

Ihre Kinder bekommen Frauen in Regel zwischen zwanzig und dreißig – je nach Ausbildung, Beruf, geplanter und ungeplanter Schwangerschaft – mal früher, mal später.

Nehmen wir zur Verdeutlichung ein Alter von 25 Jahren an. Wir erleben nicht selten bei Frauen nach einer Schwangerschaft und Geburt eine unerklärbare Abneigung gegen Sex. Es kommt zu Disharmonie. Der männliche Partner wünscht sich, nach der Zeit der Rücksicht- nahme, sehnlichst eine Vertiefung in der Auslebung seiner Fantasien, begehrt den Körper seiner Frau stärker als das neugeborene Kind, seinem Fleisch und Blut, dem er spontane Freude und Glücksgefüh entgegenbringt, mit dem er aber erst zusammenwachsen muss. Eine neue, andere Liebe kam in sein Leben, die sich mit jedem Tag festigt. Die Liebe zu seiner Frau hingegen währt schon über Jahre, hat sich aus dem sich Kennenlernen, der Annäherung, dem Erlebten entwickelt und verlangt nach Körperkontakt und Freude durch Sexualität.

Hier wie da spielen die Hormone verrückt.

Und später, wenn der weibliche Körper die Produktion von Hormonen, anstatt wie beim Mann sie allmählich zu drosseln,  –  abrupt herunterfährt, fallen wir in das nächste Loch. Noch gestern spürten wir volle sexuelle Begierde, wünschten uns insgeheim einen jüngeren, aktiveren Partner und brechen nicht selten, wenn auch heimlich, aus, um uns zu holen, wovon wir glauben, dass es uns zusteht.

Zwischen Mitte 30 und Ende 40 sind Frauen so sexgeladen, dass sie die Welt aus den Angeln heben könnten. Und gegen Ende 40 / Anfang 50 stehen sie voll im Entzug. Der Körper rebelliert. Die Schöne und das Biest Wechseljahre streiten um die Gunst der Hormone.

Erfahrung, Angelesenes, Gelehrtes – mit diesem Fundament nahm ich meine Arbeit sehr ernst, und „Frau Ursula “ war geboren.

Die Flut der Anfragen überstieg meine Seite in der Zeitschrift bei weitem, so dass ich mit Genehmigung der Geschäftsleitung telefonische Beratung unter einer kostenpflichtigen Hotline mitanbieten durfte. An dieser Regelung verdienten wir beide, und ich war für den Verlag kein reiner Kostenfaktor mehr.

Der Leopard leckt alle seine Flecken, die schwarzen wie die weißen“ ,sagt ein afrikanisches Sprichwort. Und genau das werde ich tun. Ich achte meine schwarzen Flecken und liebe meine weißen Flecken.

 

 

Kapitel 25

 

Und sie kamen alle zu meiner Geburtstagsfeier, brachten Geschenke, Blumen, Glückwünsche und Küsschen hier, Küsschen da. Ein charmanter Arthur, liebenswerte Kinder, höfliche Schwiegerkinder und zwei süße Enkelkinder schmolzen das Eis der letzten Epoche.

Wir saßen so fröhlich beisammen und hatten einander – so lieb. Dann schwebte ein Engel mit Namen Herbert herein, bedächtig langsam schreitend, etwas zittrig, ohne Stock, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, einer Rose in der Hand und tausend tanzenden Glüh- würmchen in den Augen. Galant küsste er mir die Hand „Nimm meine besten Wünsche zu deinem Geburtstag und gewähret einem armen Behinderten eine kurzes Stündchen in eurer Runde.“ Wer konnte da schon widerstehen? Mein Enkelsohn zu meiner Rechten, mein Sohn zu meiner Linken! Ich entschied mich für meinen Enkel und gegen meinen Sohn. Ein wenig verlegen räumte er das Feld und bot unserem Gast seinen Stuhl an, den dieser als selbstverständliche Geste gerne annahm.

Ich genoss einen in die Länge gezogenen Augenblick die Verwirrung meiner Familie und stellte ihnen Herbert als lieben Freund vor.

Mochten sie denken, was sie wollten. Meine Gedanken, hinter meiner Stirn verborgen, hatten längst eine Entscheidung getroffen.

Pünktlich, eine Stunde später entschwebte der Engel in einer irdischen Taxe.

Ohne nachzuhaken, meine betonte Nettigkeit Arthur gegenüber in sich aufsaugend, verabschiedeten sich die Kinder nacheinander, so dass Arthur und ich übrig blieben.

Optisch gesehen, ein schönes Paar! Keine Diskussionen, kein Streit und keine Schmetterlinge im Bauch. Arthur präsentierte sich in einem für mich vollständig neuem Licht, bat den Ober – zu meiner totalen Verwunderung – um die Rechnung, rundete den Abend mit einem Glas Champagner ab und brachte mich nach Hause. Brav und artig sagte ich danke, küsste ihn auf die Wange und wir verabredeten uns für das übernächste Wochenende, um eine Klärung herbeizuführen. Und genau so sagte ich es am nächsten Tag den Kindern.

Was Arthur bewegte, weiß ich nicht zu sagen. Was mich anging, würde ich die Zeit nutzen, mich juristisch schlau zu machen und mir ein Konzept zu erarbeiten, um eine Wende einzuläuten.

 

 

Kapitel 26

 

Bei Renate fand ich Gehör, ihre Nähe tat mir gut, und wir verbrachten auch außerhalb der Redaktion Zeit miteinander, saßen abends im Biergarten, gingen ins Kino, fuhren an den Rhein, klönten und hofften beide auf den Prinzen, der er uns im Cabrio entführte.

Sie war es auch, die mir den Rat gab, meinen Klienten für den Fall aller Fälle so ganz beiläufig meine private E-Mail-Adresse zu geben. Anne war die erste Klientin, die mein Vertrauen genoss, die mich brauchte und mit der ich außerhalb der Hotline korrespondierte.

Für Anne arbeitete ich an einem Konzept, band sie in die Ausarbeitung mit ein und hatte erreicht, dass auch ihre Familie nicht mehr außen vor war. Wir waren übereingekommen, medizinische Tests und ambulante Besuche vorerst auszuklammern. Demenz ist keine Wunde, die ärztlich versorgt werden muss. Demenz ist eine Veränderung der Gehirnstruktur, der wir Rechnung tragen, in dem wir die Bereiche aktivieren, die wir erreichen können. All das, was Anne Freude bereitete, was ihr spontan einfiel, worüber sie, ohne viel nach- zudenken reden konnte, versuchten wir zu bestärken und dabei gleichzeitig für sie Neues einzuflechten, den Lernprozess in Gang halten.

Ausgelöst durch mein gedankenloses Betrachten der Bahnhofsuhr auf meiner Berlinreise, dem Spiel mit den Zeigern, ist es zehn nach zehn – oder durch die Scheibe gespiegelt zehn vor zwei?

Darauf ließ sich aufbauen. Ein weiteres Spiel war Mikado, geschickt Stäbe aufnehmen und als Erfolg verbuchen.

In Anlehnung an Memory- und Ratespiele fertigte ich ein Kartenspiel, das sich steigern ließ, bei dem mit jedem Spielzug mindestens ein Treffer erzielt wurde, um jeweils ein Erfolgserlebnis zu haben.

Für Anne ein Partner, ein Freund, eine Freundin zu sein und nicht ihr Schulmeister war die Voraussetzung für Vertrauen aufzubauen, auf Erfolg zu hoffen.

Einsamkeit und Isolation, ein schleichendes Gift! Dem entgegenzuwirken durch Geselligkeit, Späße machen, lachen, sich beschäftigen, malen, tanzen, singen, neue Tätigkeiten einbringen, üben, ein offenes Haus, einfühlsame Therapeuten sollte längst in unserer Gesellschaft verankert sein. Wir werden nun mal älter, und unsere Regierung operiert in fremden Gewässern, während sie die Bedürftigkeit vor der eigenen Haustür oftmals nicht hinten anstellt.

 

 

Kapitel 27

 

„Guten Abend, Sie sprechen mit Ursula.“ „Guten Abend, ich bin neu und ich möchte mich bei Ihnen unter dem Namen Zita melden.“ „Hallo Zita, schön, dass Sie anrufen. Wir kann ich Ihnen weiterhelfen? Was kann ich tun?“ Helfen kann mir nur der liebe Gott. Ich brauche einen Menschen zum Zuhören sonst platzt mir der Schädel, zerspringt mir das Herz, weint sich meine Seele zu Tode. „Ist es wirklich so schlimm?“

„Noch viel schlimmer!“

„Zita, ich stelle die Uhr auf 15 Minuten ein, Sie reden einfach darauf los, ich höre zu, und nach Ablauf der Zeit sehen wir weiter. Nur Mut, ich kenne das Leben, kenne Sorgen und Nöte, kenne Glück und Freude, Verzweiflung und Mutlosigkeit.“

„58 Jahre ist her, und doch kommt es mir vor, als sei es gestern gewesen. Ich war zwölf, noch ein Kind, keine Spur von Busen oder Pickeln. Wir waren auf Klassenfahrt. Bei unserer Anreise im Schullandheim befand sich eine andere Schulklasse im Aufbruch. Älter als wir und streitlustig machten einige Randale. Keine Ahnung, um was es da ging. Ich schaute rüber und sah in himmelblaue Augen, und im Bruchteil einer Sekunde signalisierten mir mein Gehirn, mein Herz, meine Seele: Wenn ich einmal groß bin und heirate, muss er so aussehen!“

Er sah zu mir hoch, wirkte leicht verlegen, und ich schwebte auf Wolke sieben.

Ich war selig, wenn ich ihn sah, und litt, wenn ich ihn nicht sah. Er war in meine Seele eingedrungen wie ein Virus, breitete sich in mir aus, ergriff von meinem ganzen Ich Besitz. Er war mein Schatten, mein Licht, mein Denken, meine Freude, mein Leid.

Ich wurde 13, ich wurde 14, 15, bekam Formen und Rundungen und sah nur ihn, und ich spürte ihn noch, bevor ich ihn überhaupt sah. Und wurde er in meiner Gegenwart hin und wieder – zufällig (? ) – verlegen, fühlte ich mich geradezu in einen Rauschzustand versetzt.

Sobald ich ihn später mit einem Mädchen sah, zog sich mein Herz zusammen, mein Atem stockte, und ich heulte wie ein Schlosshund.

Sobald ein Junge nur den Versuch machte, mich anzubaggern, sagte meine innere Stimme „Stopp, das geht nicht!“

Ich hing in der Warteschleife. Ich wurde süße 16, süße 17, dann kam es zu einem kleinen Date. Er nahm mich in den Arm und berührte mit den sanftesten Lippen der Welt meine Wange. Mein Herzschlag drohte auszusetzen. Ich löste mich aus dem Paradies und rannte davon – hinaus in die Nacht. Wann und wie ich nach Hause kam, bleibt mir ein ewiges Rätsel.

Ich wurde 18 und ich wurde 19. Ich wusste, ich konnte niemals die Seine werden. Der Gedanke an Zärtlichkeit, an einen simplen Kuss versetzte mein Blut in Wallungen. Und mit ihm intim zu sein, mein Herz würde zerbersten, es würde aufhören zu schlagen. Ich würde sterben!

Hinzu kam Eifersucht. Schon der Gedanke, ihn beim Frisör zu wissen, ihn abzugeben an Sport, Freunde, Beruf, Alltag verursachte unvorstellbare Albträume.

Mit 20 war mir klar, um diese Liebe leben zu können, verlangte es nach Alter und Reife. Erst wenn ich in der Lage sein würde, zu genießen, was mir geschenkt wird, keine Ansprüche zu stellte, einfach nur glücklich und dankbar das Geschenk der einzigen großen Liebe bedingungslos anzunehmen, bestünde eventuell die Chance auf Gemeinsamkeit.“

„Stopp, Zita, sorry, ich muss unterbrechen, auch wenn ich Ihnen noch Stunden zuhören könnte. Wie wollen wir es halten? Sind Sie mit einer Woche Pause einverstanden? Nächste Woche Freitag, um die gleiche Zeit? Ich freue mich!“

Wow! Das will erst einmal verdaut werden. Und warum kommt das Ganze nach 50 Jahren wieder hoch? Ich horchte in mich hinein, suchte nach meinen Gefühlen, rief mir meine erste Verliebtheit ins Gedächtnis zurück. War ich je so zu tausend und abertausend Prozent vergeben? So ausschließlich zu fühlen, sich verbunden fühlen, war das die große Ausnahme?

Natürlich war ich in Arthur verliebt, fieberte allem Neuen entgegen, fand mit der Zeit Gefallen an körperlicher Zärtlichkeit, und als er mir einen Antrag machte, war es selbstverständlich, dass wir heirateten. Ich fand es wahnsinnig aufregend, Braut zu sein, ein eigenes zu Hause zu haben, Kinder zu bekommen. Und ich konnte meinen Eltern entrinnen. Sie hatten mir nichts mehr zu sagen. Keine Vorschriften mehr, keine Kontrollen, Gehorsam ade! Ich glaube, eigenständig zu sein, war mir das größte Bedürfnis.

War es die Erziehung meiner Generation, die uns aus dem elterlichen Umfeld drängte? War es die Tradition, Frau und Mutter zu sein, egal zu welchem Preis?

„Wo man hingestellt wird, hat man auszuharren“, war der Leitspruch meiner Schwiegermutter, um von vorneherein die Fronten zu klären.

 

Alles Grübeln schadete meinem Zeitplan. Ich sorgte mich um Pit und rief meine Emails ab.

Nichts von Bedeutung und keine Nachricht von Pit. Sollte ich ihm schreiben? Ja! Ich schrieb ein paar unverfängliche Zeilen, fragte nach seinem Wohlergehen und seinen Plänen. Er sollte wissen, dass ich mich um ihn sorgte, dass meine Gedanken bei ihm waren.

Nach Plan erwartete ich den wilden Kurt.

„Guten Abend, Sie sprechen mit Ursula“ „Und hier ist Kurt. Wir sind für heute verabredet.“

„Hallo Kurt, ich habe Sie erwartet, und ich freue mich über Ihren Anruf, denn er bringt Hoffnung, Ihre Beziehung zu erhalten, ihr ein tragendes Fundament zu geben. Darf ich nach Ihrer Frau fragen?“

Ich durfte, und was ich hörte, machte mich stolz. Kurt hatte die vergangenen vier Wochen genutzt, um Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Die Eheleute übten sich im Rollen- tausch. Kurt lernte zuhören und seine Frau, sich zu festigen.

Eine eingefahrene Karre auf eine andere Spur zu lenken, ist keine einfache Sache. Dreißig Jahre Unterdrückung waren nicht in vier Wochen zu überwinden. Aber Kurt war willig, einsichtig oder aus Angst, verlassen zu werden, stimmte er einer Paartherapie zu.

Für Kurt und seine Frau konnte ich via Telefon nichts tun. Die beiden gehörten in Profihände. Voller Zuversicht und mit einem guten Bauchgefühl verabschiedete ich die Eheleute Kurt und Karola, zwei K auf dem Weg einer Wandlung.

Der Rest des Abends war meinem Papierkrieg gewidmet. Es mochte die schwierigste Entscheidung in meinem Leben sein, die anstand. Eine Entscheidung mit mehreren Für und ebenso vielen Wider, eine Abwägung pro und contra, die sich unwiderruflich auf den Rest meines Lebens auswirken würde. Eine endgültige Entscheidung, eine Straße ohne Wiederkehr. Und ich musste die Entscheidung selbst, aus freien Stücken, ohne Beeinflussung, treffen.

Arthur wirkte auf mich, als umgebe ihn eine Tarnkappe. Er verhielt sich wie ein Holzklotz, ein Stück Metall, eine Glocke, die auf Berührung Töne hervorbringt und im Ruhezustand stumm in den Seilen hängt.

Meine Kinder waren verdächtig liebenswürdig, besorgt und zählten auf meine mütterlichen Verpflichtungen. Da war es wieder, das gewichtige Wort Verpflichtung!

 

 

 

Kapitel 28

 

Eine E-Mail von Hannah, Herberts Tochter, sorgte für Aufschub in meinem Ehewirrwarr.

Hannah erwies sich als Partnerin in Sachen Kooperation mit dem Schwerpunkt Umfeld bei Demenzerkrankung. Durch Hannahs Impuls bewegten wir uns plötzlich auf einer ganz anderen Ebene. Sie legte mir ein ausbaufähiges Trainingskonzept im Kampf gegen das Vergessen vor. Durch ihre Kontakte zu verschiedenen Reha-Zentren, in Gesprächen mit Psychologen, aufgrund von Besuchen in Altenheimen und Recherchen im Internet gelang es ihr, ein beachtliches Konvolut an Material zusammenzutragen. In tagelanger Kleinarbeit verwarfen wir, ordneten neu, veränderten, brachten eigenes ein, und Hannah holte einen professionellen Programmierer, einen jungen Kollegen, ich würde sagen ein ewiger Student, hoch intelligent, in den Kreis der Erfinder, wie sie uns spaßeshalber nannte.

Ich ersetzte den Begriff Erfinder durch Sucher. Sucher, das waren wir. Erfunden hatten unsere Gene die Krankheit, und alle Welt sucht nach der Ursache bzw. Hilfe, wohlwissend, dass Heilung in weiter Ferne lag.

Hannah nahm Kontakt zu Annes Familie auf. Sie bezog Anne, deren Ehemann und deren Kinder mit ein. Und Hannah kooperierte mit dem Caritas-Verband.

Mir schien das Ganze über den Kopf zu wachsen. Was hatte ich da angerichtet, glaubte ich doch mit ein paar Vorschlägen, Kartenspielen und einer Bahnhofsuhr in den Demenzverlauf eingreifen zu können. Verzweiflung packte mich, Albträume gaukelten mir schreckliche Zerrbilder vor, so dass ich mehrmals schweißgebadet aufwachte. Einerseits hielt ich es nicht mehr aus, und andererseits war das Ganze schon zu weit vorangetrieben, um es Knall auf Fall stoppen zu können. Schweren Herzens und von Reue geplagt vertraute ich mich den jungen Leuten an. Die Sache war mindestens zwei Nummern zu groß für mich, und ich fühlte mich zum ersten Mal alt und müde.

Hannah erkannte meine innere Not und die Angst, meine Anstellung bei dem Verlag zu verlieren, wenn die Aktion an die Öffentlichkeit gelangte. Ich hatte einen Vertrag unterschrieben, der mir Alleingänge nur in Absprache gestattete. Daniel, ihr Freund und Kollege blieb relativ passiv, er war für die Technik zuständig, alles andere musste ich mit Hannah klären.

Meine Seele war in Aufruhr, mein Leben schien aus dem Ruder zu laufen, wie sollte ich da anderen Menschen eine Hilfe sein?

War das ein Fingerzeig Gottes, damit ich zu Arthur und in den Schoß der Familie zurückkehre?

War mein Alleingang gescheitert, der Traum von Freiheit ausgeträumt? Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Und was tut frau mit einer alten Frau? Ein jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was des anderen ist. (Phil. 2,4.)

–   Was war das meine?

–   Was das der anderen?

–   Und wer waren die anderen?

Da waren meine Kinder mit ausgewachsenen Flügeln, dem Nest entflogen sowie mein mit Gottesbeistand gewählter Gatte, dem Gleichmut verfallen und mich in Transparenz versetzend.

Da waren meine Klienten, teils der Verzweiflung nahe, die mir das Gefühl gaben, gebraucht zu werden und mir meinen Lebensunterhalt sicherten, für den Fall, dass der mir zustehend Unterhalt durch meinen Ehemann auf der Strecke bliebe.

War es wirklich der materielle Wert, der mein Leben bestimmte?

War es nicht Trauer um eine verlorene Liebe, die mich von zu Hause wegführte?

War es der Wunsch, war es Dankbarkeit, dass es Gott gefiallen hat die mir vor einigen Jahren geschickte Krankheit auf Eis zu legen, mich sehend zu machen für Dinge, an denen ich achtlos vorüberging?

Wer ist aber der Mittler, der zugleich wahrer Gott und ein wahrer, gerechter Mensch ist?

„Herr, ich falte meine Hände und bete zu dir:

Mit dir, Herr, will ich den neuen Tag beginnen. Du lässt mich gestärkt aufstehen. Ich danke dir. Begleite mich und schütze meine Lieben. Ich freue mich auf diesen Tag und die Tage, die ich noch leben darf. Lass mir gelingen, was ich vorhabe, richte meinen Sinn nach deinem Willen aus. Hilf mir in jedem Menschen, dem ich begegnen werde, den Nächsten zu sehen, den du liebst. Lass mich in deiner Liebe bleiben, gib mir Aufmerksamkeit, Kraft und Geduld dazu. Amen“ Ich werde in Demut beten, prüfen und wägen. Ich werde mir juristische Beratung und Hilfe holen und mich entscheiden müssen.

Doch da war noch etwas. Da war Herbert, bewusst in die hinterste Ecke meiner Gedanken verbannt.

 

 

Kapitel 29

 

Die nächsten Tage waren sehr arbeitsintensiv. Mein Postfach quoll über, und ich war zur Verwunderung der Chefetage froh über den mir zugeteilten Praktikanten. Leonard schien ein feiner Kerl zu sein, so um die 45 schätzte ich, und wie er durchblicken ließ, ein Querein- steiger mit Vergangenheit.

Wir stellten uns einander vor, verhalten, nicht allzu viel von uns preisgebend, fachsimpelten, öffneten Brief um Brief, diskutierten Inhalt und spekulierten über Hergang oder Auslösung des sich eingeschlichenen Problems, bevor wir überlegten, in welcher Form und in wie vielen Schritten eine Hilfe möglich wäre.

Fünf bis sechs Leserfragen waren für die wöchentliche Ausgabe des Journals bestimmt, und die sollten ausgefallen und gewichtig sowie nicht minder interessant anmuten, um dem Leser einen Anreiz zu geben, uns zu kontaktieren. Der Rest ging an die Telefonhotline und sicherte unsere Vergütung.

Gegen 14 Uhr räumte ich meinen Schreibtisch auf, trug die Post, die ich mit nach Hause nahm, in die Liste ein und gab Leonard den Code für den Zugang der noch gespeicherten, abgeschlossenen Vorgänge. So konnte er sich einlesen, sich eigene Schritte überlegen und Vergleiche anstellen. Ich erklärte ihm einige Funktionen des Arbeitsprogramms, Programmhilfen, wies auf das automatische Löschprogramm hin. Dann gab ich ihm meine Mobilnummer und freute mich ehrlichen Herzens auf den morgigen Vormittag mit ihm.

Kurz nach 17 Uhr klingelte Leonard mich an, erkundigte sich nach meinem Wohlergehen und lud mich zum kollegialen Kennenlernen auf ein Glas Wein ein. Zeit und Lokal bat er mich vorzugeben, da er neu zugezogen sei und sein Umfeld erst noch erkunden müsse.

Bis 20 Uhr war meine Hotline erreichbar, mein Magen fing bereits an mir Morsezeichen zu geben und pochte auf sein Recht nach einer vernünftigen Mahlzeit, zum Beispiel einem lecker zubereiteten Fisch beim Italiener. Den Gelüsten entsprechend übersetzte ich Leonard das Geknurre meiner Eingeweide, und wir verabredeten uns für 20.30 Uhr.

Guten Abend, Sie sprechen mit Ursula.“

„Guten Abend, und hier ist Ilse. Ich habe Ihre E-Mail bekommen und hier bin ich.“

„Sehr schön, liebe Ilse, und wenn ich noch eine Starthilfe von Ihnen bekomme, steht einem Plausch nichts im Wege.“

„Das ist nicht ganz leicht für mich, und ich musste mehrmals einen Anlauf und allen Mut zusammennehmen, um Ihre Nummer zu wählen. Wie üblich musste erst etwas Schreckliches geschehen, und so kam es auch.“

„Ich verstehe Ihre Ängste und kenne viele Sorgen, liebe Ilse. Ich sichere Ihnen meine Hilfe zu. Trauen Sie sich, lassen Sie die Ängste raus, schaffen Sie Platz in Ihrer Seele. Ich bin allein zu Hause, niemand kann uns hören.“

„Meine Enkeltochter klaut wie ein Rabe!“

„Huch, und was sagen die Eltern dazu? Wie alt ist das Mädchen, wer sind ihre Freunde?“

Dann bekam ich einiges zu hören und konnte die Not der Großmutter, die für ein Jahr die Verantwortung übernommen hat, eine Verantwortung, die in den Bereich der Eltern gehörte, spüren. Aber wenn Eltern ihre Eheprobleme auf die Schultern der Kinder legen, geraten diese unter der Last aus dem Gleichgewicht. Sie stolpern, straucheln, fallen. Die Wunden, die sie sich zuziehen, sind schwerwiegend sowie schmerzhaft und heilen nur schwer. Ein Prozess, der sich nicht selten über Jahrzehnte hinzieht, den Geschädigten oftmals ein ganzes Leben anhängt, Trauer über den Verlust eines Elternteils produziert und Bindungs- ängste auslöst.

Um dem Ganzen folgen zu können, beschränkte ich mich zunächst auf Fragen nach den Eltern, Alter, Beruf, Eigenarten, Merkmale aus der Vergangenheit und Veränderungen in j üngster Zeit. Auch kleine Details, selbst wenn sie diese für unwichtig hielt, konnten mir möglicherweise Aufschluss über das Verhalten des Kindes geben.

Eigentlich bot mein Service, für Senioren angedacht, Rat und Hilfe bei Partnerproblemen, Liebesnot sowie Trauerbewältigung, Entfremdung, Verzweiflung und Einsamkeit.

Sorgen mit Kindern und Kindeskindern gehörten in eine andere Sparte. Dennoch bekam ich immer öfter Post von Großeltern, deren anvertraute Enkelkinder, landläufig gesagt, ihnen über den Kopf wuchsen, sprich sie heillos überforderten.

Kalkulatorisch gesehen waren mindestens fünf Telefonberatungen je Klient angedacht. Eine wegen einer klauenden Enkeltochter verzweifelte Großmutter erfüllte nicht die mir vorgegebene Voraussetzung, und so versuchte ich hier wenigstens zwei bis drei Gesprächstermine auszuhandeln, um beide dann in die Hand professioneller Betreuer abzugeben. Für heute half mein Zuhören, meine Anteilnahme an ihrem Kummer der Klientin über die erste Not hinweg.

Einvernehmlich vereinbarten wir gleich zwei weitere Termine in relativ kurzem Zeitabstand, meinerseits mit Hinweis auf die anfallenden Kosten. So hatten wir beide am Ende unseres Gespräches ein Gefühl der Zufriedenheit.

Nach zwei weiteren Telefonaten mit vertrauten Klienten, ohne besonderen Tiefgang, war mein Tagesplan erfüllt und ich freute mich auf einen kulinarischen Abend in hoffentlich angenehmer Gesellschaft. Schauen wir mal, was der neue Kollege zu bieten hatte.

Über Geld spricht man nicht, man hat es oder tut so, als habe man es. Und mit so um die Mitte 40 sitzt Mann beruflich im Sattel oder Mann verändert sich oder Mann hat neben das Nest gelegt, sprich beruflich in den Sand gesetzt.

Leonard, Mitvierziger und Praktikant, gut gekleidet, manierliche Umgangsformen und ein spendabler Gastgeber, weckte meine Neugierde, die ich tunlichst verbarg. Eigentlich war er mir samt seiner Situation egal. Ich wollte gut essen, mich entspannen – mich am liebsten betrinken –, um Arthur und die ganze Mischpoke zu vergessen.

Ein bisschen gestifelter Kater – ein bisschen Pinoccio, schalkhaft auf der Lauer liegend – mich einschätzen bzw. testen und in eine Lade sortieren zu können, schien ihm nicht so recht zu gelingen.

Schauen wir mal, zu welchem Thema er sich durchringt. Beruf, privat, ein bisschen flirten oder schweigen? Wir könnten tanzen, an der Bar einen Absacker nehmen. Ich war zu fast allem bereit, denn ich hatte einen kleinen Schwips.

Von jedem ein Häppchen, verbrachten wir einen beschwingten und ungezwungenen Abend, und ich sah mich gehalten, nach einem flotten Rumba die Notbremse zu ziehen.

„Na, Kollegin, wie ist dein Urteil ausgefallen? Wirst du es eine Weile mit mir aushalten? Beruflich versteht sich!“ „Klaro doch! Privat betrachte ich dich eher als Zwitter!“

Der Vergleich war wohl nicht so passend, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meinem Gegenüber die Kinnlade runterfiel, und für eine Schrecksekunde herrschte Atemnot.

„Jetzt schau nicht so geschockt. Um mir ein Sohn zu sein, bist du zu alt und als Liebhaber zu jung. Fazit: Du liegst dazwischen, also ein Zwitter, nicht Fisch, nicht Fleisch, eher junges Gemüse. Ist das so schlimm? Keine Bange, zum Arbeiten geht es, das kriegen wir hin, und für den schönen Abend revanchiere ich mich, versprochen!“

Er fuhr das Kinn wieder hoch, seine Lippen hauchten einen zarten Kuss auf meinen Handrücken, und seine dunklen, geheimnisvollen Augen hatten die Schrecksekunde überwunden. Mit Sicherheit hatte ich etwas Falsches gesagt, aber ich mochte nicht  darüber nachdenken, der Wein vernebelte mir das Gehirn, und mein Bett verlangte nach mir.

Artig bedankte ich mich für den schönen Abend und freute mich auf den morgigen Arbeitstag.

Der bescherte mir vor dem Frühstück einen außerplanmäßigen Anruf von Herbert mit einer Option auf vier Tage Italien. „Schönes verbunden mit Nützlichem“, säuselte mir seine Stimme zu. „Liebling, komm ein bisschen mit nach Italien, komm ein bisschen mit ans blaue Meer. Man hat mir einen Termin vermittelt bei einer Choreophe, einem Hokuspokus in Italien, irgendwo in der Nähe von Bari. Bitte, komm mit, es soll eine traumhafte Landschaft sein, Antike und Moderne im Mischmasch, und es fällt vom Zeitplan her in Anfang Oktober, also die schönste Zeit, die Hitze weicht der milden Wärme. Und ich liebe dich.“

„Herbert, bitte zum Mitschreiben, ich bin keine 20 mehr, keine, die holterdiepolter den Rucksack packt und sich in ein Abenteuer stürzt.

Das geht mir alles zu schnell, und im Moment brechen gerade die Wogen über mir zusammen.

Ich habe einen Praktikanten bekommen, um den ich mich zu kümmern habe, am Wochenende muss ich die Weichen für meine Familie stellen, und morgen bin ich beim Anwalt. Mit deiner liebenswerten, hilfsbereiten Tochter stehe ich auch in einem Deal, und du möchtest mit mir nach Italien. Steht sonst noch etwas an?“

„Claudia, schalte in den Leerlauf und schmeiß den ganzen Krempel in eine Ecke. Das Leben währet 70 Jahre, und was darüber ist, kann von Übel sein. Hör auf, Hans Dampf in allen Gassen zu sein. Ich habe es begriffen!

Bitte denk darüber nach und melde dich bei mir, oder lass es bleiben. Ich liebe dich.“ Knack, aufgelegt. O mein Gott, was soll ich tun?

Leonard erwies sich als kompetente Verstärkung bei meiner Arbeit. Privat war er mir nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln, aber das war sein gutes Recht!

 

Kapitel 30

 

Die juristische Darlegung und angedachte Aufteilung unseres Vermögens sicherte mir den Lebensabend, und ich musste, wenn es zur Scheidung käme, bei Arthur nicht bis an die Schmerzgrenze gehen, was mir sehr wichtig war. Wenn wir uns scheiden ließen, wollte ich ihn nicht zerstören. Das wäre nicht fair ihm gegenüber, und es würde mich die Kinder kosten, die sich mit der Aufteilung unseres Vermögens sowie der flüssigen Geldmittel sehr schwer taten, und die Schuld für mögliche finanzielle Einbußen mir anlasten würden.

Jetzt kam es drauf an: Wollte ich zurück zu meinem Mann, und der Kuchen würde nicht zerstückelt und aufgegessen, oder wollte ich die mir noch verbliebene Zeit für mich nutzen?

Und Arthur? Konnte er sich einen Neubeginn mit mir überhaupt vorstellen, oder hatte er bereits eine für ihn wichtige Beziehung zu der neuen Frau an seiner Seite aufgebaut und hielt mich ein bisschen hin, um mir dann den Todesstoß zu versetzen und für sich die Genugtuung zu haben, dass er mich in die Wüste geschickt hatte, nachdem ich bei ihm zu Kreuze kroch?

Spekulationen! Schauen wir, was das Wochenende bringt!

Unser Teamwork im Bereich Recherchen bei Demenzerkrankung hatte ich bis auf weiteres an Hannah und Daniel übergebe, Anne mit Familie einbeziehend, so dass ich im Moment hier außen vor war.

Kopf hoch, Po in den Sattel, den Speer in der rechten und den Krug in der linken Hand, begab ich mich zum Brunnen, ohne mir im Klaren über mich selbst zu sein.

Ich mochte nicht, dass Arthur mich zu Hause abholt, was mir ein Gefühl von Abhängigkeit vermittelt haben würde. Um selbst zu fahren war ich zu aufgewühlt und so entschied ich mich für ein Taxi.

Sämtliche Telefone hatte ich seit Nachmittag auf den Anrufbeantworter umgeleitet. Ich konnte heute weder meine Kinder noch sonst jemanden ertragen – und schlaue Sprüche schon gar nicht. Ein Glück, dass meine Eltern nicht mehr lebten, meine Mutter würde mich gevierteilt haben.

Trotz aller Nervosität sah ich gut aus, als ich meine Wohnung verließ. Was waren schon 63 Jahre?

Mit exakt zehnminütiger Verspätung saß ich meinem Ehemann gegenüber, nahm die braune Kollegmappe mit der versilberten Schließe auf dem Stuhl liegend wahr, mein letztes Weihnachtsgeschenk an ihn, und war bis in die Haarwurzeln elektrisiert. Aktentasche bedeutete Unterlagen! Unterlagen verhießen Verhandlungen! Verhandlungen bedeuteten Kampf! Kampf hieß gewinnen oder verlieren – oder vergleichen!

Arthur wollte die (Ent-)Scheidung, war mich schlagartig klar! Ihm zuvorkommend spielte ich auf Zeit, wählte in gespielter Ruhe ein leichtes Menü und entschied mich für einen trockenen Weißwein. So harrte ich der Dinge, die da kommen würden.

Und die kamen nur sehr langsam in Fluss. Ich denke, ich hatte ihm die Strategie geklaut, und wenn wir nicht bis morgen hier sitzen wollten, musste jemand mal anfangen, und das sollte er sein. Als sein Handy klingelte, kam es zu ersten Anzeichen von Nervosität. Die Erlösung nahte, und ich wusste, ich hatte gewonnen!

Meine Vermutung war richtig, Arthur wollte die Scheidung!

Wir verglichen unsere Vorstellungen in der Hoffnung, besondere Härten vermeiden zu können und waren uns im Großen und Ganzen einig. Die Feinarbeit war Sache unserer Anwälte.

Erleichtert verließen wir den Tatort, an dem unser Krimi, mit oder ohne Leichen im Keller, seinen Anfang genommen hat.

Den Sonntagvormittag verbrachte ich Bett, hörte Musik, ignorierte mein Telefon und fühlte mich so leer, als habe ein Chirurg meinem Körper die Eingeweide mitsamt Gehirn entnommen.

Den Nachmittag nutzte ich für einen langen Spaziergang, genoss den einsetzenden, reinigen- den Regen, und als sich gegen Abend erstmals ein Hungergefühl bei mir einstellte, spürte ich, „es  geht aufwärts“.

Montag meldete ich mich krank und für Dienstag war ein Meeting angesetzt.

Der Verlag, wie konnte es anders sein, musste sparen. Natürlich sollte es keine Entlassungen geben, und es machte sich optisch besser, wenn ich aus der Festanstellung, die aus einem Minimalfixum besteht herausging und meine, ach so sehr geschätzte, Tätigkeit als freie Mitarbeiterin weiterführte. Reine Augenwischerei, so konnte ich von einer zur anderen Minute wegorganisiert werden.

Die Umstrukturierung stand zum nächsten Quartal an!

Widerstand zwecklos!

Ich nickte zustimmend und entschuldigte mich: „Meine Arbeit ruft.“

„Stopp, noch einen Augenblick bitte.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, ich möchte Ihnen eine Erweiterung in der Chefetage vorstellen: Herr Leonard Pitrella, mit dem sie bereits auf die eine oder andere Art zu tun hatten, ist in den Verlag eingestiegen. Leonard Pitrella wird die einzelnen Abteilungen kontaktieren. Sehen sie in ihm einen Kollegen, öffnen sie sich ihm, bringen Sie Vorschläge ein, wenn es ihrer Meinung nach irgendwo klemmt, wo wir eventuell einsparen können. Und bei allem, was sich sonst noch positiv verändern ließe. Danke!“

Mein Hiwi Leonard? O mein Gott, bin ich in einem Krimi oder auf Arbeit? Mein Puls schoss in die Höhe und der Blutdruck sank in den Keller. Meine Waden krampften und mir war speiübel. Unter Schock stellte ich direkt einen Urlaubsantrag für die dritte und vierte Oktober- woche.

„Man muss das Gute erkennen, um es von Schlechtem zu unterscheiden.“ Eine kluge Redewendung, von wem auch immer.

Gut war, dass mir quasi einige Wochen, vielleicht auch Monate blieben, die Weichen der letzten Etappe meines Erdendaseins zu stellen, meine Finanzen zu regeln, eine vorletzte Bleibe, vielleicht schon altersgerecht zu suchen und die Endstation anzupeilen. –  Dann fällt eins nach dem anderen, manch süßes Blatt dir ab, und heiter kannst du wandern gen Himmel durch das Grab -. Amen!

Was sollte das? Hatte ich mich vor sechs, und bald werden es sieben Jahre sein –  ins Leben zurückgekämpft, OP, Chemo, Bestrahlungen ertragen, um jetzt aufzugeben? Die Krankheit ließ mir keine Wahl, sie war da, spielte ihre Macht aus, forderte mich zum Duell, und mein Herz war leer, war rein, und ich legte mein Wohl und Wehe in Gottes und die begnadete Hand eines Chirurgen sowie in die Erfahrung der Chemiker und Strahlenfachleute, dankte meinem Schutzengel und betete: Und die Liebe ist die größte unter allen, bewahre mein Herz in Christi Namen.

