Kinder Kurzgeschichten Weihnachten

Der Wunschzettel

Der Wunschzettel

„Meine drei Rabauken“, bekennt Papa liebevoll, wenn er seine drei Söhne Viktor, Daniel und Paul uns sich hat. „Du solltest die Buben nicht so vergöttern“ mahnt Mutter und sie weiß wovon sie spricht.

Ob Mädchen oder Buben, wenn es um Weihnachten geht, sind alle Kinder gleich aufgeregt, neugierig und können das Fest der Liebe kaum erwarten. Die Wunschzettel sind längst geschrieben, der Weihnachtsbaum ausgesucht, die Weihnachtsplätzchen hält Mutter unter Verschluss. Die Eisbahn hat geöffnet und der Weihnachtsmarkt gleicht einem Lichtermeer.

Viktor und Daniel gehen schon zur Schule und Nesthäkchen Paul ist ein Kindergartenkind und hat wie alle Kindergartenkinder seinen Wunschzettel gemalt.

Paul liebt es, wenn Oma Hildegard ihn vom Kindergarten abholt. Oma Hildegard hat zu ihren Enkelkindern eine enge Beziehung. Doch Paul, ein Sensibelchen liegt ihr besonders am Herzen. Und so kommt es, dass Oma Hildegard in den Weihnachtswunsch von Paul eingeweiht ist.

„Einmal werden wir noch wach.“ Die Buben räumen freiwillig ihre Zimmer auf, helfen Papa beim Schneeschippen und bringen für Mama den Mülleimer raus. Streitereien sind eingestellt, zumindest vorübergehend.

Dann ist es geschafft. Wir warten auf das Christkind.

Die Tür zum Wohnzimmer öffnet sich, der Tannenbaum erstrahlt im Kerzenschein und rings um den Tannenbaum, in Goldpapier verpackte Geheimnisse warten darauf enthüllt zu werden. „O, du liebes Christkind“, denkt Paul. Er würde das Christkind gerne einmal sehen. Auf jeden Fall ist es sehr schön, hat lange blonde Locken, trägt einen Stern als Krone und hat silberne Flügel, davon ist er überzeugt.

Nicht minder angespannt verhalten sich die Eltern. Ob das Christkind die richtigen Geschenke ausgesucht hat?

Binnen weniger Minuten türmt sich ein Papierberg, wo zuvor die Geschenke lagen. „Danke, liebes Christkind“, die großen Buben kämpfen mit der Technik altersangepasster Weltraumraketen und Landefähre, Drohnen und Roboter.

Paul wirkt still, in sich gekehrt, bedankt sich und widmet sich dem neuen Steckspiel. Zusammenfügen, Türme bauen, Figuren erstellen ist seine Lieblingsbeschäftigung. Vorsichtig fasst Mutter ihm an die Stirn. Er wird doch nicht fiebern? „Paulchen, was ist los? Freust Du dich nicht über Dein Geschenk?“ „Doch, ich mag es, man kann schöne Dinge damit bauen. Aber eigentlich habe ich mir etwas anderes gewünscht“, bekennt Paul. Zaghaft fügt er hinzu: „Eine kleine Schwester“.

Jetzt ist es an den Eltern ratlos zu sein. Wie kommt der Junge nur auf eine kleine Schwester? Paul hört sich die Erklärung der Eltern an.

Dass das Christkind nicht – mir nichts, dir nichtseine kleine Schwester bringen kann, sieht Paul ein, und eigentlich geht es auch nicht um eine kleine Schwester, es ist, weil – Mädchen haben Puppen zum Spielen – und Paul wünscht sich eine Puppe.

„Mein Sohn wünscht sich eine Puppe vom Christkind“, dem Vater fehlen die Worte.

Bei den großen Buben hat sich die erste Euphorie gelegt und der Hunger meldet sich. Die Mutter bittet zu Tisch. Würstchen, Pommes, Schokoladenpudding und Eis, das Lieblingsessen der Buben lenkt Paul und die Eltern von dem Fehlgriff des Christkindes ab. Sie sind gerade beim Eis angelangt als es an der Tür klingelt. Da kein Besuch für heute Abend erwartet wird, geht die Mutter zur Tür. Sicherlich ist es die Nachbarin, der wie so oft Mehl oder Zucker oder ein Ei fehlt. Aber es ist nicht die Nachbarin. Es ist der Nikolaus mit einem großen Kartoffelsack auf dem Rücken und bittet um Einlass.

Ebenso erschrocken wie Mutter sind der Vater und die Buben.

Der Nikolaus wünscht einen schönen Abend, erzählt, er komme von weit her und habe diesen Sack hier abzugeben, stellt den Sack ab und bittet um ein Glas Wasser. Ein Glas Wein lehnt er ab, da er noch Auto fahren müsse. Er dankt für das Wasser, wünscht frohe Weihachten und verabschiedet sich.

Zurück bleibt der Kartoffelsack, gefüllt bis oben hin und fünf ratlose Menschen.

Paul fasst sich als erster ein Herz und öffnet den Sack. Daniel und Viktor eilen hinzu, der Sack fällt um und die Buben leeren ihn mitten im Wohnzimmer aus.

„Das ist ja mein Märklin Baukasten, meine Werkbank und mein alter Teddybär“, staunt Papa. „Und meine Lieblingspuppe, der Blümchenschlafanzug, meine Blockflöte, die Eisenbahn meiner Brüder, das Stellwerk, und die Westernlokomotive“, ruft Mama. Und schau mal, meine Quicki, mit ihr nervte ich meine Eltern, freut sich Papa. Quicki ist ein rosarotes Schweinchen, das quiekend losrennt, sobald man ihm auf den Rücken drückt. Und tatsächlich Quicki scheint noch quicklebendig zu sein, rennt quiekend los, weicht Hindernissen aus, wechselt die Richtung und wird zum Star des Abends.

Es wurde ein Weihnachtsabend, den sie nie vergasen. Eltern und Kinder spielten bis ihnen die Augen zufielen.

Doch woher der Weihnachtsmann kam und wer ihn geschickt hat, das Geheimnis wurde nie gelüftet.

Doris Lauck

 

 

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