Ich sah so viel Leid und weinte um Menschen, die ich zuvor nicht einmal gekannt hatte, die von der Krankheit gezeichnet, jung, verzweifelt, das Herz mit Hoffnung vollgepumpt nach jedem Strohhalm griffen.

Soll das alles umsonst gewesen sein?

Danken und beten war mir geblieben.

Weltuntergang im Herzen und Krieg im Kopf. Einer würde gewinnen!

Arbeit bedeutete Segen, Kämpfen, Konflikte verschieben. Arbeit verlangte nach Ordnung, Disziplin, Anpassung, und genau das alles brauchte ich – hier, heute und jetzt. Bedauern konnte ich mich später.

Als Leonard mein Büro, besser gesagt unser Büro, betrat, dachte ich, er würde seinen Schreibtisch räumen, eine Abteilung weiter ziehen, sich bei mir entschuldigen und mich von seiner Anwesenheit befreien.

„Entschuldige, Claudia, sieh es einfach als das, was es ist. Ich mag dich, die Art, wie du auf die Leser zugehst, sie spüren lässt, dass du für sie da bist, ihnen Hoffnung schenkst, Licht in ihr Dunkel bringst. Die Leser brauchen das und ich würde dich gerne weiterhin hier an deinem Schreibtisch wissen. Und, wenn du erlaubst, werde ich dich unterstützen. Ich schätze den Dialog mit dir.“

„Ist schon o.k.! Nur, jetzt bin ich der Zwitter! Ich weiß nicht, mit dir umzugehen. Eigentlich sollte ich dich siezen. Gib mir eine klare Vorgabe! Und mit der Kündigung bin ich einverstanden.“

„Die Kündigung ist eine Formsache, und wir sollten, wenn es dir genehm ist, bei unserem vertrauten Du bleiben. Ich werde dich während deines Urlaubs vertreten, natürlich nur, wenn du einverstanden bist.“

Ob das Blitzeis so rasch taut, musste sich erst erweisen. Wir teilten die eingegangene Post auf, suchten für die nächste Ausgabe passende Fragen heraus, beantworteten diese, riefen E-Mails ab, und ich nahm zwei für mich hoch interessante Problemfälle mit nach Hause.

Leonard hatte sich an einem verwundeten Bundeswehrsoldaten festgebissen und recherchierte im Internet.

Unser Klientel streute in alle erdenklichen Richtungen. Irgendetwas schien in unserer Gesellschaft falsch zu laufen. So cool, wie wir tun, sind wir nicht. Also tun wir cool und ersticken unsere Seele.

Warum meldete Pit sich nicht? Es war dumm und nachlässig von mir, dass ich ihm nur meine Hotline zur Verfügung gestellt hatte. Ich hätte spüren müssen, dass hier eine Ausnahmesituation gegeben war.

Pit war so verzweifelt, den Tod ständig vor Augen und die Sehnsucht im Herzen. Sehnsucht nach Liebe und Wärme, das Verlangen nach Zärtlichkeit, den Wunsch in den Arm genommen zu werden. Er wollte Leben spüren, Frieden mit sich und den Seinen schließen.

„Lieber Gott, gib ihm ein Zeichen.“ Er würde meine Rubrik lesen. Dessen war ich mir sicher. Ich selbst musste ihm ein Zeichen senden. Ich besprach mich mit Leonard, und wir setzten bei der nächsten Ausgabe vor die erste Leserfrage einen Aufruf an Pit. Und wenn es sein müsste, schalteten wir einen Notruf – zwei, drei oder vier Ausgaben hintereinander. Ich wollte Pit finden.

Ein Jahrmarkt ist nichts gegen das Chaos, das ich durch den Ausstieg aus meinen geordneten Verhältnissen angerichtet hatte. Meine Kinder schmollten, mein Ehemann entschwebte auf einer rosaroten Wolke, Herbert humpelte durch die Warteschleife, Hannah und Daniel hatten Blut geleckt, Leonard schlug Wurzeln in meinem Büro, Eierkuchen war auf dem Weg nach Afghanistan, Renate spielte mit dem Gedanken, die Kantine aufzugeben, und in meinen immer wiederkehrenden Albträumen ging ich endlose Umwege, weil mich der direkte Weg zum Ziel in panische Angst versetzte.

Und, wenn mir jetzt noch einer sagt, ich sei schuld am VW-Skandal oder am Austritt Englands aus der EU, dann stürze ich mich in eine Gletscherspalte und erfriere, auf dass mich ein Eisbär frisst, der von einem Eskimo erlegt wird und mit der Jagdbeute (also mir) den Fortbestand seiner Sippe sichert.

 

Kapitel 31

 

Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“ Hier spricht Zita.“

„Liebe Zita, Sie wissen schon, dass Sie heute nicht auf Termin sind, und ich bin freigeschaltet und erwarte meinen nächsten Anrufer. Ich gebe Ihnen ausnahmsweise meine E-Mail-Adresse. Nehmen Sie sich die notwendige Zeit, schreiben Sie sich Ihre Nöte von der Seele. Erzählen Sie mir alles was Sie bedrückt, das hilft. Ich melde mich bei Ihnen, und wir bleiben in Kontakt.

Und seien Sie versichert, liebe Zita, im Grunde meines Herzens beneide ich Sie. Ich beneide Sie um das Glück, auserkoren zu sein, die einzige, überdimensionale, unvergleichbare Liebe kennengelernt zu haben, die alles überdeckenden, nicht erklärbaren Gefühle, ausgelöst im Bruchteil einer Sekunde, und diese Liebe zu sehen, sie zu fühlen, in sich aufzunehmen, mit ihr zu entschweben, sich in Regionen zu bewegen, die nur ganz wenigen vorbehalten sind, Zita, dieses Glück ist jedes Opfer wert. Seien Sie mir nicht böse, ich muss auflegen.“

Diese alternde Frau straft alle Regeln Lüge.

Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

Und hier ist Anne.“

„Meine liebe Anne, ich grüße Sie. Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen?“

„Dank Ihrer Hilfe und der Kontaktherstellung zu Hannah und Daniel, der Einbindung meiner Familie und vor allen Dingen meines Einbringens in die Arbeitsgemeinschaft geht es schon besser. Das Erlernen und Akzeptieren der krankheitsbedingten Veränderung, die neue Herausforderung, all das wird mir, so hoffe ich, gut tun und mir helfen mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Hannah überhäuft mich mit E-Mails, ich habe schrecklich viel zu tun.“

„Anne, das ist wunderbar. Bleiben Sie am Ball! Hannah erschließt alle möglichen Wege. Zurzeit steht sie mit einer Forschungsgruppe in Stockholm in Verbindung. Anne, wenn Ihnen danach ist, rufen Sie mich an. Freud und Leid tragen sich besser gemeinsam.

Grüßen Sie Ihre Familie. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Anne in guten Händen zu wissen beflügelte mich in meiner Arbeit. Leonard lag mit seiner Beurteilung meiner Arbeit richtig. Was ich meinen Klienten gebe, bekomme ich um ein Vielfaches zurück.

Vergesslichkeit im Alter schreckt uns alle, und wir klammern uns an Infos über Forschungsergebnisse aus aller Welt.

Ein Beispiel: In Magdeburg und London glaubt man sich einen wesentlichen Schritt in der Frage, was den Abruf aus dem Speicher des Kurzzeitgedächtnisses verhindere, näher. „Wir können uns vorstellen“, so die Forscher, „dass mit Hilfe eines implantierten Impulsgebers eine wesentliche Verbesserung für die Betroffenen erzielt werden könnte“.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Guten Tag, ich bin Karola, die Frau von Kurt. Wir hatten vor einigen Wochen ein Gespräch, was mein Mann zum Anlass nahm sich bei Ihnen auf ungehobelte Weise zu melden.

Es wurde inzwischen eine Menge Porzellan zerschlagen, und Kurt bewegte sich einige Male am Rande der Handgreiflichkeit, kriegte sich nur in letzter Sekunde noch ein und trollte sich dann wie ein begossener Pudel.

Ich gehe davon aus, dass Kurt nochmals mit Ihnen gesprochen hat. Auf alle Fälle war er willens eine Eheberatung aufzusuchen. Danke, wenn Sie es waren, die ihn dazu bewog. Die Gespräche haben mir sehr gut getan. Heute glaube ich zu wissen, wo ich gefehlt habe und dass mein mir anerzogenes passives Verhalten Kurt das Zepter in die Hand gab.

Erlauben Sie, liebe Ursula, dass ich ausnahmsweise an mich denke. Ich glaube, ich werde noch  Hilfe und Zuwendung nötig haben, um zu mir selbst zu finden – um selbstständig bestehen zu können.

Auch ein später Schlussstrich beendet Seelenqual. Aber noch fehlt mir der Mut, den Schlussstrich zu ziehen!“ Mein Verstand gab Karola Recht, doch mein Mund formulierte Worte der Nachsicht und empfahl, sich weiterhin in professionelle Hände zu begeben und nichts zu übereilen. Wir vereinbarten eine Pause von vier Wochen und legten unmittelbar einen neuen Gesprächs- termin fest.

Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann lässt du den Schatten hinter dir“, wollte ich Karola gerne noch gesagt haben, doch ich mochte sie weder beeinflussen noch bestärken. Sie musste ihren Jakobsweg selbst gehen.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Guten Tag, und hier spricht ein liebeskranker Mann, von Sehnsucht nach der Frau seines Herzens gepeinigt, mit dem Wunsch, ihr die Welt zu Füßen zu legen und sie auf einen Wochentrip nach Italien einzuladen. Doch sie hüllt sich in Schweigen. Liebe Ursula, was soll ich tun?“

„Lieber Anrufer, das ist sehr tragisch! Wenn Ihr werter Name zufällig Herbert wäre, könnte ich Ihnen unter Einbeziehung meiner hellsichtigen Fähigkeiten sagen, Sie werden erhört! Buchen Sie die Reise, Ihre Angebetete sitzt auf gepacktem Koffer.

Na, was sagst du dazu? Du lieber Mensch, ich komme mit dir, und ich freue mich auf die Zeit mit dir. Und jetzt raus aus der Leitung. Wir telefonieren später.“

„Ich liebe dich.“

Ich mochte diesen optimistischen Spinner. Irgendwie mochte ich ihn sogar sehr. Aber Liebe? Mein Herz flattert im Wind, mein Körper sehnt sich nach Zärtlichkeit und meine Seele schreit danach geliebt zu werden.

Geben wir den Dingen Raum.

Meine beiden Ältesten haben ihre eigene Familie, Ela hat sich für ihren Vater entschieden, fetzt sich mit Arthurs Freundin und pendelt zwischen London und Genf.

Mein Anwalt brütet über den Scheidungsunterlagen, und ich habe, ohne es begründen zu können, meine kleine, bescheidene Wohnung zum 31. Januar kommenden Jahres gekündigt. Bescheiden ja, aber bitte etwas größer. Es durfte etwas mehr sein, wie beim Wureinstkauf beim Fleischer um die Ecke.

 

 

Kapital 32

 

Herbert hatte uns auf die Frühmaschine Frankfurt – Bari gebucht und wirkte selig, wie ein Kind in Erwartung des Christkindes. Ich ließ mich nur zu gerne von seiner Fröhlichkeit anstecken. Meine anfängliche Sorge um die Versorgung von Herbert löste sich auf geheim- nisvolle Art und Weise auf. In Bari erwartete uns Service pur, Nützliches mit Praktischem verbunden, so viel konnte ich ihm entlocken. Ob ich jemals lernte locker zu sein, Dinge auf mich zukommen zu lassen, ohne immer allem vorgreifen zu wollen?

Ich liebe fliegen, über den Wolken zu schweben, nur der Himmel über mir, ohne Anfang und Ende.

Und Gott machte das Land und schied das Wasser vom Land. Und Gott sah, dass es gut war. So schuf Gott die Erde, ob in sieben Tagen oder sieben Millionen Jahren. Danke Gott, dass ich deine Werke erleben darf.

Pünktlich um 10.45 Uhr setzte die Maschine in Bari sanft wie ein Vogel auf der Landebahn auf. Bei angenehmen 22°C und leichter Bewölkung hieß uns Italien willkommen. Meine Frage nach dem unserem Flieger zugehörigen Förderband und unseren Koffern quittierte Herbert mit einem Lächeln und lenkte mich in die Ankunftshalle, wo uns der Duft von frisch gebrühtem Espresso in die Nase stieg. Italien, ein Land für Kenner und Liebhaber. Zischende Espresso- maschinen, Saftpressen mit Blutorangen bestückt, Gebäck in vielen Variationen, Panini mit Mortadella, Tomaten und Mozzarella, Parmaschinken …, wer kann da schon widerstehen?

Herbert wählte einen Kaffee und ich einen frisch gepressten Orangensaft. Ich hätte zu gerne gewusst, wie es weitergeht. Irgendwer würde uns hier abholen und irgendwo hinbringen, so viel konnte ich mir zusammenreimen.

„Liebling, entspann dich, lehn dich zurück und lass dich treiben.“

Ich fühlte mich wie ein Teenager, wie eine Braut auf Hochzeitsreise, und mein Herz flüsterte mir zu: Sag noch einmal ‚Ich liebe dich‘, ich hör es so gerne. Ich könnte es tausendmal und noch öfter hören. Mein Gott, was tat ich? Ich saß hier, träumte törichte Geschichten, ließ mich von meinen Gedanken einlullen und mochte die Zeit anhalten.

„Bist du glücklich, nur ein klitzeklein wenig?“ Herberts Augen strahlten wie tausend Glühwürmchen.

„Ja, ich bin sehr glücklich, und danke dir, dass ich mitkommen durfte.“ „Claudia, ich liebe dich. Ich möchte, dass du das weißt, doch es soll dich zu nichts verpflichten. Liebe ist einfach da oder sitzt irgendwo an einem anderen Tisch, wohnt in einem anderen Haus, in einer kleinen Fischerhütte. Selbst wenn Deine Liebe irgendwo unter Tage verbuddelt ist, es wird einen Sonnenstrahl geben, der zu ihr in tiefste Tiefen vordringt. Erlaube mir dich ein wenig zu verwöhnen, damit machst mich sehr glücklich.“

„Danke, Herbert.“ Mehr brachte ich nicht zustande. Sein Geständnis hatte an meiner Haut geritzt.

„Guten Tag, Herr Hagar, willkommen in Italien!  –  Ja, hallo? Meine Kollegin Claudia Gruben? Habe ich da etwas missverstanden? Immer noch die alte Geschichte? War das deine Idee Frau Gruben? Eine Retourkutsche?“ „Carlo Friede, italienische Mama, deutscher Papa, verquirlter Papagalli, was machst du denn hier?“ „Claudia, Herr Friede! Und wenn ich zwei und zwei zusammenzähle, seid Ihr Kollegen und einander nicht unbekannt. Könnte es sein, dass Carlo Friede als ein gewisser Herr Eierkuchen gehandelt wird?“

Spaß beiseite, Herr Friede ist unser privater Reiseleiter, Chauffeur und Organisator.

Herr Friede, Claudia Gruben ist meine First Lady, und ihr Wunsch sollte Ihnen Befehl sein. Damit wären hoffentlich alle Unklarheiten ausgeräumt.“

Carlo, typisch Halbitaliener, hatte einen passablen Leihwagen mit Behindertenplakette auf- getan, sodass er fast überall parken konnte.

Als habe er nie etwas anderes getan, chauffierte er uns in Richtung Autobahn, nahm die Auffahrt Sud und ich las Brindisi.

Mein Herz war leicht wie eine Feder, und mein Kopf fühlte sich leer und unbeschwert an, alle gewichtigen Gedanken hatten kräftig abgespeckt.

 

Schon nach wenigen Kilometern begrüßte uns das Meer zur Linken, und ich hätte am liebsten angehalten. Traumhaft, dieser Süden!

Nach einer knappen Stunde bei mäßiger Geschwindigkeit fuhren wir bei Polignano von der Autobahn ab und steuerten ein Ristorante zwischen Meer und Felsen an. Carlo gestikulierte mit dem Ober, und wir erhielten einen Tisch im Garten Eden, gegen die Sonne beschirmt mit Blick auf das Meer.

Oleander in allen Farben von weiß über gelb, lachs, rosa bis tiefrot, Bougainvillen in dunklem violett und blutrot. Ausgetriebene Agaven die mit ihrer betörenden Süsse ein Festmahl für Bienen, für alles, was summt und brummt geben und sich so zum Sterben ausbluten. Vierzig Jahre, fünfzig Jahre wachsen sie dem Sterben entgegen, treiben am Ende ihres Lebens einen Blütenbaum aus – mit tellerartigen Dolden – getränkt mit süßem Nektar. Und jeder Tropfen Nektar ist ein Tropfen Leben und Sterben.

An Felshängen verwurzelte Feigenbäume – das unaufhörliche rhythmische wiegen der Wellen – all das berauschte mich.

Dann lief alles wie im Film ab, und ich lernte einen völlig anderen Carlo kennen.

Mit dem Auftragen der Antipasti war ich endgültig in Italien angekommen. Ein leichter Weißwein, stilles Wasser – es dürfte Brunnenwasser sein – ein fantastischer Landschinken, pikante Salami, Oliven, Schafskäse, dazu Weißbrot, was will man mehr?  Als Hauptgericht wurde uns ein butterzarter, im Ofen in Olivenöl mit Gewürzen und Kräutern gegarter Rombo serviert, mit Rucola und Tomaten garniert.

Von der Sonne verwöhnt und ausgereift in voller Süsse verführte uns das heimische Obst. Schwarze Trauben, die im Herbst reifen Kakifrüchte, saftige Melone, unser Magen war prall gefüllt.

Ich wählte statt des starken Espresso einen Grappa Morbida, und nach fast zwei Stunden Schlemmen bestellte Herbert die Rechnung.

Schade“, dachte ich, als wir zur Weiterfahrt aufbrachen, denn ich hatte das hausgemachte Gebäck im Blick. Anscheinend war ich sehr plump, denn auf dem Weg zum Auto kam uns der Ober mit einem Regalo für die Signora hinterher und reichte mir in Alufolie verpackt, was sich ganz nach Dolce anfühlte.

Ich bedankte mich mit dem charmantesten Lächeln, das ich zustande brachte.

Carlo entschied sich für die Küstenstraße, was uns nur langsam voranbrachte. Dafür entschädigten uns herrliche Ausblicke, und er zauberte uns nach einer knappen Stunde landeinwärts auf Straßen, die, so könnte ich mir denken, nur von Einheimischen gefunden und befahren wurden.

Herbert wusste um Reiseroute und Ziel, ließ mich aber nur zu gerne zappeln wie ein Fisch an der Angel. So gab ich mich der Schönheit Italiens hin, bemüht, dass es mir bei den Kehren und Steigungen der Serpentinen nicht übel wurde.

Da ich nur vage Kenntnis über das Ziel der Reise hatte, war meine Vorbereitung mehr als mangelhaft ausgefallen. Das bedeutete, dass ich im Anschluss an die Reise zu Hause all das Gesehene nachlesen würde, wollte frau doch wissen, wo sie war!

Die Region Foggia – Andria – Bari – Fasano – Brindisi sagte mir irgendetwas. Stand nicht in jüngster Zeit die 700-Jahrfeier in Eisenach in Zusammenhang mit der heiligen Elisabeth und den Kreuzzügen an? War das nicht die Route der Kreuzritter auf dem Weg ins Heilige Land?

Friedrich II., römisch-deutscher Kaiser, erster nach Gott, Mann aus Apulien, hatte hier Befestigungen errichten lassen. Der Hafen von Brindisi, bereits anno 1200 oder sogar noch früher erwähnt, war Brutstätte von Krankheiten und Seuchen und raffte die Kreuzritter dahin, oft noch bevor sie ihren Fuß auf ein Schiff setzen konnten.

Und Ludwig, Landgraf von Thüringen, Gatte der Heiligen Elisabeth, verstarb hier auf dem Weg in den Heiligen Krieg. Darüber habe ich vor langer Zeit ein Buch gelesen. Brindisi schien nicht unser Ziel, Carlo bog auf eine Bundesstraße ab, die landeinwärts führte.

„Könnte es sein, dass wir die Region der Rundhäuser ansteuern?“ fragte ich nach.

„Lass dich überraschen, mein Schatz, bald haben wir die erste Etappe geschafft.“

Ich sollte Recht behalten! Noch weit verstreut, mal rechts, mal links, fuhren wir an alter- tümlichen verwetterten Rundhäusern vorbei.

Wir befuhren die Zone der Trulli!

Wie sehr hatte ich mir gewünscht, einmal diese Region Italiens zu besuchen.

Apulien wurde im Mittelalter unter den Staufern zur Kulturbrücke zwischen Abend- und Morgenland. Beeindruckende Zeugnisse boten die von den Staufern erbauten Kastelle. Das Land, größtenteils gebirgig und waldreich, gestattete Zuflucht in den heißen Sommer- monaten und war ein beliebtes Jagdgebiet der Landesfürsten.

Castel del Monte, die steinerne Krone Apuliens, von Friedrich II. erbaut, ist ein imposantes Jagdschloss und vollkommener Achteckbau aus goldfarbenen Mauern mit Oktogon-Türmen, der dem Kaiser zur Entspannung diente, doch für die Nachkommen zum Ort der Verbannung wurde.

Schade, dass meine letzte Geschichtsstunde an die 50 Jahre zurücklag.

Alberobello! Ahnte ich es doch.

Wir waren in Alberobello, und ich konnte nur noch staunen. „Bitte lass uns anhalten und aussteigen,“ bettelte ich wie ein kleines Mädchen.

„Später, Liebling.“

Herbert und Carlo tauschten Blicke, aber ließen mich schmoren und schmollen. Ich fühlte mich meiner Freiheit beraubt, wollte ich doch nur einmal diese traumhaften, restaurierten, frisch ge- kalkten und in üppiger Blumenpracht sich darbringenden Rundhäuser aus der Nähe ansehen.

Noch bevor ich lautstark protestieren konnte, bog der Wagen in eine Grundstückseinfahrt ein und hielt. Carlo öffnete mir galant die Tür, war mir beim Aussteigen behilflich – was vollkommen überflüssig war –, ging um den Wagen herum und half Herbert beim Aussteigen.

Ich fasste es nicht! Wo hatte ich nur meine Augen? Wir standen auf dem Parkgelände einer Trulli Hotelanlage.

Liebling, wir sind da.“

„Carlo, lassen Sie das Gepäck in unser Haus bringen. Den Wagen benötigen wir heute nicht mehr, es genügt, wenn Sie uns morgen gegen 11 Uhr abholen.“

1001 Nacht war nichts gegen das, was ich dann erleben durfte:

Unser Appartementhaus bestand aus zwei miteinander verbundenen Trulli, traumhaft hergerichtet. Das muss man gesehen haben, ein runder Wohnraum mit Küchenbar und nahtlosem Übergang zum Schlaf-, Bad-Trakt, sprich Trulli.

„Herbert, ich möchte nie mehr von hier weg.“

„Zwei Tage, mein Schatz. Wir haben noch viel vor in dieser Woche. Lass uns ein paar Dinge aus dem Koffer nehmen. Was aufgebügelt werden muss, holt der Zimmerservice ab.“

Ich mochte jetzt keinen Koffer auspacken. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden, nicht denken, und doch überkam mich die Frage nach Arthur, den Kindern und meinem Leben auf einem anderen, fernen Planeten.

„Herbert, ich komme von einem anderen Stern und bin auf der Suche nach einer großen verschließbaren Kiste, in die ich mein anderes Leben verstauen kann. Kannst du mir eine solche Kiste zimmern?“ Ich bemerkte Tränen aus meinen Augen kullern, spürte deren Feuchtigkeit auf meinen Wangen.

Herbert nahm mich zärtlich in den Arm, labte sich meiner Tränen und versprach mir eine solche zu bauen, in die all das, was ich aufbewahren wollte, hineinpasste.

„Claudia, wir sollten uns ein wenig frisch machen und uns umziehen. Ich würde mir gerne die Füße vertreten nach dem langen Sitzen.“

„Entschuldige meinen Egoismus.“ Meine Fürsorge sollte Herbert gelten, nicht meinem Gejammer. Es war schon erstaunlich, wie gut Herbert die Reise verkraftet. Er war besser zu Fuß, als ich im Vorfeld annahm, mir war deshalb ein wenig bange vor der weiten Reise.

Morgen würde ich mein Handy einschalten. Der heutige Tag gehörte mir! Und auf die allgegenwärtige Frage „Mama, wo bist du“ mochte ich jetzt und hier nicht antworten.

Ich hatte flügelschlagende Schmetterlinge im Bauch und stechende Moskitos im Blut. Es kribbelte und pikste, wuselte durch meinen Körper und transportierte sündige Gedanken querbeet in alle Körperregionen. Ich wagte kaum Herbert in die Augen zu schauen, er könnte mehr sehen, als mir lieb war.

Unter dem Vorwand, ihn stützen zu wollen, bat ich ihn, seinen Arm um meine Schultern zu legen, als wir wenig später den paradiesischen Garten der Hotelanlage erkundeten, war es doch in Wahrheit mein Bedürfnis, mich an ihn zu schmiegen mich in seine Beuge zu kuscheln.

Ich war sehr glücklich.

Mittlerweile dämmerte es. Das Abendessen war in vollem Gange, als wir im Restaurant eintrudelten, und meine Nase verriet mir, noch bevor wir das Restaurant betraten: Frische Steinpilze!

Wir wählten beide die hausgemachte Pasta mit den verführerisch duftenden Steinpilzen, aber entschieden uns jeweils für eine halbe Portion, denn die mit frischer Minze kreierten Lammteile vom Grill – eine Spezialität des Hauses – wollten wir uns nicht entgehen lassen.

In völliger Hingebung an die italienische Küche speisten wir ohne jegliches Zeitgefühl.

Wir wagten sogar ein Tänzchen. Langsam und mit Bedacht, Drehungen vermeidend, schaffte es Herbert, mich in seinem Arm schweben zu lassen.

„Denke immer daran, ich war ein guter Tänzer vor meiner Krankheit“, raunte er mir zu.

Ich würde mich gerne mit dir gemessen haben“, flunkerte ich.

 

 

Kapitel 33

 

Solche Tage dürften nie enden. Und so saßen wir noch nach Mitternacht vor unserem Trulli, ich schmiegte mich an Herbert, und meine Lippen flüsterten: „Sag noch einmal ‚Ich liebe dich“, denn ich höre es so gerne.“

„Ich liebe dich, und ich möchte dich immer um mich haben.“ Weich, zärtlich, voll hingebender Liebe war sein Kuss, und ich versank in einem Regenbogenmeer.

Ob ich Herbert liebte? Ich wusste es nicht, und ich mochte auch nicht darüber nachdenken.

Irgendwann lösten wir uns voneinander, um schlafen zu gehen. Aber an Schlafen dachte keiner von uns beiden.

Herbert war ein wundervoller Liebhaber, ich empfand ihn als Verführung pur. Er schenkte mir Neuland, ließ mich Alter und Gewesenes vergessen, er verlieh mir das Gefühl, eine wunderschöne und begehrte Prinzessin zu sein.

Die ersten Vögel begrüßten bereits den neuen Tag, als uns der Schlaf einhüllte.

   „Liebling, aufwachen!“ Zärtlich beugte sich Herbert über mich und weckte mich auf. Es war bereits 9 Uhr, und gegen 11 Uhr würde uns Carlo abholen. Rasch aus den Federn und in Hemdchen und Kleid. Guten Morgen, Frau Sonne, jetzt sind wir so weit.

Carlo, dessen Wurzeln in Venosa liegen, mit Mama, Onkeln, Tanten, Nichten und Neffen, nutzte die Zeit, sich von seiner Familie verwöhnen zu lassen.

Ein ganz anderer Carlo als jener, welchen ich vom Arbeitsplatz her kannte wünschte uns einen „guten Morgen“, als er pünktlich um 11 Uhr vorfuhr. Jetzt war es vorbei mit der Geheimniskrämerei. Wir besprachen anhand einer übersichtlich großen Karte die Tagesroute und kamen überein, dass wir zunächst Alberobello besichtigen. Wir wollten die Stadt durchqueren, hier und da anhalten, dann Herbert in einem an einer Straßenkreuzung etwas erhöht gelegenem Gartenrestaurant absetzen, und Carlo würde mich anschließend durch die ver- winkelten Gässchen, bergauf und bergab begleiten.

Ich versprach Herbert, tausend Fotos zu schießen um all diese Kulturdenkmäler vergangener Epochen, liebevoll restauriert und modern bewohnbar, festzuhalten. Ich war wahnsinnig gespannt – und wurde nicht enttäuscht!

Wie sehr hatte ich mir in den Jahren, nachdem die Kinder flügge geworden waren, gewünscht, mit Arthur diesen Landstrich zu erkunden, und immer wieder hatten wir es aufgeschoben.

Danke, dass sich mir mit dieser Reise, der ich anfänglich skeptisch gegenüberstand, ein Herzenswunsch erfüllte.

Die eine Hirnhälfte wünschte sich sehnlichst zu verweilen, während die andere mich ermahnte, Herberts Wartezeit nicht über die Maßen zu strapazieren. Wir hatten eine Stunde vereinbart, die längst verstrichen war, was die Tagesplanung jedoch nicht in Verzug brachte, da unser nächstes Ziel Castellana nur ein Katzensprung entfernt lag.

Castellana, ein weiterer Ort der Magie! Hier, so sagt man, befänden sich die berühmtesten Tropfsteinhöhlen Italiens. Erst 1938 entdeckt erstrecken sie sich über ein unvorstellbar großes Gebiet. Circa zwei Kilometer sind derzeit erschlossen, und zu dem Zauberland führen mehr als hundert Stufen nach unten. Carlo verlor sich buchstäblich in Schwärmerei auf dem Weg dorthin.

Spätestens hier kam sein italienisches Blut durch – sowie seine Prägung durch die Kindheit im Schoße der italienischen Familie: die dominante, liebevolle Großmutter, die Wallfahrten, der verwurzelte Glaube, der schmerzliche Abschied für den damals achtjährigen italienischen Buben, als die Eltern beschlossen die Heimat zu verlassen um ihre Zukunft in Deutschland zu suchen. Hinzu kam die schwierige Integration in Deutschland, die fremde Sprache, fremde Gewohnheiten, Eingliederung in den Schulalltag, das Wiederholen der Schulklasse, als Spagettifresser verulkt und kein Freund der sich für ihn prügelte.

Doch hier und jetzt war er wieder der italienische Lausbub, der uns über sehenswerte kleine Umwege nach Castellana brachte, wo uns bereits Claudio, ein Cousin von Carlo erwartete. Wir hatten noch eine gute Stunde Zeit bis zur nächsten Führung. Diese Zeit nutzten wir, um uns einander bekannt zu machen, eine Kleinigkeit zu essen und unseren Durst zu stillen.

Carlo wollte mit Hilfe seines Cousins Claudio Herbert die Möglichkeit geben, in die Höhe hinabzusteigen, um wenigstens einen Teil der Höhle besichtigen zu können. Ich würde mich der großen Führung anschließen und wir würden uns im Anschluss hier im Restaurant treffen.

Auf Carlos Anraten hin trugen wir festes Schuhwerk, Jeans und hatten eine leichte Jacke dabei, was bei der kühlen Temperatur im Inneren der Erde angebracht war. Ich war schon verschiedenen Ortes in Tropfsteinhöhlen oder Grotten und sehr angetan von der Unterwelt. Doch was uns hier geboten wurde und in welchem Ausmaß, übertraf meine Vorstellungskraft bei weitem.

Es empfing uns ein regelrechter Wald von Tropfsteinen. Die Gänge, Nischen und Höhlen waren flankiert von Stalagmiten und Stalaktiten in Mini- bis Maxiformat. Die Lichtquellen der Wegmarkierungen brachen sich in den glasklaren Tropfsteinen, zauberten Farbspiele und wir wägten uns im Wunderland des Regenbogens.

Alice im Wunderland? Claudia im Wunderland!

Für einen laienhaften Betrachter wie mich, fern wissenschaftlicher Kenntnisse wandelte nur Gott an meiner Seite und legte mir seine Schöpfung zu Füßen.

Du wunderbare Welt, wer oder was immer dich erschaffen hat, verzeih uns unsere sündhaften Ausbeutungen deiner Ressourcen, denn wir sind blind und dumm, wir wissen nicht, was wir tun.

Und bitte keine Entzauberung durch wissenschaftliche Erklärungen.  –  Glaube, Liebe, Hoffnung sind der Kitt unserer Herzen und Gemüter.

Leicht fröstelnd, vom Aufstieg aus dem Hades, aber auch ein wenig aus der Puste und vom grellen Tageslicht geblendet und gedanklich noch immer nicht ganz oben angekommen, gesellte ich mich zu meinen drei Männern.

Claudio schlug uns einen Abstecher nach Matera vor und lud uns im Anschluss zu sich nach Hause ein. Claudios Familie lebt in Ginosa und gibt zu Ehren Carlo, dem verlorenen Sohn und Cousin, ein Fest, zu dem auch wir eingeladen waren.

   Matera   – die Sassi von Matera – in Tuffstein gehauene Behausungen, mehr Höhlen als Häuser – gewährten schon vorzeitlich den Menschen Schutz und Zuflucht während der unbarmherzigen Sommerhitze der Hundstage, und sie boten zudem Schutz vor feindlichen Überfällen.

Erste Siedlungsspuren gehen bis ins 4.Jahrtausend vor Christus zurück und noch in jüngster Zeit wurden die kühlen Tuffsteinhöhlen als Wohnungen, teils zu ärmlichen Slums verkommen, genutzt.

Heute ist das Gebiet für den Tourismus erschlossen und zählt zu den Sehenswürdigkeiten der Region.

Die verschachtelten Behausungen, Terrassen, Treppen und die malerische Kulisse lösten in mir tiefe Ergriffenheit aus. War es Traum oder Wirklichkeit?

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen. “ Der Schöpfer des Himmels und der Erde ist unter uns, er geleitet uns, hält seine Hand schützend über uns.

Auf meine Bitte hin hielten wir an einer kleinen, mit Blumen geschmückten Kapelle. Ich wollte beten, doch meine Lippen konnten keine Worte formen und meine Gedanken rasten, erinnerten mich an die Zeit meiner Krankheit, das Verlorensein, die Ohnmacht der Ärzte, die Hilflosigkeit meiner Familie, den Bruch mit Arthur und die aufkeimende Hoffnung durch Herbert – vom Schicksal gebeutelt, aber randvoll mit Liebe, um noch ein Stück Lebensqualität zu erhaschen. Eine Liebe, die allein mir galt. Ich heulte wie ein Schlosshund, nicht fähig, mich unter Kontrolle zu bringen.

Wo, wenn nicht hier, wird uns die Allmacht Gottes bewusst!

Herbert wiegte mich in seinen Armen, als sei ich ein Baby, und ich schämte mich meiner Tränen nicht.

Carlo und Claudio hatten sich zurückgezogen. Die vertraute Zweisamkeit nach langen Jahren der Trennung tat ihnen gut. Mit Sicherheit gab es viel zu erzählen – und viel zu schweigen.

Lieber wäre es mir gewesen, auf direktem Wege in unser Trullhotel zu fahren, doch wir durften nicht unhöflich sein, zumal sich Claudios Familie für diesen Abend gerichtet hatte.

Theatralische Herzlichkeit, Umarmung, Küsschen links, Küsschen rechts,  –  in Italien gehörte man dazu!

Mit Hund, Katzen, Hühnern saßen wir mit Kind und Kegel unter Oliven-, Feigen- und Kirsch- bäumen. An die 18 Personen wurden an einem stabilen Holztisch kulinarisch verwöhnt. Ich vermutete, dass die Nachbarn involviert waren. Kaum war eine Speise herumgereicht, kam schon der nächste Gang aus der Küche, und mit neuen Speisen erschienen ein neues Gesicht.

„Schnatter, schnatter“ ging es gleich einer Gänseschar, ich verstand kaum ein Wort, obwohl ich einiges in Italienisch auf die Reihe kriege, mich eigentlich redlich verständigen kann.

„Ratter, schnatter …, mangia, mangia.“ Unwillkürlich kam mir das Buch „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ in den Sinn.

Natürlich schmeckte es uns vorzüglich, doch irgendwann ging nichts mehr hinein in die gute Stube!

Es war schon nach zehn, als wir aufbrachen. Carlo fuhr uns zu unserem Hotel. Herbert bot ihm an, ebenfalls im Hotel zu nächtigen doch er zog es vor, bei seinem Cousin zu schlafen.

 

Kapitel 34

 

   Apulien, ein Sonntagskind. Erschaffen an einem Sonntag, dem siebten Tag, dem Tag, den Gott einst als Tag der Ruhe und Einkehr bestimmte, ein Tag, eine Stunde, ein Moment der Glückseligkeit, in dem man etwas Besonders tun, erleben möchte. So könnte es gewesen sein, als Gott diesem wunderbaren Fleck Leben einhauchte.

Beide noch im Bann des heutigen Tages lagen wir lange wach, schmiegten uns aneinander, öffneten unsere Seelen und sprachen über prägende Schicksalsschläge, die unsere Leben teilweise lahmgelegt hatten, uns aus der Bahn geworfen, den Mut zum Weiterleben geraubt, aber dennoch Hoffnung schöpfen ließen und uns außerplanmäßig zusammengeführt hatten.

Herbert sprach über den Tod seines Sohnes, fühlte sich schuldig, dem Verbrechen durch seine politische Tätigkeit Vorschub geleistet zu haben. Leise Zweifel sagten ihm aber auch, dass sein Sohn möglicherweise tatsächlich einen angeborenen, nicht bemerkten Herzfehler hatte.

Da waren  –   seine berufliche Karriere in der DDR, finanziell auf der Sonnenseite und menschlich im Schatten der Mächtigen, die Kritik des eigenen Sohnes und das Zerbrechen seiner Ehe schon vor dem Aus der DDR. Und immer die Hoffnung, nach dem Öffnen der Grenzen und der Übersiedelung in den Westen die Chance auf einen Neuanfang in der Ehe zu haben.

Es gab Dinge, auf die ich mir keinen Reim machen konnte, dazu gehörte auch das Finanzielle, denn wenn ich eines konnte, dann war es rechnen. Vielleicht würde ich ihn irgendwann einmal danach fragen, doch jetzt, hier und heute lieh ich ihm mein Ohr, gab ihm Geborgenheit und Zärtlichkeit. Ja, ich mochte diesen Mann, ich mochte ihn sogar sehr.

Morgen würde uns Carlo nach Manfredonia bringen, dann beginnt der Ernst dieser Reise. Wir würden etwas außerhalb der Stadt, in einem Hotel am Meer wohnen, aber den größten Teil des Tages in der Klinik verbringen. Herbert musste sich Untersuchungen unterziehen, man würde Besprechungen abhalten und über Behandlungsalternativen nachdenken, die die Beweglichkeit fördern sollten.

Ich konnte es nicht begründen, aber ich fühlte mich sehr zuversichtlich. War es ein Plan unserer Schutzengel, uns zusammenzubringen? Dass wir Gefühle für einander entwickelten und daraus Stärke und Zuversicht gewannen?

Über solche Dinge habe ich früher nie nachgedacht. Wurde ich alt und wunderlich? An Jahren gereift, dankbar noch am Leben sein zu dürfen, fühlte ich mich wie 14, sehnte mich nach Liebe, Zärtlichkeit und mochte nicht grübeln, mich nicht in Angst oder Panik versetzen. Käme meine Krankheit womöglich zurück, und was, wenn ja?

Nein!

Danke, dass ich noch bleiben durfte!

Danke, dass ich arbeiten darf!

Danke, dass ich helfen konnte, helfen kann!

Mit den neuen Haaren wuchs neues Leben, wuchs Zuversicht, wuchs Einsicht, wuchs neue Kraft. Und diese Kraft bescherte mir Erfolg im Job und den Mut zu einem eigenständigen Leben.

Herbert würde kein Tausch sein für Arthur. Arthur, der Vater meiner Kinder, der Mann an meiner Seite über vier Jahrzehnte ist kein Tauschobjekt. Arthur würde immer ein Teil meines Lebens bleiben.

Ob aus Herbert und mir eine funktionierende Lebensgemeinschaft werden wird, werden könnte, wusste ich nicht zu sagen. Gerne nahm ich, was er mir gab, und gerne gab ich ihm, was ich zu geben vermochte.

Ob er gerade von mir träumte? Seine Augäpfel bewegten sich hinter den geschlossenen Augenlidern, seine Lippen formten sich zu einem Lächeln. Behutsam löste ich mich aus seinen Armen und versuchte ebenfalls zu schlafen.

 

Kapitel 35

 

   Manfredonia Zunächst befuhren wir die Bundesstraße in Richtung Bari, umfuhren Bari und wechselten in Höhe Spirito auf die Küstenstraße. In der Nacht war ein Regenschauer durchgezogen, sodass sich am Morgen Bäume und Sträucher frischgewaschen der Sonne entgegenreckten. Oleander, von weißblühend über gelb, fleischfarben und rosa bis tiefrot und pink standen in voller Blütenpracht. Prächtige Geranien rankten aus Mauernischen, uralte, knorrige Rosen- stöcke, blühende Agaven waren umschwirrt von tausenden Insekten, die sich am Nektar labten. Kreischende Vögel hockten in Pinienbäumen, Palmen säumten die Uferstraße, hier und dort ein Eselskarren zwischen schnittigen Autos – und immer wieder der Blick auf das azurblaue Meer.

Es war schön, hier zu sein!

Als wir im Hotel ankamen war es bereits Nachmittag. Herbert besprach sich mit Carlo. Carlo sollte bis zum morgigen Tag bleiben und danach würde man weitersehen.

Fahrten zwischen Hotel und Klinik würde Herbert im Taxi bewältigen. Ob er meine Begleitung wünschte würde sich zeigen, und für Unvorhergesehenes gab es Mobiltelefone.

Soweit zum Stand der Dinge und zu Herberts Entscheidung vorerst auf Carlo samt Auto zu verzichten. Carlo zögerte uns allein zu lassen, doch Herbert bestand darauf, dass er samt Auto abschwirrte, alte Freunde aufsuchte, und so gut es ging, ebenfalls Urlaub machte.

Die Hotelanlage mit Behandlungsräumen, Ruhezonen, Bewegungsbad, Konferenzräumen würde für die nächsten fünf Tage unser Zuhause sein. Nach neuesten Informationen nahmen sieben Patienten an diesem Programm teil.

An der Rezeption lag für jeden Patienten ein Behandlungsplan aus, ausgerichtet auf fünf Behndlungstage.

Für Herbert stand heute  um 17 Uhr eine Voruntersuchung im Untergeschoß an.

Das Restaurant war ab 19 Uhr 30 geöffnet, und für 21 Uhr war für alle Patienten und den Angehörigen ein Infoabend angesetzt.

Herberts Behandlungsplan umfasste folgende Termine: ab morgen:

Dienstag 8 Uhr    nüchtern Blutentnahme im Untergeschoß des Hotels 10 Uhr    Akkupunktur im Untergeschoß des Hotels 18 Uhr    ein erstes Gespräch in der Klinik

Mittwoch: 8 Uhr     Fahrt zur Klinik Klinik verschiedene Test und Behandlungen Zeitaufwand ca. 5 Stunden 17 Uhr    Bewegungsbad im Untergeschoß des Hotels 18 Uhr    Akkupunktur im Untergeschoß des Hotels

Donnerstag: 9 Uhr     gemeinsame Fahrt zum Monte Sant‘ Angelo mit einstündigem Aufenthalt in der Felsengrotte

17 Uhr    Bewegungsbad im Untergeschoß des Hotels 18 Uhr    Akupunktur im Untergeschoß des Hotels

Freitag: 9 Uhr 30 Fahrt zur Klinik Auswertung der Ergebnisse und Vorschläge für weitere Maßnahmen

17 Uhr    Bewegungsbad im Untergeschoß des Hotels 18 Uhr    Akupunktur im Untergeschoß des Hotels

Und am Samstag würden wir leider schon nach Hause fliegen.

Während Herbert um 17 Uhr zu seiner Voruntersuchung ging, machte ich einen ersten Strandspaziergang. Alle Sorgen und Gedanken hatte ich mit den Sandalen abgestreift, spürte den warmen Sand unter meinen Füßen, lief im flachen Wasser, suchte nach Muscheln, sah einem Angler über die Schulter und in seinen leeren Eimer. Ein paar Jungs spielten Fußball, ein Pärchen lechzte nach Bräune. – Ruhe war eingekehrt. – Kreischende Möwen, eine Handvoll Angler, hier und da ein einsamer Spaziergänger, die fortgeschrittene Jahres- zeit vergönnte der Natur eine Pause. Die Touristen waren längst abgereist und mit Ihnen Lärm und Hektik.

Für italienische Verhältnisse war der Sommer trotz noch sommerlicher Temperaturen vorbei. In den Auslagen der Geschäfte präsentierte sich die neue Winterkollektion, Stiefel in allen Farben und Formen, wattierte Jacken, Wollmäntel, Schals, Pullover, alles was den bevorstehenden Winter angenehm macht.

Herbert war bereits von der Voruntersuchung zurück, als ich ins Hotel kam. Wir kleideten uns um und gingen pünktlich zum Abendessen. Berücksichtigend, dass sich die gepflegte Italienische Küche dehnbar gibt, wählten wir im Hinblick auf die Veranstaltung –  auf 21 Uhr angesetzt –  als Vorspeise Frutti di Mare, als Hauptgericht gegrillten Fisch und gemischten Salat.

Nicht als Angehörige, als Begleitung nahm ich an seiner Seite Platz. Beim Anblick der Patienten und der sorgenvollen Minen ihrer Angehörigen konnten wir beide froh sein, dass die Auswirkungen des Schlaganfalls Herbert einen relativ großen Spielraum an Beweglichkeit und somit Lebens- qualität gelassen hatten, was dank seiner außerordentlichen Disziplin und des unermüdlichen Trainings Früchte trug.

Neben Signore Professore, seiner Assistentin und dem Spezialisten für Akupunktur war auch eine deutsche Ärztin mit von der Partie. Und es gab außer Herbert zwei weitere deutsche Patientinnen, drei italienische Patienten und eine Dame aus England. Der Dottore der Akupunktur übersetzte ins Englische, und Dottoressa Tedesca übernahm die deutsche Version.

Es war ein langer, hochinteressanter Abend, wobei meine Medizin- und Sprachkenntnisse durch die Wiederholungen des Gesagten in Englisch und Deutsch vertieft wurden.

Ich empfand es als angenehm, dass ein Teil der Behandlungen im Hotel stattfand, und es war Anliegen der behandelnden Ärzte, dass die Patienten ihre Termine möglichst ohne Angehörige wahrnahmen.

Mir präsentierte sich hier ein anders Italien als ich es von meinen früheren Urlaubsreise kannte. Unsere Aufenthalte beschränkten sich auf die Touristenhochburgen Rimini und Portofino und den Gardasee.

Und ich wunderte mich über die Intensität der Frömmigkeit, der absoluten Christus und Heiligenverehrung in der hiesigen Region.

Hier in Apulien treffe ich sozusagen auf Schritt und Tritt auf eine bestimmte Heiligenstatue. Sei es im Hotel, sei es an und in den Raststätten entlang den Autobahnen, in Parks, auf freien Plätzen, in Ortschaften – und immer in Überlebensgröße, geschmückt mit Rosenkränzen und frischen Blumen. Zunächst dachte ich beim Anblick des in Mönchskutte gekleideten Heiligen an einen der Päpste aber die letzten drei Päpste die in meiner Erinnerung wohnten sahen anders aus und trugen andere Namen.

Und Christus, ans Kreuz genagelt, die Apostel um ihn, Maria, Maria Magdalena in Stein gehauen, aus Holz geschnitzt, modelliert oder gemalt, sind in der Regel auf eine durchschnittliche menschliche Größe ausgelegt.

Welches Geheimnis umgab diesen gütig und vertraut anmutenden Heiligen?

Sich vor die letzten Päpste schiebend schwebte hinter meiner verborgenen 13. Tür eine Vision – ein Artikel in einem unserer Journale im Zusammenhang  mit einem sehr beliebten in der Öffentlichkeit stehenden Volkssänger, dem das Schicksal eine Hürde auszwängte was wohl zum Anlass gedieh, dass beide aus Dankbarkeit der Genesung der geliebten Frau eine Pilger- fahrt nach „San Giovanni Rotondo“ unternahmen.

Pater Pio, glaubte ich hier namentlich zuordnen zu können. Ich vermute, die beiden beliebten Volkssänger waren auf ihrem Jakobsweg auf dem Gargano.

 

Kapitel 36

 

 

   Pater Pio, der Heilige vom Gargano

Planmäßig ging Herbert zur Blutentnahme. Danach frühstückten wir ausgiebig und um 10 Uhr 30 kam Herbert von der Akupunkturbehandlung zurück. Wir hatten also den ganzen Tag für uns. Der nächste Termin war um 18 Uhr in der Klinik.

Carlo, in seine italienische Haut geschlüpft, war bester Laune und wir durften gespannt sein, mit was er uns heute überraschen wird. Für morgen und übermorgen gab Herbert ihm frei und was den Freitag betrifft, würde man rechtzeitig telefonieren.

Ich zeigte auf den Heiligen in der Hotellobby und fragte was es damit auf sich habe.

Carlo meinte: „Frag mich später. Ich bringe euch heute an einen Ort, der vielleicht euer Leben verändert, vielleicht aber auch spurlos an euch vorüberzieht.“

Carlo und seine Geheimnisse. In Deutschland Playboy, Großkotz, Schlitzohr – hier in Italien hilfsbereit, nett, zuvorkommend. Versteh einer die Männer!

In bequemen Schuhen, einer leichten Jacke im Kofferraum und mit einem strahlenden Herbert an meiner Seite fühlte es sich an wie zum Beginn unserer Reise – meinem Ausflug ins Blaue!

Abermals wusste ich nicht, wo es hinging. „Lass dich fallen, Liebling, ich habe auch keine Ahnung, was Carlo heute mit uns vorhat. Bisher wurden wir nicht enttäuscht, also vertraue ich ihm.“

Arthur küsste galant meine Hand.

Carlo steuerte das Auto landeinwärts. Wir mochten zehn oder 15 Kilometer gefahren sein, als die Straße leicht anstieg und schließlich in eine Passstraße überging. Vor uns Reisebusse, hinter uns Reisebusse, und Reisebusse kamen uns entgegen – in den Kehren lautstark hupend. In einer Aussichtsbucht hielt Carlo an. Uns bot sich ein fantastischer Ausblick auf einen Tal- kessel mit Olivenbäumen, Lorbeerbäumen, Pinien und die Küstenstadt Manfredonia. Auf dieser Passstraße ging es zu wie in einem Taubenschlag, und oben angekommen begrüßten uns eine geschäftige Stadt, breite Straßen sowie noch recht neu anmutende Häuser. Eine neue Stadt auf einem alten Berg?

   San Giovanni Rotondo, Alt- und Neustadt, Lebens- und Wirkungsstätte von Pater Pio.

Carlo parkte in der Nähe einer für Italien untypisch modernen Kirche. Diese Kirche bezeichnete er als seine Kirche.

Beim Betreten suchte ich nach Herberts Hand. Meine Haut fröstelte, ich vermeinte mein Herz schlagen zu hören, setzte andächtig einen Fuß vor den anderen, und wir setzten uns auf einer Bank in hinteren Teil der Kirche nieder.

Den Altar schmückte ein einfaches Holzkreuz, die Seitenwand ein übergroßes Bild des Pater Pio. Die Kirchenwände – von Glaseinsätzen unterbrochen ließen das eindringende Licht in bunten Farben leuchten.

In den vorderen Bänken beteten regungslos zwei Nonnen und ein Mönch, und mir liefen grundlos Tränen über die Wangen. Ich konnte nichts dagegen tun. Was war geschehen? Was war mit diesem Ort? Waren es besondere Erdstrahlen? Hütete er ein Geheimnis?

Ich weiß nicht zu sagen, wie lange wir in der Kirche verweilten. Stumm, noch ganz im Bann des Gotteshauses gingen wir zu Fuß eine paar Straßen weiter in eine Bar, orderten Kaffee, Brot und Ziegenkäse mit grünen und schwarzen Oliven, und unser Carlo gab sich als perfekter Reiseführer in Sachen Pater Pio.

Pater Pio

/ Quellenangabe Andrea Tornielli, Verlag media maria und Maria Winowska Verlag Weltbild zum Papst meiner Verehrung Johannes Paul II und Pater Pio, dem Anker meiner Seele. /

Am 25.05.1887 wurde Francesco Forgiones in Pietrelcina in eine arme Familie hineingeboren. Der Vater, ein Bauer besaß wenig Land, das reich an Steinen – aber arm an Ertrag war. Um der Familie das Überleben zu sichern, so erzählte man, habe er zeitweise in Amerika gearbeitet um den notwendigen Lebensunterhalt zu verdienen. Nach Überliefe- rungen war Francesco ein stilles, sensibles Kind. Er raufte nicht mit anderen Jungs, war eher schüchtern und dem Beten zugetan. Bereits im Alter von sechs Jahren half er mit, versorgte die Schafe, brachte sie auf die Weide und wenn andere Kinder spielten, betete er. Er lernte lesen und schreiben, kränkelte oft und war von schwacher Gesundheit.

Mit gerade mal 15 Jahren trat der oft kränkelnde Francesco dem Orden der Kapuzinermönche bei und fand Aufnahme in einem Kloster bei Benevento.

Obwohl er bei schwacher Gesundheit war und kaum Nahrung zu sich nehmend, wurde er zum Militär eingezogen. Sein Körper verweigerte  sich ihm, doch seine Seele war randvoll der Güte, dass er die niedersten Arbeiten verrichtete, ohne sich dagegen aufzulehnen. Er stelle die Mediziner vor ein Rätsel, was seinen Leib betraf.

Seine übermenschliche Güte und Gottesverehrung rief den Zorn der Priester auf den Plan. Sie nannten ihn einen Frevler an Gott und der heiligen Kirche.

Allen Hemmnissen zum Trotz führte ihn sein Weg nach San Giovanni Rotondo. Hier lebte und wirkte er, zum Priester geweiht, fortan als Pater Pio.

Im Alter von 30 Jahren begannen seine Hände zu bluten, beidseitig, wie von Nägeln durchbohrt. Und an seinen Füßen sowie seinem Leib traten die Wundmale Jesu auf. Pater Pio trug die Wundmale des Herrn, und er war bereit, Gottes Willen auf Erden zu erfüllen.

Das kleine verschlafene Bergdorf San Giovanni Rotondo mit seinen Mandelbäumen, genügsamen Schafen, steinigen und felsigen Böden, die kaum Ertrag brachten, wurde zum Mekka hilfesuchendender Pilger. Tag und Nacht strömten Menschen ein, ohne Herberge zu haben, und harrten am Straßenrand aus, um möglichst die Ersten zu sein, sobald die Kirche ihre Pforte öffnete.

Pater Pio, gefangen im Geiste Jesu, sah durch die Menschen hindurch, sah ihre Verfehlungen, führte Abtrünnige zurück zu Gott. Er schenkte Genesung.

Die Mütter brachten ihre Neugeborenen zu Pater Pio und erbaten seinen Segen.

„Meine Großmutter – so Carlo – erzählte uns immer wieder von der Heilung eines Kindes. Ein Mädchen mit dem Namen Graziella war von Geburt an blind. Pater Pio riet den Eltern, das Kind operieren zu lassen, doch die Ärzte waren ohne Zuversicht, sahen sich in der Verantwortung und lehnten einen Eingriff ab. Die Eltern reisten erneut mit ihrer Tochter nach San Giovanni Rotondo, flehten für das Kind, und der Pater hieß sie erneut, das Kind operieren zu lassen. Graziella wurde operiert, und der Eingriff gelang: Das Kind konnte sehen.“

Durch die stetig blutenden Wunden an Händen, Füßen und Leib erlitt der Pater entsetzliche Schmerzen. Als seien diese nicht genug, drängte ihn die Kirche, von bösen Zungen genährt, sich klinisch behandeln zu lassen. Professoren aus Foggia, Rom und Neapel versuchten sich an ihm, doch keinem der Spezialisten gelang es, die Wunden zu schließen und den Blutfluss zu stoppen. Das austretende Blut wurde als arteriöses Blut bezeichnet. Die Wunden, deren Berührung äußerst schmerzhaft für den Patienten war, ließen sich nicht klassifizieren. Das Blut zeigte keine Gerinnungsmerkmale und verströmte einen nach Rosen duftenden Wohlgeruch.

„Wir liegen gut in der Zeit, und ich möchte, dass wir hoch zum Kloster fahren, sein Leben und Wirken in uns aufnehmen und an seinem Grab beten.“

Weder Herbert noch ich hatten Einwände. Unsere Neugierde war geweckt, und der Pater hatte uns längst in seinen Bann gezogen. Ein bisschen mehr oder weniger Glaube oder Aberglaube richtet bei uns reifen Menschen keinen Schaden an, und wenn Liebe und Güte Drogen sind, so durfte man ruhig von ihr kosten.

Also fuhren wir zum Kloster.

Vor ungefähr 12 Jahren waren wir mit den Kindern in Rom, und der Vatikan mit all seiner Pracht wurde in mir lebendig, als wir vor dem Kloster in San Giovanni Rotondo standen.

Das Kloster ist nicht der Petersdom, zu dem die Menschen kommen, um das Bauwerk zu bestaunen, mit dem Wissen, dass der Papst, das Oberhaupt der katholischen Kirche, hier residiert, und um einmal im Leben da gewesen zu sein.

Hier zum Kloster, der Stätte von Pater Pio, kamen Kranke, Gläubige, Abtrünnige, von Ängsten und Verzweiflung getragen in der Hoffnung, zumindest ein wenig Linderung, Erfüllung und Gnade zu erfahren.

So viel Elend, so viel Hoffnung kehrten hier ein! Ich war zutiefst betroffen beim Anblick dieser sichtlich behinderten Menschen, die hier Schlange standen und all ihre Hoffnung hier herauftrugen. Die dahinter verborgenen Tragödien waren zu erahnen.

Wir hielten uns bei den Händen. Ich spürte die Anspannung, unter der Herbert stand, und ich war mir sicher, er fühlte ebenso wie ich.

Taktvoll hatte sich Carlo von uns abgesondert. Als gläubiger Katholik ging er seinen Weg hier oben und gab mir (der Protestantin) sowie Herbert (dem Atheisten) Raum, Neuland zu entdecken.

Unsere Rückfahrt zum Hotel verlief relativ schweigsam. Carlo brachte uns zum Foyer, wechselte mit dem Portier ein paar Worte die ich nicht verstand und fuhr dann zu seiner Familie. Für die kommenden Tage benötigten wir seine Dienste nicht. Sollte sich hieran etwas ändern, würden wir telefonieren.

 

Kapitel 37

 

Volles Programm für Herbert und Zeit der Muße für mich. Die Akte Claudia Gruben wies eine Menge Unordnung auf.

Als Erstes telefonierte ich mit meinen Kindern. Ein anfänglich beklemmender Akt – abgearbeitet   –  abgehakt!

  •  Punkt zwei:   Anruf bei Arthur mit der Information, dass ich eine Woche im Urlaub sei und mich nach meiner Rückkehr bei ihm melden würde.
  •  Punkt drei: Terminvereinbarung mit meinem Anwalt für übernächste Woche.
  •  Punkt vier:  Anruf bei Renate, der Freundin und Kollegin, die selbst auf der Suche nach der Wunderlampe Liebe ist. Renate, ein liebenswerter, kostbarer Mensch, Ex-Geliebte von Carlo und unvermögend, sich ihn aus ihrem Herzen zu reißen.

Jeder in Angriff genommene Punkt verringerte den Ballast in meinem Kopf. Sonne und Wind taten ihr Übriges.

Lange Spaziergänge am Strand, schwimmen im warmen Wasser, den kreischenden Möwen zusehen, die sich immer wieder in die Wogen stürzten, nach Fischen schnappten oder gesellig am Meeressaum entlang watschelten, ließen den Alltag in weite Ferne rücken.

Weit draußen befuhren Containerschiffe die Meeresstraßen, in Küstennähe jagten braunge- brannte Freizeitkapitäne von Badenixen geschmückt in ihren Motorbooten über das Meer, nahmen die Wellen als Sprungbrett und verströmten Lebensfreude pur.

Ich war sehr glücklich.

Aber nicht nur ich, auch Herbert wirkte gelöst und wirkte spürbar auflebend  –  leicht  –  befreit  – glücklich  –  zuversichtich! Die Behandlungen bekamen ihm gut, selbst wenn die eine oder andere Anwendung sehr anstrengend für ihn war.

Nach dem Frühstück, so gegen 9 Uhr, ging es heute im Kleinbus zum Monte Sant‘Angelo, dem heiligen Berg. Der Legende nach schwebte der Erzengel Michael vom Morgenland herüber ins Abendland und konnte auf der Suche nach einer Bleibe keinen schöneren Ort finden. So blieb er und wählte die Felsengrotte als Wohnstätte. Ihr wurden seitdem heilende Kräfte zugeschrieben. Auf dem Berg wurde im Gedenken an den Erzengel die Wallfahrtskirche San Michele errichtet.

Der Engel des Herrn, Bote Gottes, Heiliger, Erlöser, Hoffnungsträger für Arme und Kranke.

 

Wir hatten uns viel zu erzählen und konnten lange nicht einschlafen. Die Ereignisse des Tages, ein süffiger Wein, eine laue Spätsommernacht und ein angehobener Hormonspiegel schraubten unser Glücksgefühl nach oben. Und ewig lockte das Weib und wusste sich nach drei sonnenver- wöhnten Tagen am Meer in Pose zu bringen. Sämtliche der Sonne dargebotenen Hautpartien waren in Bronze getaucht, und mein Spiegelbild vertuschte vorteilhaft ein paar Jahre. Mein Liebhaber inspizierte die Konturen meines Badeanzuges, eine schöne Marotte, die sich ausbauen ließ.

 

Was bewog eine Ehefrau dazu, einen Liebhaber wie Herbert aufzugeben, ihn zu verlassen? Für mich nicht nachvollziehbar! Da musste schon einiges im Argen liegen, die Liebe absolut tot sein.

Respekt vor dem anderen und Wissen um den Körper versprechen eine stabile Brücke auf dem Pfad der Zweisamkeit.

Die Brücke Arthur und Claudia war nicht gewartet worden und demzufolge marode und nicht mehr tragfähig.

 

Auf Herberts Wunsch sollte ich bei der morgigen Abschlussbesprechung seine Hand halten, und danach wollten wir an unserem letzten Tag in Manfredonia Sonne, Sand, Wellen und Wogen genießen.

Und während Herbert am frühen Abend sein letztes Bewegungsbad und die letzte Akkupunktur über sich ergehen ließ, beschäftigte ich mich mit Packen.

 

 

 

Kapitel 38

 

Wieder zu Hause, mit einem Sack voll Spuren hinterlassener Erlebnisse und einem Haufen anstehender Veränderungen war diese Woche Intensivurlaub der Akku für meine Batterien.

– Meine Ehe war gescheitert,

– die Anwälte handelten unsere Scheidung aus,

– Arthur zahlte mir meinen Anteil aus dem Sparvermögen aus, um – wie er meinte – „Anwaltskosten einzusparen“,

– die Kinder schmollten,

– Herberts Arzt baute auf der Behandlung in Italien eine weitergehende Therapie auf,

– Renate trug sich in Anbetracht der ständigen Nähe von Carlo, ihrer großen unerfüllten Liebe, mit dem Gedanken, zu kündigen,

– Carlo kämpfte um neue Arbeitsbedingungen und hielt sich vermehrt in der Redaktion auf und

– die Zahl meiner Klienten überschritt mein Zeitvolumen.

Durch Herbert wusste ich, dass Carlo bei seinem Einsatz in der nordafghanischen Provinz Kundus traumatische Zwischenfälle, bei denen auch deutsche Soldaten zu Tode kamen, mit- erlebt hatte. Was wirklich in Afghanistan, dem Land am Hindukusch mit an die 20 Jahren Bürgerkrieg und Taliban-Herrschaft, vor sich ging, mochte ich eigentlich gar nicht wissen. Wissen sollten Angehörige der sich im Einsatz befindlichen Soldaten von deren seelischen Nöten, Ängsten, Albträumen, den Maulschellen, den extremen Situationen, welchen die Menschen dort ausgesetzt sind, dass unsere Jungs an echten Kriegseinsätzen teilnahmen.

Afghanistan, für den Bundespräsidenten Horst Köhler der Stolperstein, für Carlo die Wandlung vom Saulus zum Paulus. Und dieser geläuterte Paulus wurde für Renate zur Zerreißprobe.

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula“ „Und hier spricht Pit. Darf ich davon ausgehen, dass Sie einen schönen Urlaub hatten? Ich wünsche es Ihnen von ganzem Herzen.“

„Hallo Pit, sind Sie clean oder haben Sie geschnüffelt?“

„Weder noch, aber ich bin glücklich, soweit ein sich in der Warteschleife zur letzten Reise Befindlicher glücklich sein kann, und das habe ich Ihnen zu verdanken.

Ursula, Ihr Rat in Herz und Ohr, lange Gespräche mit meinem Therapeuten  –  Für und Wider  – abwägen, und die Geier meiner Krankheit kreisen über mir  –   stellt sich mir die Frage: Ist ein Leben ohne Krankheit eine Gewähr für ein langes Leben, für Glück und Zufriedenheit?

„Pit, erzählen Sie mir mehr, lassen Sie mich teilhaben.“

„Ja, ich erzähle es Ihnen. Ich bin als berufsunfähig eingestuft, und meine Altersversorgung wird derzeit geregelt. Und ich bin zumindest vorrübergehend von zu Hause ausgezogen, wohne, wie der Zufall so spielt, zur Untermiete in meinem eigenen Appartement.

Und das kam so:

Meiner letzten Steuererklärung zufolge ist die Sonderabschreibung für diese Wohnung ausgelaufen. Demnach bin ich seit 11 Jahren Eigentümer dieser Wohnung, die ich seinerzeit aus einer Konkursmasse günstig erwarb und an eine reizende Dame, die ich aus meinen Sturm und Drangzeiten etwas näher kannte, einst im Liebesgewerbe tätig, inzwischen mit Ablaufdatum versehen, vermietete.

Wegen einer notwendig gewordenen Reparatur schaute ich bei meiner Mieterin vorbei und blieb.

Hallo Ursula, sind Sie noch da?“

„Aber ja, wie könnte ich aus der Leitung gehen, wenn mir eine so spannende Lovestory geboten wird.

Pit, ich freue mich für Sie.

Und was die Dame betrifft, bin ich mir sicher, sie tut dem großen Pit gut und weiß den kleinen Pit zu nehmen.“

„Danke, Ursula für all den Mut, den Sie mir gemacht haben, für Ihre Anteilnahme, Ihr Zuhören, Ihren Trost. Ich fühle mich im Moment geliebt, umhegt und gut versorgt, und ich frage nicht nach, gründele nicht in trüben Gewässern, sondern schwimme an der Oberfläche, und das ist gut so!

Mit Sicherheit werden wir ab und zu telefonieren. Ich betrachte Sie als eine wertvolle Station in meinem Leben.“

„Danke Pit, das haben Sie schön gesagt. Alles Gute für Sie beide, und klingeln Sie gelegentlich mal durch.“

Pit, wie auch immer dein Name war, wer auch immer du bist, welches Schicksal dir auch beschieden sein mag, die letzte Station wird dich entschädigen. Sie zeigt dir noch einmal alle Fassetten der Liebe und des Geliebtwerdens. Möge Gott dieser Frau die Kraft schenken, an deiner Seite zu bleiben.

Und Pit wanderte in den Reißwolf.

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Hallo Ursula, ich bin Zita, und ich bin völlig durch den Wind.“

„Zita und die alte Liebe – ihre Geschichte. Zita, ist mir in guter Erinnerung, und ich frage mich, wie man mit Situationen, die alle Ketten sprengen, umgeht.“

„Gar nicht, Ursula, man wird gegangen. Du kannst diesen Zug besteigen, aber nicht anhalten, nicht das Ziel bestimmen. Und sobald du im Zug sitzt schließen sich alle Türen und es bleibt dir versagt, auf den grünen Knopf zu drücken und auszusteigen.

In weiser Voraussicht wählte ich zwanzigjährig ein anderes Ziel, bestieg einen anderen Zug, heiratete einen netten Kerl, bekam zwei Kinder und betete jeden Abend vor dem Einschlafen: „Lieber Gott, gib, dass ich meinen Mann lieben kann. Bitte, nur 50%, oder nur 30% der Liebe, die ich für diesen anderen empfinde, reichen aus. Bitte, lieber Gott, nimm mir diese andere Liebe aus dem Herzen.“

Gott, wenn es ihn gibt, verschloss seine Ohren, er erhörte mich nicht. Und immer, wenn ich glaubte, die Liebeskrankheit überstanden zu haben, erwachte sie in meinen Träumen und lebte neu auf.

Ich lernte mit ihr zu leben, verschloss und bewahrte sie tief in meinem Herzen.

Am 9. September heiratete meine älteste Enkeltochter. Trauung und Hochzeitsfeier fanden auf der Marxburg oberhalb des Rheins statt. Meinem Mann, dem Lieblingsopa unserer Enkeltochter, wurde die Ehre zuteil, die Braut zum Altar führen zu dürfen, denn ihr Papa, unser Sohn, ging infolge einer Knieoperation noch an Krücken.

Und jetzt klingelt es bei mir an der Tür. Tschüß Ursula, ich melde mich wieder.“

Diese Zita, weg war sie, und mir blieb ausreichend Zeit für eine Tasse Kaffee. Was mochte ihr Leben so sehr aus der Bahn geworfen haben?

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula“

„Guten Tag Ursula, ich möchte meinen Namen nicht nennen.“

„Das müssen Sie auch nicht. Darf ich davon ausgehen, dass Sie auf Termin sind? Dann habe ich Sie unter dem Kennwort Heinrich notiert, da ich dachte, es handele sich um einen männlichen Anrufer.“

„Stimmt alles, mein Mann hat den Termin vereinbart, und wir sind beide am Telefon. Mein Mann ist sehr aufgeregt und bat mich anzurufen. Ich gebe den Hörer jetzt an meinen Mann.“

„Hallo Frau Ursula. Wir haben große Schuld auf uns geladen und sind sehr verzweifelt.“

„Haben Sie Mut, und reden Sie frei von der Seele weg. Mit Gottes Hilfe werden wir einen Ausweg finden, und sei es noch so aussichtslos.“

„Also, es geht um unseren Enkel. Der Junge hat sehr früh seine Eltern verloren, und wir haben ihn aufgezogen. Er ist ein guter Junge, und ich bin schuld an seiner Berufswahl, und die war nicht gut, wie es sich nun herausstellt.

Ich habe den Jungen bedrängt, er möge sich freiwillig zur Bundeswehr melden und die militärische Laufbahn einschlagen. Ich war mich sicher, dass er es mit seinem guten Schulabschluss zu etwas bringen würde, und verdeutlichte ihm die gerade in der heutigen Zeit zu bedenkende finanzielle Sicherheit. Er würde verbeamtet werden, ich sah ihn in rosaroter Zukunft die Familientradition fortführen.“

Mein Anrufer erzählte mir vom Werden und Wachsen des Enkels – von der Ausbildung zum Berufssoldaten und wie stolz die Großeltern bei der Vereidigung und sonstigen festlichen Anlässen waren. Hier ließ ich meinen Anrufer enden, wirkte lobend und tröstend auf ihn ein, und wir verabredeten uns für die nächste Woche. Alles, was er jetzt brauchte war Zeit, in Ruhe seine Gedanken zu ordnen. Hektik und Selbstanklage führten in die Irre. Das sagte ich ihm und seiner Frau.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula“

„Und hier ist Renate.“

„Renate, bist du verrückt, ich bin auf kostenpflichtigem Telefondienst.“

„Und ich bin ein Fall für die Psychiatrie. Willst du mir beistehen oder willst du, dass ich von der Brücke springe?“

„Weder noch, ich will, dass du mich später auf ein Bier einlädst. Und jetzt schmeiße ich dich aus der Leitung.“

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula“

„Guten Abend, Ursula, hier ist Kurt. Sie erinnern sich? Der brüllende Löwe, der polternde Tölpel und das inzwischen erbärmliche Häuflein Elend.

Ursula, ich kann meine Ehe nicht retten. Wir waren zur Paartherapie, ich habe alles versucht, und immer wieder falle ich in mein altes Ego zurück. Ich will und will – und kann aber nicht. Es ist wie ein Fluch, wie ein Impfserum in meinem Blut. Sobald ich mich nach außen einsichtig und verständnisvoll zeige, kocht mein Blut, brodelt und verleitet mich dazu, meine Frau zu kontrollieren und ihr nachzuspionieren. Sobald sie sich hübsch macht, mit mir oder ohne mich ausgeht, drehe ich durch.

Sie ist zu unserem Sohn gezogen, und er hat mir Hausverbot erteilt.

Ursula, was soll ich tun?“

„Lieber Kurt, im Grunde genommen können Sie nichts tun. Es ist, wie es ist. Sie sind ein Opfer Ihrer Genration, ein Produkt der Erziehung Ihrer Eltern, vielleicht auch der Großeltern.

Seinen Sie ein Mann und akzeptieren Sie, dass Sie verloren haben. Es wäre fatal, das Leben als Spiel zu sehen. Aber erwächst nicht aus einem verlorenen Fußballspiel und einer veränderten, verbesserten Trainingsmethode ein neuer Erfolg?

Machen Sie etwas Neues aus Ihrem Leben, lassen Sie Vergangenes zurück, und sagen Sie ja zu der Veränderung. Nur so können Sie und Ihre Frau Frieden finden um neue Wege zu gehen. Tun Sie es, auch aus Liebe zu den Kindern, sonst laufen Sie Gefahr, alle die sie lieben, zu verlieren.“

Kurt war mein letzter Anrufer für heute. Morgen würde ich den ganzen Tag in der Redaktion sein, und für übermorgen ist wieder Homework angesagt.

 

 

 

Kapitel 39

 

Weihnachten stand vor der Tür, mein Umzug unmittelbar bevor und Renate vor einem beruflichen Neuanfang.

Sie schaffte es nicht, Carlo aus ihrem Herzen zu verbannen, die Coole zu mimen, so verordnete sie sich die Verbannung. Schritt um Schritt, im Schneckentempo gewährte sie mir Einblick in ihre verletzte Seele. Nicht vernarbte Wunden aus einer Zeit, die schon sehr lange zurücklag und mit Carlo nichts zu tun hatte, traten hervor:

Die Zeit der jungfräulichen Hochzeit in Weiß, die Welt in Rosarot getaucht, eine gewünschte Schwangerschaft und die Geburt des Sohnes.

Ein stolzer Papa, eine glückliche Mama, ein gesunder Stammhalter, Großväter mit geschwellter Brust und miteinander wetteifernde Großmütter.

Ein neuer Morgen, ein neuer Tag. Ein Morgen, an dem die junge Familie verschlafen hatte. Die jungen Eltern glücklich, selig, den ersten wunderbaren Sex nach der Geburt des Kindes genossen zu haben, schälten sich verschämt aus den Federn, um nach dem Sohn zu sehen, der eigentlich schon gestillt sein sollte, aber scheinbar ebenso ein Langschäfter war wie seine Eltern. Ja, er schlief. Er schlief friedlich, reglos, schlief in den Armen der jungen Mutter weiter, verschlief den sanften Kuss des Vaters, schlief mit kraftlos hängenden Ärmchen und Beinchen, das Köpf- chen zu Seite geneigt und rührte sich nicht.

Gott hatte ihn gegeben, Gott hatte ihn genommen.

Die Ehe zerbrach, und Renate befand sich seitdem auf der Flucht, besessen von dem Gedanken an Schuld und Sühne, und sie versagte es sich, eine neue Beziehungen einzugehen.

Arme Renate. Und nun war sie wieder auf der Flucht, floh vor der Liebe, vor der Herausforderung, den neuen Carlo zu ergründen, sich und ihm eine Chance zu geben.

   Mein neues Leben wurde besiegelt durch den Umzug in eine größere Wohnung in guter Lage, obwohl mir eine andere ebenfalls angebotene Neubauwohnung in Schnitt und Aufteilung besser gefiel, von der mir Herbert aber abriet: „Finger weg vom Erstbezug“, mahnte er nicht ohne Grund. Im Neubau steckten oftmals noch alle Kinderkrankheiten von knackenden Heizungsrohren, klopfenden Heizkörpern bis zur Schimmelbildung durch nicht ausreichende Trockenperioden.

 

 

 

Kapitel 40

 

Weihnachten in meinem neuen Zuhause.

Es war mein Wunsch, Heiligabend mit Renate zu verbringen, mit ihr gemeinsam den Gottesdienst zu besuchen, zu kochen, und ich wollte ihr anbieten, mein Gästezimmer einzuweihen.

Der erste Weihnachtsfeiertag sollte meinen Kindern gehören, und Herbert wollte ich sehr, sehr gerne vom zweiten Feiertag bis zum neuen Jahr um mich haben.

Schauen wir mal, was draus wird. Noch war reichlich Zeit, zu planen und sich zu besprechen.

Ich tat meine Wünsche kund, anscheinend mit so viel Bestimmtheit, dass keiner Gegenargumente hervorzubringen wagte. Machte mich das Alter zum Tyrannen? Ich glaube nicht. Ich reagiere lediglich immer noch empfindlich, wenn es um Entscheidungen geht. Zu lange war ich passiv, willenlos, bescheiden, angepasst – Muster ohne Wert.

Heiligabend. Nur Renate und ich. Festlich gewandet, besuchten wir den frühen Familiengottesdienst um 17 Uhr. „Schau, Claudia, Kind und Kegel, es fehlt nur noch der Hund“, amüsierte sich Renate. Das Gotteshaus war gut besucht. Es wird Gott eine Freude gewesen sein, seine Schäflein so zahlreich in seinem Namen versammelt zu sehen.

Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ Mit dem Wort Jesu begrüßte der Pfarrer die Gemeinde und richtete seinen Gottesdienst an den Kindern aus.

Wieder zu Hause bescherten wir einander unter dem Tannenbaum. Wir schlemmten, redeten. Es war friedvoll und feierlich, keine Hektik, ein wirklich heiliger Heiligabend.

Und es löste sich ein Band, verschlungen und verknotet, bei Renate. Es gab ihrem Herzen Raum, sich zu öffnen, und das Kind in der Krippe, die Worte des Pfarrers rissen die Dämme ein. Es brach alles aus ihr raus: der nicht verarbeitete Tod ihres Kindes, die Scheidung, die Schuldzuweisung ihrer Eltern, der Bruch mit den Schwiegereltern.

Es war lange nach Mitternacht, als wir zu Bett gingen. Wir teilten uns mein breites Bett, ich hielt Renate in meinem Arm, und sie war mir in diesem Augenblick eine Tochter, ein kleines Mädchen.

Wie konnte sie all die Jahre mit dieser Last leben? Darum also trat sie bei Carlo den Rückzug an. Sie gab lieber ihre Arbeit, ihre Existenz auf als sich der Liebe hinzugeben. Armes Hascherl.

Mein Rücken begann zu schmerzen. Nach zwei Stunden im überfüllten Bett zog ich mich auf leisen Sohlen in das Gästezimmer zurück und sank in einen tiefen traumlosen Schlaf, bis mir der  Duft von frisch gebrühtem Kaffee in der Nase kitzelte.

Renate war in der Küche zugange. Aufgebackene Brötchen, Knäckebrot, Graubrot, Frühstücks- eier, Butter, Marmelade, ihr Service und unser umsichtiger Einkauf ließen keine Wünsche offen.

Weihnachten. In dem Wort, dem Begriff stecken tausend Erinnerungen, liegt tausendfach Hoffnung, Ruhe und Kraft. Entzündete Kerzen spendeten zusätzlich Licht und Wärme. Und wir hatten Zeit, so als hätte jemand die Uhr angehalten.

Meine Uhr zeigte 13 Uhr, als Renate sich verabschiedete. Die Geschenke für meine Kinder und Enkelkinder lagen unter dem Tannenbaum, der Kaffeetisch war eingedeckt, und mir blieben noch zwei Stunden, um zu lesen, Musik zu hören, zu faulenzen.

Es war Weihnachten! Mein erstes Weihnachtsfest in der neuen, geräumigen Wohnung und meine Kinder erstmals als Gäste.

Frohe Weihnachten!“ Ich durfte sie umarmen, sie sahen friedlich aus, schauten sich anerkenn- end um. Es könnte klappen, dass der Heilige Christ ihre Herzen einen kleinen Spalt weit ge- öffnet und ein, wenn auch gequetschtes, Rein und Raus ermöglichte.

Den Enkelkindern zuliebe zogen wir die Bescherung vor. Harmonisch und entspannt sieht ein bisschen anders aus, aber es ist auch so eine Sache mit Erwachsenenbescherung. Dafür lockerten Kaffee und Kuchen und die frohe Botschaft, dass meine Tochter Susen im dritten Monat schwan- ger war anschließend die Runde wieder auf. Felix würde ein Geschwisterchen bekommen. Ein schöneres Weihnachtsgeschenk konnte mir meine Tochter nicht machen, und das sagte ich ihr, als ich sie liebevoll umarmte. Ich wünschte ihr und ihrer kleinen Familie alles Glück der Welt, und einem Impuls folgend schenkte ich meinem Schwiegersohn, mit Absegnung meiner Kinder, die von ihm stets bewunderte Pfeifensammlung meines Vaters. Ein möglicher Streitpunkt weniger im eventuellen späteren Gerangel um die kläglichen Reste einer kläglich gescheiterten Ehe.

So viel Friede rund um den Esstisch!?

Ela wollte nach England gehen, war eine weitere, aber sicherlich veränderbare Neuigkeit. Nein, diesmal nicht! Alle Formalitäten waren von Arthur unterzeichnet Studienbestätigung etc. lagen vor.

Schön für dich, meine Kleine. Ich werde dich mit Sicherheit vermissen, aber ich freue mich für dich. Ich komme dich bestimmt besuchen. Und wenn du hier bist, habe ich ein Gästezimmer!“

„Wo ist eigentlich dein humpelnder Freund?“

Endlich trat meine Ela zutage, wie ich sie kannte! „Herbert kommt morgen und bleibt über Silvester.“

Keine Replik? Kein Kommentar? Meine Kinder schienen doch nicht etwa erwachsen geworden zu sein.

„Herbert ist ein feiner Mensch, ein Schatz, er wärmt meine Seele, und er tut mir gut. Mit Papa hat das nichts zu tun. Euer Vater und ich, wir schaffen das ohne euch zu belasten. Ich denke, es ist auch für Papa die Chance auf ein neues Leben. Unsere Ehe war ausgedörrt, leer, ohne Zuneigung, ohne Wärme. Die Liebe war verlorengegangen. Euch Kindern zuliebe und auch wegen der finanziellen Aspekte quälten wir uns. Wir verschlossen beide die Augen vor der Wahrheit. Und ich konnte und wollte nicht bis an Ende aller Tage in dieser Leere leben. – Sorry.“

„Komm, wir räumen den Tisch ab“, überbrückte meine Schwiegertochter Victoria das Schweigen der Lämmer.

Sie war eine so angenehme Person, für meinen Sohn ein Sechser im Spiel des Lebens und für uns eine Bereicherung der Familie. „Claudia, sieh mich bitte an“, meinte sie, als wir allein in der Küche waren, „ich trenne mich von Richard. Sei so lieb, und frage nicht nach, nimm es zur Kenntnis. Ich möchte, dass du es weißt.“

Ich fragte nicht nach. Ich nahm Sie in den Arm. Für mich würde sie immer ein Teil unserer Familie bleiben.

Draußen tanzten die ersten Schneeflocken und bedeckten die hartgefrorene Erde mit einem weißen, funkelnden Brautkleid. König Winter zog ins Land. Richard mahnte zum Aufbruch bevor die Heimfahrt zu einer Rutschpartie würde.

Und so endete der zweite Teil der Weihnachtsgeschichte. Ich ließ alles stehen und liegen, zog eine warme Jacke über und schenkte meinen Lungen die ersehnte Frischluftkur.

Ich war sehr glücklich.

 

Kapitel 41

 

Abgesehen von der Woche Italien und einer gelegentlichen Nächtigung im Hotel war der sich über einen längeren Zeitraum hinziehende Besuch von Herbert in meiner neuen Wohnung das berühmte erste Mal, dass wir gemeinsam wie ein Ehepaar den Tag beginnen, beenden und gemeinsam in die Nacht hinübergleiten würden.

Also, das mit dem Schlafzimmer sollten wir ändern. Was hältst du davon, wenn ich ein ordentliches, bequemes Bett spendiere?

… und ich hätte da noch so eine Idee: Von der Größe her ließe sich aus dem Schlafzimmer ein gemütliches Wohnzimmer gestalten, dann böte das Wohnzimmer reichlich Platz für deinen und auch meinen Traum  –   darin waren wir uns im Trulli-Hotel einig! – Unser Traum von einem großen Schlafzimmer mit Balkon …“

„Stopp, mein Freund! Das ist meine Wohnung, und ich bin sehr, sehr glücklich, dass du bei mir bist. Ich habe Urlaub, der Weihnachtszauber hält uns gefangen und morgen ist Silvester. Das neue Jahr lugt durch das Schlüsselloch. Noch eine Woche, dann nimmt mich der Alltag wieder in die Pflicht. Ich will und kann nicht orakeln, aber noch vermag ich mir nicht vor- zustellen den Alltag im Duett zu leben.

Herbert, bitte, nimm mich in den Arm, küss mich und sag, dass du mich liebst, ich hör es so gern. Aber sag nicht, wir sollten unsere Haushalte zusammenschmeißen Bitte noch nicht!“

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich bin so gerne in deiner Nähe. Lass uns das Kapitel abhaken. Das mit dem Bett könnte ein Kompromiss sein.“

„Versprochen, ich denke darüber nach. Lass uns zusammen Prospekte wälzen und das eine oder andere Möbelhaus durchstöbern, wir finden eine Lösung“

Und führe mich nicht in Versuchung, die kleinen Teufelchen lauerten überall. Doch ich würde mein teuer erkauftes neues Leben nicht aus der Hand geben.

Mein Herz blutete und meine Seele weinte, als sich Herbert verabschiedete.

„Wir werden telefonieren, E-Mails schreiben, skypen und uns in zwei Wochen wiedersehen.“

„Ich werde dich schrecklich vermissen.“

 

 

 

Kapitel 42

 

 

Meine Scheidung von Arthur lief bis dato problemlos. Gelegentliche Telefonate ließen sich nicht vermeiden, ansonsten ging alles über unsere Anwälte.

Unser Sohn Richard hatte allmählich kapiert, dass seine Ehe ebenfalls in nächster Zeit die Anwälte beschäftigen würde. Arthur schlug sich ganz auf die Seite seines Sohnes, was mich nicht sonderlich verwunderte. Und so drangen wesentliche Details auch bis zu mir durch, wenn ich mit meinem noch Ehemann kommunizierte.

Richard trug ein größeres Quantum von Arthurs Erbgut in seinen Genen, als ich je für möglich ge- halten habe. So hatte er sich über die Bedenken seiner Frau hinweggesetzt und die ihm angebotene Arztpraxis in einem Stadtteil mit erhöhtem Ausländeranteil übernommen, was mit einem Umzug in eben diesen Stadtteil verbunden war und dem meine Schwiegertochter widersprach. Und er wiederum widersprach ihr. Und da er nicht bereit war, aus dem Vertrag auszusteigen, stieg sie aus. Und mit ihrem Ausstieg ermangelte es plötzlich ihres Einkommens, und ohne ihr Einkommen war das Gesamteinkommen ein anderes, als bei der Finanzierung ursprünglich geplant.

Darum also geriet unser Sohn bei der endgültigen Trennung seiner Eltern so aus dem Häuschen – wortwörtlich, weil das Häuschen seiner Eltern durch deren Trennung gesplittet, zersägt oder einem Verkauf zum Opfer fallen könnte.

Ich dankte der Vorsehung, dass Arthur vor Inangriffnahme unserer Scheidung, um die Anwalts- kosten zu drücken, alles Barvermögen freiwillig mit mir teilte, so dass unsere Scheidung sich noch auf den Versorgungsausgleich und das Haus und einige Wertgegenstände beschränkt.

Ohne unsere Scheiddung würde mit großer Wahrscheinlichkeit ein Teil unseres Vermögens zur Darlehnssicherung für den Sohn herhalten, und um dem Bruder nicht nachzustehen, würde Susen ihre Fühler ausstrecken und Ela trotzköpfig dem Beispiel ihrer Geschwister folgen.

Nehmen ist seliger denn Geben, so hatten wir unsere Kinder erzogen.

 

 

 

Kapitel 43

 

 

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“ „Guten Tag, ich habe einen Termin bei Ihnen, und ich sollte mir wegen Datenschutz einen Namen ausdenken.“

„Ja, ich bin Ursula, und wie darf ich Sie ansprechen?“

„Ich dachte an Rainer, so hieß mein Großvater.“

„Gut, Rainer, was kann ich für Sie tun?“

„Eigentlich würde ich lieber mit einem Mann sprechen, aber Ihr männlicher Kollege, so sagte man mir, sei in Urlaub.“

„Das ist richtig. Sagen Sie mir mit einfachen Worten, wo Sie der Schuh drückt, und sollte es zu intim oder es Ihnen unangenehm sein das Gespräch fortzuführen, brechen wir ab, und ich gebe Ihnen einen neuen Termin bei meinem Kollegen.“

„Als meine Frau verstarb, fing mein Problem an. Sie sollten wissen, meine Frau war sechs Jahre älter, sie kümmerte sich, teilte ein, tat und machte. Sie nahm mir so alle Sorgen und regelte alles in meinem Sinne. Unser Eheleben war sehr aktiv und vielseitig, was von ihr ausging, und ich fand es toll, eine so erfahrene, vitale Frau zu haben. Da sie die Ältere, die Er- fahrenere war, brachte sie ein gewisses Potential in unsere Beziehung mit ein.

Sie starb, wie sie gelebt hat: als drehte man einen gefüllten Krug um, und der Wein entleert sich in einem einzigen Schwall. Und was bleibt, ist der Geruch von einem guten Tropfen.

Zwei Jahre sind seitdem vergangen, und ich bin noch immer in ihrem Bann. Und des Nachts zerren bizarre Gedanken an meinem, Sie wissen schon was ich meine, und lassen nicht los.

Ich denke mir Tricks und kleine Kunstgriffe aus, war auch mal mit anderen Frauen zusammen. Sex nach 08/15 genügt den meisten Damen meiner Altersklasse, und sobald ich etwas anderes möchte, zieren sie sich und blocken ab. An junge Frauen traue ich mich nicht heran. Und nun ist mit meinem Körper etwas Schreckliches passiert. Darüber würde ich lieber mit einem Mann reden.“

„Lieber, armer Rainer, wir haben noch ein paar Minuten. Ich fühle mit Ihnen und ich wünsche Ihnen, dass Sie eine attraktive Frau finden, die Ihre Wünsche teilt. Trauen Sie sich eine jüngere Frau auf einen Drink einzuladen, gehen Sie mal tanzen, planen Sie einen Wochenendtrip. Genießen Sie die Zeitspanne des sich Kennenlernens, und kommt es zu Intimitäten, starten Sie voll durch und bringen das mit Ihrer Frau gelebte Wissen um die Sexualität ein. Nur Mut, es wird schon gelingen.

Was den Gesundheitszustand Ihres Körpers angeht, gehen Sie zu Ihrem Hausarzt, führen Sie ein offenes Gespräch, er wird Sie verstehen.

Und ich würde mich freuen Positives von Ihnen zu hören. Melden Sie sich gerne mal wieder, ich freue mich auf Sie.“

„Danke fürs Zuhören, ich melde mich, versprochen!“

Alter Sexprotz, Angeber! Ich denke, das war mehr Schein als Sein um seinen Hampelmann.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Guten Tag, ich bin Maria. Sie kennen mich nicht. Ich bin eine Bekannte von einem Herrn, der bei Ihnen unter Pit geführt wird. Pit bat mich, Sie anzurufen und Ihnen zu sagen, dass er derzeit in der Klinik ist. Es geht ihm nicht sonderlich gut. Pit spricht immer wieder von Ihnen, und er wünscht sich so sehr Ihre Stimme zu hören.“

„Sie erschrecken mich, Maria. Meine Gedanken sind sehr oft bei Pit. Ich wünsche ihm so sehr, dass sich sein Körper stabilisiert und ihm die ständigen Chemotherapien nicht alle Kraft rauben. Nennen Sie mir eine Zeit, ich bin für Pit da. Schicken Sie mir eine E-Mail mit Tag und Uhrzeit, damit ich meine Leitung freischalten kann.“

„Danke, ich melde mich.“

„Bitte tun Sie das und grüßen Sie Pit von ganzem Herzen. Er ist ein feiner Kerl.“

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Guten Tag, ich bin bei Ihnen unter Lina angemeldet.“

„Hallo Lina, wie geht es Ihnen? Was führt Sie zu mir?“

„Mein Anliegen ist sehr persönlich, eher peinlich, doch ich denke, am Telefon fällt es mir leichter, hierüber zu sprechen. Ich habe schon mal versucht bei einer Freundin vorsichtig anzuklopfen. Aber entweder sind ihr meine Sorgen fremd, oder sie steht über solchen Dingen. Aber diese Dinge waren mir in meiner Ehe viel zu lebenswert, um sie im Alter auszublenden.“

„Lassen Sie mich raten, es geht um die schönen Dingen im Leben einer Partnerschaft: Liebe und Sex.“

„Ja, darum geht es.“

„Und bei Ihnen hat sich ein Defizit eingeschlichen, ausgelöst durch altersbedingte körpeliche Veränderung, Fehlverhalten, Mangel an Erklärungen, Angst, den anderen zu verun- sichern, und, und, und …“

„Genau! Für meinen Mann verhalte ich mich verkrampft, erschwere ihm den Eintritt in den Garten Eden, drücke ihn mit meiner Muskulatur raus und zwinge ihn zur Aufgabe. Bleibe ich völlig passiv, kann er sich abarbeiten und ich bin nur Mittel zum Zweck. Das kränkt mich, das verletzt mich. Wenn es ihm lediglich um eine Erleichterung geht, so kann er dieser auch ohne mich nachkommen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Ich verstehe, was Sie meinen, liebe Lina. Und so wie Ihnen geht es vielen Paaren. Unsere Sturm- und Drangzeiten, wie Spontansex zwischen Zähneputzen und Frühstück, gehören der Vergangenheit an.

Mit Potenz protzen gehört der Erinnerung an. Doch Sie dürfen mir glauben, Sex im Alter kann viel schöner sein und steht dem jugendlichen Spaß in nichts nach.

Schauen Sie auf meine Webseite. Klicken Sie dort auf Sex und Alter. Hier finden Sie Hin- weise zu entsprechender Literatur. Wir sprechen uns, wenn Sie es wünschen, nächste Woche noch einmal.  –  Gleicher Tag, gleiche Zeit?“

„Danke Ursula, Sie können mich für nächste Woche vormerken.“

Morgen war auch noch ein Tag. Morgen würde ich zu Hause sein, meine E-Mails abarbeiten und über den Sinn des Lebens sinnieren. Herbert vermisste ich schon heute und morgen würde mir Renate fehlen. Sie fehlte mir, sie fehlte in der Kantine … und alles wegen eines Kerls wie Carlo. Zweifelsohne hatte er sich verändert, nur wüsste ich gerne den Auslöser hierfür. War e ein Erlebnis im nordafghanischen Kundus?

Hatte ihn eine Liebe aus der Bahn geworfen?

Carlo in Italien war ein anderer Carlo als unser Carlo, der seit Jahren die Damenwelt am Arbeitsplatz vernaschte und anschließend wieder ablegte. Dieser Carlo hatte Renate bis ins Mark getroffen. Dem anderen Carlo läuft sie davon. Es zerreißt sie ihn täglich sehen zu müssen, ausharren in Hoffen und Bangen, dem zog sie eine Kündigung vor.

Carlo erhielt die Zusage, vermehrt in der Redaktion zu arbeiten. Leonard Pitrella, der Neuzugang in der Geschäftsleitung, hat den halben Laden umgekrempelt, einzelne Abteilungen geschrumpft und setzt verstärkt auf Internet. Rein äußerlich blieben unsere Journale den Lesern in ihrer Ursprungsform erhalten. Inhaltliche Lücken durch Kostensenkung wurden mit Füllmaterial versehen. Über Internet liefen kostenpflichtige Seelsorgen mit dem Schwerpunkt Krieg in Afghanistan –  mit Carlo als Berater.

Jugendliche Internetbesucher mit altersentsprechenden Problemen wurden zunächst kostenfrei geködert, und sobald handfeste Probleme auf dem Tisch lagen, musste ein Elternteil einer weitergehenden kostenpflichtigen Beratung zustimmen. Als Berater standen Grünlinge, frisch von der Uni, zum Nulltarif als Praktikanten angeworben Schlange, in der trügerischen Hoffnung, irgend- wann eine Anstellung zu erhalten.

Hin und wieder bekam ich aus dem Überschuss an Kollegen Unterstützung und erfuhr so Entlastung. Mir verschaffte diese Regelung ein gemindertes Fixum, dafür aber einen zusätzlichen freien Tag pro Woche.

Heute war so ein freier Tag. Ich sollte Bäume ausreißen, lag aber faul im Bett und klickte mich ohne die erforderliche Konzentration durch meine E-Mails.

Aufhorchen ließ mich Hannah in Sachen Anne mit Forschungsdetails aus London und Norwegen zur Alzheimererkrankung. Nach Untersuchungen der britischen Universität Oxford glaubten Forscher, Vitamin B könne möglicherweise eine wirksame und dazu preiswerte Waffe gegen Altersdemenz sein, zumal auch eine andere Studie aus Norwegen zu dem Ergebnis kam. Durch die tägliche Einnahme des Vitamins könne bei älteren Menschen das Schrumpfen des Gehirns eingedämmt und so Demenz vorgebeugt werden.

Und man nahm zudem an, Körperkontakt wie Kitzeln könne die Gedächtnisleistung verbessern. Durch die motorische Aktivität würde das Gehirn an den Stellen, die für die Verarbeitung von Informationen wichtig seien, besser durchblutet,.

Anderorts wurden Magnetresonanz-Untersuchungen durchgeführt, und man setzte auf chinesische Akkupunktur unter Einbettung von Musik und Tanz als Ergänzung zur westlichen Medizin.

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte man an der Uni Erlangen. Hier baute man auf Bewegung, Musik und Spiel, um Aufmerksamkeit und Reaktion zu schulen, wie zum Beispiel durch Tischfußball, Ballspiele, Geschicklichkeitsspiele, Türme bauen, leichte Faltarbeiten.

Singen, klatschen, tanzen, kleine Arbeitsgruppen, gegenseitig berühren, etwas verstecken, nachsehen, suchen – die Bandbreite ließe sich beliebig erweitern. Und zeigt Wirkung, wobei man Medikamente derzeit in Frage stellt.

Hoffnung in kleinen Dosen, um Licht in das sprichwörtliche Dunkel zu bringen.

Hannah blieb am Ball, hielt Kontakt zu Anne, so dass für mich an dieser Stelle kein Handlungsbedarf bestand.

Gerne hätte ich Max, den spätpubertierenden Rosenkavalier kennengelernt.

Und Zita, um mir ein Bild von ihr zu machen, die verzweifelte Liebe in ihren Augen sehen und den aufgeregten Puls an ihrer Halsschlagader wahrnehmen, wenn sie mit ihrer Liebe konfrontiert würde.  –  Mal Mäuschen spielen.

Zitas E-Mail las sich wie ein Krimi. Ahnungslos fuhren die Großeltern zur Vermählung der Enkeltochter, trafen in der Kirche auf die Großeltern des Bräutigams, und es war nichts mehr, wie es war. Zitas Herzschlag geriet aus dem Takt, die Knie geben nach, sie klammerte sich an die Bank, auf der sie saß, Altar und Brautpaar verschwammen vor ihren Augen.

Das durfte nicht sein!  –  Das konnte nicht sein!  –  Und doch: Es war so. Der Bruchteil einer Sekunde genügte. Es waren dieselben Augen, derselbe Mund, und 50 Jahre schmolzen wie Eis in der Sonne.

„O mein Gott, was treibst du für ein grausames Spiel mit mir?“

Ich habe gebetet, gebettelt, gefleht: ‚Nimm diese Liebe aus meinem Herzen!‘ Ich war zu jedem Opfer bereit.

Wie soll ich diesen Tag überstehen? Mein Enkelkind ist die Braut, ich seine Groß- mutter, ich bin die Erde, der Ton, aus dem meine Nachkommen geformt, der Ursprung ihres Seins. Ich sollte stolz und glücklich sein, diesen Tag erleben zu dürfen. „O mein Gott, hilf mir aus meiner Not. Bitte!‘

Wie sollte ich ihm begegnen? Wir mussten uns begrüßen, die Hand reichen. Ich war so glücklich, so unendlich glücklich! Es gibt ihn, es gibt sie, die einzige, die wahre, die große Liebe! Und ich darf sie fühlen, sie erleben. Sie war immer und ist noch immer der Sinn meines Lebens. Sie allein macht mein Leben lebenswert und wertvoll. Ich lebe nur, weil es ihn gibt. Jetzt fällt es mir wieder ein, mein Gedicht, das ich einst für ihn ersonnen und aufgeschrieben hatte:

Ich lebe nur, weil es dich gibt, ob du mir nah bist oder fern. Ein Leben lang bin ich in dich verliebt. Ich habe dich unendlich gern.

Ich trachte nicht nach Gut und Geld, wünsch mir die Jugend nicht zurück. Deine Augen spiegeln meine Welt. Deine Lippen versprechen höchstes Glück.

Wenn deine Hände mich berühren, schwindet mein sonst so klarer Sinn; und sollte Gott dich mir entführen, dann geb‘ auch ich mein Leben hin.

Was auch immer der Tag mir abverlangte, ich hatte keine Ahnung, wie ich ihn überstehen konnte.

Liebe Ursula, der Tag kam und ging, und ich war Zaungast meiner eigenen Person, wie in Trance und fern jeder Realität.“

Hier endete ihre E-Mail.

Eine Frau, nur wenig älter als ich, glühte vor Liebe, zu der ihr in jungen Jahren der Mut fehlte sie zu leben.

Zita macht mir Mut, mehr auf Herbert zuzugehen. Herbert liebt mich, und ich sehne mich nach seiner Zärtlichkeit.

Sch***e, ich hatte mein Telefon nicht abgeschaltet.

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Guten Tag, ich habe Ihre Telefonnummer von einer Freundin bekommen, mein Name ist Betty.“

„Betty, was kann ich für Sie tun?“

„Mir tun die Füße weh, ich knicke auf ebener Straße um, meine Knie sind schon in Mitleidenschaft gezogen, und von Ärzten habe ich die Nase voll. Alter, Abnutzung, künstliche Ersatzteile, Leistung ohne Gewähr. Ich mag nicht mehr.“

„Sie wissen schon, dass ich keine medizinischen Ratschläge geben kann und darf. Ich käme in Teufels Küche. Was ich darf, sind eigene Erfahrungen weitergeben. Ich kenne Ihr Alter nicht, ich kenne aber mein Alter und die Defizite meines Körpers.

Beginnen wir ein ganz harmlos: Ich frage Sie nach Gewicht oder Übergewicht, und ich erkläre Ihnen eine entlastende Gangart. Stellen Sie sich ein Pferd vor, besser noch, schauen Sie sich Pferdesendungen an, zum Beispiel Dressurreiten und die Eleganz der Pferde, wie sie die Füße setzen, die Beinarbeit, Gewichtsverlagerung, die schlanken Fesseln. Dressurreiten ist mühsame Zusammenarbeit zwischen Pferd und Reiter, und im Galopp fliegen die Pferde samt Gepäck, alias Reiter, geradezu.

Ansehnliche Beine, altersbedingte mehr oder minder schlanke Fesseln wünschen sich Pflege, leichtfüßige Bewegung. Und das ist nicht immer leicht, wenn die Gangart verschludert ist.

Beobachten Sie Ihren Gang, die Länge Ihrer Schritte, wie Sie die Füße setzen, nach innen, nach außen, welches Schuhwerk macht Probleme, mit welcher Fußbekleidung bewegen Sie sich in der Wohnung und so weiter.

Schreiben Sie alles auf und rufen mich wieder an.“

„Danke, so hat noch niemand mit mir gesprochen. Ich werde mich bei Ihnen melden. Auf Wiederhören“

„Tschüß, bis in einer Woche.“

Alte Leute, alte Knochen, schlappe Muskeln, nachlässige Kleidung, mangelhaftes Schuhwerk, schlurfender Gang, die Liste wird immer länger und das Metermaß immer kürzer.  –  Achtzig, neunzig Zentimeter auf dem Maßstab minus Alter, da kann einem Angst und Bange werden. Der alternde Körper verlangt nach Pflege, nach Muskelaufbau, geziehlten Bewegungen unter fachlicher Anleitung.

Ich sollte die Liebe mit Herbert genießen und den Altersunterschied als Geschenk sehen. Bei meinem Noch-Ehemann habe ich draufgezahlt und bei Herbert vereinnahme ich.

 

 

Kapitel 44

 

Finanziell bemüht sich Arthur, den Rückwärtsgang zu finden und verlangsamte das Verfahren.

Herbert steckt ebenfalls in einem Prozess um Wiedergutmachung, wenn man den Begriff in Verbindung mit dem Verlust eines Kindes überhaupt verwenden darf. Den Verlust eines Menschen kann weder ein Urteil noch Geld ersetzen.

Bei allem Leid musste Herbert realisieren, dass sein Sohn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem angeborenen  Herzfehler behaftet war und das geschwächte Herz widrigen Umständen nicht standhielt. Diese Erkenntnis mochte versöhnlich stimmen, brachte aber den Eltern den Sohn und der Schwester den Bruder nicht zurück. Die Familie brach end- gültig auseinander. Dennoch hofften alle auf einen Neubeginn, wie immer er sich auch gestalten mag.

Formell begünstigten wirtschaftliche Umstrukturierungen das von Herbert angestrebte Verfahren und transferierten es auf eine andere Schiene.

Die Ehe was gescheitert und Herberts geschiedene Ehefrau hatte sich von Beginn an gegen eine Beteiligung an dem Verfahren ausgesprochen, dies schriftlich fixiert und auf eine eventu- elle Entschädigung aus dem Verfahren verzichtet, wodurch das Ganze, dadurch abgespeckt, eine raschere Bearbeitung erfuhr.

Nach Stand der Dinge ging es noch um ein Pro-forma-Gutachten und die Höhe der Entschädigung. Die Regierung würde zahlen, und eine weitere Stasi-Akte wanderte ins Archiv.

Hier rieselten die Flocken, und bei Richard, unserem Sohn, kamen sie ins Stocken. Er erwartet von uns, den Eltern Hilfe, andererseits konnte er sich vorstellen, seinen Erbanspruch vorzeitig geltend zu machen, flüsterte mir hinter vorgehaltener Hand unsere Schwiegertochter zu.

Eine ähnliche Arie wie aus einer Seifenoper sang Arthurs Freundin. Hella hieß die Flamme, welche Arthur entzündet hatte. Ob sie ihn oder er sie, blieb sich gleich, solange der Brennstoff nicht ausging. Doch der konnte knapp werden.

Hella, so glaubte meine Schwiegertochter zu wissen, war willens, Arthur nach unserer Scheidung einen Betrag X für meine Abfindung zur Verfügung zu stellen, und im Gegenzug sollte er ihr meinen Anteil an unserer Immobilie notariell zusichern. Eine fein ausgeheckte Intrige. Ich ließe mich bei der Scheidung zu Gunsten der Kinder unter Wert abfinden, würde nach der Scheidung im Grunbuch gelöscht und die liebe neue Liebe Miteigentümerin, womit unsere drei Kinder im Erbfall nur Anspruch auf Arthus Anteil hätten.  –  Sauber!

Auf Richards Drängen um Beihilfe zu seinem beruflichen Vorhaben zog Hella ihr Angebot zurück, Arthur sah sich in der Sackgasse, und ich war an allem schuld!

Dem Himmel sei Dank, dass bereits ein Teil der flüssigen Mittel zu mir geschwommen waren und die Scheidung lief. Alles andere würde sich finden.

Meinen lieben Ehemann ließ ich durch meinen Anwalt wissen, dass jeder Baustopp die Kosten in die Höhe triebe, nervliche Belastungen meiner Gesundheit schadeten und mich im Gelderwerb beeinträchtigten, wodurch mein Lebensunterhalt möglicherweise unter die Mindestgrenze fallen könnte und Unterhaltskosten auf ihn zukommen würden. Noch war ich willens, das Ganze fried- lich zu regeln, aber ich konnte auch anders!

Hallo, regt sich da tatsächlich jemand auf? Ihr bösen Gedanken, husch in die Schublade!

Draußen schien die Sonne, und ich hatte meinen freien Tag. Wozu Trübsal blasen? Da ging ich lieber mit Renate shoppen und plauderte bei einer Tasse Kaffee über angenehmere Dinge.

 

Mit Herberts Unterstützung  gelang es mir, Renate davon zu überzeugen, dass sie professionelle Hilfe benötigte. Verdrängen hieß nicht verarbeiten. Und den Tod eines Kindes zu verdrängen, Schuldgefühle auf die Seele zu laden, tötet die Liebe zu sich selbst und nimmt die Fähigkeit, andere zu lieben. Unser Leben ist eine Verkettung von Zufällen, von Vorsehung, schicksalhaften Ereignissen, denen wir nicht entrinnen können.

Renate ließ sich auf die Therapie ein und arbeitet heute in einer Kindertagesstätte, in der Klein- kinder bis zur Einschulung betreut werden. Im täglichen Umgang mit Kindern, in Gesprächen mit Müttern, Vätern, erblühte sie wie eine edle Rose, und es machte Freude, sie so zu sehen. Ich hoffte so sehr, dass es irgendwann möglich sein würde, Carlo ins Gespräch zu bringen ohne ihr zu schaden.

Ich höre täglich von Sorgen und Nöten und erlebe nach vielen Gesprächen kleine Erfolge, die mich zuversichtlich stimmen und glücklich machen. Männliche Anfragen, von denen ich mich überfordert sah, gab ich an Leonard Pitrella oder an Carlo weiter. Carlo und meine Arbeit waren nicht zu trennen, und so bleibt es nicht aus, Carlo im Zusammenhang mit meiner Arbeit zu nennen. Er und Herbert mochten sich, Herbert und Renate ebenfalls, und ich mochte alle drei.

 

 

Kapitel 45

 

 

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

Ein Mann! Abermals ein Mann, der mich um Rat ersuchte. Ein älterer Herr, kränklich und unglücklich, der nach Hilfe für Körper und Seele strebte und dem Cholesterin, Blut- hochdruck und Magensäfte das Leben erschwerten. Medikamente, welche die Potenz drosselten, hatte er im Überfluss. Und was er suchte, waren nicht neue medizinische Bomben, es war das Gespräch und die Hoffnung auf eine Alternative zur Schulmedizin. Vielleicht auch die Neugierde, was sich hinter meiner Rubrik verbarg.

Ich lieh ihm mein Ohr, schenkte ihm meine Aufmerksamkeit, machte ihm aber dennoch klar, dass ich keine medizinischen Ratschläge geben konnte und durfte, weil ich mich sonst des Vergehens schuldig machte, ihn der ärztlichen Fürsorge zu entreißen. Krankheiten gehören in die Hand eines Arztes. Wir sprachen über unterstützende Eigenschaften von Gewürzen, dass reichlich Senf, beispielsweise beim Verzehr einer Schweinshaxe zu empfehlen sei, Bitterstoffe in Salaten und Beilagen die Gallensäfte anregten  –  reichlich Essig, wenig Salz und gerne eine pikant bis scharfe Gewürzmischung zur Verfeinerung von Soßen und vieles mehr. Ich riet ihm, sich der Gewürze und deren Eigenschaften anzunehmen, nach Anwendung und Wirkung zu recherchieren, auf sein Gewicht zu achten, und beschied, ich würde mich sehr freuen eine Rückmeldung von ihm zu erhalten.

Gefühlsmäßig tat ihm unser Gespräch gut, er würde mit Sicherheit erneut anrufen, unabhängig von Erfolg oder Misserfolg, einfach um des Redens willen, um der Einsamkeit zu entfliehen und weil ich eine Frau war.

 

 

 

Kapitel 46

 

 

Am 4. Juni um 10 Uhr 45 in Saal 2 des Amtsgerichts sollte unsere Ehe geschieden werden. Die letzten Nächte waren die Hölle. Obwohl alles vorab geklärt schien, grub sich mir ein mulmiges Gefühl in der Magengegend ein. Was, wenn Arthur Zicken machte? Mein Anwalt blieb unnachgiebig bezüglich neuer Argumente der Gegenseite. Fakt war: Er wollte möglichst viel für mich herausholen, und die Gegenseite wollte sparen. Und ich wollte die Scheidung!

„Sieh es als Spiel, Monopoly“, sagte ich mir und lud die Kinder zu dem Scheidungstermin ein. Danach wurde mir schlecht. Was hatte ich getan? Mit Anwesenheit der Kinder hatte ich die Scheidung öffentlich gemacht. Mein Anwalt fiel aus allen Wolken, und Arthur klappte die Kinnlade runter.

Hatte ich es mir doch gedacht!

In Anwesenheit unserer hochschwangeren Tochter, des nach Geld lechzenden Sohnes und unserer unglücklich dreinschauenden Jüngsten griff die Gegenseite die getroffenen Vereinbarungen an.

Mein Hirn arbeitete wie ein Schweizer Präzisionsuhrwerk: Laut Gutachten betrug der Wert unserer Immobilie 395.000 €. Das Inventar war mit 35.000 € beziffert, machte insgesamt 430.000 €. Mein Anteil betrug 50 %. Der Familie zuliebe war ich mit 200.000 € einver- standen und verzichtete gegenwärtig, und zwar so lange ich arbeitete und hinzuverdiente, auf einen Rentenausgleich, was eine beträchtliche Summe ausmachte. Sollte Arthur vor mir versterben, stand mir der gesetzliche Anteil seiner Hinterbliebenenrente bis zum Tag X zu. Solle ich vor Arthur versterben, erhielt er aus meiner Rente den ihm zustehenden Anteil.

Ohne mich mit meinem Anwalt abzusprechen und ohne Wahrung der Höflichkeit, die Gegenseite aussprechen zu lassen, ergriff ich das Wort, machte den Juristen mundtot und tat dem Gericht meinen Entschluss dahingehend kund, dass aus den mir zustehenden 200.000 € jedes unserer drei Kinder mit 30.000 € bedacht würden und lediglich die verbleibenden 110.000 € an mich zu Auszahlung kommen sollten.

In diesem Moment setzten bei unserer schwangeren Tochter die Wehen ein. Danach ging alles ganz schnell. Arthur, in Gedanken bei der Tochter, stimmte zu. Wir unterschrieben beide und die Scheidung war durch.

Unser Sohn rief einen Notarztwagen und fuhr mit seiner Schwester in die Klinik. Arthur war ziemlich daneben, und unsere Kleine, die eigentlich schon erwachsen war, schaute verloren drein.

„Geh zu Papa.“ Ich nahm sie in den Arm, küsste sie auf beide Wangen und bat Arthur sich ihrer anzunehmen. Wir würden uns spätestens morgen in der Klinik sehen und den neuen Erdenbürger als Großeltern willkommen heißen.

Susen war versorgt und ich musste schleunigst hier raus. Nach einer Woche würde das Urteil rechtskräftig werden. Arthur hatte ich die Kinder auf die Nase gesetzt. Er verlöre seine Kinder, ginge er in die Berufung, das war ihm spätestens klar, als Ela sich an ihn schmiegte und mit ihm den Gerichtssaal verließ. Und Geld? Was war schon Geld? In meiner derzeitigen Situation reichte mir die Hälfte meines Anspruchs aus, und bei den Kindern konnte ich punkten. Lassen wir den Dingen ihren Lauf.

Zehn Minuten waren ausreichend, um 40 Jahre gemeinsamen Lebens aufzuheben.

Arthur sah gut aus, ein schöner Mann bis ins Alter. Er schmeichelte meinem Ego, wenn wir ausgingen, doch sobald wir die Wohnung betraten, verflog der Zauber. Er verkrümelte sich mit einer Flasche Bier vor den Fernseher und – mit viel Glück – erhaschte ich noch ein Küsschen auf die Wange, bevor ich mich ins Allerheiligste verzog. Wo war die Liebe, die Nähe, die Zärtlichkeit?

Arthur? Das war gestern!

Ich war nun eine eigenständige Frau, stand mit beiden Beinen im Leben. Das war heute!

 

 

 

Kapitel 47

 

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“ „Guten Tag, ich bin Jessica.“

„Jessica, deine Stimme klingt so jung, darf ich fragen wie alt du bist?“

„15 Jahre. Ich rufe wegen meiner Eltern an.“

„Jessica, dieser Anruf kostet Geld und du bist minderjährig, das heißt, wir dürfen nicht miteinander telefonieren.“

Ihre Stimme verriet mir, dass sie weinte, deshalb schaltete ich die Uhr aus und legte das Gespräch auf einen anderen Apparat.

Ausgerechnet heute, einen Tag nach meiner Scheidung, rief ein verzweifeltes Kind bei mir an, dessen Eltern im Begriff waren, sich zu trennen. Wie konnte ich dieses Kind im Stich lassen? Wir sprachen, wir schwiegen, sprachen und schwiegen. Eine halbe Stunde. Danach gab ich ihr meine Mobilnummer für Notfälle und versprach für sie erreichbar zu sein. Armes Kind!

Melancholie ergriff mich. Herbert kurte in Italien. Meine Gedanken drifteten zu Pit ab, der es noch einmal geschafft hatte, Gevatter Tod von der Schippe zu springen. Ich dachte an Anne, die dank Hannahs Initiative aktiv an dem Projekt mitarbeitete, sich forderte in Arbeit, Bewegung und Spiel.

Ich dachte auch an die verzweifelten Großeltern, die ihren einzigen Enkel nach dem tragischen Tod der Eltern zu sich nahmen, ihm ein Zuhause gaben und ihn ermutigten, angesichts der zunehmend enger werdenden Lage auf dem Arbeitsmarkt die militärische Laufbahn einzu- schlagen. Ein intelligenter junger Mann mit Abitur machte dem Großvater gleich, der ihm Vater und Opa und Wegweiser war, Karriere beim Heer.

Der Großvater Jahrgang 1937, gehörte zu den Pionieren der wieder eingeführten Wehrpflicht. Sie waren die ersten stolzen Soldaten nach dem Krieg 1939-1945, bauten die Bundeswehr mit auf und gelobten, nie wieder die Waffen zu erheben.

Nach der Grundausbildung, dem Pflichtjahr, blieb der Großvater, als freiwilliger Soldat. Er erlebte Kameradschaft, Freundschaft, erträglichen Drill, wurde selbst zum Ausbilder, verbeamtet und ging früh in finanziell gesicherte Pension. Noch heute, nach mehr als 50 Jahren, trafen sich die ehemaligen Kameraden und blieben ein Leben lang in Freundschaft verbunden. Im Nachhinein betrachtet war die militärische Tätigkeit ein Spiel mit stumpfen Waffen, Panzern, Kanonen und nachgestellten Kampfeinsätzen. Aber es juckte schon hin und wieder in den Fingern, scharf zu schießen, um sich zu erproben.

Wie der Opa, so der Enkel. Dieser, infiziert von Großvaters Erzählungen und Auszeichnungen, wurde nur zu gerne auch Soldat.

Vieles hatte sich verändert seitdem: Gelockerte Heimreisen, Freizeiten, moderne Waffen. Qualifizierung war angesagt, gestützt durch fortlaufende Seminare. Wer tüchtig war, konnte es weit bringen. Bis die Realität ihn einholte. Eine Realität, von Großvater komplett außer Acht gelassen. Eine Realität, die den alten Leuten den Boden unter den Füßen wegzog. Eine Realität, die da hieß: In Deckung gehen und schießen. Töten oder getötet werden – oder beides.

Parole: Land, Leute und Aufbau sichern!

Realität: Agieren unter Dauerbeschuss und zurückschießen.

Kriegsalltag! Einsatz in Afghanistan!

Mazar-e Scharif, der Hauptstützpunkt der Bundeswehr im afghanischen Norden: komfortabel hergerichtet, ein Trugschloss, eine Augenbinde, um dann in Kunduz mit der Wirklichkeit Bekanntschaft zu machen. Außerhalb der Lager am Hindukusch roch es förmlich nach Al-Kaida- Kämpfern.

Der Marder-Schützenpanzer der Bundeswehr, konzipiert für europäische Verhältnisse, wurde in der gleißenden afghanischen Sommersonne zum Heizkessel, gespeist mit 15 Liter Trinkwasser pro Mann. Und hinter jedem Busch, hinter jedem Hügel lauerte der Tod. Mit bis zu tausend Schuss pro Minute konnten die Panzer aufwarten, sich den Weg freikämpfen.  –  Kämpfen!

Unsere Leute waren im Kampf, starben – für wen und für was? Gute Frage.

Albträume, tote Kameraden, Rat- und Rastlosigkeit, Betäubung mit Alkohol hatten aus dem Enkel in nur einem Jahr eine leere Hülle gemacht. Fürs erste zwar zurück aus dem Krisenherd, in psychiatrischer Behandlung, von der Freundin verlassen und ohne jede Perspektive. Der Groß- vater fühlte sich schuldig. Er gab sich die Schuld, dass der Enkel, seinem Einfluss erlegen, die militärische Laufbahn einschlug und zum Opfer wurde.

Hilflos danebenstehend und schuldbeladen versuchte der Großvater sich das Leben zu nehmen. Nur der schnellen Reaktion seiner Frau, der Großmutter, war es zu verdanken, dass nicht noch größeres Leid über die Familie kam.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele. (Bibelwort) Was brachte es unseren Jungs, wenn der schneidige Bundesverteidigungsminister zur Stippvisite im gefährlichsten Einsatzgebiet Char Darah vorbeischaute, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, wir seien stolz auf sie. Wir gedenken auch den noch Lebenden, während zeitgleich im Verteidig- ungsministerium mehrere dutzend Seiten Mängelliste verpufften.

Carlo hatte sich der Familie, unterstürzt von Herbert, der aufgrund seiner Vergangenheit in der ehemaligen DDR mit Kriegsdramen Erfahrung hatte, angenommen.

„Verflüchtigt euch, ihr trüben Gedanken“, rief mein Herz und gewährte der Liebe Einlass.

 

Kapitel 48

 

Ja, ja, die Liebe. Es gibt sie wirklich, die große Liebe. Zita durfte sie kennenlernen. Eine Liebe die uns in der Jugend umbringt und erst in reifen Jahren lebbar ist – in ihrer unendlichen Größe und Tiefe. Ereilt sie uns, wird sie nie vergehen. Sie gibt alles – sie nimmt alles.

Zita schrieb mir E-Mails, suchte das Gespräch. Sie ging einen schweren Gang!

Die Hochzeit der Enkelin ließ Berge weichen und Hügel hinfallen und die Gnade von ihr weichen und der Bund des Friedens fiel hin – Bibelwort -.

Brautleute, Brauteltern und Großeltern nächtigten im Hotel und reisten am nächsten Morgen ab – ein jeder in seine Richtung.

Zita tat kein Auge zu in der Nacht. Ihr Mann schnarchte und pustete das üppige Essen sowie den mehr als reichlich genossenen Alkohol aus seinem Körper. Seine Welt war in Ordnung, und Zitas Welt wachte nebenan.

Sie zog sich den Bademantel über, ging an dem verdutzt dreinschauenden Portier vorbei und be- gab sich in den Garten des Hotels. Ihre Füße taten es dem Herzen gleich. Auch sie wollten nicht zur Ruhe kommen. Da waren noch zwei Füße, die ebenfalls keine Müdigkeit zeigten und unauf- hörlich den Garten durchmaßen, kurze Rast vor einer Bank einlegten, um dann wieder auf Wan- derschaft zu gehen. Zwei Füße trafen auf zwei weitere Füße, zwei Augen jeweils auf ein Gegenüber, zwei Hände griffen nach zwei Händen, zwei Körper lehnten aneinander – für einen Herzschlag, für eine Ewigkeit.

Fünfzig Jahre waren wie ein Tag, eine Stunde, eine Sekunde, ein Nichts. Kein gestern, kein morgen. Es gab nur den Augenblick.

Zwei Menschen saßen aneinandergeschmiegt auf einer Bank im Garten. Es war Nacht, kein Luftzug regte sich, die Welt hielt den Atem an.

Helle, graue Töne zeigten sich am Firmament. Eine Amsel begrüßte jubilierend den neuen Tag.

Gegen sieben Uhr fuhr der Bäcker vor und brachte frische Brötchen. Nicht lange danach klapperte Geschirr, Kaffeeduft drang bis in den Garten, und die Realität kehrte wieder ein. Zita im Bade- mantel und ihre Liebe noch im Festanzug von gestern, ließen sich das Frühstück im Garten servieren.

Die frisch Vermählten, anscheinend mit dem gleichen Gedanken, kamen kichernd aus dem Hotel und staunten nicht schlecht, die Großmutter der Braut im Morgenmantel und den Großvater des Bräutigams im gestrigen Outfit vorzufinden.

Großmutter genoss anschließend die schönste Erkältung ihres Lebens, hütete das Bett, mit Wadenwickel gegen Fieber, Brustwickel gegen Husten, heißer Zitrone mit Honig der Vitamine wegen und Tagträumen der Liebe wegen. Und sobald das Telefon klingelte, drohte ihr Herz zu zerspringen. Doch er rief nicht an. Was sollte er auch sagen? Es bedurfte keiner Worte, seine Augen sprachen Bände, seine Hände waren Balsam, und sein Atem war Wärme, Hitze und Leben in einem.

„Wie konnte ich ohne ihn leben?“ Immer wieder stellte sie sich die Frage, gab sie an mich weiter und wusste die Antwort dennoch selbst. Ein Leben mit ihm, in jungen Jahren, wäre Himmel und Hölle, Glück und Verzweiflung, wäre mehr gewesen, als ein Herz ertragen kann. Mit der sprichwörtlichen Weisheit des Alters, dem Wissen um das höchste Gut, in Dankbarkeit für jeden Augen- blick ohne Besitzanspruch ist es Glückseligkeit.

Und sie wusste, was auf sie zu zukam, sobald die Jungvermählten von der Hochzeitsreise zurück waren, wenn Einladungen anstanden war ein Aufeinandertreffen unausweichlich.

„Lieber Gott, steh mir bei.“

Ob Gott ihr beistünde? Sohn und Schwiegertochter taten es nicht, und ihr Mann hüllte sich in Schweigen.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Und hier spricht Rainer.“

„Rainer, Sie sind a) nicht auf Termin, stehlen mir b) meine Zeit und verschwenden c) Ihr Geld.“

„Das weiß ich selbst. Ich möchte doch nur Ihre Stimme hören, mit Ihnen plaudern.“

„Rainer, fünf Minuten, dann schmeiße ich Sie aus der Leitung.“ Ich ließ ihn zehn Minuten reden, erledigte in der Zwischenzeit Papierkram und verband so Nützliches mit Praktischem. Menschen wie Rainer sicherten mein Einkommen. Die Einsamkeit macht sie süchtig, und Sucht ist teuer. Doch was sollte ich tun? Er war höflich, nicht anzüglich, einfach nur einsam. All meine bisherigen Versuche, ihn an Carlo abzugeben waren gescheitert. So blieb er an mir haften  –  meine goldene Gans.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Hallo, hier ist Betty.“

„Betty, ich grüße Sie. Wie geht es Ihnen? Was machen die Gelenke?“

„Schmerzfrei bin ich bei weitem nicht, doch ich fühle mich etwas besser. Ich spüre, dass mir die Be- und Entlastungsübungen Erleichterung verschaffen, und ich habe mein Schuhwerk bis auf zwei Paar Schuhe aussortiert. Ihre beschriebenen Fußbäder, Bein- und Klopfmassagen führen meine Freundin und ich gegenseitig an uns durch. Das macht obendrein Spaß und bringt uns zum Lachen. Wir tippeln, tänzeln, laufen Treppen, achten auf Haltung, gehen schwimmen und haben uns vorgenommen, in puncto Ernährung einiges zu verändern.“

„Das ist ja wunderbar. Weiter so, liebe Betty. Wir bleiben in Verbindung. Grüßen Sie Ihre Freundin.“

Betty war beschäftigt, ertüchtigte Körper und Seele, die Pflicht wurde zur Kür. Selbst kleinste Erfolge weckten Ehrgeiz und spornten an. Wichtig war, sie blieb in ärztlicher Behandlung.

Ersatzteile, darunter fallen Gelenke, sind Segen und Risiko. Erst in jüngster Zeit kam mir ein Wisch auf den Schreibtisch geflogen, der hoffen ließ, wenn es stimmte, was die Info hergab, dass von Fall zu Fall auf ein künstliches Hüftgelenk verzichtet werden könne, dafür Korrekturen an der natürliches Substanz mit minimiertem Operationsrisiko und einem relativ kleinen Schnitt durchgeführt würden. Hierbei müssten keine Muskeln durch- trennt, die Blutversorgung nicht gekappt sowie keine Knochen zersägt werden, und die kostenaufwendige Reha könnte komplett entfallen. Der Patient wäre wesentlich schneller wieder auf den Beinen.

Schwieriger gestaltete sich meine Beratung bei Lina, mit dem Altern, einem Mangel an Wissen um die Veränderung im männlichen und weiblichen Organismus mit Vertuschen wollen der bei sich festgestellten in Selbstzweifel mündenden reduzierten Hormonproduktion.

Lina fühlte sich von ihrem Mann benutzt, lieblos behandelt und verfiel schon bei dem Ge- danken an Geschlechtsverkehr in eine Starre. Sie verstrickte sich in Ausreden, vergrub sich in Arbeit, immer auf der Flucht sich ihm und der Demütigung, die sie empfand, zu entziehen. Und das würde sich kaum ändern, solange ihr Mann nicht einsichtig wird, sich einer Beratung unterzieht um sich der Situation zu stellen, sich öffnet, um von neu erworbenem Wissen zu profitieren.

Braune Blätter fallen müd vom Baum. Mit dem Sommer flieht manch Jugendtraum. ….“ so oder so ähnlich, ein Song aus den Jugendjahren meiner verstorbenen Eltern.

Und ich war eine geschiedene Frau, erneut glückliche Großmutter und hatte noch tausend Träume – ganz tief in mir.

Herbert kam inzwischen öfter, blieb länger, und Carlo wurde 40.

Hannah wechselte ihren Studiengang zu Theologie und Renate machte Fortschritte. Wir sahen uns, so oft es ging, machten ausgedehnte Spaziergänge und genossen das Hier und Jetzt.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Und hier ist Pit, noch immer Gast auf Erden.“

„Pit, ich freue mich dich zu hören, mein Herz geht auf, und ich möchte dich umarmen. Du bist so tief in mir verwurzelt und zeigst mir immer wieder, dass es sich zu kämpfen lohnt. Sag mir etwas Schönes und entschuldige, dass ich dich duze.“

„Ach Ursula, ja, es ist schön zu leben. Du bist mein Schutzengel, und Maria ist Balsam für meine Seele. Sie wärmt mein Herz und gibt meinem schon recht erbärmlichen Dasein einen Sinn. Ihre Güte, ihre Wärme lehrte mich wieder zu beten, lässt mich an Wunder glauben.“

Dieser Pit, einst stahlharter Managertyp, egozentrisch, fiel von hundert auf null, kroch zu Kreuze, wand sich wie ein Wurm und robbte in eine andere, ihm fremde Richtung.

Wer einmal aus dem Blechnapf fraß, weiß Porzellan zu schätzen.

Carlo brachte mir eine Videoaufnahme zum Thema Alzheimer-Erkrankung, die alle bisherigen Erkenntnisse über den Haufen zu schmeißen schien. Um ehrlich zu sein, machte mir das alles irgendwie Angst. Angst, selbst eines Tages betroffen zu sein, die Persönlichkeit zu verlieren, in einer Welt aufzuwachen, die mich verwirrt, die mich ängstigt, in der ich fremd und einsam bin.

Die Aufnahme zeigt Versuche an Mäusen, die mit Extrakten aus Griechischem Eisenkraut gewonnen,  behandelt wurden und dem vorläufigen Ergebnis, dass mit Alzheimer infizierte Tiere nach einer Behandlung von fünfzig Tagen regelrecht gesundeten. Die Chemiker waren dabei Teekonzentrate aus der griechischen Pflanze herzustellen, mit dem Ziel, Tests an betroffenen Patienten durchzuführen.

Warum infizierte Tiere nur auf Griechisches Eisenkraut und nicht auf Eisenkraut anderer Herkunft ansprachen, blieb im Dunkeln ebenso um welchen Wirkstoff es sich handelte. Ähnliche Wirkstoffe fanden sich erheblich abgeschwächt auch in grünem Tee, und man dachte darüber nach, grünen Teeextrakt in Tablettenform herzustellen. Klang zu schön, um wahr zu sein.

Und sie werden wie die Kinder.“ –  Das war noch vor zwei Generationen, in einer Zeit der Großfamilie  –  des religiösen Lebens, kein Problem.

Keine Zeit ohne Veränderungen. Krieg und Frieden, Armut und Wohlstand, Technik und Fortschritt gehen unaufhaltsam Hand in Hand ihren Weg, in kleinen Schritten, mit großen Sprüngen, sprengen Grenzen, formen, zerstören, erneuern, und sie haben eines gemeinsam: Keine Zeit!

Keine Zeit für der Kinder, keine Zeit für gealterte Eltern, für Kranke, den Nachbarn, den Kollegen, und immer hinken wir der Zeit hinterher; so sehr wir uns beeilen, sie lässt sich nicht einholen, ist uns immer einen Schritt voraus.

War es Zeitmangel, trieben mich Ungeduld oder mangelndes Einfühlungsvermögen in die Veränderung, welche der Ruhestand für Arthur mit sich brachte, aus dem Haus bzw. der Ehe? Was wollte ich mir beweisen? Ich grübelte oft, stellte mir Fragen über Fragen, betrachtete mein Leben vor und nach der Scheidung, sah Arthur auf Distanz weniger kritisch und wünschte uns von Herzen, dass er sein neues Leben in den Griff bekäme und seine Gefühle für mich an Bitterkeit verlören.

Herbert brachte die Sonne in mein Leben. Er liebte, er gab, er engte nicht ein und fing mich auf, wenn die Sorgen der anderen mich niederdrücken.

Oftmals glichen sich die Sorgen meiner Klienten wie ein Ei dem anderen. Ausgelöst durch immerwährenden Hunger, geliebt zu werden, dem Alleinsein zu entrinnen, dem Verlangen nach Zärtlichkeit, vernebelte sich ihr Denkvermögen.

Junge Frauen wurden zu Dauergeliebten verheirateter Männer und standen nicht selten am Ende verlassen und ohne Sicherheit da.

Andere Sorgen hatte ein Klient, dessen Frau sich im Netz überteuerter telefonischer Wahrsagung verfing.

Einmal ist keinmal, und doch ist einmal der Anfang, süchtig zu werden nach Fragen an die Zukunft. Nur einmal anrufen, die kostenlose Hotline nutzen, um festzustellen, vieles stimmt mit meinem Leben überein, und schon giert das Verlangen nach mehr. Ein zweiter Anruf ist kostenpflichtig, ein dritter, ein vierter, geschürt von innerer Unruhe, getrieben von der Sehnsucht nach Trost, nach Vorgabe, nach Wegbereitung, und am Ende bleiben Kosten und ein schlechtes Gewissen. Doch der Patient ist nicht geheilt und greift erneut zum Telefon. Ein Teufelskreis!

Was war so anders an meiner Arbeit? Ich versuche gegen Geld Trost zu spenden, versuche mich in Problemlösung, biete meine Hilfe an und animiere den Anrufer zu neuen Gesprächen.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“ „Guten Tag, hier ist Sascha. Entschuldigung, dass ich anrufe. Ich darf davon ausgehen, dass ich bei einer Seniorenberatung gelandet bin? Ich muss ohne Punkt und Komma meinen Frust loswerden. Es geht weniger um mich als um meine Mutter.“

„Soweit habe ich Sie verstanden. Jetzt kommen Sie mal schön runter, atmen tief durch und wir gehen Schrift für Schritt Ihr Problem an. Was hat Sie zu dem Anruf bewogen, ist es eine alte Geschichte, ist es ein verändertes Verhalten der Mutter? Und damit wir den Überblick behalten, stelle ich die Uhr auf zehn Minuten ein, und Sie erzählen der Reihe nach, was passiert ist.“

„Also, es fing an, als mein Vater vor einem halben Jahr verstarb. Die Ehe meiner Eltern war eine Achterbahn, und ich war froh durch meine Heirat dem Jahrmarkt entkommen zu sein. Unser Familienalltag war mir von Kind an oftmals mehr Belastung als Zuflucht. Was für unsere Eltern Normalität war, stellte für uns Kinder eine seelische Belastung dar.

Ich bin mir sicher, dass unsere Eltern uns, ihre Kinder, liebten, und wir Kinder, meine Schwester und ich, liebten unsere Eltern. Trotzdem musste uns irgendetwas zu Nestflüchtern gemacht haben. Meine Schwester zog früh aus und lebt heute im Ausland. Mit dem Weggang meiner Schwester war für mich klar, ebenfalls möglichst rasch das Weite zu suchen.

Raus aus den Kartoffeln, rein in die Kartoffel. Schon während meiner Ausbildung zog ich in eine WG. Bei einem Lehrlingsaustausch lernte ich meine Frau kennen, und ein Jahr später heirateten wir. Es war eine gute Entscheidung, wir lieben uns, haben inzwischen zwei Kinder und unser Leben organisiert. Meine Frau arbeitet halbtags, alles ist gut. – War gut!

Vor einem halben Jahr verstarb mein Vater, und mit seinem Tod wurde er der liebste, der beste Ehemann, der gütigste Mensch auf Gottes Erdboden. Meine Mutter schleimt sich mit Trauer zu, belagert uns rund um die Uhr und verlangt Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme und Zuwendung, all das, was sie weder meiner Schwester noch mir in dem Maß gab, in welchem sie es für sich einfordert.

Meine Mutter ist 56 Jahre, jung genug, sich eine Arbeit zu suchen. Sie kann sich einen Lover suchen, sich einem Wandervereinen anschließen, schwimmen gehen, Gymnastik oder sonst was betreiben. Nur uns soll sie bitte in Ruhe lassen. Unsere Kinder meutern, meine Frau hat sich verändert, und ich bin mit meiner Weisheit am Ende.“

„ O weh, Sascha, das ist eine ganze Menge Holz, das zu spalten, zu hacken und letztlich zu befeuern ist.

Versprochen, ich mache mir Gedanken, und wir suchen nach einem Weg. Jetzt hänge ich Sie ab. Rufen Sie mich in einer Woche, sagen wir Donnerstag gegen 19 Uhr an. Bereiten Sie ein paar Notizen vor, zum Beispiel, welche Ausbildung, welche Fertigkeiten ihre Mutter hat, welche Vorzüge Sie ihr zuschreiben, usw..

Auch Informationen über das, was zum Beispiel gar nicht geht sollten enthalten sein, damit ich mir ein Bild machen kann.

Kopf hoch, wir schaffen das!“

„Danke und tschüß!“

So wie Saschas Mutter reagierten nicht selten verwitwete Frauen und auch Männer. Der Tod schafft Distanz, und Distanz verklärt, weicht Herzen auf, Konturen verschwimmen. Die Hinterbliebenen versöhnen sich mit den Davongegangenen. Der Gang zum Friedhof ein Ritual, wird zu einem Bedürfnis, zu einer neuen, einseitigen Verbindung, einer Partnerschaft ohne Widerspruch.

 

Kapitel 49

 

Wer reitet so spät durch Nacht und Nebel? Wer klingelte um diese Zeit an meiner Tür  jetzt, da ich mein Telefon abgeschaltet habe und mit einem Glas Sekt in der Hand und leiser Musik aus dem Player auf dem Weg in die Badewanne war. Morgen käme Herbert, und am Samstag würden wir in Carlos 40. Geburtstag hineinfeiern. Jetzt alles, nur keine langatmigen Besuche.

„Renate, Du? Um diese Zeit? Komm rein, mach es dir bequem.“

„Störe ich?“

„Wie man es nimmt, ich wollte gerade in die Wanne. Aber das hat nichts zu sagen. Nimm dir ein Glas aus der Vitrine, ich habe einen süffigen Sekt erwischt.“

„Verzeih, Claudia! Ich brauche dich so sehr. Mein Herz schmerzt, und in meinem Kopf ist die Hölle los!“

„Was ist geschehen, bist du einem Geist begegnet? Bist du krank?“

„Alles, Claudia, alles: Ja, ich bin einem Geist begegnet! Ja, ich bin krank, sogar sehr krank! Das Gespenst heißt Carlo, und die Krankheit ist chronisch.“

„Jetzt beruhige dich erst einmal. Glaube mir, du tust Carlo unrecht. Schon Saulus wurde zu Paulus.“

„Carlo stand heute Abend vor meiner Tür. Ich wollte nicht unhöflich sein, so bat ihn herein. Ich bot ihm Platz an, doch er zog es vor zu stehen, übergab mir mit zitternder Hand die Einladung zu seiner Geburtstagsparty und sagte mir, wie sehr er mich liebe, und bat mich seine Frau zu werden.

‚Heirate mich‘, sagte er. ‚Du bist alles, was ich mir wünsche!‘ Er fasste in sein Jackett und gab mir das hier. Ich umklammerte die Stuhllehne und plumpste wie ein Mehlsack auf den Sitz. Carlo wankte auf mich zu, sank nieder, legte seinen Kopf in meinen Schoß und weinte.“

„Renate, ich fasse es nicht! Menschenskind, der liebt dich, und du willst es nicht wahrhaben. Komm her, du liebes Schaf, rutsch rüber. Zeig mal her, lass mich das geheimnisvolle Geschenk anschauen.“

Könnte ein Verlobungsring sein, signalisierte meine Denkerstirn. Könnte! – Aber es waren Trauringe und ein Beisteckring mit drei sehr geschmackvoll gefassten Brillanten.

„Claudia, was soll ich tun?“

„Das weißt du längst. Lass dich fallen und hör auf zu jammern. Die Liebe trägt dich, und Carlo fängt dich auf.“ „Kann ich heute Nacht bei dir schlafen, ich möchte nicht allein sein.“

„Aber sicher, wir nehmen zuerst ein Bad, dann halten wir uns am Sekt fest und glaube mir „der Morgen ist klüger als der Abend“ sagt ein afrikanisches Sprichwort.

Renate, mein Gastkind, hatte noch immer nicht die Macht der Liebe begriffen.

Beide emotional sehr aufgewühlt fanden wir keinen Schlaf, und ich erzähle ihr von Zita und der Katastrophe, welche durch die schicksalhafte Begegnung und die Macht der Liebe über zwei Familien hereinbrach.

Zwei Menschen, als Teenager in einander verliebt, verloren sich aus den Augen und trafen sich mehr als fünfzig Jahre später anlässlich der Trauung ihrer Enkel, und es war nichts mehr so wie zuvor.

Zita schaffte es nicht, zu vergessen, zu entsagen, erkrankte, genas, gestand und ging. Zwei Familien standen Kopf, und die jungen Leute waren total überfordert.

Gebe Gott, dass die schicksalhafte Entscheidung der Großeltern keine Hypothek auf die Ehe der frisch verheirateten Enkelkinder war.

 

 

Kapitel 50

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Und hier ist Gerda.“

„Gerda, was kann ich für Sie tun? Wo drückt der Schuh?“

„Schuh ist gut! Es kommt mir tatsächlich vor, als schlüpfe ich in hochhackige Schuhe, denen ich längst entwöhnt bin. Meine Schuhe haben einen Namen, eine Gestalt, sind wie ich sechzig Jahre und verursachen Druckstellen.“

„Und Sie suchen nach einem Schuster, der die Schuhe passend macht?“

„Sie haben es erfasst!

Schauen Sie, Ursula, ich bin 60 Jahre alt, verwitwet und habe der Männerwelt entsagt. Was vorbei ist, ist vorbei! Ich war 35 Jahre mittelmäßig glücklich verheiratet, und als mein Mann vor fünf Jahren verstarb, durchlebte ich eine natürliche Trauerzeit und bekam mein Leben danach in den Griff. Ich bin gesund und zufrieden, und so wie es ist, ist es gut.

Hin und wieder gönne ich mir im Sommer ein Eis, in der dunklen und kalten Jahreszeit eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen, treffe mich mit befreundeten Damen, bin offen für ein Gespräch, man sieht sich, alles easy.

Und aus dem Ritual entwickelte sich eine Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Herrn, recht nett, angenehm vertraut.“

„Das hört sich doch gut an, meine Liebe.“

„Liebe ist das richtige Stichwort. Ihn scheint es erwischt zu haben. Doch ich bin nicht so leicht entflammbar. Und ich habe riesigen Schiss vor Sex, überhaupt vor körperlicher Nähe.“

„Aber warum? Sie waren, wie Sie eingangs sagten, 35 Jahre verheiratet, haben sicherlich auch Kinder. Wo liegt das Problem?“

„Das Problem heißt Mann, und ist eine Hinterlassenschaft meines verstorbenen Mannes. Je mehr ich über unser Sexleben nachdenke, so wütender werde ich. Darum möchte ich das alles nicht noch einmal durchleben.“

„Meine liebe Gerda, bevor wir uns in Details verstricken, die zeit- und kostenaufwendig sind, schlage ich vor, Sie verbannen unschöne Erinnerungen in den Keller, holen stattdessen prickelnde Erlebnisse hervor und versetzen diese mit Wunschträumen. Träumen Sie von Zärtlichkeit, geben Sie Ihren Träumen Gestalt und Raum, und dann telefonieren wir wieder. Wir kriegen das hin, versprochen!“ Da leben wir in einer Zeit ohne Tabus, von morgens bis abends berieselt von Sex und tappen völlig unerfahren in die Altersfalle. Margot Käßmann geht in ihrem Buch In der Mitte des Lebens vorsichtig an das Altern heran, wendet die positive Seite dem Licht zu.

Sex im Alter ist gereift, süffig und süß – eine Spätlese. Ich spreche nicht von älteren prominenten Herren mit jungen Frauen, nicht von dem uns durch die Medien, aufgetischten Frischfleisch. Beide, Frau und Mann im Herbst ihres Lebens, die Tür zum Winter geöffnet, erleben im Sex tiefe Gefühle und Befriedigung.

Und ich danke meinem Schicksal, das mir Herbert zugeführt hat. Sex zwischen Herbert und mir ist pure Lust, ich bezeichne es gerne als Tiefensex.

Sex in meinen jungen Jahren füllte oftmals den Augenblick, nutzte die Gunst der Minuten, in denen die Kinder außer Haus oder nach endlosen Diskussionen eingeschlafen waren, die Schwiegereltern sich endlich verabschiedet hatten oder bevor der nächste Besuch kam.

Hoppelsex! Arthur konnte entspannen und ich blieb auf dem Trocknen. Später dann, noch bevor Arthur in Pension ging, wo wir alle Zeit der Welt hatten, kam Sex weder zur Sprache noch fiel er in unseren Betätigungsbereich. Natürlich mühte ich mich, versuchte meinen Mann aus der Reserve zu locken, hatte auch mal Erfolg, wenn man einen vollzogenen oder abgebrochenen Akt so nennen darf. Es war lau, mau, nicht der Rede wert. Ich wurde sauer, deprimiert, bösartig, zynisch.

Arthur schoss zurück, und wir stritten schon, bevor ein Thema überhaupt zur Diskussion anstand.

Bestand hier eine Parallele zu Gerdas Angst? Der Angst, verletzt und erneut ausgemustert zu werden, als untauglich abgestempelt, wenn es nicht so funktionierte, wie es sich die Akteure vorstellten?

Kam in mir nicht die gleiche Angst hoch, wenn ich spürte, dass Herbert sich mir näherte?

Beschwipst von der außergewöhnlichen Hitze, die bei unserem Kennenlernen in Berlin herrschte und dem Frust über den Reinfall auf dem Rhein, der Enttäuschung, dass unsere Tochter mit fliegenden Fahnen zu ihrem Vater überlief, meinem erneuten Verlassensein, dem Alleinsein, dem Hunger nach Leben traf ich in Berlin auf den behinderten Herbert, seine mir überaus sympathische Tochter Hannah, fiel in ein Helfersyndrom und landete letztlich in seinem Bett. Herbert liebte mich trotz des Altersunterschieds, der mir wiederum Angst machte, mich verunsicherte und hemmte, die Beziehung voll auszuleben. Was hatte ich eigentlich zu verlieren? Nichts! Jeder Tag mit Herbert war ein Gewinn, eine Bereicherung, Balsam für meine Seele, liebevolles Lausen.

 

Kapitel 51

 

Zwei Tage war Carlos Antrag jung, heute feierten wir mit ihm in seinen runden Geburtstag hinein und kein Wort, keine Geste von Renate. Würde sie kommen? Immer wieder schielte ich zum Telefon war versucht den Hörer aufzunehmen und sie anzurufen. Mein Herz sagte: „Tu es!“ Aber mein Verstand sagte: „Nein!“ Und Herbert war der Meinung: „Misch dich nicht ein, sie ist eine erwachsene Frau.“Claudia, unsere Taxe ist da, wir müssen.“

„Noch drei Minuten, bitte.“

„Sie wird nicht anrufen, und sie wird nicht hierher kommen, um sich bei der Hand nehmen zu lassen. Sie ist erwachsen.“

„Zwei Minuten, eine Minute, bitte.“

„Schade, dass du für uns nicht die gleiche, tiefe Intensität aufbringst. Ich bin schon versucht dir ein Ultimatum zu stellen, wäre da nicht die Angst, dich zu verlieren.“

„Herbert, entschuldige, das darfst du nicht.“

„Und warum nicht?“

„Weil, weil …“

„Weil was? Weil du mich nicht liebst? Weil du mit mir spielst?“

„Herbert, ich spiele nicht mit dir, ich schwör‘s!“

„Sondern?“

„Ja, ich liebe dich! Aber ich habe solche Angst …, bitte lass mich ausreden.“

„Darüber reden wir später. Jetzt möchte ich dich küssen, und dann nichts wie raus hier.“

Der Kuss von Herbert war der zärtlichste, weichste und süßeste Hauch einer großen Liebe.

Raunen und Lachen drang bis zum Foyer und ließ auf eine bereits größere Anzahl Besucher schließen. Carlo unterhielt sich mit Leonard Pitrella. Ich war mir sicher, dass die beiden sich von irgendwoher kannten. Schließlich hatte sich Pitrella für Carlo weit aus dem Fenster gelehnt, um ihn in der Redaktion anderweitig unterzubringen – und nicht zu dessen wirtschaftlichen Nachteil.

Carlo, trotz seines Gesprächs den Eingang im Visier erblickte und begrüßte uns sofort. Küsschen und Umarmung mit hundert Fragezeichen in seinen suchenden Augen. Eiskalt war sein Männerhändchen, woraus ich schloss: keine Spur, keine Geste, kein Anhaltspunkt bezüglich Renate.

Der Pianist haute in die Tasten, als wolle er den Flügel zertrümmern, gefolgt von einem durch alle Tonarten hüpfenden Tusch, und das Geschnatter verstummte augenblicklich.

Carlo griff zum Mikrofon: „Meine lieben, verehrten Freunde! Danke, dass ihr mir die Freude macht mich auf dem Sprung in das nächste Jahrzehnt zu begleiten.

Mit der Zwei vorne peitschen wir Männer durch unsere Sturm- und Drangzeiten.

Die Drei hingegen spornt uns auf dem beruflichen Weg nach oben an, erweckt in uns den Wunsch nach Erfolg, nach Erhaltung der Art, unsere Hormone signalisieren Nestbau. Wir wünschen uns eine Frau und Kinder.

Mit der Vier beginnt das Nachdenken, wir schauen kritisch zurück, blicken mit gemischten Gefühlen nach vorne. Gehen wir den eingeschlagenen Weg oder ändern wir noch einmal die Richtung?

Fehler, die uns traurig machen und den Spiegel vorhalten, treten zu Tage.

Entschuldigung! Ich bin gedanklich auf ein Nebengleis geraten.

Ich hatte mir so sehr gewünscht, euch heute Abend die Frau, die ich über alles liebe und von der ich weiß, dass sie mich auch liebt, und die ich auf unverzeihliche Art zutiefst verletzt habe, als meine künftige Gattin vorstellen zu dürfen.

Freunde, lasst uns anstoßen auf die drei Säulen die uns tragen: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Erhebt mit mir das Glas, trinken wir auf eine gelingende Feier in meinen Geburtstag hinein.“

„Wenn du mir ein Glas reichst, möchte ich gerne mit anstoßen“, meldete sich Renate von der Seite. Carlo reagierte sofort.

„Renate, ich liebe dich so sehr!“

„Hoch lebe das Brautpaar!“ Herbert hatte wohl als Erster Renates Eintreffen bemerkt, sah die von der Aufregung zeugenden roten Flecken auf ihrem Dekolleté. Sie wirkte so zerbrechlich in dem schmal geschnittenen, schlichten schwarzen Kleid.

Es wurde ein rauschendes Fest, ein Fest der Liebe. Und als der neue Tag anbrach, das Dunkel der Nacht dem zarten Grau des neuen Tages wich, standen zwei Menschen in ihrem Hotel- zimmer am Fenster, hielten sich bei den Händen und waren sehr, sehr glücklich.

 

Kapitel 52

 

Herbert blieb bis Mittwoch. Es war schön, aber auch stressig, unsere Zweisamkeit mit meiner Arbeit zu koordinieren.

Vernahm ich da ein leichtes Aufatmen, als wir uns verabschiedeten? Es versetzte mir trotz des Wissens um unser Wiedersehen in knapp zwei Wochen und trotz der heimlichen Befreiung, die ich empfand, einen Stich ins Herz als er ging.

Es war glasklar: Meine Wohnung, auch mit dem zusätzlichen Zimmer, war für eine Dauerbelegung mit zwei Personen zu eng. Und bei ihm einzuziehen wäre mir vorgekommen, als sei ich ein neues Möbelstück zur Bereicherung einer bestehenden Einrichtung.

Eine neue Partnerschaft war in meinem Fall nur machbar mit einem, wie sagte Carlo so schön, neuen Nestbau. Meine Wohnung, mein neues Zuhause war zwar bescheiden, aber mein. Kein Schrank, kein Bett, das mir täglich meine gescheiterte Ehe vor Augen führte. Und hier hatte ich meine Arbeit, meine Kinder und Enkelkinder.

Noch war meine Arbeit kein Zankapfel. Man musste nicht sehr feinfühlig sein, um ihre Dominanz zu sehen. Ihr Stellenwert, gemessen an meinem Alter, war über Gebühr hoch. Was wollte ich mir beweisen? Ich unterschlug selbst mir meine verbrauchte Zeit auf der Lebensskala, von der ich nicht einmal wusste, nicht wissen mochte, wie weit nach oben sie reichte.

Tatsache war, ich hatte mein Rentenalter erreicht, erreichen dürfen und gebärdete mich wie eine karrieregeile Emanze Mitte 40. Was sprach gegen Arbeit in meinem Alter, wenn sie angemessen war, mir Zeit zu leben ließ? Und genau hier traf ich Herberts Nerv. Und in mir verspürte ich pure Angst, meine so hart erkämpfte Freiheit, versinnbildlicht und fundamentiert in meiner Arbeit, zu verlieren.

Verlöre ich sie wirklich?

„Lieber Gott, lieber Schutzengel, zeig mir den rechten Weg. Lass mein Herz nicht zu Stein werden.“

Eingefangen im Honigmond der letzten Tage erreichte mich die Hiobsbotschaft von Pits Tod wie ein Boxhieb unter die Gürtellinie und ließ mich prompt k.o. gehen. Natürlich war mir immer bewusst, dass sich der Krebs in Pits Körper früher oder später weiter ausbreiten würde. Doch ich hoffte so sehr auf später. Aber wann war später? War später heute Abend? Morgen? Übermorgen? Nächste Woche? In einem Jahr?

Für Pit war später gestern früh, 9 Uhr 48.

Wird auch meine Erkrankung mir erneut „Hallo, da bin ich wieder“ sagen? Und wann würde mein Später sein? Die Trauerfeier wurde auf nächste Woche Dienstag festgelegt, und es war mir ein Bedürfnis, an Marias Seite von Pit, der eigentlich Paul-Jakob von Ashwey hieß, Abschied zu nehmen.

Pits Tod zeigte mir meine Vergänglichkeit. Und Pits Mut, vor Torschluss Maria in sein Leben zu lassen, sollte mir Wegweisung sein, ein Fingerzeig, Menschen, die mich lieben, in mein Leben zu lassen.

Was war so verkehrt an einer Lebensgemeinschaft mit Herbert? Meine Kinder brauchten mich nur bedingt, meine Enkelkinder waren versorgt. Was außer meinem Egoismus hinderte mich, meine Liebe zu leben? Morgen werde ich darüber nachdenken!

 

Kapitel 53

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Einen wunderschönen Tag für Sie, meine liebe Ursula.“

„Sagen Sie nichts, lassen Sie mich raten: Die Lady mit der faszinierenden Stimme und dem melodischen Namen. Loretta! Habe ich recht?“

„Danke für die Blumen, ja ich bin Loretta, ein treues Anhängsel, wie Sie feststellen können.“

„Loretta, wie geht es Ihnen, was machen die Träume?“

„Danke, ich kann nicht klagen. Ich hatte Sehnsucht nach einer Konversation mit Ihnen, nachdem mich abermals ein Traum sehr beschäftigt.“

„Erzählen Sie mir davon.“

„Liebe Ursula, im Grunde war es eine belanglose Begegnung die mir im Traum widerfuhr. Und doch legte sich ein Schatten auf meine Seele.

Ich bin oft und streng mit mir zu Gericht gegangen, bin in all den Jahren unserer Ehe keinen Schritt vom Pfad der Tugend abgewichen habe gewirkt, gesorgt, funktioniert. Mit Sicherheit trug auch der Beruf meines Mannes dazu bei. Er war, wie „Richard Kimble, immer auf der Flucht“,  scherzte ich oft, wenn er mal wieder für längere Zeit im Ausland verweilte. Für ihn schien die Welt in Ordnung, für mich eigentlich auch, und ich denke, auch für unsere Kinder. Zwar war Papa die meiste Zeit weg, dafür gab es weniger Auseinandersetzungen, keine finanzielle Not, und Gott sei Dank, war auch keiner von uns krank.

Vierzig Jahre währte unsere Ehe. Vier Jahre bin ich nun allein, und wenn ich von ihm träume – was verdammt selten vorkommt – ist sein Besuch so …, so, ich weiß es nicht auszudrücken. So beiläufig, nicht hell und nicht dunkel, nicht kalt und nicht heiß. Wenn ich dann erwache, beginnt das große Grübeln. Darüber legt sich eine Traurigkeit, und tausend Fragen tun sich auf!“

„Loretta, ich muss die Leitung freimachen. Wir bekommen das hin. Versprochen! Schreiben Sie den letzten Traum auf und rufen Sie mich morgen nach 19 Uhr an.“

Loretta war für mich die Geheimnisvolle! Wie mochte sie wohl aussehen? Meine Gedanken malten sie sich als Rubensfrau aus, gaben ihr ein verschmitztes Lächeln, einen weichen Köper, Hände die anpacken können. Und Schuhgröße 40.

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Hallo, hier spricht Liesel, ich bin fix und fertig!“

„Sie wirken sehr aufgeregt, liebe Liesel. Bitte atmen Sie tief durch und sagen mir frei heraus, was Sie so sehr aufwühlt.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr. Alles habe ich für meine Familie getan, meine Kinder groß- gezogen, die Enkelkinder in den Schlaf gewiegt, und nun läuft alles aus dem Ruder.“

„Haben die Kinder Sie verletzt, sind Sie in Not geraten?“

„Viel schlimmer! Als ich gestern mit der U-Bahn nach Hause fuhr, stiegen unterwegs einige Jugendliche zu mit einem Benehmen, dass jede Erziehung vermissen ließ. Ich traute meinen Augen nicht, als ich unter den Randalierern meinen Enkelsohn erblickte. Beschämt rutschte ich tiefer in meinen Sitz, kauerte mich in die Ecke, so dass meine Sitznachbarin besorgt zu mir rüber sah und sich nach meinem Wohlergehen erkundigte, und als sie dann auf die Jungs bezogen meinte: ‚Wenn ich mir vorstelle, ich würde so etwas in die Welt gesetzt und groß- gezogen haben, es brächte mich um.‘  Ich fühlte ich mich einer Ohnmacht nahe.

Noch am selben Abend suchte ich meinen Sohn auf, platze mit dem Erlebten in eine bereits erhitzte Diskussion zwischen Eltern und Enkel mit dem Ergebnis, dass mein Sohn seinen Sohn ohrfeigte und dieser ausriss, worauf meine Schiegertochter mir den schwarzen Peter zuschob.“

„Liebe Liesel, Ihre Schilderung ist kein Neuland für mich, und mit Rebellion, jugendlichem Aufbegehren hat das nach meinem Dafürhalten wenig zu tun. Seien Sie versichert, so sehr Sie sich auch betroffen fühlen, es ist nicht Ihre Aufgabe, hier tätig zu werden. Lassen Sie los! Hier sind Ihr Sohn und Schwiegertochter gefordert. Bleiben Sie im Hintergrund und kommen Sie nur dann hervor, wenn man Sie darum bittet.

Es ist schwer, Distanz zu wahren, ich weiß. Aber bitte glauben Sie mir, es ist die richtige Entscheidung.

Rufen Sie mich an, wenn Ihnen danach ist. Schütten Sie mir Ihr Herz aus, vertrauen Sie mir Ihre Sorgen an, ich höre Ihnen gerne zu. Vielleicht sollten Sie sich bei Sohn und Schwiegertochter für Ihre Einmischung entschuldigen, dann könnten sich zumindest hier die Wogen glätten.“

„Vielleicht haben Sie Recht und ich habe überreagiert. Im Augenblick ist mir nach Davonlaufen. Der Gedanke, Gleiches noch einmal mit anzusehen, hemmt mich auf die Straße zu gehen, Ein- käufe zu erledigen, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Was geschieht mit unseren Kindern?“

„Kopf hoch, liebe Liesel! Ich bin für Sie da!“ Es endet oder es beginnt immer mit einem Schock für Angehörige, wenn Kids einen anderen Weg einschlagen und die vorgegebene Richtung ändern. Oft ist es nur ein Umweg, aber hin und wieder ist es auch eine Sackgasse.

 

 

Kapitel 54

 

Renates und Carlos neuer Weg war ein weites Land, ein Land des Lächelns! Beiden war das Herz auf die Stirn gewandert und lugte aus ihren Augen hervor. Und es hatte alle Sorgenfalten ausradiert.

Hannah, die ich in Berlin wähnte, hatte sich überraschend bei mir angesagt. Das nicht Wissen warum, überforderte mich, ließ mich unruhig werden. Bei meinen Klienten wusste ich ungefähr, um was es ging, konnte mich darauf einstellen und hatte so die Fäden in der Hand.

Dieses Gespür, vielleicht eine Naturbegabung, für kleinere oder größere Probleme vertiefte sich in meinen Ehe- und Kindererziehungsjahren und verschaffte mir den Vorteil, immer einen Schritt voraus zu sein. Bei Hannahs Anruf hatte ich das Gefühl, hinterherzuhinken. Schon regte sich in mir Angst um Herbert und flüsterte mir Verantwortung zu, die ich eigentlich nicht mehr über- nehmen wollte. Ich wollte Liebe, und geliebt werden, wollte frei sein! Dachte so ein Mensch mit Herz und Seele? Was machte die Angst aus mir? Schiss vor dem Zahnarzt ist verständlich, aber vor dem, was kommt oder nicht kommt, ist feige.

Auf der einen Seite meisterte ich mein Leben, brachte mich finanziell über die Runden, fürchtete weder Tod noch Teufel, und andererseits gab ich der Frau in mir keinen Raum, erstickte die Liebe schon im Keime und verzehrte mich vor Sehnsucht, geherzt und angenommen zu werden. „Oh, Claudia, du machst es mir nicht leicht“, flüsterten Herberts Lippen traurig, als er mich zum Abschied küsste.

Kam Hannah wegen Herbert?

Unruhe machte sich in mir breit. Tausend Antworten auf nicht gestellte Fragen kursierten in meinem Hirn, ich mochte nicht ruhig sitzen bleiben, war immer auf der Flucht vor mir selbst.

Hannah kam nicht allein. Ob es ihr ähnlich erging wie mir? Daniel, Hannahs Freund, war ein netter Kerl, ich freute mich ihn zu sehen. Daniel war nicht nur ein begabter Programmierer, sondern auch ein exzellenter Unterhalter. Er nahm den Kuchen und brach ihn. „Wo zwei oder mehr versammelt sind, darf ein Gaumenschmaus nicht fehlen. Claudia, verrate mir den Konditor, ich mache ihn zu meinem Hauslieferanten!“

Was so fröhlich begann, endete eher besinnlich.

Hannah überraschte mich mit einem Packen Infos aus ihren Recherchen zur Alzheimererkrankung. Wissenschaftler der Universität von San Antonio in Texas hatten die Lernfähig- keit und das Erinnerungsvermögen von an Alzheimer erkrankten Mäusen wieder hergestellt. Sie erhöhten die Konzentration eines Proteins, welches bei erkrankten Tieren blockiert ist. Die Forscher hofften, auf dieser Basis Alzheimer und andere Demenzerkrankungen lindern zu können.

Hannah würde nun endgültig mit Daniel nach Berlin gehen, zum evangelischen Glauben konvertieren und Theologie studieren. Berlin, das hieß Abschied von zu Hause, von dem Vater, von der Verantwortung, die ein allzu junges Mädchen unter dem Druck der politischen Situation, der zerfahrenen Ehe der Eltern, Scheidung, Weggang der Mutter, für den Vater übernommen hatte.

Herberts Schlaganfall hatte das Band noch verfestigt, den Gürtel noch enger geschnürt und der Tochter letztlich die Luft zum Atmen genommen. Herberts Bemühen, die Tochter in ein eigenes Leben zu entlassen, schlug fehl. Auch die Liebe zu Daniel drohte zu ersticken. Letztendlich gelang es dem Pfarrer in vielen Gesprächen, Hannah davon zu überzeugen, dass sie Verantwortung für sich, für den Mensch, die Frau Hannah, trug. Gott hatte ihr das Leben gegeben, damit sie es füllte, anreicherte und mehrte, ihm Qualität und Masse gab. Hannah war auf dem Weg zu ihrem eigenen Ich.

Ich stimmte dem voll und ganz zu. Kinder gehörten uns, den Eltern, nur bedingt. Wir schenken ihnen das Leben, ziehen sie auf und lassen ihnen Flügel wachsen. Leere ergreift uns, wenn ihre Zimmer verwaisen, wenn der fällige Anruf auf sich warten lässt, wenn sie nicht aus unseren Ge- danken weichen, und es braucht seine Zeit, bis wir sie wahrhaftig loslassen.

Herbert schien entschlossen zu sein, und es erschreckte mich zu erfahren, dass Vater und Tochter übereingekommen waren, dass er das Haus verkaufen, einen Teil des Geldes für Hannah anlegen und für sich eine behindertengerechte Wohnung suchen würde. So weit, so gut. Kein Wort und kein Ton von mir. War ich ausgesperrt? Als Hannah und Daniel sich verabschiedeten, fragte sie zaghaft: „Bleiben wir Freunde? Ich möchte dich nicht verlieren!“ „Hannah, du bist mir eine Tochter, vergiss das nie. Ich werde immer für dich da sein! Und ich liebe deinen Papa.“ „Aber du weißt es gut zu verbergen.“ Daniel versprach auf Hannah aufzupassen und sich hin und wieder mal zu melden.

 

 

 

Kapitel 55

 

Vogelstrauß-Politik hier wie da, hüben wie drüben, im Privaten, im Geschäft, in der Politik. Nach Jahren des Einsatzes in Afghanistan las ich heute in der Tageszeitung, Frau Merkel bekenne: Deutsche Soldaten kämpfen im Krieg! Zuvor plädierte Westerwelle für den Abzug der Truppen, und jetzt ritt er wie Münchhausen auf der Kanonenkugel.

Karl-Theodor zu Guttenberg stürzte über die Plagiatsaffäre und dankte ab. Die Medien hatten ihren Spaß. Firmen entließen Mitarbeiter, um sie dann verbilligt für gleiche Leistung über Dritte wieder einzukaufen und beriefen sich dabei auf die schlechte Wirtschaftslage.

Und meine Wenigkeit steckte abermals den Kopf in den Sand in der Hoffnung, dass ein anderer meine Nuss knackte. Ich vergrub mich in meiner Arbeit und war froh sagen zu können: „Entschuldige, habe keine Zeit.“ Ich musste etwas tun, meine Arbeit koordinieren, reduzieren, Hilfe zulassen. Ich würde Carlo bitten, mir bei der Erarbeitung eines neuen Konzepts, bezogen auf die Teilung meines Arbeits- platzes unter Einbezug einer Erweiterung der Rubrik, behilflich zu sein. Hinterhältig nahm ich Carlo mit ins Boot, nutzte so seinen Kontakt zu Herbert und hoffte auf Weitergabe von Infos hinter vorgehaltener Hand. Das Weib in mir war nicht totzukriegen. Was auch immer geschieht, der Maulwurf gräbt sich unaufhörlich nach oben.

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“Hallo Ursula, hier spricht Gerda. Sie wissen schon, Alter und Sex.“

„Und ob ich das weiß, liebe Gerda, erging es mir doch ähnlich. Haben Sie Mut, ich habe meinen Mut nicht bereut und erlebe wunderbaren Sex mit einem lieben Menschen.“

Meine Feigheit verschwieg ich. Schließlich war es meine Aufgabe, Sicherheit zu verkaufen und nicht Feigheit anzupreisen. Gott hatte mich mit der Gabe, überzeugen zu können, ausge- stattet, und mein Helfersyndrom erfuhr permanent Erweiterung.

Tatsächlich erleben ältere Menschen erfüllenden Sex. O.k., der Körper baut ab! Lassen wir ihn abbauen und nehmen Defizite zur Kenntnis. Frauen wie Gerda mit einem unsensiblen Partner oder auch Ehemann erleben den Verlust der Hormone, der mit Trockenheit der Scheide einhergeht als Horror, fühlen sich als Versagerinnen, entwickeln Schuldgefühle und verzichten letztlich, um nicht noch mehr gedemütigt zu werden, auf Sex.

Die weiblichen Wechsel sind nun mal mit körperlichen Veränderungen verbunden. Schlaf- störungen, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen und schmerz- haftem Sex, hervorgerufen durch eine veränderte Intimflora. Während der pH-Wert der Intimzone von jungen Frauen im sauren Bereich etwa bei 4 liegt, steigt er nach der Meno- pause aufgrund der reduzierten Östrogenproduktion auf circa 7 an. Durch die Abnahme der als Schutzwall dienenden Milchsäurebakterien kommt es zu einer erhöhten Infektions- gefahr im Intimbereich. Man könnte die Liste endlos fortsetzen.

Tiefe Liebe, Verständnis sowie kleine Unterstützungen und Tricks, ein simples Schaumgel oder Wabbelpeter, ein Gel aus gestocktem Wasser ohne Zusätze, sind eine herrliche Sache, um die körpereigene Flüssigkeitsbildung anzuregen und obendrein, als Haar Gel verwendet, noch gut für die Frisur, wenn die Haare mal nicht so wollen, wie wir wollen, unser Spiegelbild uns ungepflegt erscheinen lässt und für eine Haarwäsche die Zeit oder Lust fehlt.

Gewusst, wie, wann und wo.

So wie Gerda konnte ich auch andere Betroffene überzeugen, Liebe zuzulassen, Liebe zu geben, sich fallen zu lassen und das Manko des Altwerdens auszutricksen.

Liebe im Alter Dokumentation, Aufklärung und Literatur sollten ein weiterer Teil unserer Rubrik werden. Jetzt oder nie hatte ich die Möglichkeit, meine Arbeitszeit zu reduzieren und trotzdem im Job zu bleiben. Die Geschäftsleitung würde einen sich im Ruhestand befindlichen Urologen freiberuflich beschäftigen und die Männerwelt an ihn weiterreichen.

Die Rubrik für die Minderjährigen blieb im Netz. Die Onlineseite hatte sich wunderbar bewährt und sollte vorerst wie gewohnt weitergeführt werden.

Carlo war Springer, arbeitete überwiegend mit einem ebenfalls pensionierten Geistlichen zusammen und versuchte sich in Gesprächen mit kriegstraumatisierten Soldaten und deren Angehörigen.

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“ „Seien Sie gegrüßt, liebe Ursula, hier ist Rainer. Ich bin auf Termin, also heute kein Raus- schmiss.“

„Rainer, was kann ich tun? Wo drückt der Schuh?“

„Lackschuh oder Turnschuh, liebe Ursula, das ist hier die Frage. Der Lackschuh, sprich das sagenumwobene Weib, ich schaffe es nicht, mich in dem Labyrinth zurechtzufinden. Der Tod meiner Frau hat anscheinend ganze Arbeit geleistet. Mit ihr ging die Liebe aus meinem Leben. Sie schwenkte das Zepter, und ich war glücklich. Nun bin ich einsam, verloren und allein.“

„Rainer, was sagt der Arzt? Sie waren doch zur Untersuchung?“

„Aber ja, alles in Ordnung. Prostata und das ganze Drumherum seien völlig normal und gebrauchsfähig.“

„Das ist doch wunderbar, und nun können wir das Ganze in Ruhe angehen. Druck und Stress sperren wir aus und lassen Gelassenheit, Freude und Zufriedenheit Gast bei uns sein.

Sie haben mir von einem netten Herrn erzählt, den Sie hin und wieder zur Mittagszeit im Fischimbiss treffen. Pflegen Sie Kontakte, gehen Sie offen auf Ihr Gegenüber zu, verabreden Sie sich auf ein Bier, oder planen Sie einen Sonntagsbrunch in einem netten Lokal oder zu Hause.

Greifen Sie zum Turnschuh, gehen Sie joggen, kegeln, schwimmen, pflegen Sie Ihr Äußeres, lächeln Sie Ihr Spiegelbild an, lieben Sie den Rainer, so wie er ist, dann kann auch ein anderer den Rainer lieben. Kopf hoch! Es wird!

Rufen Sie mich an, ich drücke Ihnen die Daumen.“

„Ach Ursula, Sie sind ein Schatz. Danke, ich melde mich wieder.“ Rainer und die Liebe! Wer wusste heute schon, was morgen war? War es heute eine Frau nach der er schmachtete, oder entfachte morgen schon ein Mann die Glut seiner Begierde. Wer wusste es?

   „Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

Guten Tag, hier ist Betty.“

„Ich grüße Sie, Betty! Was machen die Knochen und Gelenke?“

„Ich wage es kaum, laut zu sagen, aber ich habe das Gefühl, es geht mir besser. Mein Arzt ist ebenfalls zufrieden mit mir, meint aber, ich solle die Einnahme der Schmerzmittel beibe- halten, um eine Verlagerung und Überbelastung nicht betroffener Gelenke zu vermeiden.“

„Das ist doch mal eine gute Nachricht, liebe Betty. Und ich denke, wir können uns jetzt an ein gezieltes Muskelaufbautraining wagen. Klicken Sie meine Internetseite an und gehen Sie auf „Betty“. Und bitte, regelmäßige Arztkontrollen und keine Übertreibung. Langsam die Übungen angehen, die Zeitvorgabe nicht überschreiten. Trainieren Sie kontinuierlich auf einer Ebene. Und sollten Sie Verspannungen verspüren oder verstärkten Muskelschmerz haben, dann heißt es reduzieren und den Arzt aufsuchen. Sie wissen, ich darf nur Denkan- stöße geben.“

„Alles klar! Meine Freundinnen machen mit. Die sind total auf Sie abgefahren, liebe Ursula. Wundern Sie sich bitte nicht, wenn demnächst Anfragen bei Ihnen eingehen.“

„Machen Sie es gut, und haben Sie noch einen schönen Tag.“ So wie Betty bedurften viele meiner Klienten eines Anstoßes zur Selbsthilfe und Stärkung des Selbstwerts sich nicht dem Leid zu verschreiben von Arzt zu Arzt zu tingeln und auf Wunder hoffend passiv nebendran zu stehen.

Es war ein Unterschied, ob eine akute Erkrankung vorlag oder ein altersbedingter Verschleiß, Abbau, dem sich mit Training und Therapie entgegenwirken ließ. Auch drehte ihnen die Einsam- keit, der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Liebe einen Strick zum Galgen Krankheit.

Dieser Tage unterhielt ich mich mit Zita. Für Zita hielt die Welt den Atem an. Ihr Körper fand allmählich zur Gesundung. Ihre Seele war leicht und zugleich schwer, schwebte und zog sie ins Bodenlose. Der Familie gereichte die Offenbarung zum Schock. Es hagelte Vorwürfe, man schämte sich der alten Frau, kehrte sich in gewisser Weise von ihr ab. Lediglich die Enkel- kinder fanden ihre Oma cool. Großmutter und Liebe, wenn das keine Sensation war!

Zita suchte das Gespräch mit dem ehemaligen Pfarrer ihrer Gemeinde, einem alten, weisen Mann, ohne jedoch ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Die Liebe war in ihr Herz gepflanzt und mit jeder Faser ihres Körpers fest verwurzelt.

Jesus quälte sich vierzig Tage in der Wüste, um dem Teufel die Stirn zu bieten. Maria Magdalena, besessen von sieben Dämonen, suchte die Einsamkeit und fand letztlich Erlösung im Herrn.

Zita war nicht Jesus, nicht Maria Magdalena, besaß nicht mehr deren Jugend und Kraft. Zita war eine alte Frau, ein einsames Blatt im Wind ohne Rückhalt in der Familie. Was sollte sie tun? Mit der Zahnbürste den Boden schrubben? Auf die Knie gehen? Aber vor wem? Diejenigen, welche sie heute verurteilten, hatten über Generationen von ihrer Kraft und Fürsorge gelebt. Sie beging weder Ehebruch noch vernachlässigte sie ihre Familie. Ihr Vergehen war eine Liebe tief in ihrem Herzen, unschuldig und rein.

Zita würde ihre Familie verlassen! Es würde kein Happy End geben.

Wir würden in Kontakt bleiben, würden reden und beten.

Werde ich mich um mein Happy End bringen? Gottes Güte ist unerschöpflich. Herberts Güte indes hatte einen Riss bekommen. Seit Hannahs Besuch herrschte beharrliches Schweigen, und mir blutete das Herz.

Wir mussten reden. Darum würde ich zu ihm fahren, obwohl es mir zuwider war, in seinem Haus, seinem Haushalt, der noch die Spuren seiner Ehe trug, zu wohnen und zu nächtigen.

Ich hatte mir eine neutrale Insel geschaffen, einzig Fotos und kleine Geschenke meiner Kinder zeugten von meinem Vorleben. Teller, Tassen, Messer, Gabeln, Tisch und Bett, alles neu macht der Mai. Auf mich bezogen müsste man jedoch eher auf September, besser noch Oktober ver- weisen. Mein Mai war längst dahin, und ich wusste nicht, was Gott mir zugedacht hatte. Das Schicksal hatte mir Herbert und ein neues, tiefes Gefühl geschenkt, mich noch einmal sehr glücklich und zugleich mutlos gemacht es anzunehmen. Herbert war um einige Jahre jünger, sah trotz seiner sich inzwischen stabilisierten Behinderung sehr gut aus, war intelligent, gepflegt – und er liebte mich.

Doch was war mit mir?

In mir tobten Angst und Verlangen im Widerstreit. Verlangen nach Zweisamkeit, nach Zärtlich- keit, nach Harmonie, Liebe, Leben, Reisen, für jemand da zu sein, Sorgen zu teilen, gemeinsam den Gottesdienst zu besuchen, Theater, Konzerte, zusammen einzuschlafen und aufzuwachen.

Lähmend aber griff mir die Angst ins Steuer, zu: „Was wird sein, wenn der Krebs zurückkommt? Wenn kein Haar die weiße Kopfhaut ziert? Wenn tief liegende Augen, mit etwas Glück von ein paar Wimpern umrahmt, ohne Augenbraue, von bleichem durchsichtigem Teint umgeben, ein dich fremd anmutendes Gesicht aus dem Spiegel anblickt und du dich fragst: „Wer ist diese Frau? Bin ich das?“ Und du kannst dich selbst nicht ertragen! Wie soll dann ein anderer damit zurechtkommen, dich so zu sehen, dich lieben, dich ertragen? Zerstörst du dann zwei Leben?“

Arthur, meine geschiedener Ehemann, hatte mein Herz verschlossen. Im Nachhinein gesehen hatte ich aus seiner Verdrängung, der Ignorierung meiner Krankheit Kraft geschöpft: „Ob ich sterbe oder lebe, ich werde es, ohne dich einzubeziehen, schaffen!“ Ich war auf Sterben program- miert und durfte leben, war medizinisch gesehen ohne Befund.

Ich hatte ein neues Leben, ein neues Umfeld, meine Arbeit, und ich hatte Herbert. Gott war an meiner Seite, und mein Schutzengel wachte über mich. Und doch hätte ich mir in die Hose machen können!

Was sollte ich tun?

Gäbe ich Herbert mehr Raum in meinem Leben und es ginge irgendwann bergab mit mir, zerstörte ich dann nicht auch sein Leben? Meine Gedanken fuhren Achterbahn. Ich wollte die Zeit anhalten, alles sollte so bleiben, wie es war. Nichts aber bleibt wie es ist! Unser Leben währet mittlerweile achtzig, neunzig Jahre – mit steigender Tendenz dank moderner Medizin, gezielter Ernährung und Hygiene.

Unsere Forschung ist Alzheimer auf den Fersen, therapiert mit gutem Erfolg bei Krebsnachsorge, entschlüsselt ein Gen nach dem anderen, und ich jammerte und war unzufrieden. Ich sollte statt- dessen dankbar und glücklich sein.

Wir mussten reden, sämtliche Fakten auf den Tisch, so wie bei meiner Scheidung!

 

 

Kapitel 56

 

„Guten Abend, Sie sprechen mit Ursula,“ „Guten Abend Ursula, hier spricht Liesel, die Sache mit dem Enkel. Sie haben mir geraten, mich bei Sohn und Schwiegertochter zu entschuldigen und auf Distanz zu gehen. Ich bin Ihrem Rat gefolgt, und ich sah große Ratlosigkeit in ihren Augen, ich spürte ein Mauer, gegen die ich nicht ankam, die mir sagte: Bis hier und nicht weiter!“

„Liesel, die Familie Ihres Sohnes ist ein eigenständiges Unternehmen. Diesem Unternehmen, sprich Elternhaus stehen Unternehmensberater, zum Beispiel Pro Familia zur Seite. Geben Sie Ihren Kindern und Enkel das Gefühl, im Notfall für sie da zu sein, das genügt. Und noch etwas sollten Sie wissen: Kinder im Alter Ihres Enkels, einerseits nicht mehr Kind und anderer- seits auch noch nicht erwachsen, ticken anders. Nach neuen Erkenntnissen spielt außer den Hormonen auch das Wachstum des Gehirns eine nicht unbedeutende Rolle. Die Reifung des Gehirns unterliegt einer bestimmten Ordnung. Man spricht von schneller und langsamer reifenden Hirnregionen.  –   Kabelsalat!  Das kann sich hinziehen bis zum 22. Lebensjahr. Möglicherweise waren wir aus genau diesen Gründen erst mit 21 Jahren volljährig. Hierüber sollten die Politiker einmal nachdenken.“

„Mit Sicherheit haben Sie recht, doch es schmerzt ungemein, und die Frage nach dem Warum lässt mich verzweifeln. Trage ich eine Mitschuld? Ich durchforste unser Leben, durchlebe immer wieder jedes einzelne vergangene Jahr von meiner Heirat bis zum Tod meines Mannes, schaue mir alte Fotos an, begebe mich auf Spurensuche und drehe mich dabei im Kreis.“

„Etwas bleibt zu tun, meine Liebe! Meine Bitte an Sie: Suchen Sie für sich das Gespräch mit einem Seelsorger. Gehen Sie zu Ihrem Pfarramt, hier wird man Ihnen weiterhelfen.“

„Das könnte mir eine Hilfe sein. Danke, Ursula, dass ich mit Ihnen reden konnte.“

„Kopf hoch, Sie schaffen das, und rufen Sie mich gelegentlich mal wieder an.“

Inzwischen war es kurz vor 22 Uhr, und mein heutiger Arbeitstag hatte mir 13 Stunden An- strengung beschert. Um 9 Uhr saß ich an meinem Schreibtisch im Verlag, erledigte die anfallende Post und dazwischen Telefonate. Gegen 13 Uhr aß ich eine Kleinigkeit in der Kantine. Danach gab es wie üblich eine kurze Lagebesprechung, und um 14 Uhr 30 verließ ich die heiligen Hallen, machte ein paar Einkäufe, um meinem Kühlschrank das Gefühl der Nutzlosigkeit zu nehmen. Ab 16 Uhr war ich mit kleinen Unterbrechungen offline.

Mein Magen knurrte und mein Bett rief. Wer wollte meine Mauern einreißen?

Gelänge es mir nicht, mich zu stoppen, meine Arbeit zu reduzieren, auf Internetportal um- zusteigen, zerstörte ich mich selbst. Ich musste nicht so viel arbeiten und verdienen, um leben zu können, ich sollte mir Hilfe holen, um meine unsinnige Panik vor dem, was geschehen könnte, aber nicht zwangsläufig geschehen muss, zu besiegen.

„… Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern wenn die Blätter treiben.“ … aus einem wunderbare Gedicht von Rainer Maria Rilke 1875 – 1926. Warum gerade jetzt ergreifen diese ach so wahren Worte von meinen Gedanken Besitz? Mein Herz ist schwer. Die Waagschalen wollen sich nicht einpendeln. In der einen wiegt Sehnsucht nach Herbert und in der anderen Angst vor Veränderung.

Herbert, lieb wie eh und je, mutete wehmütig an, als läge ein Abschied in der Luft. Abschied von der Zuversicht, dem Leben noch etwas abgewinnen zu können, Abschied von der Liebe und Zweisamkeit.

Erstmals seit wir uns kennen, vermeinte ich, Resignation in seinen Augen zu sehen. Und das wollte ich nicht. Herbert, der liebenswerte Optimist, der Kämpfer gibt auf?

Nie und nimmer!

Ich bekannte all meine Sünden, meine Ängste, meine Panik, erzählte ihm aus meinem Leben, von Gottes Güte, dem begnadeten Chirurgen, der einschneidenden Chemotherapie, dem Tag, an dem ich die ersten Haarbüschel in der Hand hielt, den Bestrahlungen, der Einsamkeit, den schlaflosen Nächten, dem Ausgeliefertsein, der falschen Fassade, um die Kinder zu täuschen, zu schützen, zu schonen, der Ungewissheit und der wahnsinnigen Angst, das alles noch einmal durchstehen zu müssen.

Ich fiel und fiel – und Herbert fing mich auf.

Wir redeten die halbe Nacht hindurch. Wir weinten und trösteten uns gegenseitig, bis wir irgend- wann erschöpft einschliefen, einem neuen Tag entgegen schlummerten und vielleicht einem neuen Leben.

Herbert bot mir an, mich mit dem Auto nach Hause zu fahren, doch ich brauchte die Atmosphäre des Zugfahrens, die Anonymität des Reisenden, um meinen Gedanken die Möglichkeit zu geben, ihren Weg aus freien Stücken zu finden.

Dass ich etwas ändern musste, darüber war ich mir im Klaren. Mit jedem Kilometer, der mich näher an mein Ziel brachte, festigte sich meine Entscheidung, mein Arbeitspensum zu halbieren, mich auf eine Umstellung einzulassen und einen Arbeitsplatz für einen jüngeren Kollegen freizu- geben.

Geahnt hatte ich sicherlich, dass etwas in der Luft lag. Nach meinem Gespräch mit Leonard Pitrella gestand mir Carlo, dass es intern längst entschieden war, dass mein Arbeitsplatz ge- splittet würde.

„Wir stehen im Blickfeld der Öffentlichkeit“, versuchte Carlo die Entscheidung zu begründen. „Der Verlag kann es sich nicht leisten, Rentner über eine befristete Teilzeit hinaus zu beschäftigen und dadurch Arbeitsplätze zu blockieren.“

O.k.! Der nächste Erste würde für mich der letzte im Verlag sein. Man wird mir ein Internetportal für Seelsorge einrichten und wir werden eine Vereinbarung aushandeln. Laut Statistik gehen allein bei der Telefonseelsorge Fulda pro Tag mehr als fünfzig Anrufe ein – mit steigender Tendenz –, wobei, und darauf wäre ich nie gekommen, die Frühlingsmonate März, April und Mai Spitzenreiter sind, gefolgt von Weihnachten und Silvester. Bundesweit gab es derzeit 105 große Telefonseel- sorgestellen, mit einer geschätzten Zuwachsrate von circa 10 % jährlich.

Ich würde Zeit haben, meine Enkelkinder öfter zu sehen, wenn es die Eltern absegneten, und, worauf ich mich sehr freute, mehr Zeit mit Renate verbringen können, an ihrem Glück teilhaben.

Herbert und ich telefonieren sehr viel miteinander. Ich glaube uns auf einem guten Weg.

 

 

Kapitel 57

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“ „Guten Tag, mein Name ist Amelie.“

„Hallo Amelie, Sie haben eine angenehme, fröhliche Stimme. Es hört sich nicht nach Sorgen an.“

„Gut gebrüllt, Löwe, Entschuldigung, Sie haben ein feines Gespür! Ich bin weniger in Sorge, sondern eher verwundert.

Kinder sind immer für eine Überraschung gut. Ich dachte, wenn ich mich aus ihrem Leben raushalte, habe ich gleiches Recht auf meiner Seite. Aber plötzlich fürchten meine Kinder um mein Seelenheil und ihren guten Ruf.“

„Sie machen mich neugierig. Erzählen Sie mir, was vorgefallen ist.“

„Oh weh, wenige Augenblicke können viel bewegen, können eine Mure auslösen, eine Überflutung herbeiführen und ein Chaos anrichten – und Neues entstehen lassen.

Also, es war im letzten Winter. In unserer Straße brach verursacht durch den strengen und lang anhaltenden Frost ein Wasserrohr, wodurch einige Häuser für zwei Tage ohne Wasser und ohne Heizung waren. Unser Haus war zum Glück nicht betroffen, jedoch ein Mehrfamilienhaus, in dem auch ein langjähriger Freund meines geschiedenen Mannes wohnt. Wir kennen uns von Jugend an und haben noch immer Kontakt zueinander. Der Mann ist ein eingefleischter Junggeselle, problemlos zu händeln, mit sich und der Welt im Reinen. Was lag also näher, als ihm ein Gästezimmer in unserem Haus anzubieten. Er würde das gleiche für jeden meiner Familie getan haben.

Ich richtete das Gästezimmer her, wir plauderten, aßen eine Kleinigkeit und gingen irgendwann ein jeder in sein Zimmer und Bett.

Und was alte Leute so an sich haben, sie müssen in der Nacht aufs Klo! Mindestens einmal pro Nacht führt mich mein Weg in verschlafenem Zustand auf die Toilette. Dann trinke ich einen Schluck Wasser, schaue auch mal auf die Uhr, und zwei Minuten später bin ich wieder im Land der Träume.

Ich hatte meine nächtliche Tour hinter mir und war bereits wieder halb bewusstlos, als ich glaubte Schritte aus Richtung Bad zu vernehmen. Kurz darauf schob sich ein spärlich bekleideter männlicher Körper unter meine Decke. Für mich, in meinem Alter und seit sieben Jahre geschieden, eine Delikatesse, der ich nicht widerstehen konnte.

Normalerweise würde sich mir die Frage gestellt haben: Kann das überhaupt noch funktionieren, immerhin bin ich aus der Übung, eingerostet, meine Hormone liegen im Sterben.

Aber ans Denken war nicht zu denken! Unsere Körper produzierten einen wunderbar weichen und intensiven Sex. Er tat der Seele gut und beflügelte den Geist, und es war keinem von uns beiden am nächsten Morgen bei Licht besehen peinlich. Wir gingen frei und locker miteinander um, als sei es die natürlichste Sache der Welt.

Seit dieser erquicklichen Nacht laden wir uns hin und wieder auf ein Glas Wein ein und landen letztlich im Bett.“

„Das ist doch wunderbar. Wo liegt das Problem?“

„Meine Kinder wunderten sich über die gelegentlichen gegenseitigen Besuche, über gemeinsame Unternehmungen, wir lieben es gute Lokale aufzusuchen, sind kulturellen Veranstaltungen zu- getan, und so weiter….. .

Und als mich meine Tochter fragte, was das denn solle, ich würde mich wie ein verliebter Teenager benehmen, sei höchst  peinlich und würde meine Familie der Lächerlichkeit preisgeben, machte ich den verhängnisvollen Fehler und sagte ihr ohne Umschweifen, dass ich weder verliebt sei, noch einen Mann zum Betütteln suche, sondern schlicht und einfach den Sex mit ihm genösse und es mir Spaß mache.

Sie plusterte die Backen auf, lief rot an, und ich dachte, sie träfe der Schlag!

Der Schlag segelte aber als Bumerang genau zu mir zurück, denn meine Kinder glauben nun, mich erziehen zu müssen, maßregeln mich und sind lästig wie Fliegen an einem schwülen Sommertag.“

„Tja, meine liebe Amelie, tausend und mehr Frauen beneiden Sie, ich schwöre es! Lassen Sie Ihre Kinder schmollen, genießen Sie das, was ihnen Genuss bereitet. Sie sind ein gereifter Mensch und nicht Sklave Ihrer Kinder.

Nach meiner persönlichen Meinung ist unsere Generation in Sachen Sex äußerst stiefmütterlich behandelt worden. Fragen Sie mal Ihre Kinder, wie oft diese den Partner wechseln oder gewechselt haben.

Leider muss ich Sie jetzt aus der Leitung werfen. Ich würde mich freuen mal wieder von Ihnen zu hören.“

„Ich melde mich, und danke fürs Zuhören.“

Carlo war für den Verlag in Osteuropa unterwegs, und Herbert begleitete ihn. Umdenken, neue Wege gehen, Fundamente stabilisieren, die Zukunft hatte uns längst eingeholt. Themen, die die Leser gestern noch faszinierten, Geschichten von Königshäusern, Glanz und Gloria waren zu- nehmend Schnee von gestern und der schmolz stetig.

Junge Leute von heute interessierte das alles nicht die Bohne. Umfragen bestätigten mit eindeutigem Ergebnis, dass der Zug der Aristokraten abgefahren war. Die Zeit, da Deutschland Kaiserreich war, lag weit zurück. TV Sender fanden hier eine Lücke und verarbeiteten mit Verfilmungen wie Wer wir waren, wer wir sind deutsche Geschichte, was mir persönlich sehr gut gefiel. Wissenswerte Vergangenheit!

Ernüchternd stellt sich uns die Gegenwart. Leistung ist gefragt. Immer schneller, höher, spektakulärer, brutaler. Wen interessiert schon Normalität? Längst ist die Schallmauer durchbrochen, Kranksein nur lohnend, wenn Gevatter Tod am Kopfende steht.

Da dem Chirurgen die Seele noch nicht untergekommen ist, verkümmert sie, kehrt sich in sich, löst Depressionen aus und leistet körperlichen Gebrechen Vorschub. Telefonseelsorgen wissen ein Lied davon zu singen. Seelsorger sind während der Weihnachtszeit im Dauereinsatz. Oft genügt dem Anrufer schon das Zuhören, ein menschliches Wesen am anderen Ende der Leitung, ein freundliches Wort, ein Gebet und das Wissen, wieder einmal anrufen zu dürfen.

Manager in den besten Jahren kippen um, Schlaf stellt sich nur mit Medikamenten ein, Sex ist an jeder Straßenecke zu haben. Frauen sind Versorger und Mütter im Dauereinsatz. Für Geborgenheit, selbstlose Liebe, warmherzige Zärtlichkeit fehlt die Zeit.

Die Geschäftsleitung des Verlages arbeitete an einem Konzept, welches, sofern es funktionierte, dem Verlag neue Möglichkeiten eröffnete. Und in dieser Mission waren Carlo und Herbert unterwegs. Herbert, ob er es hören wollte oder nicht, war nun einmal bei der Stasi gewesen, hatte eine knallharte Ausbildung was Manipulation betrifft durchlaufen. Gleichzeitig versprach sich Leonard Pitrella durch das Gespann Carlo und Herbert Öffentlichkeitsarbeit, die zur Verschweißung der Nahtstelle West-Ost beitrug.

Die Geschäftsleitung strampelte nach allen Seiten und hoffte, dass aus der Milch steife Sahne würde.

Renate und ich genossen die mannlosen Tage, hockten beieinander, lachten, redeten, wälzten Probleme, kochten gemeinsam, sahen fern, und ich erfuhr als Freundin, dass eine Hochzeit ins Haus stand. Renate hatte inzwischen Carlos Familie in Italien kennengelernt und konnte sich vorstehen, hin und wieder für längere Zeit in Italien zu leben. Ich erfuhr von Renate, was es mit der deutschen Ärztin in Manfredonia auf sich hatte.

Auf Kinder wollten beide verzichten. Die schienen für beide eine Albtraum Vorstellung zu sein. Renate, die ein Kind verloren hat, fehlte der Mut zu einer neuerlichen Schwangerschaft, und Carlo fürchtet eine Erbkrankheit in seiner Familie.

Also doch! Zwischen Carlos‘ Familie und der Signora Medica Tedesca in Manfredonia war ein familiäres Band geknüpft, das vor mehr als fünfzehn Jahren in einer deutsch-italienischen Liebe seinen Anfang fand.

Eine deutsche Medizinstudentin in Heidelberg verliebte sich in einen Austauschstudenten aus Italien. Er, der Elektronik studierte, den Kopf voller Flausen gepaart mit südländischem Charme, hatte sein Herz in Heidelberg verloren.

Er blieb, ging, kam wieder, ging, kam wieder, und sie trauten sich gegen den Willen des deutschen Elternhauses, sich trauen zu lassen. Die Zeremonie sollte in Italien, der Heimat von Silvio, so hieß der Heißsporn, stattfinden. Er war der Bruder von Claudio, also Carlos‘ Cousin.

Silvio trug seine Medica Tedesca auf Händen und drohte vor Glück durchzudrehen, als es definitiv feststand, dass sie Elternfreuden entgegensahen. Er sah sich schon als Papa einer halben Fußballmannschaft.

Sie, jung, verliebt, das Examen in der Tasche, gefangen im Netz von Mama, Papa, Nonna, Nonno, Menschen mit großen Herzen und tiefem Glauben, der Berge versetzte.

Es war der Tag vor der Hochzeit. Das Bergdörfchen war in Feierlaune, alle Dorfbewohner würden teilnehmen. Es wurde geschlachtet, gekocht und gebacken, der Dorfplatz hergerichtet, Girlanden angebracht, und Silvio war damit beschäftigt, die Beleuchtung aufzuhängen und anzuschließen. War das ein Knall? Ein Zisch? Ein Blitz, ein Schrei, ein zuckender Körper am Boden, der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft, und dann war es gespenstisch still. Irgendwer schaltete instinktiv den Strom ab und mit einem Aufschrei der Mutter kehrte Leben in die Umstehenden zurück. Den am Boden liegenden Silvio sparte es jedoch aus. Sein Leben war von Gott gegeben und von Gott genommen. Er würde in dem Kind der Liebe, das seine Braut unter dem Herzen trug, neu geboren werden.

Jetzt war sie es, die zwischen Deutschland und Italien, zwischen Hoffen und Bangen pendelte, ohne Perspektive auf eine Zukunft, unter dem Druck der eigenen Eltern zu zerbrechen drohend. Aufgefangen von der Liebe, dem alles überwindenden religiösen Glauben der italienischen Groß- familie, gewann Georgia, gerufen Tschortscha oder Ttschortschina, Meter für Meter wieder sicheren Halt unter den Füßen.

Im siebten Monat schwanger entschied sie, das Kind in Italien zur Welt zu bringen. Der Entschluss entzweite sie vollends von ihren Eltern.

Das Kind, ein Mädchen, das Vermächtnis von Silvio kam vier Wochen zu früh zur Welt und wurde auf den Namen Silvia getauft. Gerade mal 42 Zentimeter maß das zierliche Bündel Menschlein und brachte nur knapp ein Kilo auf die Waage.

Georgia erholte sich schnell von der relativ leichten Spontangeburt, und das Baby, ein Winzling, entwickelte einen guten Appetit und wurde zum Mittelpunkt des ganzen Dorfes. Die Hebamme schaute regelmäßig vorbei und begutachtete unter den kritischen Blicken der Mutter die Entwicklung des Säuglings.

Zwei Monate nach Silvias Geburt unterstützte Georgia die Hebamme bei Voruntersuchungen und Geburten, so wie auch den Landarzt, und lernte auf diese Weise Leute, Land und Sitten kennen. Sie verfestigte die Sprache und sah ihre Tätigkeit als Beginn der erträumten medizinischen Laufbahn an. Nur ihre kleine Familie ernähren, die Eltern von Silvio finanziell zu entlasten, war nicht möglich und hielt sie in Abhängigkeit.

Keine noch so kleine Geste oder finanzielle Mittel für das erste Enkelkind ihrer Eltern fanden den Weg aus Deutschland nach Italien. Oft war ihr, als sei sie aus einer Wolke geboren und vom Wind nach Italien verweht worden. Doch sobald sie ihre kleine Tochter, diese zierliche Bambola in den Armen hielt und die Fürsorge des italienischen Clans spürte, waren alle Sorgen verflogen.

Silvia gedieh, war nur weiterhin sehr klein. Ein halbes Jahr nach der Geburt der Tochter nahm Georgia die Stelle einer Assistenzärztin in einem Krankenhaus in Neapel an. Sie wusste ihr Kind in bester Obhut und hoffte darauf, dass der kleine Körper irgendwann einen Wachstumsschub erhalten würde.

Als das Kind mit einem Jahr, noch immer sehr klein an Körpergröße, die ersten Schritte an der Hand der Mutter machen konnte und das rechte Auge weiterhin nicht den rechten Platz in der Augenhöhle gefunden zu haben schien, wurde sie mit dem Kind in der Klinik vorstellig und reiste anschließend samt ihm und den Untersuchungsunterlagen nach Heidelberg. Ein Studienfreund von ihr war Arzt in der dortigen Kinderklinik.

Die Diagnose deckte sich weitgehend mit der aus Italien. Für eine Augenkorrektur war das einjährige Kleinkind noch zu jung. Die Korrektur war aber auf jeden Fall machbar und dürfte kein Problem darstellen. Ganz anders verhielt es sich mit dem Wachstum. Das Kind war kleinwüchsig und würde allen Berechnungen zufolge maximal 1,28 bis 1,32 Meter groß werden.

Das Gespräch verlor sich, wie sollte es auch anders sein, in Zukunftsprognosen, in Forschung, im Hokus Pokus eines neuen Zeitalters.

Georgia kämpfte den Kampf der verstoßenen Tochter. Sollte sie die Eltern aufsuchen, bevor sie zurück nach Italien flöge?

Sie entschied sich für ein Telefonat, in dem sie ihre Eltern von dem Aufenthalt in Heidelberg in Kenntnis setzte und gab ihnen Gelegenheit, dorthin zu kommen. Der Vater war wie üblich verhindert, aber die Mutter kam – freudestrahlend und mit Päckchen beladen, hoffte sie doch insgeheim auf ein Einlenken der Tochter.

Sie kam, sah und war schockiert! Als sei ein uneheliches Kind nicht genug, musste es auch noch behindert sein. Unmissverständlich machte sie der Tochter klar, dass sie bereit war, für das Kind einen Platz zu finden und dessen Kosten zu tragen, um Georgia somit die Möglichkeit zu verschaffen, ein ihrem Stand gebührendes Leben zu führen, sich beruflich einzubringen und irgendwann passend zu verheiraten.

Die Verabschiedung fiel sehr kühl aus. Wieder allein verfiel sie in einen Weinkrampf und war sich bewusst, dass es ein Abschied für immer war, zumindest aber für eine sehr, sehr lange Zeit.

Ihr Zuhause war Italien, und dorthin kehrten sie zurück. Sie beantragte für sich und ihre Tochter die italienische Staatsbürgerschaft, arbeitete ein weiteres Jahr in der Klinik in Neapel, danach für ein Jahr in der städtischen Ambulanz, gefolgt von Zeitverträgen in Potenza, Foggia und Barletta, bis sie letztlich eine Festanstellung in einer Klinik in Manfredonia erhielt.

Diese Schicksalsfügung verdankte sie ihrer inzwischen neun Jahre alten Tochter. Bei dem Kind wurde zu allem Übel auch noch die Veranlagung zu einer Höckerbildung – zum Glück rechtzeitig – festgestellt, welche in Manfredonia erfolgreich operiert werden konnte.

Gott hatte dem Mädchen einige Defizite mit auf den Weg ins Leben gegeben. Gott nimmt und Gott gibt. Er gab Silvia  etwas ganz Besonderes: eine begnadete Stimme.

Bei ihrem Genesungsaufenthalt in Manfredonia wurde ein Pater auf das Kind aufmerksam, und die Kirche übernahm die Ausbildung und Förderung des kleinen Genies. Silvia wechselte in die Klosterschule, und Georgia bezog Arbeit und Wohnung in Manfredonia.

Nach Recherchen in Kirchenbüchern und mit dem Ergebnis, dass bereits vier Generationen zuvor ein ähnliches Kind in der Familie von Silvio geboren wurde, lastete ein Schatten auf der Familie, der auch Carlo betraf. Nach langen Gesprächen mit Renate entschloss er sich zur Sterilisation. Nach seiner Rückkehr aus dem Osten würde Carlos diesen Eingriff über sich ergehen lassen und anschließend seine geliebte Renate zum Standesamt führen. Den Segen der Kirchen wollen die Brautleute in Italien erbitten.

Dem Mensch steht sein Schicksal nicht auf der Stirn geschrieben. Immer wieder kehrten meine Gedanken zu dem mir von Renate Anvertrauten. Diese nette, ausgeglichene deutsche Ärztin in Manfredonia, die sich Herbert – auch über den Feierabend hinaus – fürsorglich annahm, wie konnte sie das alles ertragen? Wie verschwindend gering waren dagegen meine Probleme und Sorgen?

Geben und nehmen. Wir sollten mehr geben als einfordern. Lag hier der Schlüssel zum Glück?

Ich dachte mir, ich sollte Herbert in mein Leben lassen. Wir würden gemeinsam nach einem Weg suchen, der uns Zukunft und Gegenwart war.

 

Kapital 58

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

„Guten Tag, ich möchte meinen Namen nicht nennen, aber ich habe ein Problem.“

„Müssen Sie auch nicht, ich arbeite mit Fantasienamen und nenne Sie Waltraud, wenn es Ihnen recht ist.“

„Nicht gerade umwerfend, aber in Ordnung.“

„Nun, Waltraud, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Eigentlich geht es mir gut, und doch wieder nicht. Drei Jahre lebe ich nun allein und nächstes J ahr werde ich 70. Mein Herz sucht nach einem Partner, und mein Körper sehnt sich nach ein bisschen Zärtlichkeit, aber mein Kopf sagt mir, ich spinne. Und das verrückteste ist, es zieht mich in die Kirche, und ich ertappe mich dabei, in dem Pfarrer mehr den Mann als den Prediger zu sehen. Der Gedanke, mit einem pensionierten Geistlichen Kontakt zu haben, Gespräche zu führen, Zeit zu verbringen und vielleicht noch einiges mehr, übt einen sonderbaren Reiz auf mich aus.

Denken Sie um Himmelswillen nicht, ich sei fromm, gut und gottesfürchtig. Bisher glaubte ich immer, ich sei eine normale Frau mit kleinen Macken, aber annehmbar.“

„Kennen Sie einen Pfarrer, der sie verwirrt haben könnte?“

„Nein, überhaupt nicht. Mir gefällt der Beruf, die Berufung. Ich finde, mich hat das Alter weicher, anschmiegsamer und nachsichtiger gemacht. Andere macht es streitsüchtig und rechthaberisch. Dieses andere lebte mir mein Mann zur Genüge vor, bis ich nicht anders konnte, als mich seiner zu entledigen.

Anfangs habe ich es sehr genossen, nur für mich selbst da zu sein, doch mit dem Ruhestand, der mich in einen luftleeren Raum versetzte, gehen die Gedanken eigene Wege, verwischen Traum und Wirklichkeit.

Meine gelebte Wirklichkeit glich der Ehe von Meggie mit Luke O`Neill, lieblos und leer. Da war kein Pater Ralph, der meinen Hunger stillte. Vielleicht ist es das?“

„Liebe Waltraud, tragen wir nicht alle irgendwo tief drinnen in unserem Herzen eine unerfüllte Sehnsucht, die einzige, die angebetete, liebreizende, begehrte Maggie zu sein? Und dringt der todbringende Dorn in unsere Seele ein, erträumen wir uns den edlen Ritter, den Liebhaber, der uns in die Arme nimmt, uns entführt und auffängt.

Punkt 1: Ich möchte Ihnen den Ruhestand würzen!

Punkt 2: Suchen Sie in ihrem Umfeld oder den angrenzenden Gemeinden nach einer Tätigkeit im sozialen Bereich.

Bleiben wir bei der Kirche. Da gibt es Kirchenchöre, Seniorenveranstaltungen, kirchlich geführte Kindertagesstätten, Krankenbesuche stehen an. Begleiten Sie behinderte Menschen zu Konzerten, ins Theater, leisten Sie Hilfestellung bei Behördengängen. Gehen Sie raus aus Ihrem Schneckenhaus, das Leben ruft nach Ihnen.“

„Da könnte etwas dran sein. Ich würde geben und bekäme etwas dafür. Geben und nehmen in einem Rahmen, den ich mir selbst zurechtzimmere.

Sie sind gut, Ursula. Ich werde darüber nachdenken.“

„Tun Sie das, und lassen Sie mich ein wenig teilhaben an der Veränderung, die sie bereichern wird.“

„Danke, auf Wiederhören!“

Hallo Mami, störe ich?“

„Ela, meine Kleine. entschuldige, aber du bleibst immer meine Kleine. Ich freue mich, dich zu hören. Und noch lieber würde ich dich mal wieder sehen.“

„Kannst du auch Mama, ich komme nächsten Monat zu Papas Geburtstag. Können wir, wenn ich zu Hause bin, mal über Papa reden?“

„Selbstverständlich. Der Kontakt zwischen Papa und mir ist nicht abgerissen. Wir sehen uns bei Susen, bei Richard und ich habe kürzlich Hella im Café getroffen.“

„Tschüss Mama, bis bald!“

„Pass auf dich auf, und danke für den Anruf!“ Ela würde immer ein Papakind bleiben.

Ein Anruf von Renate war überfällig. Renate hatte Ihren Carlo in die Klinik begleitet und bei der Gelegenheit den jährlichen Check-up machen lassen. Sie fühlte sich in letzter Zeit nicht sonderlich wohl. Es gab wohl eine Grippewelle in der Kindertagesstätte, und solche Infekte griffen gerne mal auf die Erzieher über. Vielleicht schaute ich mal bei ihr vorbei.

Zuvor freute ich mich aber auf Herbert. Er würde einige Tage bleiben. Seine Besuche dauerten immer länger, und die Zeit dazwischen wurde kontinuierlich kürzer. Herbert nutzte seine Anwesenheit, um auf der Suche nach einer passenden Wohnung Makler zu kontaktieren. Eigentlich suchte er nach zwei nebeneinanderliegenden Wohnungen mit der Möglichkeit, bei Bedarf eine Verbindung zu schaffen. Und falls nicht ebenerdig gelegen, mit Aufzug.

Pläne schmieden, etwas vorhaben, diskutieren, abwägen, Blicke voller Liebe füreinander, Hände, die sich berührten, Herzen, die im Gleichklang schlugen und zärtlicher Sex. Herbert ich freue mich auf Dich!

Ich war meinem Schicksal dankbar. Auch wenn das Schicksal mir zeitweise grausam erschien, war es im Nachhinein eine Bereicherung. Ich durfte in Gottes Güte blicken, trösten und helfen, so wie ich selbst getröstet und mir geholfen wurde.

Wogegen sich mir anfangs die Haare sträubten, erwies sich im Alltag als Gewinn: loslassen – ein Wort mit viel Wenn und Aber, sobald wir selbst davon betroffen sind. In unserem Denkvermögen ringen tausend Gründe miteinander, flüstern festhalten!, spiegeln uns Kränkung, Undank- barkeit und anderen Schwachsinn. Dabei sollten wir dankbar Rückschau halten und nach Neuem streben.

Mir brachte die Verlagerung im Arbeitsbereich mehr Freiraum, mal Zeit für einen Spaziergang oder eine Verabredung auf eine Tasse Kaffee, einen Schaufensterbummel durch die Fußgänge- rzone oder mal einen früheren Feierabend und Zeit zum Einkaufen. Und heute Zeit, Renate einen Besuch abzustatten. Mit einem Blumenstrauß wollte ich sie vor der Kita überraschen, wurde dann aber selbst überrascht, als mir eine Kollegin von ihr sagte, Renate sei wegen eines grippalen Infektes für eine Woche krankgeschrieben, aber sicherlich zu Hause anzutreffen.

Auf ein Neues! Ich winkte mir eine Taxe heran und ließ mich zu Renates Wohnung fahren. Carlo öffnete mir die Tür, hauchte mir einen Kuss auf die Wange und war auch schon weg: „Entschuldige, Renate wird in wenigen Minuten hier sein, ich habe einen dringenden Termin“. Schon fand ich mich allein in der Wohnung. Ich nahm die erstbeste Vase, versorgte die Blumen und machte es mir bequem. Zwanzig lange Minuten schlichen dahin, bis sich der Schlüssel im Schloss umdrehte und sich die Tür öffnete.

Mein Gott, wie blass sie war, regelrecht durchsichtig schien mir ihre Haut. Doch in ihren Augen brannte ein Feuerwerk der Liebe. Sie strahlten wie tausend Kerzen.

Renate!“ Ich eilte auf sie zu. Noch ehe ich irgendetwas begriff, lag sie in meinen Armen und heulte wie ein Schlosshund. Sie klammerte sich an mich wie ein kleines Mädchen, das aus einem Alptraum erwacht und unter Mutters Decke flüchtet. „Claudia, ich bin schwanger!“

„Sag das noch einmal!“

„Ja, ich bin in der 9. Woche!“

Es brauchte eine ganze Weile, bis Renate so weit gefasst und ein wenig zur Ruhe gekommen wieder der Sprache mächtig war. Sie erzählte mir, dass sie gemeinsam mit Carlo die Klinik aufgesucht hatte. Carlo ging wegen der angesetzten Sterilisation zur Aufnahme und sie zum routinemäßigen Check-up. Bei ihr schien eine verschleppte Grippe Unpässlichkeiten hervorzurufen, der sollte erhöhte Aufmerksamkeit gezollt werden. Mit dem Fahrplan in der Hand ging sie von Untersuchung zu Untersuchung, und der Gynäkologe bildete mit der üblichen Vorsorgeuntersuchung den Abschluss.

Und während Carlo auf dem OP-Tisch einer kinderlosen Zeit entgegenträumte, eröffnete der Gynäkologe Renate das freudige Ereignis einer Schwangerschaft in der neunten Woche. Wann, wie und wo diese Schwangerschaft ihren Anfang genommen hatte, würde für immer ein Rätsel bleiben. Sie hatten stets verhütet und Renate regelmäßig ihre Periode. Allerdings fiel die letzte kaum nennenswert aus, und sie führte das auf einen Darmvirus sowie die Gewichtsabnahme zurück.

Die Unpässlichkeiten der letzten Wochen waren aber zweifelsohne der Mutterschaft zuzu- schreiben.

„Was soll ich tun, Claudia?“

„Ist kein Irrtum möglich?“

„Nein, ich war anschließend bei meinem Gynäkologen und nochmals in der Klinik, auch bei der Schwangerschaftsberatung, weil ich einen Abbruch in Erwägung gezogen habe.

Was soll ich tun? Carlo kämpft mit Freude und Angst. Claudia, wir könnten ein behindertes Kind bekommen. Carlo hat mit Georgia telefoniert, er ist verzweifelt und dann wieder so glücklich. Und ich weiß mir keinen Rat. In wenigen Woche werde ich mein Kind spüren, seine Füßchen, seine Hände, es wird bereits meine Stimme von Carlos Stimme unterscheiden. Claudia, was soll ich tun?“

Wer gibt mir das Recht, dieses Kind zu töten? Hat dieses Kind nicht ein Recht auf Leben und Liebe?

Die Ärzte sagen, bei einem Buben ist der besagte Gendefekt zu 99 % auszuschließen, und bei einem Mädchen ist die Möglichkeit verschwindend gering.

Was sollen wir tun? Noch ist es für einen Abbruch nicht zu spät.“

„Renate, Gott wollte dieses Kind. Es ist schizophren, Carlo lässt sich sterilisieren und in der gleichen Stunde erfährst du, dass Ihr ein Kind haben werdet. Gott, der Sarah im Alter von 70 Jahren noch einen Sohn gebären ließ, schenkt euch dieses Kind. Ein Kind eurer Liebe! Wirf deine Zweifel über Bord und schenke Carlo Zuversicht. Ihr werdet wunderbare Eltern sein, und wenn Gott will, von einem gesunden Kind.“

Ich weiß nicht zu sagen, wie lange wir so, Renate in meinen Armen, dasaßen. Doch als ich ging, war Zuversicht, dass sie das Geschenk dankbar annehmen und das Kind zur Welt bringen würde, in meinem Herzen. Glücklichsein muss man wollen, auf die Zukunft vertrauen, das Gute erhoffen. Schwarzmalerei und Hader führen in eine Sackgasse, zehren uns aus, machen uns mürbe und anfällig für Krankheiten. Sie sind ein Nährboden für Fehlverhalten.

In diesen Augenblicken sehnte ich mich nach Herbert, wünsche ihn an meiner Seite zu haben, mich mit ihm auszutauschen, von ihm getröstet und aufgebaut zu werden. Ich musste es wollen, ich musste ihn mir verdienen.

An diesem Abend kam ich lange nicht zur Ruhe. Der Schlaf ließ sich auch durch Schäfchen zählen nicht anlocken, er wollte nicht kommen. Ein Wahnsinn, ein seliger Wahnsinn. Da ent- scheiden sich zwei Menschen auf Kinder zu verzichten und sind längst im Begriff, Eltern zu werden. Mein ganzes Ich ist voller Freude über diese Schwangerschaft.

Ich erinnere mich nicht, Herbert so sehr herbeigewünscht zu haben wie an diesem Wochenende, dem Wochenende der Neuigkeiten. Renate und Carlo werden Eltern, das Schicksal hat ihnen ein Schnippchen geschlagen, kam ihnen zuvor. Gegen Gott und das Schicksal anzugehen, hieße sich zu versündigen. Gott und das Schicksal lassen sich nicht überlisten. Sich aufzulehnen, dagegen angehen raubt uns Kraft und Gelassenheit und die Einsicht, dass sich alles letztlich zum Guten wendet.

Auch bei uns wird sich alles zum Guten wenden, ich werde meine Ängste und Zweifel überwinden und mit Herbert den Lebensweg gemeinsam gehen.

 

Kapitel 59

 

„Guten Abend, Sie sprechen mit Ursula.“ „Hier spricht Loretta, guten Abend Ursula. Ich genieße die Konversation mit Ihnen.“

„Ich mag Sie auch, liebe Loretta. Es tut gut mal reden zu können, ohne in die Tiefe gehen zu müssen.

Sie sind heute meine letzte Anruferin und sichern mir einen weichen Übergang in das Wochen- ende. Späte Anrufe tragischen Inhalts, hörbare Verzweiflung, panische Ängste lassen mich auch nach dem Auflegen nicht los, sie gehen mit mir schlafen oder ins Wochenende.“

„Vielleicht sollte ich zur Abwechslung Sie mal trösten, meine Liebe.

Ursula, ich hatte einen Traum. Ich befand mich in einer Gärtnerei, ging ziellos durch die Gewächshäuser sowie das sich anschließende Freigelände bis hin zum Abfall aussortierte Pflanzen und Gehölzt und sah dort unter Grünschnitt, verdorrten Zweigen und Geäst eine vergammelte Pflanze, von der ich wusste, dass sie wunderschöne Blüten hervorbringt.

Ich nahm sie hoch, brach ein Teil mit kleinen Würzelchen davon ab mit der Absicht, den Stummel mitzunehmen und einzupflanzen. Während ich das Glied abbrach, lief eine gallertartige Flüssigkeit aus der Pflanze, und eine Stimme sagte zu mir: ‚Diese Flüssigkeit findet in der Medizin Verwendung und wird bei Tumorerkrankungen eingesetzt‘. Ich schaute mich um, konnte aber niemand sehen, ich befand mich allein in dem Areal und verließ mit dem Pflanzenteil die Gärtnerei.“

„Und wie heißt diese Pflanze?“

„Entschuldigung, aber darüber möchte ich nicht reden. Ich möchte keine Gerüchte verbreiten.“

„Verstehe! Mein Vorschlag: Schreiben Sie den Traum auf, machen Sie ein Foto von der Pflanze, fügen Sie es bei und schicken das Ganze an ein medizinisches Institut. In der Forschung wird so vielseitig experimentiert, versucht und geforscht, da kommt es auf eine Pflanze mehr oder weniger nicht an. Und wer weiß, oftmals ist es  der vielzitierte Zufall, der einen Umbruch bewirkt.“

„Ähnliches ging mir auch durch den Sinn, dann wiederum kam es mir lächerlich vor.“

„Loretta, was haben Sie zu verlieren außer ein paar Cent für Porto? Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, verursachte ein Laborunfall die Entdeckung von Penicillin.“

„Sie haben gewonnen. Ich jongliere mich durchs Internet und riskiere es.“

„Loretta, ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, rufen Sie mich mal wieder an.“

Ich hatte Sehnsucht nach Ela und den Enkelkindern. Susens kleine Tochter entwickelte sich prächtig.

Unsere Kinder hatten sich mit der Scheidung ihrer Eltern arrangiert, und ein Zusammentreffen zwischen Arthur und mir verlief leicht distanziert, aber höflich.

Noch blieb seine Tusse im Hintergrund, und Herbert war bisher noch nicht im großen Rahmen mit meiner Familie konfrontiert worden. Das sollte sich ändern.

Arthur hatte in großväterlicher Großmütigkeit angeboten, die Taufe der Kleinen auszurichten und hierfür seinen Geburtstag vorgesehen.

Empfand ich es als einen Hieb unter die Gürtellinie? Regte sich da Eifersucht? War ich zur Fremden im Schoße der Familie geworden?

Mein geschiedener Ehemann würde in Begleitung seiner Lebensgefährtin die Rolle des spendablen Gastgebers übernehmen. Und wo war mein Platz? Wo stand mein Stuhl? Die Einladung zur Feier schloss Herbert weder aus und noch ein, dennoch würde er mich begleiten, an meiner Seite sein, neben mir Platz nehmen, mir den Rücken stärken und Halt geben.

Danke, Herbert, dass es dich gibt! Herbert war ein wunderbarer Mensch, manchmal ein wenig unheimlich, wie er Situationen meisterte und mit Menschen umging, Peinlichkeiten die Peinlichkeit nahm, einfach ein Gentleman der alten Schule, und diese war ihm der Drill der DDR. Ich liebte ihn und ich musste ihm trauen und vertrauen, ihn annehmen wie er war. Seine Gefühle für mich waren wahrhaftig und ehrlich. Zukünftiges lag im Dunkel, und es war an uns, hier Licht hineinzubringen.

Herbert war Formgeber, ein Menschenformer. Ich schmolz in seinen Händen und Hannah, seine Tochter, liebte ihn abgöttisch. Doch was war mit dem Sohn, der Ehefrau? Sahen sie den Vater, den Gatten ohne rosarote Brille, sahen sie das Grau, den Grauschleier vor der Sonne? Ich wusste es nicht, würde aber auch nicht darüber nachdenken. Unser Leben fand hier und heute statt, und ich ließ mir meinen Glauben von keinem Zweifel rauben. Unsere Zeit war kostbar und nur kurz bemessen, hierin war kein Platz für dunkle Prognosen und destruktive Gedanken.

Renate und Carlo gaben sich auf dem Standesamt im kleinen Kreis das Jawort. Die Hochzeit mit Brautkleid und Smoking findet in Italien statt, und wir würden dabei sein – verbunden mit einer Woche Erholung in südlichem Flair.

Doch keine Hochzeit ohne Aufregung! Das neueste Ultraschallbild von dem werdenden Menschlein ließ auf Zwillinge schließen. Gerade mit dem Gedanken vertraut ein Kind zu bekommen, die Faust im Nacken, gebe Gott, dass dieses Kind gesund ist, die Abarbeitung von Zweifeln und Ängsten und dann die überraschende Kunde. Darf es ein bisschen mehr sein?

Renate saß vor mir, und ihre Augen fragten „Claudia, was hat Gott mir uns vor?“ In mir taten sich Bilder auf, die ich längst vergessen, vergraben, unterdrückt, einfach abgelegt hatte. Unsere Jüngste, meine Ela, war ebenfalls ein Zwillingkind!

Die Schwangerschaft mit Ela war von Anbeginn kompliziert. Mein Immunsystem war geschwächt, ein Infekt hatte sich bei mir eingenistet, und notwendige Medikamente konnten in Anbetracht der Schwangerschaft nicht verabreicht werden. Die Medizin und ihre Möglichkeiten waren vom heutigen Stand noch weit entfernt. Erst im fünften Monat wurden Zwillinge festgestellt, ein Herz- schlag kräftig, einer schwächer. Eine meiner Nieren funktionierte nur noch zu 25 %, und die andere Niere war mit der Arbeit überfordert. Es bestand Gefahr für Mutter und Kinder. Wir schafften es bis zum siebten Schwangerschaftsmonat. Die Kinder wurden durch Kaiserschnitt entbunden. Ein Mädchen mit guten Überlebenschancen, ein Junge unterentwickelt und nicht lebensfähig.

Ela erlebte das volle Verwöhnprogramm. Sie entwickelte sich sehr gut, war eine Kämpferin und delegierte. Sie hatte ihr Umfeld im Griff, und so ist es bis heute geblieben. Ela schafft alle und alles, wurde geliebt und verwöhnt.

Beinahe hätte ich mich verplappert, konnte mich gerade noch rechtzeitig stoppen. Auf keinen Fall durfte ich Renate hier, jetzt und heute von meiner komplizierten Zwillingschwangerschaft erzählen. Sie benötigt Zuversicht und Selbstvertrauen, keine fragwürdigen Horrorgeschichten. Vielmehr sollte ich mit Herbert darüber reden. Hier konnte bei mir auch noch ein Trauma liegen, welches nicht verarbeitet war. Mein Gott, ist das Leben kompliziert!

 

 

Kapitel 60

 

 

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula“

„Guten Tag Frau Ursula, ich bin bei Ihnen angemeldet unter dem Namen Valerie.“

„Valerie, was kann ich für Sie tun?“

„Ich habe sehr große Sorgen. Mein Mann und ich, wir sind beide 75 Jahre alt. Als wir zwanzig und ich schwanger war, haben wir geheiratet, um nicht in Schande leben zu müssen. Wir hatten uns arrangiert, ich habe vier Kindern das Leben geschenkt und mir blieb nichts außer Arbeit und noch einmal Arbeit.

Als Eingeheiratete in einen landwirtschaftlichen Betrieb gab es für mich nur eines: arbeiten, arbeiten,arbeiten. Mein Mann, als Ältester von drei Geschwistern, übernahm den Hof, wir zahlten die Geschwister aus und es hieß arbeiten, arbeiten, arbeiten. Heute sind wir alt, einsam, stumm und haben gemäß der Tradition unser Anwesen mit Niesbrauchklausel, sprich lebenslangem Wohnrecht in einer Einliegerwohnung, dem ältesten Sohn überschrieben.

Was wir nicht wussten war, dass unser Sohn Schulden hat und das Haus weg ist, das heißt, wir sitzen über kurz oder lang auf der Straße, und unsere drei anderen Kinder gehen leer aus.

Und als sei das nicht genug, meinte mein Mann, als es wieder einmal zum Streit kam: ‚Ich erschieße ihn!‘ O mein Gott, Frau Ursula, ich kann weder schlafen, noch essen, noch denken. Ich befürchte das Schlimmste.“

„Liebe Valerie, Ihr Trümmerfeld ist kaum zu überbieten, und doch dürfen Sie die Hoffnung auf eine Wende nicht aufgeben. Gehen Sie zu pro familia, sprechen Sie mit dem Pfarrer. Man wird Ihnen zur Seite stehen, nach einem legalen Weg zur Stecknadel im Heuhaufen suchen. Vielleicht wurde ihr Sohn über den Tisch gezogen oder Ähnliches. Fragen, die es zu klären gilt.

Kopf hoch, Valerie, suchen Sie sich Hilfe, und rufen Sie mich wieder an. Mit mehr Infos und Details kann ich Recherchen anstellen. Gemeinsam sind wir stark.“

„Es wird ein schwerer Gang, und ich werde ihn ohne meinen Mann gehen müssen. Unsere anderen Kinder sind völlig ahnungslos. Er hat mir verboten, mit Ihnen darüber zu sprechen.“ „Hier kann nur ein guter Anwalt etwas ausrichten, und das kann teuer werden. Es würde öffentlich und in einem kleinen Ort, einer überschaubaren Gemeinde, in der jeder jeden kennt, beginnt dann ein Spießrutenlaufen. Dennoch: Augen zu und durch!“

Über den Verlag konnte ich auf Juristen und Mediziner zurückgreifen, nur durfte ich es nicht öffentlich machen. Ich konnte jedoch Artikel in meine Beratung einfließen lassen, sozusagen „An der Quelle saß der Knabe“ (Schiller).

 

 

 

Kapitel 61

 

 

Begierig verfolgte ich sämtliche Veröffentlichungen zu Demenz, griff nach jedem Strohhalm, telefonierte mit Anne, stimmte mich mit Hannah ab. So las ich heute: „Kann man mit Musiktherapie Demenz heilen?“ Geladen wurde zu einem Infotag des berufsbegleitenden Master- studiengangs Musiktherapie auf dem Campus der Frankfurter Fachhochschule.

Mit neuesten Infos und Fachliteratur hielt ich meine Homepage auf dem aktuellen Stand, bot Hinweise zur Stärkung der Muskulatur an, skizzierte gezielte Übungen für Wirbelsäule und Gelenke – mit dem Hinweis, die ärztliche Versorgung nicht zu vernachlässigen.

Neu im Trend, altes Wissen umetikettiert, boten Wellnessprogramme Augenjoga für Senioren an, mit dem Ziel, die Muskulatur des Augapfels zu stärken, um so möglicherweise die Sehkraft zu verbessern.

Aber der Teufel steckte im Detail, riss mich kontinuierlich mit, spornte mich an, schmeichelte mir, erhöhte meine Arbeitsintensität gegen alle Vorsätze, so dass Herbert aus meinem Alltag nahezu verdrängt wurde. Was war aus mir geworden?

Mit kindlicher Freude überraschte mich Herbert mit einer vom ADAC ausgearbeiteten Reise anlässlich der Hochzeit von Renate und Carlo in Italien. In zehn Tagen zwar nicht um die Welt, dafür in Etappen durch Lazio und die Toskana. Flug, Bahn, Bus, Hotel – alles perfekt geregelt. Aber mir sträubten sich die Nackenhaare. Spürte er mein Zögern? Lieber Gott, lass mir etwas einfallen, etwas Liebes sollte ich jetzt sagen. Mein Gott, Claudia, du dumme Gans, sag ja!

„Das ist wunderbar Herbert, entschuldige, ich bin lediglich etwas überrascht. Sollte ich da etwas verpasst haben? Gibt es schon einen Termin?“

Mehr Begeisterung konnte ich nicht mimen, ich versuchte mein ganzes schauspielerisches Talent aufzubieten. Sämtliche Warnschilder blinkten vor meinen Augen auf. Entweder gelang es mir, die Arbeit loszulassen oder Herbert ließe los. Ich willigte zu der Reise ein, und das Thema war für die nächsten Tage vom Tisch.

Ich hatte alles – und doch nichts. Mein Herz war randvoll – und doch leer. Überdeckten meine Arbeit und der dazugehörende Stress eine von mir nicht wahrgenommene Lebensangst?

Was füllte eine Freistunde, wenn die Fenster geputzt, die Gardinen gewaschen waren? Ich konnte mich im Stricken versuchen, ein Buch lesen oder mal schwimmen gehen.

Schon drifteten meine Gedanken ab, segelten im Wind, flogen zu Zita und fragten sich: War ihre Entscheidung richtig? Zita hielt den stillschweigenden Vorwürfen, dem unausgesprochenen Druck nicht stand. Sie als Böse in die Ecke gestellt, mit dem Gesicht zur Wand, in der Büßerrolle für eine Sünde, die sie nie begangen, das hielt der stärkste Gaul nicht aus. Zita siedelte nach Österreich über, wohnte gegen ein bezahlbares Entgelt auf einem Bauernhof und war in die Familie eingebettet. Hier auf diesem Bauernhof hatte die einstmals junge Familie mehrere Urlaube verbracht. Hier tobte ihr Sohn mit den Hunden, ging mit einheimischen Jungs Kühe hüten, half mit im Heu und fiel das erste Mal vom Pferd. Sie und ihr Mann wanderten derweil durch Berg und Tal. Es war eine glückliche Zeit.

„Glück und Glas, wie leicht bricht das“

oder

Der Mensch denkt und Gott lenkt“

Unsre Oma hielt für jede Gelegenheit einen passenden Spruch bereit. Konnte man das wirklich so sehen?

Der Mensch dachte, die Kernkraftwerke seien Erdbebensicher gebaut. War es Gottes Zorn, oder trafen folgenschwere Komponenten zusammen und lehrten die Menschen das Fürchten? Was in Japan geschah, ließ sich kaum mit vorangegangen Katastrophen vergleichen. Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze, Verwüstung, Grauen, Tod sowie die Suche nach Gott und dem Warum.

Aber da war noch etwas:

Loretta, die liebenswerte Klientin mit der rauchigen, unverwechselbaren Stimme, dem fröhlichen Wesen, die von Träumen überrascht wurde, die sie zunächst nicht zuordnen konnte, bis irgend- wann ein Ereignis eintritt, das sie spüren lässt, das habe ich schon einmal gesehen.

Loretta schilderte mir vor einigen Monaten einen Traum, von dem sie nicht loskam, obwohl das Geträumte schon eine Weile zurücklag.

Sie träumte sich auf einem Berggipfel an höchster Stelle, die letzte Talbahn war weg und mit ihr all die anderen Leute. Sie sah hierin kein Problem, es war noch hell und sie war leichten Herzens, den Abstieg zu Fuß zu schaffen. Gerade als sie sich auf den Weg machen wollte, sah sie wie von unten nach oben über die gesamte Breite des Bergmassivs die Erde an den verschiedensten Stellen aufbrach, gräulich-weißer Rauch austrat und den Blick auf brodelnde, zischende, dampfende Glut freigab. Es gab keine Möglichkeit vom Berg hinab ins Tal zu gelangen, und nach oben war der Weg zu Ende. Und sie war sich sicher, dass das Aufbrechen der Erde vom Tal her kommend sich nach oben wälzend den bereits Abgestiegenen keine Chance gelassen hatte. Dann wachte sie auf, die Bilder waren noch präsent, und sie spürte keine Angst in sich, nur die Ge- wissheit, es gab kein Entrinnen.

War der Traum ein Hinweis auf die Katastrophe in Japan? Oder kommt es noch schlimmer? Unsere Erde, ein Mückenschiss im Universum – und ich fange an zu spinnen.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Ursula.“

Lieber Schutzengel, schicke mir eine banale Frage, mein Fass mit Chaos ist randvoll! Anscheinend war mein Schutzengel anderweitig im Einsatz oder ich zu spät dran mit meiner Bitte. Mein Anrufer lebte mit der Diagnose Prostatakrebs und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte, weil dank eines Zufalls der Bösewicht in seinem Körper entdeckt wurde. Ein halbes Jahr später wäre die Entdeckung das sichere Todesurteil gewesen, so die Meinung des Arztes.

Und was ist es jetzt?

Bis zu dieser blöden Blutuntersuchung, die ihm regelrecht aufgeschwatzt wurde, war er ein kerngesunder, vitaler und potenter Sechzigjähriger mit Plänen für das Rentenalter. Die Ehe hatte sich nach dem Auszug der Kinder wieder gefestigt, alles war im grünen Bereich. Noch zwei Jahre, dann sollte die dritte Phase eingeläutet werden. Das dritte Drittel in finanzieller Sicherheit und guter körperlicher Verfassung war greifbar nahe!

Was soll ich ihm sagen?

Sollte ich sagen: „Sei dem Umstand, dem Schicksal, der Hand die dich zur Vorsorge geführt, der schnellen Diagnose, die dich gerettet, die dein Leben in welche Bahn auch immer lenkt, dankbar. Die Medizin wird alles tun, dich nicht sterben zu lassen, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Sie gibt dich dem Leben zurück, schenkt dich deiner Frau aufs Neue, allerdings hat sie dich deiner Potenz beraubt. Nicht der Lust nach Liebe, nur der Umsetzung. Auch hier nimmt sie dich bei der Hand, führt dir in gemeinsamen Gesprächen, deine Frau einbezogen, Praktiken, Hilfsmittel vor, so dass sich dir die Nackenhaare von selbst aufstellen, alles andere musst du erlernen. Du kommst dir vor wie der letzte Arsch, und wenn es doch mal funktioniert … ist es nicht schön!“

Das sind nicht meine Worte, es ist die Wiedergabe verzweifelter Klienten, deren Seele weinte, und dennoch hängt der Mensch am Leben.

Ich würde ihn vorsichtig bei der Hand nehmen, ihm unsere moderne Medizin in rosarot ausmalen, ihn mit Statistiken abfüllen, mit ihm beten und immer für ihn da sein – sowie seine Brieftasche erleichtern.

O mein Gott, es kotzte mich an!

Ich verkaufte Hoffnung!

Und ich wurde gebraucht!

Was war so falsch an meiner Arbeit?

Lange kam ich nach diesem Anruf nicht zur Ruhe.

 

 

 

Kapitel 62

 

 

Es tat gut, eine Familie zu haben, es tat gut, Kinder zu haben, es tat gut, Enkelkinder zu haben und es tat gut, Liebe zu leben. Meine Kinder zeigten mir meinen Platz im Leben, gaben mir das Gefühl der Zugehörigkeit, sie waren mein Schirm und Schild, und Herbert gab mir Liebe, schenkte mir das Gefühl, begehrt zu sein, war mir Halt und Stütze, er stärkte mir den Rücken, war an meiner Seite. Nie wurde mir das so bewusst wie am Tag der Taufe meiner kleinen Enkel- tochter. Es war gleichzeitig Arthurs 70. Geburtstag, und Arthur hatte sich selbst übertroffen.

Meine beiden Männer, mein Ex und mein Jetziger, schienen sich prächtig zu unterhalten und ich musste mir eingestehen, dass ich Arthurs Neue nicht unsympathisch fand. Wir waren eine große Familie geworden, Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder, Großeltern im Doppelpack, die ange- heirateten Familien nicht zu vergessen, da kam schon einiges zusammen.

„Mami, ich befürchtete, du würdest Papa wieder angebaggert haben. Ich hatte solche Sorge, du könntest aus verletztem Stolz die Beziehung zwischen Papa und Hella zerstören wollen“, vertraute sich Ela mir an, als wir uns ein wenig die Füße vertraten, bevor es zu Tisch ging.

„Kind, was sind das für dumme Gedanken? Ich gönne Papa sein neues Leben von Herzen, wie kommst du auf so eine absurde Idee?“

„Es war so ein Gefühl, Hella wirkt seit einiger Zeit traurig und spricht von Trennung. Mami, ich mag sie und hatte Angst, es könnte dich verletzt haben Papa in einer neuen Beziehung zu sehen.“

„Nein, mein Schatz, es verletzt mich nicht, es macht mich glücklich, wenn ich sehe, dass du glücklich bist, und dass du Papa liebst, weiß ich, seit wir dich haben.“

Das war es also, was unserer Tochter auf der Seele lastete. Sollten sich an Arthurs Liebeshimmel Wolken gebildet haben, so hatte diese Wetterlage nichts mit mir zu tun.

Kapitel 63

 

 

Carlo und Renate waren mit Nestbau beschäftigt und wankten zwischen Glück und Sorge. Die Aussicht auf Zwillinge verlangte nach einer größeren Wohnung. Mit dem vierten Schwangerschaftsmonat schwanden die Unpässlichkeiten, Renate erblühte wie eine Rose. Getragen von Liebe und gedopt durch die Schwangerschaftshormone schimmerte ihr Haus wie Perlmutt. Obwohl es keinen Grund zur Sorge gab, beschlossen die werdenden Eltern, während der Schwangerschaft auf größere Reisen zu verzichten, und so wurde die geplante kirchliche Trauung in Italien aufgeschoben.

Claudia, mach jetzt bitte keinen Fehler, warnte ich mich selbst! Unsere Reise war gebucht, mit der Trauung im Vordergrund, Hintergrund, jedenfalls Hauptgrund, zumindest war sie der Auslöser dieser Reise. Und nun war der Anlass kein Anlass mehr, aber der Aufschub der Trauung sollte kein Grund sein, die Reise nicht anzutreten.

Bis auf die turnusmäßigen Vorsorge- sowie Nachsorgeuntersuchungen sowie ein paar Kontrollen hatte ich seit Jahren keinen Arzt mehr konsultiert. Meine Werte lagen im grünen Bereich, und mein Kampfgeist hielt mich im Klammergriff, schirmte mich gegen Viren und Erreger ab. Und jetzt, da ich kürzer trat, den Urlaub im Visier, griff eine Gürtelrose nach mir. Ich hatte Glück, dass die Diagnose im Anfangsstadium gestellt werden konnte und so der Krankheit den Wind aus den Segeln genommen wurde. Herbert kümmerte sich rührend um mich, stornierte trotz meines Protestes unsere Reise und buchte für sich eine Badekur mit Bewegungstherapie.

„Nein, so nicht! Ich würde nicht hier sitzen, stricken und warten, bis der Wolf kam.“

Nein! Ich hatte den Urlaub eingeplant, mir die Zeit freigehalten, und Gürtelrose hin, Gürtelrose her, wenn ich hier rumhinge, würde ich verrückt. Dass ich etwas für mich tun musste, wusste ich!

Gehe ich auf die Couch oder gehe ich ins Kloster?

Die Couch war nicht mein Ding!

Warum nicht zwei Wochen ein Leben in Abgeschiedenheit, Ruhe und unter bescheidenen Verhältnissen?

Manager nutzten eine solche Gelegenheit zur Regenerierung und Reinigung von Seele und Geist. Und zahlten viel Geld dafür.

Leonard Pitrella stöberte im Archiv und verwendete sich für mich. So hatte ich binnen kurzer Zeit die Zusage für einen Aufenthalt in einer malerisch gelegenen Klosteranlage mit Einrichtungen für Seminare, Meditation und Zeiten der Stille, der inneren Einkehr, Andacht sowie für Beten und Singen. Eine einfache Küche, Zimmer, die kaum Komfort boten und eigentlich mehr Zelle als Zimmer waren.

Vielleicht brauchte ich das wirklich einmal. Kein Auto, kein Handy, Anreise mit Bus und Bahn sowie das letzte Stück des Weges auf Schusters Rappen, mit erstaunlich wenig Gepäck.

 

 

 

 

Kapitel 64

 

 

 

Im Kloster

Bitte, lieber Gott, verzeih mir. Ich weiß, ich bin kein gehorsamer Mensch. Ich sollte die Hausordnung einhalten, ich sollte die Stille leben, in mir aufnehmen, Einkehr halten, nicht schwatzhaft sein, meinen Schwestern und Brüdern kein Gespräch aufzwingen, geschweige denn sie ausfragen nach dem Warum, nach ihren Sorgen und doch ertappe ich mich dabei, Kontakt zu suchen, helfen zu wollen. Ich weiß, Herr, der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott allein sieht das Herz.

Mein Herz war bei Fritz dem Trucker, dem der Beruf zum Horrortrip wurde, der vorzeitig aus dem Berufsleben ausschied, weil ihn Alpträume quälten, ihm die Luft zum Atmen nahmen und die Hände zittern ließen, Schweißausbrüche verursachten, ihn arbeitsuntauglich machen und ihm finanziell die Schuhe auszogen.

Fritz war am Ende, und jeder weitere Tag hinter dem Steuer bedeutete Gefahr für sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer.

Kollegen, denen er sich anvertraute, belächelten ihn, schmückten Erträumtes aus und fanden es filmreif.

Ist es wirklich spaßig, wenn der Schlaf dir die Erholung versagt, dich mit Bildern narrt und dir vorgaukelt, du liegst neben deinem umgekippten Transporter unterhalb einer Dünung, und überall ist nichts als Sandwüste, gnadenlos brennt die Sonne auf dich nieder, flirrende Hitze raubt dir die Sinne, blutende, quiekende Schweine laufen umeinander, setzen sich auf dich drauf, erdrücken dich mit ihrem Gewicht. Andere tanzen vor Freude über die erlangte Freiheit, Pferde sprinten auf dich zu, verjagen die Schweine, eine Kuh auf drei Beinen humpelt heran, spendet dir Schatten und aus ihrem Euter rinnt Milch direkt in deinen ausgetrockneten Mund. Ein Ferkelchen drängt sich zwischen dich und die Kuh, versucht den Milchstrahl zu erhaschen, und überall baumeln Schinken, Fratzen fuchteln mit Messern umher und hechten nach den Schinken. Todesangst nimmt dir die Stimme, lähmt dich, und weit und breit ist keine Hilfe in Sicht.

Ein anderes Mal waren es kleine, flauschige gelbe Federbälle, mal wurden sie zu piepsenden Küken, dann wieder zu runden beflaumten Kugeln, und es wurden immer mehr und mehr, die heillos umhersegelten und sich dann zu einem Berg, der höher und höher wurde, stapelten, und noch immer flatterten Küken kreischend heran, verbreiteten einen üblen Brandgeruch von angesengtem Horn und verbranntem Fleisch. Wo ihre Schnäbel waren, tropfte Blut auf ihren zarten, gelben Flaum, und riesige Füße traten, riesige Hände griffen nach ihnen.

Fritz, der Trucker, ein Opfer seines Berufes. Ihm konnte ich nicht helfen. Ich hörte ihm zu, nahm ihn ernst, sah ihn in höchstem Maße gefährdet und machte ihm klar, dass er nur mit einem guten Therapeuten eine Chance hätte wenigstens einen Teil seiner seelischen Bürden zu verarbeiten. Seine Psyche war ernstlich erkrankt, und die Krankheit griff bereits den Körper, die Organe an. Ich verhalf ihm zu einem stationären Aufenthalt in einer Klinik mit anschließen- dem Umschulungsprogramm.

Wie sollte ich selbst zur Ruhe kommen, wenn die Last der anderen auf mich überging? Ich war nicht Christus, nur eine gealterte Frau auf der Suche nach der Umgehungsstraße mit dem Ziel, zu mir selbst zu finden. Dazu sollte mir eine strikt einzuhaltende Tagesordnung verhelfen.

Der Tag begann mit einem Gebet in der Kapelle, einem einfachen Frühstück in absoluter Stille, einem anschließenden Dankgebet, gefolgt von Meditation im Klostergarten, der sich eine circa zweistündige Pilgerwanderung in Stille anschloss. Als Mittagsmahl ein barmherziges Süppchen, wieder ein Dankgebet, dann hieß es erneut zwei Stunden Mittagsruhe.

Von 16 bis 18 Uhr fand ein Gesprächskreis zum Kennenlernen und für den Austausch von Bedrückungen, Sorgen, Problemen, soweit diese offen besprochen werden konnten oder sollten, statt.

Um 19 Uhr läutete die Glocke das Abendbrot ein, und um 20 Uhr beging man die Abend- andacht in der Kapelle. Ab 22 Uhr war absolute Ruhe und spätestens um 23 Uhr sollten die Lichter in den Schafräumen erloschen sein.

Die ersten vier, fünf Tage wütete der Zappelphilipp in mir. Ich versuchte unablässig an nichts zu denken. Ständig malträtierte mich mein Gehirn, rügte mich: Denk nicht an die Kinder, denk nicht an Herbert. Denk nicht an Arthur, grüble nicht nach seinen Problemen, Renate schafft es ohne dich, Fritz, der Trucker ist in guten Händen, was kümmern dich die Träume von Loretta!

Wieso träumt sie solche – man könnte meinen – Vorhersagen?“

Loretta sah Dinge, die erst Tage oder Wochen, gar Jahre später passierten.

Kürzlich wachte sie auf und sah in klaren Bildern ein kleineres Flugzeug, einen Jet, sah Rauch, Trümmer, Feuer, die Explosion der Maschine, die wie ein Feuerball zur Erde stürzte.

Da waren Häuser, bewohntes Gebiet, und ihr Gefühl sagte ihr, es würde wohl Verletzte gegeben haben. Aus den Trümmern, dem Feuer kroch der Pilot hervor, anschließend wieder zurück in das Feuer und zog einen jüngeren Mann aus den Flammen.

Er lebte!

„Gott sei Dank, der Junge lebt!“, waren ihre Gedanken.

Vor ein paar Tagen ist eine Passagiermaschine abgestürzt und heute nun dieser Jet.

Wie soll frau da zur Ruhe kommen?

Loretta träumte und ließ die Träume hinter sich, sie vergrub sie instinktiv, um sich selbst zu schützen, denke ich. Und dann passierte es. Circa 10 Tage später schlug sie die Zeitung auf und las: „US-Jet zerstört Häuser. Ein Kampfjet der Marine ist kurz nach dem Start in ein Wohngebiet gestürzt. Beide Insassen konnten sich aus der Maschine retten.“

Und auf derselben Seite berichtete ein weiterer Artikel über den Absturz einer Passagiermaschine wenige Tage zuvor, am anderen Ende der Welt. Es gab Tote und Verletzte.

Woher kamen ihre Träume, die sie ängstigen und aufgrund derer sie sich ständig fragte, ob sie etwas hätte verhindern können.

Wie sollte man da zur Ruhe kommen? Wohin mit den Gedanken? Was, wenn die Gedanken einfach nicht wichen, wenn aus allen Nischen des Zellengewirrs Pfeile hervorschossen, ihre Reize ausschickten, mich immerzu animierten, mir über dies und jenes Gedanken zu machen?

 

 

Kapitel 65

 

Pater Paul

Nach einer Woche hatte mich Pater Paul von meinem Sockel heruntergeholt. Noch war ich nicht Gottes Lamm, eher die verlorene Tochter mit ersten Gehversuchen in Richtung Ankommen.

Pater Paul, ein kluger Kopf, gütig, nachsichtig, einfühlsam, überzeugend zuhörend und verdeckt führend, hatte sich meiner angenommen.

Wir führten lange, intensive Gespräche. Er forderte meine volle Aufmerksamkeit, erreichte so, dass ich, die Protestantin, in eine evangelische Familie hineingeboren, evangelisch erzogen mit eher spärlichen Gottesdienstbesuchen, keine allzu günstige Voraussetzung mitbringend, Frömmigkeit zu leben, in mich hineinhorchte.

Es sollte keine Bekehrung sein. Die Andachten und das Beten gehörten zum Klosterleben, es sollte den Geist anregen und zugleich beruhigen, unnützen Ballast abwerfen und den Sinn auf Gottes Güte und die eigene Person richten.

In Johannes 8, Vers 32, heißt es: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

Maria Magdalena, Maria aus Magdala, war in meinen Erinnerungen an die Ostergottesdienste eine Hure, die Vergebung erhielt. Durch Lektüren in der Klosterbibliothek erhielt ich Einblick in Leben und Wirken einer jungen, hoch intelligenten Frau, des Lesens und Schreibens, sowie der Mathematik kundig, mit Namen Maria aus Magdala aus dem Hause Nathan, Joels Frau.

Von Dämonen besessen, gepeinigt, gelitten, von der Familie verstoßen, der kleinen Tochter Elischeba, „Gott ist mein Schwur“, beraubt, schloss sie sich Jesus und seinen Jüngern an.

Pater Paul schaffte es, meine Neugierde für religiöse Riten zu wecken, gab mir interessante Bibeltexte zu lesen, führte mich auf ein anderes Gleis. Ich lernte, mich neu zu entdecken. Die Ordensschwestern, die Pater – ein Gemischtwarenladen namens Kloster hatte mich in seinem Bann gezogen, gab mir das Gefühl der Geborgenheit. Gerne verlängerte ich meinen Aufenthalt um eine weitere Woche.

 

Kapitel 66

 

Was drei Wochen alles zustande bringen!

Mein Gepäck war aufgegeben, meine Platzreservierung bestätigt, und ich sah entspannt der Heimreise entgegen, dachte ich!

Überraschend stand meine Schwiegertochter Victoria auf der Matte, um mich abzuholen. Sie hatte sich für die Nacht in einem Hotel in der Nähe eingebucht, und wir verabredeten, zeitig loszufahren, immerhin lagen knapp 600 Kilometer vor uns.

Einerseits tat es mir leid, dass die Ehe der beiden zerbrochen war, andererseits kann ich Victoria verstehen – und wiederum auch nicht. Ob es nicht doch eine Möglichkeit gegeben hätte, sich zu arrangieren? Musste es gleich Scheidung sein, zumal der Sohnemann mit knapp 10 Jahren Vater und Mutter zur Entwicklung bedurfte. Bei aller Liebe und Fürsorge durchleben Scheidungskinder eine Zerreißprobe, werden indirekt gezwungen Partei zu ergreifen und so missbraucht. Die Seele schrumpft zusammen, schmerzt, flieht aus der Realität in eine Scheinwelt. Und irgendwann, im Erwachsenenleben, gehen sie mit guten Vorsätzen, aber behindert in eine eigene Beziehung.

Solange die Scheidung noch nicht durch war, wohnten Victoria und der Junge bei Arthur und Hella in der Einliegerwohnung. Das Kind war bei Opa und Hella gut aufgehoben, und unsere Schwiegertochter konnte Vollzeit arbeiten. Richard, unserem Sohn, war so die Möglichkeit gegeben, seinen Sohn, wann immer er mochte, zu sehen, und er konnte seiner Noch-Ehefrau gleichzeitig aus dem Weg gehen. Ganz schön kompliziert, aber akzeptabel, dachte ich.

Ich mochte Victoria und freute mich auf die Autofahrt mit ihr. Wir würden uns Zeit nehmen, reden oder schweigen, es war für uns beide eine neue Situation, und wir hatten uns eine Weile nicht gesehen. Sie würde mir immer verbunden bleiben, um ihretwillen und durch mein Enkelkind.

Herbert kam nächste Woche aus der Reha, wollte dann eine paar Tage nach Berlin zu seiner Tochter. Ich sehnte mich nach ihm, dem Mann, dem ich mein Leben anvertrauen werde.

Ja, ich will!

Mein Herz und mein Verstand lagen auf einer Wellenlänge, waren sich einig:

Wir wollen!“

Und mein Mund konnte es nicht erwarten, ihm die frohe Kunde zu überbringen.

Gerne hätte ich Victoria beim Fahren abgelöst, doch sie mochte nicht. Und Kilometer um Kilometer schwand ihre Anspannung. Wir lachten, sie begann zu scherzen, wir machten Pausen, vertraten uns die Füße; wir waren schon zwei verwegene Typen.

Auf den letzten 200 Kilometern eröffnete sie mir, dass sie plane, nach Edinburgh zu gehen.

Keine falsche Reaktion!, durchfuhr es mein Denkorgan.

„Ich habe alle Fakten durchgespielt, aber ich hänge in einer Sackgasse und komme nicht raus und möchte nicht darüber reden. Du darfst mir glauben, ich habe Himmel und Hölle in Be- wegung gesetzt und mir das Hirn nach einer Lösung zermartert, und wie ein Damoklesschwert hängt mein Kind an meinem düsteren Himmel.

Ich werde den Jungen bis zum Ende des Schuljahres bei Arthur und Hella und natürlich Richard lassen, dann sehen wir weiter. Zum neuen Schuljahr steht sowieso ein Schulwechsel an, und bis dahin werde ich wissen, ob ich einen Arbeitsvertrag bekomme, die Bedingungen annehmbar sind und für wie lange der Job angedacht ist.“

Nach dieser Eröffnung schwiegen wir beide. Ich konnte mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen, warum Victoria eine solch einschneidende Entscheidung getroffen hat. Warum konnte sie nicht in der Nähe leben, arbeiten und wohnen? Warum wählte sie nicht eine andere Stadt innerhalb der Region für sich und den Jungen?

Musste es gleich so weit entfernt sein?

„Entschuldige, aber warum so weit weg? Du musst doch nicht davonlaufen, und der Junge bliebe zumindest in der Nähe seines Umfeldes.“

„Das weiß ich alles, ich habe mich tausendmal gefragt und mir vor Augen gehalten, was ich da anrichte, aber ich finde keinen Ausweg. Claudia, ich will und kann nicht darüber reden. Nur so viel, bleibe ich und schaffe es nicht, mich unter Kontrolle zu bringen, werde ich alles zerstören. Ich werde Hass säen und ernten. Bitte frag nicht weiter. Nimm es als gegeben.“

„Darf ich etwas anderes fragen?“

„Aber sicher.“

„Gibt es ein Problem zwischen Arthur und Hella?“

„Wie kommst du darauf?“

„Ela sprach es an. Sie befürchtete, ich habe Arthur wieder angegraben. Sie glaubte mich auf einem Rachefeldzug aus Eifersucht, aus verletztem Stolz und bezog es auf ihr gutes Einvernehmen mit Hella. Das Kind steigerte sich da in etwas hinein, mir verschlug es förmlich die Sprache. Victoria, Scheidungskinder sind auch im Erwachsenenalter noch sehr anfällig für das Tun der getrennten Eltern. Kinder interpretieren Situationen völlig anders, oftmals unnormal und zerfleischen sich. Inzwischen weiß Ela, dass dem nicht so ist. Wenn es also ein Problem zwischen deinem Schwiegervater und seiner neuen Liebe gibt, so hat es nichts mit mir zu tun. Und sollte es wirklich etwas geben, mir kann es egal sein, und wenn dem so ist, muss Ela damit fertig werden! Oder sie sieht Gespenster.“

„So wird es sein.“

 

 

Kapitel 67

Das ist das Leben. Es schreibt seine eigenen Geschichten.

Zwei Drittel meiner Geschichte lagen hinter mir. Und das letzte, das dritte Drittel hieß

Claudia und Herbert

und wartete darauf, in Liebe und Dankbarkeit gelebt zu werden. Dankbar, dass uns Gott in Krankheit und Not beistand, dankbar für unsere schicksalhafte Begegnung in Berlin, für die Liebe, die in unsere Herzen eingedrungen, sich verwurzelte, verzweigte und uns trägt.

Ich war glücklich, wieder zu Hause zu sein. Hier war mein Reich, mein Leben. Hier würde ich Herbert erwarten, vor meinem Computer sitzen, meine Telefonhotline einschränken, aber dennoch weiter bedienen, und mir viel Zeit für unsere Zweisamkeit nehmen. Wir werden Abendspaziergänge machen, mal ins Kino gehen, Konzerte besuchen und uns unendlich lieben.

Weiblich, weich und sichtlich gerundet, Renate sah prächtig aus. Die Schwangerschaft tat ihr gut und verlief vollkommen normal. Das morgendliche Erbrechen hatte aufgehört, sie arbeitete Teilzeit in der Verwaltung und minimierte dadurch den direkten Kontakt zu den Kids, um Ansteckungen vorzubeugen. Ich fand, das war eine wunderbare Nachricht. Es würde sich alles fügen. Gott lenkt unsere Geschicke und er würde auch Victoria geleiten, und wenn es sein sollte, dass sie nach Schottland ginge, würde es seinen Grund haben.

Von Anne selbst hörte ich wenig, sie schien sehr beschäftigt, und das war die beste Medizin. Durch die Zusammenarbeit der Familie mit Hannah, Kirche und Caritas war ein Projekt zur Förderung von Alzheimerpatienten entstanden. Regelmäßiges Gruppentraining forderte und förderte die Betroffenen auf unterschiedliche Art und Weise. Ein Beispiel ist die Anschaffung eines Puppenhauses, einer Rarität vom Trödelmarkt. Fantasieanregend auf den gelebten Alltag zugeschnitten, animierte es Männlein wie Weiblein, regte zu Reparaturen an, zu Dekorationen, zur Umgestaltung, und eine Dame meinte ein Deckchen häkeln zu wollen und entdeckte mit Hilfe der Leiterin die Handarbeit neu.

Wolle wickeln, stricken, an der Werkbank hantieren, jede Tätigkeit zog eine andere nach sich.

Und als an der Grundschule in dem Ortsteil alle Versuche eine über den Unterricht hinaus- gehende Betreuung zu organisieren scheiterten, tat man sich zusammen, ließ die Kinder kommen und lockte mit den Kids die bereits in die Passivität abgeglittenen Erkrankten aus ihrer Teilnahmslosigkeit.

Wenn schon bisher beanspruchte Zellenverbindungen unterbrochen waren, so sollten zu- mindest neue erschlossen werden, und dazu bedurfte es mehr als bei fröhlichem Beisammen- sein  –   bei Kaffee und Kuchen die Zeit abzusitzen.

Selbst ist die Frau, selbst ist der Mann. Bewusst einen Gegenstand aufgreifen, bewusst ablegen und nach einer kurzen Pause erneut aufnehmen, weitergeben und Konversation betreiben.

Ein Marathonprogramm schien in der Anfangsphase der Krankheit kleine Früchte zu tragen.

Bitte, liebe Forschung, leg einen Zahn zu.

 

Kapitel 68

 

 

Mein Bauch grummelte, mein Herz klopfte, ich erwartete Herbert und ich fühlte mich wie ein Teenager vor dem ersten Stelldichein.

Er kam, sah und siegte!

Wir waren beide unsagbar froh, uns zu sehen, in den Arm zu nehmen, zu küssen und die Wärme des anderen zu spüren. Wir gehörten zusammen, und so sollte es sein.

Und wovon das Herz voll ist, fließt der Mund über.

Ich hatte auf der Terrasse eingedeckt, er ließ den Champagnerkorken knallen, tränkte mit einem Strahl die Begonien und schaffte es irgendwie, Glas und Champagner zu vereinen. So nervös kannte ich ihn überhaupt nicht, aber es gefiel mir, weil ich seine unsichere Hand auf mich bezog.

Wir ließen die Gläser sanft klingen, tranken auf uns und unsere Liebe. Herbert zauberte ein kleines, liebevoll verpacktes Geschenk hervor. „Für dich, mein Schatz, und danke, dass ich dich wiederhabe.“

„Ich habe auch ein Geschenk für dich. Bitte, darf ich erst auspacken, oder wollen wir zusammen auspacken?“

„Wie du willst!“

„Ich möchte schon erst reinschauen“ Und das tat ich unverzüglich. Meine Gedanken überschlugen sich, es konnte ein Schmuckstück, ein Verlobungsring sein. Tränen der Rührung bahnten sich ihren Weg und wollten fließen, doch ich kämpfte tapfer dagegen an. Meine Hände waren feucht, es brauchte eine ganze Weile, bis ich das Bändchen entknotet, das Kästchen geöffnet und ein traumhaft schöner Ring, ein Blautopas in Weißgold gefasst, zum Vorschein kann.

„Darf ich?“, fragte Herbert, nahm den Ring und steckte ihn mir an den Finger. „Er hat die Farbe deiner Augen.“ „Er ist wunderschön, ich danke dir von ganzem Herzen, ich liebe dich!“

„Das hoffe ich doch sehr, und nun darfst du mir etwas schenken.“

Mein Mitbringsel war ein Gemälde von Pater Ignatz. Es zeigte eine Schnee-Eule in einer kargen lebensfeindlichen von Eis und Schnee geprägten Natur, und im unteren Teil des Bildes blühte ein Kirschbaum.

Das Wunder der Natur: Sie erwacht neu, zaubert Auferstehung, schenkt Hoffnung und Zuversicht, spendet Trost, festigt uns im Glauben, lehrt uns die Vergänglichkeit, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. (Bibelspruch)

Ich fühlte, es war eine gute Idee von Pater Ignatz, dieses Gemälde für Herbert zu erwerben.

„Danke, es ist wunderschön, es wird einen passenden Platz in meinem neuen Zuhause finden, wir werden ihn gemeinsam bestimmen.“ Er sah mich liebevoll an.

Mir fiel die Kinnlade runter, hatte ich einen Filmriss?

Was für ein neues Zuhause?

Warum sein neues Zuhause?

„Entschuldige, Herbert, unser Zuhause, du meinst unser Zuhause. Ich wollte es dir heute als Erstes sagen, wie sehr ich es mir wünsche, dass du und ich, dass wir…“

„Liebling, ich weiß es und du weißt es! Ich liebe dich über alles, wir sind eine gute Mischung. Claudia, schau nicht so, ich weiß, dass du mich liebst, und ich werde alles tun dich nicht zu verlieren, und darum werden wir nicht zusammen wohnen.“

„Bist du dir ganz sicher?“

Ja, ich beziehe eine Senioren-Residenz nicht allzu weit von deiner Wohnung gelegen. Wir werden uns sehen, wann immer wir wollen, werden zusammen sein wie bisher.“

„Das heißt, wir werden nicht zusammenleben, nicht nebeneinander aufwachen, nicht miteinander einschlafen, nicht zusammen frühstücken, nicht zusammen kochen, waschen bügeln, nicht zusammen wohnen?“ „So ungefähr. Lass uns einen Weg, eine Basis finden. Wir sind ein Paar mit getrennten Wohnungen. Was ist so verkehrt daran?“

„Und wenn ich dich heiraten möchte?“

Nein, mein Schatz, ich habe sehr lange sehr gründlich darüber nachgedacht. Dich behalten heißt lange Leine, heißt auch verzichten.“

Herbert, ich liebe dich, und mein Entschluss, mein Leben mit dir zu teilen, ist ehrlich und aufrichtig!

Sag, hab ich ein Chance?“

Vielleicht.“

 

 

 

 

                                                                      – Ende –